|
Christoph Weihe, Köln, 21.11.1996
Primäre Psora
Leitmotiv
Der Thea-Mensch sucht vergeblich mit Hilfe seiner Intelligenz das Absolute durch die grandiose Ausdehnung
seiner affektiven Erlebniswelt. Seine überreizten Sinne und seine immerwache Aufmerksamkeit trachten danach, alle
geschaffenen Dinge grenzenlos zu durchdringen und zu durchleben, um zum letzten Wesen durchzudringen. Metaphorisch
gesprochen leert er jeden Becher bis zur Neige, er will bis auf den "Tassenboden" schauen können. Jedes Tabu reizt ihn
zur Überschreitung, alles unterwirft sich dieser brillianten Intelligenz, die alles wollüstig zergliedert, dabei aber
mit kaltblütiger Leidenschaft vorgeht. Unablässig ist der Thea-Mensch den Grenzen des Verstehbaren und Erlebbaren auf
der Spur. Sein Prinzip ist die intellektuelle und körperliche Verschwendung und Überschreitung, das Heilige und die
Gewalt.
Transzendenter Wert
In Gott sind alle Erkenntnisbilder als Urbilder im Vorraus, er muß das All der geschaffenen Welt nicht
erkenntnismäßig durchdringen, da alles Bestehende von ihm abkünftig ist. Er kann darum auch nach seinem Willen damit
verfahren. Gott kennt keine Erfahrungsgrenzen, sein Verstehen weiß den Dingen immer schon auf den Grund zu gehen. In
Gottes Ökonomie gibt es nicht den Dualismus von Sammeln und Zurückhalten von Nützlichem und grenzenlosem Überfluß.
Menschliche Daseinsbedingung
Die geistigen Akte sind für Thomas die vollkommenste Lebenstätigkeit. Weil diese Tätigkeit die Bindung an
das Stoffliche der Welt überwindet, ist sie gewissermaßen alles. Der Verstand ist in der Möglichkeit des Erkennens
unbegrenzt. Durch das Vermögen das All zu verstehen ist er gewissermaßen das All. Dies ist laut Thomas das
innerweltliche Ziel: das Verstehen aller Dinge, worin immer schon ein überschreitender Aspekt steckt.
Die Sinne des Menschen nehmen die Erkenntnisbilder aller Dinge auf; so wird seine Seele durch den Besitz der
sinnfälligen und verstehbaren Formen gleichsam zu allem. " Dadurch kommen die erkenntnisbesitzenden Wesen in ihrer
Ähnlichkeit gleichsam Gott nahe, in dem alles im vorraus da ist." (STh, I, 80, 1.).
Die höchste Art der Lebenstätigkeit ist das geistige Erfassen der Wirklichkeit. Die eindringende Kraft des Geistes setzt
voraus, daß das, was ist, auch eben deshalb verstehbar ist; andernfalles hätte es keine Daseinsberechtigung. An sich
steht der Geist an erster Stelle und alles andere Seiende ist des Geistes wegen da- als Gegenstand oder als ein Weg zu
geistiger Tätigkeit. (CG II, 98.)
In diesem Sinne glaubt der Thea-Mensch, alles Seiende habe seine Daseinsberechtigung kraft seines erkenntnishungrigen
Verstandes, der alles Verborgene, Dunkle und Entfernte nach seinem Gutdünken zerlegt. Sein Appetit ist in jeder Hinsicht
nicht zu stillen, alles will er sich einverleiben, mit allem will er lustvoll verschmelzen. Der höchste Sinnesgenuß
besteht darin, den Dingen ihre Form gewissermaßen zu entreissen, sie zu Ent-Äußern, ohne vom weiteren Bestand der Dinge
sich betroffen machen zu lassen. Schrankenloser Erfahrungstrieb nach Erlebnis- und Erkenntnisgenuß ohne Moral und
Gewissen sind die Folge.
Die Erkenntnis-Bedingung des Menschen hängt mit seiner Rolle als "Zweitursache" eng zusammen. D. h. er muß sich mit der
Tatsache abfinden, daß er nicht über gewisse Grenzen hinausreichen kann, die die Schöpfung selber setzt.
Fokus der inneren Aufmerksamkeit
Das Schlüsselwort für Thea ist der intellektuelle Exzeß.
Er hat die Neigung sich und sein Leben zu analysieren. Alles soll verstehbar gemacht werden, es fehlt aber dabei
jegliche Hemmung und Moral. Freude erlebt er nur bei schrankenloser Fülle seiner übertriebenen, intellektuellen
Phantastereien, die er bis zur grausamen Exzeß treibt. In seiner verliebten Ekstase hat deswegen die profane, auf
Fortpflanzung orientierte Liebe keinen Platz, eher die Verzerrung dieser Liebe durch die Perversion kaltherziger
Lustkalküle.
Diese Lustkalküle werden gesteuert von der Notwendigkeit der Grenzüberschreitung im Tabubruch und der Verschwendung
nicht enden wollender Reserven.
Der Literat Georges Bataille sagt dazu: "Aber das rückhaltlos -dem Tod, der Qual, der Freude- geöffnete Sein, das offene
und sterbende, schmerzerfüllte und glückliche Wesen erscheint schon in seinem verhüllten Licht. Dieses Licht ist
göttlich. Und der Schrei, den dieses Wesen mit verzerrtem Mund hervorbringt, ist ein unermeßliches Halleluja, verloren
in einem Schweigen ohne Ende."
Kerne
Schuld
Seine Intelligenz will sich rücksichtslos an allem Erkennbaren und Denkbaren erfreuen, immer sollen die
Grenzen des Verstehbaren überschritten werden. Sie ist Rechtfertigung und Instrument bei seinen Ausschweifungen. Seine
intellektuell-libidinöse Energie kennt keine Tabus. Ein Extremfall ist der intellektuelle Triebtäter und Kannibale
Hannibal Lector im "Schweigen der Lämmer", desen Exzesse keine sexuellen Motive haben.
Verlust
Er verliert jedes Mitgefühl, da die Freude allein dem Tabubruch mithilfe des kalten Verstand unterstellt
wird.
Strafe
Seine Intelligenz nimmt ab, seine Verstandesorgane rebellieren, seine Wahrnehmung ist überreizt, seine
affektive Energie auf dem Nullpunkt.
Themen
Hauptthemen
Die Themen kreisen literarisch überspitzt ausgedrückt um Begriffspaare wie: Liebe und Tod, Wollust und
Exstase, Gewalt und Übermaß, Wahnsinn und kühle Intelligenz, Entgrenzung und Lachen.
Themenliste
Lachen
Al. 3,
Sprechen in Reimen
Al. 3,
Rep, mind, delirium, loquacious, in rhyme
Geist und Intelligenz
Al. 5, Al. 7, Al. 9, Al. 27, Al. 28, al. 29, Al 181,
Angespannter Geist und unfähig zur Erholung
Al. 9, Al. 17, (Al. 18, Vergiftung)
Leichtigkeit
Al. 8,
(Selbst)-Vertrauen
Al. 5, Al. 10,
Rep. Mind, Confidence, want of self-, beer amel.
Bier
Al. 10, Al. 242,
Ekstase
Al. 3,
Rep. Mind, Ecstasy, amorous
Sprühen wie Funken
Al. 7, Al. 66, Al. 216.
Geistige oder nervöse Schwäche
Al. 6, Al. 10, Al. 24, Al. 26, Al. 28, Al. 30, Al. 31, Al. 61, Al. 210, Al. 256,
Kraft
Al. 216
Unkontrollierbarer Zwang
Al. 4,
Sterben und Töten
Al. 4, Al. 19, Al. 268,
Rep. mind, death, pesentiment, predicts the time
mind, fear, apprehension, dread, of sudden death
mind, fear, apprehension, of killing
mind, kill, desire to, herself, sudden impulse to
Dunkle Lebensgedanken
Al. 20, Al. 22, Al. 268,
Freude am Töten
Al. 269,
Rep. Mind, voluptous, waking from a dream of murder
Empfindlichkeit und Empfindungslosigkeit
Al. 7, Al. 11, Al. 28, Al. 32, Al. 201, 202, 203, Al. 211,
Herzangst
Al.171, 173, 174, 175, 176, 177, 180, 181, 183,
Glocke
Al. 11, Al. 70,
Griff an die Nase
Al. 73,
Bitterkeit
Al. 90,
Der leere Magen
Al. 26, Al. 95, Al. 117-119, Al. 243,
Fasten
Al. 243.
Sex
Al. 149,
Schmerzen wie von Folter
Al. 47, Al. 85, Al. 204, Al. 211, Al. 250,
Zittern
Al. 205, Al. 215,
Plötzlichkeit
Al. 55,
Körperliche Schwäche
Al. 231, 232, 234, 235, 236,
Schwäche nach Essen
Al. 229, 230,
Tumoren
Al. 214
Kaltblütigkeit
Al. 269
Unter die Haut
Al. 47, Al. 214, Al. 250.
Unfähig zum treppaufgehen
Al.160.
Miasmatische Dynamik
Sekundäre Psora
Abgeleitetes Bild
Der Thea-Mensch vermittelt das Gefühl, in einem Käfig zu stecken. Seine libidonöse Energie ist wie durch
Gitterstäbe behindert. "Ihm ist als ob es tausend Stäbe gäbe, und hinter tausend Stäben keine Welt" (Rilke). Ein
Ausbruch aus diesem Gefängnis weckt seine abgründigen Ängste.
In weniger extremen Fällen sehen wir einen gehemmten Menschen vor uns. Seine intellektuelle Freude ist eingepfercht, er
traut sich vielleicht gerade an ein Kreuzworträtsel heran oder andere harmlose geistige Beschäftigungen, bei denen keine
gedankliche Grenze verletzt werden. Jemand, der sich in seiner geistigen Welt auf kein Abenteuer einläßt. Vielleicht ein
radikaler Ökologe, der alles vom Gesichtspunkt der Verwertbarkeit und der Erhaltung von biologischen Ressourcen sieht
und in diesem Sinne unendlich ausdauernd argumentiert. Das Übermaß, das die Natur dauernd produziert, ängstigt ihn. Die
daraus entstehende Zerfallsprozeße der Fäulnis und Verwesung bewirken Ekel bei ihm. alle Abfälle sollen wiederverwertet
werden, er betreibt ein ausgeklügeltes Recyclingsystem, indem der Verlust durch Überfluß und Luxus methodisch
ausgeschlossen wird. Es geht um die Verbannung der Freude am Übermaß.
Das hier im Zentrum stehende Begriffspaar Tabu und Überschreitung hat der französische Soziologe Marcel Mauss auf die
Formel gebracht: "das Verbot wurde erdacht, um es zu überschreiten."
Der psorische Thea-Mensch wird sich also ökonomisch und sparsam verhalten. Er vermeidet alle übertriebenen Ausgaben und
ihn ängstigt die Verschwendung. Dabei geht es ihm weniger um Anhäufen und Sammeln, als um die Vermeidung von
Überschwang. Diese Sparsamkeit betrifft v.a. alle libidonösen Ausscheidungsvorgänge des Körpers, aber auch jegliche
sprachliche Ent-Äußerung oder Ausdrücke der Freude. Überall ist er zurückhaltend.
Sekundärpsorische Symptome
Ein Gefühl des leeren Magensackes; Zustand nervöser Unbehaglichkeit und mangelhaftes (Selbst)-Vertrauen;
Unlust zur Unterhaltung; trockene Augen nach durchwachter Nacht; Unwohlsein nach dem Essen; Unfähig zum treppaufgehen;
Schwäche der Muskulatur und der Kraft; Fasten verschlimmert;
Egotrophie
Abgeleitetes Bild
Die beiden egotrophen Varianten des Thea-Menschen haben beide mit der lustvollen Überschreitung von
(gedanklichen) Tabus zu tun.
Eine schwächere Variante in der Egotrophie ist der Autofahrer, der sagt:"Ich glaube nicht an
Geschwindigkeitsbeschränkungen." Seine Freude hat er an solchen lustvollen, kleinen Verstößen und Regelverletzungen.
Seltener begegnen wird uns der radikale Thea-Mensch im Extremkonflikt. Die unaufhebbare Spannung zwischen Tabu und
Tabuverletzung ist für ihn die Voraussetzung der erotischen Ekstase, der Transgression und der Entgrenzung des Ich. Um
dorthin zu kommen muß der Mensch alles riskieren, bis zu seinem eigenen Leben. Darum dreht sich das Leben des
Thea-Menschen v.a. um Erotik und Tod.
Bataille sagt dazu: Wir machen uns vom Menschen ein Bild,"das von der äußersten Lust (die im Spiel der Geschlechter ihre
wildeste Intensität erreicht) und vom äußersten Schmerz (den der Tod zwar stillt, vorher aber auf das heftigste
steigert) gleich weit entfernt ist: von jeher betrafen die meisten Verbote einerseits das Sexualleben und andererseits
den Tod, so daß beide Bereiche als sakral, als der Religion zugehörig empfunden wurden."
Ein Typus des egotrophen Thea-Menschen ist der libertine Übermensch de sadescher Ausprägung. De Sade glorifiziert den
erotomanen, sich und andere vergeudenden Herrenmenschen, den Typ des sadistischen Henkers. Seine Ausschweifungen sind
sehr ritualisiert und reglementiert, sie münden in eine Ekstase, die mit zwanghaft kalkulierender Intellektualität
kontrolliert zu sein scheint, und die entgrenzende Gewalt der Handelnden wird zum katastrophalen Ohnmachtserlebnis der
Opfer. Das sexuelle Erlebnis wird auf Kosten des Anderen inszeniert, Lust hat zu tun mit dem unbändigen Verbrauch von
Körpern, den De Sade wie überschüssige Biomasse konsumiert. Keine Lebensform ist ihm zu kostspielig, immer ersinnt er
mit ausschweifender Phantasie neue Genußressourcen. Leben ist Luxus und besonders dann, wenn Lebendiges dabei vernichtet
wird. Die Sexualität wird jeglicher Fortpflanzungsfunktion beraubt, denn er ist Feind des Utilitarismus. Seine Ganze
Freude gilt dem Übermaß der Ausscheidungen, die Lust ist umso größer, je mehr Sekrete strömen. Es ist ihm eine Freude,
wenn es richtig zum Himmel stinkt. Ein Film, der solche Exzesse erzählt, ist P.P. Pasolinis letztes Werk "Salo".
George Bataille läßt in "Meine Mutter" den Sohn der inzestuösen Mutter sagen: "Ich genoß mein Unbehagen." Bataille
fordert seine Leser auf, die Angst vor dem Tabu bewußt zu erleben, sie in erotische Energie zu ballen und als Feder zur
Entgrenzung und Überschreitung in eine neue Erfahrung zu nutzen. "Um bis ans Ende der Exstase zu gehen, wo wir uns im
Sinnengenuß verlieren, müssen wir ihm immer wieder die unmittelbare Grenze zeigen: diese Grenze ist der Schrecken." Ohne
diese Angst sei der Mensch nicht fähig die Möglichkeit der souveränen Selbstverschwendung zu erreichen.
Zum Gelächter sagt Bataille:" Wenn ein Ausbruch von Gelächter erzeugt wird, handelt es sich, wie man zugeben muß, um
dieselbe nervöse, normalerweise durch den After ( oder die benachbarten sexuellen Organe) stattfindende Entladung, die
sich diesmal durch die Öffnung des Mundes Bahn bricht." Für Bataille ist die Erotik das Sprungbrett, das die homogene
Alltagswelt des Nützlichen und der Anspruchslosigkeit transzendiert in die Schreckenswelt der Heterogenität, inder die
Affekte herrschen. Der Schrecken gehört darum bei Thea auch in die Egotrophie. Ein Beispiel ist der Song von J. Cale
"Fear is a man´s best friend".
Jegliche Form der unproduktiven Überschußvernichtung können dem Thea-Menschen zusagen: Opferkulte, Kunst, Prachtbauten,
perverse Sexualität, Krieg und Zerstörung. Damit hat er eine gefährliche Neigung zum Untergang. Sein Funktionsprinzip
ist das des Verlustes. Der profanen, säkularen Welt der Arbeit setzt er die entfesselten Feste und das gefährliche Leben
entgegen. Bataille verweist ausdrücklich auf den religiösen Charakter der Erotik, die über den Horizont der
unmittelbaren Welt hinausreicht.
Ein anderes Bild der Egotrophie ist der intellektuelle Asket, der seine Überschreitungen in Meditation und Kontemplation
findet. Er lehnt alle Verschwendung und allen Luxus ab. Dieser Typ passt leichter zu unseren Erwartungen an das harmlose
Genußgift Tee als der eben erwähnte Typ.
Im Zen-Buddismus ist im Zusammenhang mit der Tee-Zeremonie vom "Leermachen" die Rede. Dabei soll sich der
Tee-ausschenkende Meister in eine Leere bringen, die nicht auffüllbar ist, gewissermaßen eine angefüllte Leere, der
nichts fehlt.
Diese Spielart des Thea-Menschen geht mit Energie sparsam um. Dabei geht es ihm aber nicht um die Bewahrung und
Aufsparung von Kräften. Die rationale, profanisierte Welt wird hier in die unendliche Welt des Sakralen überschritten.
Allerdings ein Vorgang, dessen ekstatische Natur äußerlich verborgen bleibt. Die innere Erfahrung des Mystikers, der an
die Grenzen des für den Menschen möglichen gelangt, um sie immer weiter auszudehnen. Philosophie, Yoga und Askese können
ihm dabei behilflich sein. Die Entgrenzung des profanen Wissens, der Moral und des Gefühls in einer Sphäre der Trance,
die in einer inneren Erfahrung gesucht wird. Die Alltagssprache weis allerdings dieses Erlebnis nicht zu vermitteln,
Ausdruck der Unausdrücklichkeit wird somit das Schweigen. Die Philosophie der Grenzüberschreitung Batailles ersetzt
Sprache durch stille Kontemplation. Dazu Bataille: "Die Lust wäre verächtlich, wenn es nicht ein überwältigendes
Überschreiten wäre, was nicht nur der sexuellen Ekstase vorbehalten ist. Die Mystiker haben es in gleicher Weise
erfahren. Das Sein wird uns gegeben in der unerträglichen Überschreitung des Seins, das nicht weniger unerträglich ist
als der Tod." Wir müssen das Sein "im Erleben des Todes suchen, in jenen unerträglichen Momenten, in denen wir zu
sterben glauben, weil das Sein in uns nur noch Exzeß ist, wenn die Fülle des Schreckens und der Freude zusammenfallen."
"Selbst das Denken vollendet sich nur im Exzeß. Was bedeutet Wahrheit außerhalb der Vorstellung des Exzeses, wenn wir
nicht sehen, was über die Möglichkeit des Sehens hinausgeht, das zu sehen unerträglich ist, wie in der Ekstase der Genuß
unerträglich ist?Wenn wir das nicht zu denken vermögen, was die Möglichkeit, zu denken übersteigt...?"
Egotrophe Symptome
Delirium mit Exstase, unaufhörliches Lachen, Sprechen in Reimen und zur Schau gestelltem Wohlbefinden;
geistige Verzücktheit mit vermehrten Selbstvertrauen; Vermehrte Herzlichkeit und intellektuelle Brillianz; flüssige
Konversation und sprühender Witz; vermehrte geistige Fähigkeiten ohne Zunahme der Vorstellungskraft, ausdauernde
Aufnahmefähigkeit; Wahrnehmung gesteigert, neigt zur sinnenden Meditation; aktiver Ideenstrom, die Aufmerksamkeit
konzentriert sich leicht auf einen Gegenstand; Gefühl der Gesundheit und Fröhlichkeit; anhaltender Gedankenfluß in der
Nacht; ausstrahlende Lichtblitze; Unnatürliche Erregung der Sexualorgane; lebendige Konservation und fortgesetztes
Denken verbessert die Angst des Nachts; kraftvolles austreten bessert die Taubheit der Beine; Traum vom kaltblütigen
Mord an jungen Kindern, der noch lange eine lustvolle Erinnerung hinterläßt.
Egolyse
Abgeleitetes Bild
Der egolytische Thea-Mensch ist der Opfertyp der de sadeschen Szenen und Arrangements. Er ist der
erniedrigte und verletzte Knecht, der sich der Gewalt willenlos ausliefert. Jedes Überschreitung wird zum Erlebnis der
Gewalt auf seine Kosten. Er akzeptiert die Unmöglichkeit jeden Genusses, denn der bereitet ihm nur Beschämung. Es
handelt sich also nicht um den Typ des Masochisten, denn der erlebt ja Lust in der Unterwerfung.
Egolytische Symptome
Von unkontrollierbarer Macht zum Selbstmord gezwungen; mürrisch und schweigsam; die Nachtglocke versetzt
in furchtbare Nervosität; geistige Qual; geschüttelt vom furchtbarsten Schrecken will er im Haus des Anderen sterben;
finstere Gedanken und aussichtslose Vorstellungen über sein Leben; unfähig zu lesen oder zu denken; Herzangst und
Traurigkeit; verdunkelter Geist und schwaches Gedächtnis; Anfälle von Unempfindlichkeit; Gefühl eines Eisens, das ihr
unter die Kopfhaut fährt; Zunge wie von heißer Flüssigkeit verbrannt; unerträglicher Schmerz nach dem Essen;
Handzittern, daß er nicht schreiben kann; Gefühl das Bettlaken zerquetscht den Fuß; Gefühl, der Tod nahe unmittelbar;
Versinken in den tiefsten Abgründen der Finsterniss;
Alterolyse
Abgeleitetes Bild
Alle Genüsse sind ihm vergällt, weil andere seinen Spielraum einengen. Er kann sich nicht ausdehnen, weil
die Anderen ihn einschränken und er sich nicht frei bewegen kann und darum bleibt ihm wirklicher Spass verwehrt. Er
greift darum die vermeintlichen Moralwächter an, oder er versucht Andere seinen Exzessen auszusetzen. Respektiert keine
ethischen Grenzen indem er zum Peiniger seiner Mitmenschen wird.
Alterolytische Symptome
Neigung wegen jeder Kleinigkeit zu streiten; Der Lust-Mord an wehrlosen Opfern;
Interpretation einzelner Symptome
Der Selbstmord aus dem Fenster: Jemand wirft sich dem Licht entgegen.
Die individuelle Todeserfahrung des Menschen konfrontiert ihn mit erschreckender Gewalt durch die Gefahr der Zerstörung
aller Ordnung. Die profane Alltagswelt verbannt darum Tod und auch Erotik in eine tabuisierte , sakrale Welt. Die Gefahr
des Todes wird im Alltag durch Notfallmedizin, Lebensversicherung, Totenkult etc. gebannt. Bei Tabuverletzung durch
Tötung muß Buße abgeleistet werden. Die Sexualität ist in der sexuellen Vereinigung ausschließlich zum
Fortpflanzungszweck gebannt. Die Überschreitung dieser Tabus, so scheint es dem Thea-Menschen, gibt seiner profanen Welt
ihre Souveränität zurück.
Das Traumsymptom des kaltblütigen Kindermordes mit dem Erleben von klammheimlicher Freude ist das stärkste Argument für
die These, Thea habe etwas mit Tabubruch und Entgrenzung zu tun. Der in allen Einzelheiten phantasierte Babymord der
Mutter ist ein weiteres klassisches Tabuthema. Weitere Hinweise dafür sind die unnatürliche Erregung der Sexualorgane,
das unbändige Lachen, der genannte eigene Todestrieb, das Versinken in den tiefsten Abgründen der Finsterniss, das
überschwängliche Sprechen in Reimen, die Prophetie, die Ausweitung seiner Intelligenz und die verliebte Ekstase.
Das Eisen, das ihm in das Hirn fährt, ist Ausdruck der Qual und der Unerträglichkeit, angesichts des Schreckens der
"heiligen Erotik".
Die dunklen Analysen über das eigene Leben und die nächtliche Illusion in einem finsteren Abgrund zu sitzen entspringen
der Neigung des Thea-Menschen nach Mystik der Überschreitung und des Schreckens.
Der Tod im fremden Hause ist die Grenzerfahrung des "ganz Anderen", die Grenzüberschreitung sogar im Raum der
Exteriorität..
Die Verbesserung durch das Bier: Hopfen ist ein Verwandter des Hanf, also der Cannabisarten, einer euphorisierenden
Pflanzengattung. Hopfen gilt selber als bewährtes Sedativum. Vom Hopfen rührt die direkte Östrogenwirkung des Bieres.
Seine Wirkung ist eher dämpfend auf der Ebene der Wahrnehmungsorgane. Eine Form von Antagonisierung der Theawirkung ist
die Folge.
Die Illusion der Türglocke entspringt dem überreizten Sensorium. Im engeren Sinne weist es auf den
Überschreitungskomplex hin, das Durchschreiten einer Tür führt zu neuen Räumen, zu fremden Erfahrungen.
Eine weitere Assoziation sind die läutenden Todesglocken.
Zittern: Um die ekstatischen Zustände seiner Figuren zu beschreiben, benutzt Bataille auffallend oft das Wort "zittern".
Schrecken und Geist hängen etymologisch zusammen, was im Wort Geisterbahn noch lebendig ist. Thea lebt und leidet mit
dem Schrecken an der Erkenntnis.
Meditation: Die meditative Neigung von Thea erlaubt den Brückenschlag zum Tantrismus. Tantra, abgeleitet von der
Sanskritwurzel tan, bedeutet "erweitern". Damit ist Tantra die Methode, das menschliche Bewußtsein zu erweitern und zu
entwickeln. "Der Eros ist die bindende Kraft, die das unbewegliche Transzendentale in Bewegung versetzt, die den
meditierenden Shiva zum vibrieren bringt, der Urheber und Mutterschoß, die die Ewigkeit schaffen. In der Vereinigung der
zunächst gegensätzlichen männlichen und weiblichen Prinzipien entsteht schließlich die Welt in ihrer Fülle." LS, S. 122
Andere Hypothesen
Der Verweis auf das Werk de Sades verdankt sich einer Diskussion des AFADH. Die daraus resultierende Hypothese sieht das
Hauptproblem bei Thea in der kaltblütigen Unmoral überschwänglicher Intellektualität. In der hier ausgeführten Hypothese
wird der Schwerpunkt etwas verschoben auf das Entgrenzungserlebnis zügelloser Intellektualität.
Differentialdiagnose
Staphisagria
Der Verlust der Würde durch die praktizierte Sexualität macht Staphisagria zu einem Menschen, der für
Kränkungsszenarios beim Sex wie geschaffen ist.
Plumbum
Bei Plumbum geht es allein um das Verbot, daß zur Überschreitung provoziert. Er mag nicht akzeptieren, nur
die zweite Geige in der Ordnung der Welt zu spielen, und bekämpft darum diese Ordnung. Überschreitung wird hier im
Gegensatz zu Thea nicht intellektuell betrieben.
Aconitum
Schrecken, Todesahnung und Hang zur Lächerlichkeit erinnern an Thea. Aconitum vertaut nicht der
rätselhaften Fügung und will diese durch seine Wachsamkeit ersetzen. Er glaubt, daß alles Voraussehbare bis hin zum
Schrecken des Todes schon in ihm steckt.
Hyoscyamus
Liebt die Unmittelbare Inbesitznahme, packt alles mit Begierde. Verschwenderisch und unersättlich an und
in der Liebe. Er will nicht dem Geliebten vertrauen müssen, er will stattdessen Sicherheit durch Wissen. Der Diskurs der
Macht des Eros durch die Überzeugung und die Rede.
Stramonium
Er akzeptiert keine Grenzen, denn er will im Besitz einer Sache sein, ohne sie schrittweise zu erreichen.
Erwill sich eine eigene Welt mit eigenen Regeln schaffen, die er intellektuell beherrschen kann.
Thomas von Aquin
In der theologischen Summe Frage 83 findet sich im 3. Artikel zur Frage "Ist die freie Entscheidung ein
Strebevermögen?":
Der freien Entscheidung eigentümlich ist die Wahl. denn insofern wird uns freie Entscheidung zugesprochen, als wir das
eine aufgreifen können unter Zurückweisung des anderen.(...) Nun kommt aber bei der Wahl etwas von der Erkenntniskraft
und zugleich etwas von der Strebekraft (dem Willen) her. Von seiten der Erkenntniskraft ist die Überlegung erforderlich,
durch die entschieden wird, was dem anderen vorzuziehen sei.
Thomas nimmt hier mit Aristoteles die Position ein, das der freie Wahlentscheidt "ein Verlangen auf Grund der
Überlegung" sei.
In Frage 83, Artikel 1 sagt er aber schon:
Der Mensch hat freie Entscheidung, sonst wären Ratschläge, Ermahnungen, Vorschriften, Verbote, Belohnungen und Strafen
sinnlos.
(...) Der Mensch jedoch handelt mit Urteil; denn er urteilt durch die Erkenntniskraft.
In den hier zitierten Passagen kommt zum Ausdruck, wieweit für Thomas die Entscheidungen für das Handeln von der
Erkenntnis abhängt. In jedem Verlangen steckt ein Erkenntnisbegehren.
Der Mensch ist für Thomas als freies Wesen geschaffen. Aber diese Willensfreiheit hat eine Erstursache, nämlich ihren
Schöpfer, Gott. Die Freiheit der Zweitursache, des Menschen, kann nicht abgelöst gesehen werden von dieser Erstursache,
Gott, von der sie bewegt wird, da sie von ihr abkünftig ist. Thomas in S.Th. I, 105, 4 ad 3: "Weil aber die Bewegung
durch einen anderen (Gott) keineswegs die Eigenbewegung ausschließt, so wird ihm (dem Menschen) folglich der Grund für
Verdienst und Schuld nicht genommen:"
Und in Frage 83, 1 ad 3:
Zur Freiheit gehört nicht notwendig, daß das, was frei ist, erste Ursache seiner selbst sei; (...) Gott ist also die
erste Ursache, die sowohl die willentlichen als auch die natürlichen Ursachen bewegt.
Kommentar: D. h. also, der Mensch ist in der Frage nach den Regeln seines Handelns als Zweitursache von der Erstursache,
Gott, abhängig. Er muß sich dieser Regel unterwerfen. Thea scheint in dieser Frage zu rebellieren: Er will sich Kraft
seines Intellektes zur eigenen Erstursache aufschwingen. Damit gilt für ihn kein Gebot mehr.
S.Th. I-II, 76-78: Das Geheimnis der Sünde besteht darin, daß der menschliche Geist es unterläßt, über die Güte Gotes
nachzudenken, und daß der menschliche Wille diese Güte nicht entsprechend liebt.
Zur Substanz
Im DDS finden wir zur Teezeremonie folgendes:
Die Teezeremonie in Japan verkörpert eine pefekte Ästhetik, eine Reinheit des Dekors, der Instrumente und der Gesten.
Dies alles begründet einen Kult der Unbeständigkeit und Vergänglichkeit der Schönheit. Der Teebaum ist der Legende nach
aus den abgeschnittenen Lidern des Budda entstanden, der damit das Einschlafen bei der Meditation verhindern wollte. Bis
heute verwenden Zen-Mönche den Tee zu diesem Zweck. Es geht darum, die Rohheit der Gebräuche zu mindern, die
Leidenschaften zu disziplinieren, die kriegerischen Widersprüche zu überschreiten und Frieden zu stiften.
Charakteristisch für die Teezeremonie ist die Nüchternheit und die Entfaltung der Tat, die zur Entblößung der
Individualität führt. Wie in allen Zen-künsten ist das zu erreichende Ziel nicht die vom Ego vollzogene Tat, sondern die
von der eigentlichen Natur oder der Leere verursachte Handlung. Der Tee ist endlich das Symbol des Wesens, an dem das
Selbst Anteil hat. Diese Leere ist nicht die des Schlafes, sondern sie ist intensiver in der kontemplativ-meditativen
Stille.
Literatur
Georges Bataille, das obszöne Werk, Rowohlt, Reinbeck 1972
LS, Lexikon der Symbole, Heyne, München 1987
STh, die deutsche Thomasausgabe, Bd. 6, Verlag A. Pustet, Salzburg 1937
DDS, Dictionnaire des Symboles, Chevalier/Gheerbrant, Paris 1969
|
|