|
|
Startseite » in.form.alia » 2004 - 6.Jhg. » Christian Gallasch: Schrift als performativer Text: Hahnemanns Erfahrungsbegriff
Christian Gallasch
|
Der ganze Artikel (mit allen Fußnoten) als PDF-Datei |
|
A Orientierung
Es ist, als könnte sich die menschliche Reflexion nicht mit der bloßen Wahrnehmung allein begnügen, als müsse jede Erfahrung hinterfragt werden, ja als werde Erfahrung erst durch Reflexion zu Erfahrung, noch schärfer: als sei Erfahrung nichts anderes denn Reflexion. Die Geschichte des Erfahrungsbegriffs ist eine Geschichte der Bündnisse. Herodot berichtet von einem Besuch des weisen Solon bei Kroisos. Dieser, ein unermesslich reicher und mächtiger, noch dazu den Göttern großzügig opfernder, mit einem Wort: tadelloser König - von F.Schiller im Ring des Polykrates paraphrasiert -, fragt seinen Gast, wer nach seiner Ansicht wohl der glücklichste Mensch unter der Sonne sei. Solon nennt ihm Tellos, einen unbekannten, aber loyalen Kampfhelden, der ehrenvoll für das Vaterland fiel. Der erwartungsgemäß verschnupfte Kroisos fragt ihn hierauf, wer nun wohl der zweitglücklichste Mensch sei. Solon nennt ihm Kleobis und Biton, zwei nicht minder unbekannte kräftige Jünglinge, die nach einem heroischen Dienst an ihrer Mutter von den Göttern im Schlaf zu sich genommen wurden. Solon begründet diese absonderliche Auswahl mit dem Argument, keiner könne vor dem Ende seiner Tage glücklich genannt werden. Kroisos entlässt ihn, frustriert und empört. Die weitere Geschichte ist nicht ganz unbekannt: Kroisos wird vom Perserkönig Kyros angegriffen, befragt das Orakel zu Delphi, missinterpretiert dessen Auskünfte und unterliegt: Sein Reich ist zerstört, sein Lieblingssohn tot, sein Land geplündert. Kurz bevor er selbst auf dem Scheiterhaufen verbrennt, ruft er Apollon zur Hilfe und wird durch einen kräftigen Regenguss gerettet, was ihm wiederum die Hochachtung seines Bezwingers Kyros einträgt. Kroisos geht gewandelt aus dieser Tragödie hervor. K.Heinrich nennt dies "seine Wiederauferstehung als Philosoph": Nicht nur sitzt der gefallene König ruhig und gelassen vis-à-vis der Turbulenz seiner Schmach, vielmehr ist er nun auch noch in der Lage, seinem Bezwinger die weisesten Ratschläge zur Rettung und Verwaltung seiner unermesslichen Raubschätze zu erteilen. Die ganze Grandezza seiner neu gewonnenen Identität spielt er jedoch gegenüber Apollon aus, der ihn durch Pythias Mund so schändlich genarrt hatte: Er stellt ihn zur Rede und zwingt ihn zu jenem schmachvollen und wahrhaft historischen Eingeständnis, dass gegenüber dem Schicksal, der Moira, selbst die Götter machtlos seien. K.Heinrich analysiert diese Geschichte als Inkunabel, in der die ganze griechische Philosophie eingefangen ist. Die unberechenbaren Gänge des Schicksals verlangen nach einem Verhalten des Menschen, das ihn in Würde überleben lässt. Der Versuch, mit eben diesem blinden Schicksal ein vorteilhaftes Bündnis einzugehen, scheitert vor aller Augen in der Solon-Kroisos-Geschichte. Es bleibt eine Haltung der wissenden Distanz - Frucht der umfänglichen Theoria (Anschauung der Welt / Erfahrung) - gegenüber der Unberechenbarkeit des Schicksals, die den Weisen gegen Überraschungen und Schmerzen feit, die ihn über die Moira-abhängigen Götter stellt und schließlich als Stoizismus noch viele Jahrhunderte europäischer Philosophie, von Thales über Descartes bis Heidegger, grundieren wird. Die hier nicht zu übersehende Skotomisierung liegt in dem Umstand, dass die griechische Philosophie in ihrem selbstzufriedenen Logos-Taumel nicht mehr zur Kenntnis zu nehmen geneigt war, dass der Mensch dem Gang des Schicksals unvermindert ausgeliefert bleibt, lediglich die Anteilnahme, das sich-betreffen-Lassen, wird abgespalten und verworfen von einer proto-patriarchalen Geste der Revieraneignung. Im Übergang zur römischen Antike ereignen sich einige elementare Gesichts- und Gewichtsverschiebungen. Zeugen für diesen Vorgang sind vor allem Lukrez und Cicero. Was den Griechen die theoria, das Betrachten/Anschauen der Welt (~ Erfahrung) war, wird den Römern zur contemplatio, der Deutung politischer Vorgänge im heiligen (privilegierten) Bezirk; was den Griechen die philosophia, die stoische Unberührtheit, wird den Römern zur religio. Der entscheidende Schritt zeigt sich als ein Übergang vom letztlich "irgendwie" göttergläubigen (und opfernden) Habitus der Griechen, mit dem Schicksal ein Bündnis eingehen zu wollen, zur streng atheistisch organisierten römischen Haltung, bei der die Götter zu nur mehr rituellen Chiffren austrocknen. Lukrez´ direkter Bezug auf Epikur und seinen götterlosen Hedonismus weist uns die Richtung: Nicht mit den Göttern, nicht mit dem Schicksal ist ein hilfreiches Bündnis möglich, sondern nur mit der Natur: "naturae foedera" wird zum zentralen Begriff des Lukrez´schen Denkens. Dass Lukrez zu Beginn seiner Erörterungen Venus als Mutter und Garantin dieses Unterfangens aufruft, ist mehr als ein pikantes Detail: Es geht hier um nicht mehr und nicht weniger als um die Bündnisfähigkeit der Natur (nachdem das Schicksal sich als bündnisunfähig erwiesen hat). Lukrez dokumentiert mit seiner Anrufung die manifeste Gewissheit, dass Venus (als abstrakter Inbegriff von Natur) es schon richten werde. Ein elementarer Schritt: Die Bündnisebene hat sich von einer vertikalen Mensch-Götter-Opfer-Beziehung zu einem horizontalen, gesellschaftsrechtlichen Vertragssystem zwischen Menschen (prinzipiell) gleicher Art verschoben. Das erfordert freilich ein bis in kleinste Einzelheiten filigranes Regelwerk für die Dinge, die zwischen Menschen zu geschehen pflegen. Wir erblicken hier die Brutstätte des Siegeszugs der Jurisprudenz, der im antiken Rom (nicht zuletzt mit dem gescheiterten Staranwalt Cicero) begann, die "christliche" Kirchengeschichte bis heute dominiert und im "Achsen"-orientierten Fundamentalismus US-amerikanischer Hegemonie-Politik unserer Zeit ungebremst fortdauert: Zu allen Zeiten war das Juridische zugleich - und seinem Wesen nach notwendig - zutiefst antitheistisch. Ein dritter Blick ist zu werfen: Wo die Bündnisfähigkeiten des nur notdürftig benannten, nicht nachhaltig gebannten Schicksals und der zur höflichen Chiffre verdorrten Natur offenkundig versagen, jedoch eine andere Kraft den Plan betritt, die sich als ebenso bündnisunfähig erweist wie die andernorts probierten; wo die reine, brutale Willkür eines Triebes herrscht, der blind, ungerecht, animalisch tobt und stampft, als hätte es nie einen Verstand gegeben. An der Parabel Hiobs lässt sich das anschaulich zeigen: Dort verschmilzt das irrational Zerstörerische in einem fast rauschhaften Diskurs zwischen Hiob und dem sprechenden Gott mit dem Triebgrund der Wirklichkeit (K.Heinrich) selbst; Behemot und Leviathan sind Nebennamen Gottes, keine außerhalb seiner selbst angesiedelten Fremdkörper. Hier muss jedes menschliche Wohlverhalten wirkungslos verpuffen, es gibt keine kausale Logik zwischen Mensch und Schicksal/Gott mehr, die Abhängigkeit ist eine vollkommen einseitige, es gibt nur noch hilflose Metaphern, kabbalistische Verrätselungen oder das Schweigen (Hiob 40, 4-5). Es ist nicht ohne Folgerichtigkeit, dass die europäische Aufklärung an diesem Punkt ihren Diskurs beginnt: Die Descartes´sche EGO-Rationalität und die in der flämischen Perspektivmalerei zum "humanistischen" Ereignis gewordene Verschiebung des Blicks auf die Seite des Subjekts/der Subjekte hatten weder Bauernkriege noch Hexenverbrennungen verhindern können, der Mensch war sich selbst ein Ungeheuer geblieben. Die Versuche, Schicksal zu bändigen, waren allesamt gescheitert, ein neues Werkzeug wollte gefunden werden, um den Menschen aus seiner "selbstverschuldeten Unmündigkeit" (Kant) zu befreien. In diesem Auf- und Umbruchsmilieu beginnt Hahnemann sein Werk.
B Ein kurzer Blick auf Hahnemanns HumusZunächst zur Frage, wieso das Vorhaben, Hahnemanns Erfahrungsbegriff zu analysieren, im Horizont der antiken Philosophie verankert sein soll. Man könnte ja die Beschäftigung mit der Antike missverstehen als rein bildungsgeschichtliches Interesse: Der Humanist schaut von seinem bücherbeladenen Schreibtisch zurück auf die Quellen des europäischen Denkens, mit derselben interesselosen Distanz, die er der Geschichte unterstellt, und sagt abwechselnd Aha! und Sieh da! Natürlich ist solche kaminselige Selbstbezüglichkeit eine reale Gefahr. Aber nichts wäre falscher, als es so zu sehen. Die verweisend-strukturierende Art der Annäherung - an Hahnemann, wohlgemerkt! - , wie ich sie hier versuche, rührt nicht von einem Diktat her, das den alten Texten unmittelbar zu entnehmen wäre. Vielmehr ist es die Konfliktgeschichte unserer Gegenwart (und der stecken gebliebenen europäischen Aufklärung), die zu diesen Fragen und Analysen motiviert. Ganz nebenbei rutschen unweigerlich durchaus auch aktuelle Verweise in den Wahrnehmungsfokus, etwa der zwischen dem alten Rom, dem "neuen" Washington und dem "alten" Europa. Die Aufklärung war aus der Enttäuschung über die mangelnde Bündnisfähigkeit von Schicksal und Natur entstanden, der erlebte Triebgrund der Wirklichkeit musste einen neuen Dompteur finden. In Kant fand er einen Meister, der ihn souverän wieder in die Wesenssphäre verlagerte, Hegel, Husserl und Heidegger vollendeten diese Geste nachdrücklich. Aus all dem folgt, dass es um eine Philosophie der Existenz ginge, die reale Konflikte nachhaltig reflektiert: Zwischen Naturgesetzlichkeit und Schicksalsverfallenheit einerseits und blinder Willkür, dem Zufall andererseits. So etwas könnten wir Existenzphilosophie nennen (in Abgrenzung freilich zu Jaspers und Heidegger). Beispiele dafür wären der Marxismus (insoweit er nicht Realkonflikte wieder in die Wesenssphäre hinüberspielt) oder die Psychoanalyse (insoweit sie Realkonflikte nicht auf die Konflikte innerpsychischer "Instanzen" reduziert). Derlei konfliktbereite Theoriebildung hat Hahnemann freilich nicht gepflegt, nicht einmal intendiert. Dazu war er den zeitgenössischen Chiffren der Aufklärung zu sehr verpflichtet: Freiheit, Vernunft, Individualität und Verträglichkeit (von Vertrag), wenigstens als Vision. Und inmitten seiner unsteten Lebensführung war er doch stets ein Verfechter familiärer Harmonie. Wenn er zur Entfernung "krank machender Potenzen" aus dem Leben des Kranken aufruft, so sind immer als Beispiele auch Zank, Streit, Zwietracht, Aufregung angeführt, disharmonische Aspekte also. Beziehen wir nun die skizzierten Bündnisvarianten auf Hahnemann, so kommen wir nicht sehr weit: 1. Bündnis mit dem Schicksal:Unausgesprochen thematisiert Hahnemann die Frage im Kontext der Psora: Sie erwische jeden ohne Ansehen der Person! Die Ableitung aus dem alttestamentlichen Aussatz (und ihre religionsgeschichtlichen Implikationen) sind allerdings eher dürftig. Der Begriff des Schicksals ist ihm nicht geheuer, er unternimmt eine historisierende Naturalerklärung. 2. Bündnis mit der Natur:In der Tat finden wir Hahnemann am ehesten in der römischen religio verankert: Die Natur ist weise, sie ist bündnisfähig und treu; an die Stelle der römischen Venus tritt allerdings der gütige Schöpfer und Allerhalter als Garant eben dieser Bündnistreue. Hahnemann hat kein personales Gottesbild: Gott ist ihm eher - wie die Götter den Römern - Chiffre und Struktur der Bündnisfähigkeit der Natur, die ihrerseits nicht auf den Schöpfer verweist, vielmehr ihn repräsentiert. 3. Bündnis mit dem Triebgrund der Wirklichkeit:Für diese Begrifflichkeit hat Hahnemann kein Ohr. Obwohl er das Hebräische beherrschte und auch das Alte Testament differenziert gekannt zu haben scheint, ist er nicht nur der sehr paulinischen Übersetzung Luthers auf den Leim gegangen, sondern ebenso der idealischen Vermeidungsstrategie seiner Zeitgenossenschaft. Damit fällt Hahnemann in der Tat hinter den kritischen Abstand der Aufklärung gegenüber der religio zurück: In Voltaire kennen wir einen Denker (und vor allem: Wortkünstler), der in vielerlei Hinsicht die Aufklärung auf den Punkt bringt. Vor dem Hintergrund der Bündniskategorien könnten wir sagen: Die Aufklärung internalisiert die drei Instanzen (Schicksal, Natur und Triebgrund der Wirklichkeit), verlegt die Frage der Bündnisse mit ihnen also in den Menschen hinein. So verliert etwa Gott seinen ontologischen (metaphysischen, transzendentalen oder naturalisierten) Status und wird zur reinen Kategorie: als Funktion des menschlichen Bedürfnisses nach Trost; Gott wird zur innerpsychischen, nachfolgend zur sozialen Tatsache, die als solche auch mit einer gewissen, eben: menschlichen Realität ausgestattet ist. Daraus resultiert, dass alle künftigen Bündnisse direkt mit und unter den Menschen, die sich zu Gemeinwesen zusammenfinden, geschlossen werden müssen. Solche Sichtweise scheitert rasch. Robbespierre etwa, der die Ideale Voltaires laut herausschrie, ging in der Tat politische Bündnisse ein, um diesen Idealen mit Gewalt Nachdruck und Durchsetzung zu verschaffen. Wir wissen, wie das ausging. Er wurde selbst zum wütenden Ruach, zum bündnisunfähigen Behemot. Voltaire selbst war wiederum nicht in der Lage, die Kunde vom Erdbeben in Lissabon (1755: 30.000 Tote) zu verwinden, er wurde depressiv. "Wie aber urteilt denn ein Geist, der viel begreift? / Er schweigt: Verschlossen ist des Schicksals Buch für uns. / Was auch der Mensch erforscht, sich selbst erforscht er nicht; / Nie kennt er sein Woher und nimmer sein Wohin. / Atome wir voll Qual, gebettet in den Schlamm, / Verschlungen von dem Tod und des Geschickes Spott ... / ... In diesem Schauspiel Welt, das eitel ist und bös, / Schwärmt kranker Narren Schar und faselt noch vom Glück ...". Zitiert nach: Störig, 368 Rousseau hingegen - und jetzt können wir auch sehen, was das alles mit Hahnemann zu tun hat: Er verehrte nämlich Rousseau, hat sogar ein Büchlein von ihm über die Erziehung des Kleinkindes übersetzt - hält noch fest an der Instanz "Mensch als Natur": Er reagiert auf das Erdbeben mit der Erklärung, die Menschen selbst seien schuld, denn würden sie auf den Feldern anstatt in Städten wohnen, so könnten sie nicht in solchen Massen getötet werden, und würden sie unter freiem Himmel statt in Häusern wohnen, so könnten die Häuser nicht über ihnen einstürzen. Jetzt sehen wir auch besser den feinen Unterschied zwischen Hahnemanns Religio und der römischen: Die Römer hatten es noch zu tun mit einer ontologisch "realen" Natur, von Venus dynamisch (das heißt hier: semiotisch) unterfüttert. Die Aufklärung jedoch kennt diesen ontologischen Naturbegriff nicht mehr (und das rührt wiederum auch von den Impulsen seitens der englischen Empiristen her), Natur ist zu einer idealischen Matrix für die bürgerliche Gesellschaft geworden: So einfach und so schön und so geordnet (wie die Natur idealerweise sein könnte!), so einfach und schön und geordnet kann menschliches Miteinander werden! Das gesellschaftlich real existierende Raubtier Mensch wird radikal verdrängt, und wo es dann hervorbricht (etwa in den Exzessen der französischen Revolution), erzeugt es beim Betrachter die fällige Sinnkrise (vgl. F.Schiller; C.D.Friedrich oder J.H.Füssli und andere kommentieren malend diesen tragischen Irrtum, noch Adorno wird in sprachloser Erschütterung den sog. Holocaust beklagen). Schauen wir nun hinüber zu Hahnemann, wie er es mit der Revolution hält (die reale in Paris übergeht er dezent): "Jenen abschreckenden Revolutionscuren nähert sich das allgemeine Verfahren unserer gewöhnlichen Ärzte bei Heilung der Krankheiten. (...) Je mehr ich die gewöhnlichen Curen entziffere, desto mehr überzeuge ich mich, daß sie keine direkte Umänderung der vorliegenden Krankheit in Gesundheit sind, sondern Revolutionierungen, Störungen des Gangs der Dinge durch Arzneien, die zwar nicht eigentlich passten, aber doch Gewalt genug hatten, den Dingen eine andere (krankhafte) Gestalt zu geben." Alle Hervorhebungen in den folgenden Hahnemann-Facsimilia von mir. Seine Alternative: "Unsere Arzneikunst braucht vom Haupte bis zum Fuße eine völlige Reformation. (...) Das Übel ist so schlimm geworden, daß nicht die gut gemeinte Gelindigkeit eines Johann Huß mehr hilft, sondern daß der Feuereifer eines felsenfesten Martin Luther den ungeheuren Sauerteig ausfegen muß." Hier erscheint die direkte Klammer zwischen Hahnemann und Luther (und Paracelsus, wenn wir ihn als den Luther der Medizingeschichte lesen): Wir sehen hier Hahnemanns neue Hure Babylon, die "alte Schule". Aus diesem Ensemble - ein auf eine obskure (natürliche) Psora-Infektion verweisender Schicksalsbegriff, ein in das bürgerliche Individuum verlegter Naturbegriff und die Verdrängung des Triebgrunds der Wirklichkeit - resultiert der Kreuzzug Hahnemanns gegen die Kollegen, gegen die Psora, gegen alles mögliche, im Bündnis mit einem internalisierten (und damit subjektiven) Naturbegriff und gepaart mit der materialistischen Methodik und Sprache der englischen Empiristen, was alles dem Unternehmen den Anschein überpersönlicher, uneigennütziger Objektivität, sprich: "Wissenschaftlichkeit", verleiht. Dieser Feldzug hat Nachahmer: Etwa die aktuellen Schlachten gegen SARS oder gegen "impfmüde" Patienten in medienwirksamer Kooperation mit einer fasertief korrupten Statistik. Insofern ist Hahnemann auch(!) Vorläufer und Bundesgenosse der neuzeitlichen Naturwissenschaften, die ja scheinbar angstfrei in immer tiefere Dimensionen ihres Gegenstandsbereiches eindringen.
C Hahnemann´s "Erfahrung"Jetzt haben wir einen Teil der Landschaftskulisse abgeschritten, vor der sich Hahnemanns Texte entfalten. Schauen wir uns - ganz kursorisch, aber in der Originalreihenfolge - einige Exemplare der Sprachpflanze namens Erfahrung an (sie blüht - allein im Organon VI - 58 mal): Bei diesen Untersuchungen fand ich den Weg zur Wahrheit, den ich allein gehen mußte, sehr weit von der allgemeinen Heerstraße der ärztlichen Observanz abgelegen. Je weiter ich von Wahrheit zu Wahrheit vorschritt, destomehr entfernten sich meine Sätze, deren keinen ich ohne Erfahrungsüberzeugung gelten ließ, von dem alten Gebäude, was aus Meinungen zusammengesetzt, sich nur noch durch Meinungen erhielt.
Da hören wir erst mal nur eine Fanfare, die dem Herold vorauseilt, obwohl freilich die Unterscheidung von Überzeugung und Meinung nicht unmittelbar einleuchtet. Bald kommt aber die erste Breitseite: Jede dieser spitzfindigen Darstellungen setzte Anfangs die Leser in ein betäubendes Erstaunen ob der unverständlichen Weisheit drin und zog dem System-Erbauer eine Menge, die naturwidrige Klügelei nachbetender Anhänger zu, deren keiner jedoch etwas davon zum bessern Heilen brauchen konnte, bis ein neues, dem erstern oft ganz entgegengesetztes System jenes verdrängte und sich wieder auf kurze Zeit Ruf verschaffte. Keines aber war mit Natur und Erfahrung im Einklange; es waren theoretische Gewebe feiner Köpfe aus angeblichen Consequenzen, die in der Ausübung, im Handeln am Krankenbette, ihrer Subtilität und Naturwidrigkeit wegen nicht gebraucht werden konnten und nur zu leeren Disputir-Uebungen taugten.
Es geht ihm also um den Einklang - eine musikalische Kategorie, die nicht von Ungefähr an Schillers Concordia erinnert - eines wissenschaftlichen Systems einerseits mit der Natur, andererseits mit der Erfahrung. Die methodische Parallelsetzung (oder handelt es sich gar um einen identifikatorischen Vorgang?) von Natur und Erfahrung ist gewiss nicht unproblematisch. Es folgt eine Wiederholung der Kategorien im Modus der Negation: Nebenbei bildete sich, (...) ein Cur-Wesen mit ungekannten, gemischten Arzneisubstanzen gegen willkührlich aufgestellte Krankheits-Formen, nach materiellen Hinsichten eingerichtet, mit Natur und Erfahrung im Widerspruche, begreiflich daher schlechten Erfolgs - alte Medicin, Allöopathie genannt.
Einklang und Widerspruch. Das eine soll, das andere soll nicht sein. Zum ersten Mal haben wir hier auch den Begriff der Willkür, die er ja emphatisch ablehnt. Er taucht auf als Prädikation jener Übeltäter, die den Einklang mit Natur und Erfahrung ablehnen. Zwar stiften wir unter den Mitteln in unsern Formeln nach schulgerechter Weise eine Art von Rangordnung, und nennen dasjenige, dem wir eigentlich die Wirkung auftragen, die Grundlage (basis) und die übrigen die Helfer, Unterstützer (adjuvantia), Verbesserer (corrigentia) u.s.w. Allein offenbar liegt bei dieser Charakterisirung größtenteils bloße Willkür zum Grunde.
Etwas weiter heißt es: Durch Beobachtung, Nachdenken und Erfahrung fand ich, daß im Gegentheile von der alten Allöopathie die wahre, richtige, beste Heilung zu finden sei in dem Satze: Wähle, um sanft, schnell, gewiß und dauerhaft zu heilen, in jedem Krankheitsfalle eine Arznei, welche ein ähnliches Leiden für sich erregen kann, als sie heilen soll!
Ein wahrhaft (und zu recht) berühmt gewordener Passus. Aber diese eigentümliche Trias ist der Betrachtung wert: Die Beobachtung knüpft an altehrwürdige Begriffe an: Theoria bei den Griechen und contemplatio bei den Römern (in der jüdischen Tradition war es ja eher die gebotene Notwendigkeit, die Gesetze zu be(ob)achten, ohne jede Gewähr, dass dieses Verfahren zum gewünschten Erfolg führen würde ...). Das Nachdenken - ja, was ist das? Ein Denken im Nachhinein? Eine Art Reflexion? Hahnemann sagt es uns nicht. Und dann eben die Erfahrung. Wenn wir das römische Paradigma zu Grunde legen, hieße das: Wir Auguren beobachten die Natur, denken uns eine Interpretation aus und überprüfen sie am Effekt: Ist die Prophezeiung eingetroffen oder nicht?
Wenn man die Fälle wegrechnet, wo den gewöhnlichen Aerzten (nicht ihre Erfindungs-Kunst, sondern) die Empirie des gemeinen Mannes das für eine sich gleichbleibende Krankheit specifische Mittel in die Hände gegeben hatte, womit sie daher direct heilen konnten, (...) finden wir, daß alle übrigen Curen der Aerzte alter Schule in langwierigen Krankheiten, fast ohne Ausnahme, Schwächungen, Quälereien und Peinigungen der ohnehin schon leidenden Kranken zu ihrer Verschlimmerung und zu ihrem Verderben sind, mit vornehmer Miene und Familien ruinirendem Aufwande. Es führte sie zuweilen eine blinde Erfahrung auf homöopathische Krankheits-Behandlung.
Die Empirie des gemeinen Mannes und die blinde Erfahrung sind hier assoziiert. Hahnemanns Erfahrung, als Gegensatz, muss also eine weniger gemeine und eine sehende sein. Und so fährt er auch fort: ... und dennoch gewahrten sie nicht das Naturgesetz, nach welchem diese Heilungen erfolgten und erfolgen mußten.
Da muss man also ein Naturgesetz gewahren, nach welchem diese Heilungen erfolgen müssen! Wie aber macht man das? Hahnemann beschreibt es im Folgetext: Man "scannt" alle Heilungsberichte der medizinischen Literatur durch, sucht jene heraus, die sich als nachhaltig erwiesen haben und stelle Gemeinsamkeiten fest. Dann wird man unweigerlich auf das homöopathische Heilgesetz stoßen, denn keine einzige Heilung sei aufzufinden, wo nicht eine Arznei von homöopathischer Kraft im Spiel gewesen sei. Ein sehr fragiler Syllogismus. Und eher ein bisschen entfernt vom Prinzip der geflissentlichen Erfahrung. Eine letzte Stelle aus der Einleitung: die Lehrerin der Wahrheit, die Erfahrung, überzeugte ihn von dem großen Vorzuge und der Heilsamkeit dieses homöopathischen Verfahrens.
Die Erfahrung ist die Lehrerin der Wahrheit. Da ist nun vollends kein Schicksal, kein Triebgrund mehr, da ist nur noch reine Idealität. Und da es nimmt nicht wunder, dass spätere Zeitgenossen Hahnemann auf die Husserl´sche Phänomenologie festnageln wollten, der es ja auch um den gegenstandsfreien Zugang zum Wesen der Dinge ging. Offenkundig wurden da aber weder Hahnemann noch Husserl richtig verstanden. § 6, einer der - von gewissen Kreisen - meistzitierten Paragraphen des Organons, beginnt so: Der vorurtheillose Beobachter, - die Nichtigkeit übersinnlicher Ergrübelungen kennend, die sich in der Erfahrung nicht nachweisen lassen, - nimmt, auch wenn er der scharfsinnigste ist, an jeder einzelnen Krankheit nichts, als äußerlich durch die Sinne erkennbare Veränderungen im Befinden des Leibes und der Seele, Krankheitszeichen, Zufälle, Symptome wahr, (...). Alle diese wahrnehmbaren Zeichen repräsentiren die Krankheit in ihrem ganzen Umfange, das ist, sie bilden zusammen die wahre und einzig denkbare Gestalt der Krankheit. Hiermit wird Erfahrung nun apodiktisch und endgültig aus dem Reich der Spekulation verbannt. Aber hatte er nicht eben noch das Nachdenken zum Teil seiner unverzichtbaren Trias erklärt?
§ 20:
Die geistartige Kraft lässt sich offenbar - ohne Verstandes-Anstrengung - unverstellt wahrnehmen in Gestalt ihrer äußeren Wirkungen. Woher aber weiß ich, dass gerade sie es ist, die ich in ihren Wirkungen wahrnehme? An dieser Stelle wäre das Verhältnis von Präsenz, Präsentation und Repräsentation gründlich zu analysieren. Das muss leider einer späteren Studie vorbehalten bleiben. Jetzt wird es abenteuerlich:
§ 25:
Da spricht der Augur Hahnemann, der aus den Zeichen am Himmel liest, der sie strukturiert, der apodiktisch wertet, subjektiv sondiert, autonom entscheidet, tätig gestaltet. Das ist das römische Bündnis mit der Natur in Reinform.
§ 28:
§ 29:
Jetzt sind wir bei der Sprache angelangt. Was sind Erfahrungs-Prämissen? Und wie kann ein Vorgang auf Sätzen beruhen? Selbstverständlich kann er es - aus heutiger Sicht, nach 100 Jahren Semiotik, nach 50 Jahren Strukturalismus, inmitten der semiotisch oszillierenden Welt des digitalen Finanzkapitalismus -, aber wir dürfen vermuten, dass Hahnemann sich nicht bis ins Letzte darüber klar war, was er hier formuliert hat. Wir finden eine überraschende, weit reichende Erläuterung zu dieser schwebenden Grammatik Hahnemann´schen Denkens in der Fußnote zu § 56:
Dieß Heilen Wollen aber durch eine ganz gleiche Krankheits-Potenz (...)
Nun hat er die Katze aus dem Sack gelassen, die wir die ganze Zeit schon miauen hörten. Der gesunde Menschenverstand ist der Erfahrung vorgängig und strukturiert sie. Hahnemann positioniert eine vorgängige Weltanschauung, mit welcher er seine Erfahrung generiert. Und er weiß nicht um diese paradigmatische Prämisse. Sie ist ihm im wörtlichen Sinn unbewusst. Er hält sich selbst unverdrossen für einen "vorurtheilslosen Beobachter". Ab diesem Augenblick sind Hahnemanns Texte neu zu lesen, weder ein phänomenologisches Missverstehen noch ein gläubiges "Macht´s nach!" konnten je seinen Texten gerecht werden (von naturwissenschaftlichen oder esoterischen Stilblüten der Homöopathie ganz zu schweigen). Die Hahnemann´schen Prämissen genauer zu bestimmen, zu analysieren und zu dekonstruieren, dürfte eine der wichtigsten Aufgaben des gegenwärtigen homöopathischen Diskurses sein, wichtiger gewiss als etwa die infinitesimale Vermehrung der materia medica oder ihre ärmelschonend-bemühte Aufgliederung in Miasmen, anthropologische Planquadrate, Königreiche, Lebensräume und andere Leitz-Ordner. Ohne kritische und mutige Reflexionsanstrengung wird die Homöopathie ihren spezifischen gesellschaftlichen und historischen Ort allmählich verlieren: Kluge Metamedizin, sanfte Heilkunst, subversives Befreiungsinstrument, achtsame Mitgestalterin des menschlichen Lebens. Zum Schluss als resümierende These:Hahnemanns Homöopathie ist von Anfang an ein stetiger Übergang vom Narrativ zum Performativ: Er erzählt seine Geschichte und Theorie der Heilkunst, und generiert sie dadurch. Diese Konstruktion findet ihre Repräsentation wiederum in der therapeutischen Situation: Der Patient erzählt seine Geschichte und generiert dadurch Mit-leiden; der Homöopath "erzählt" seine Arznei und generiert dadurch Heilung. Wir sehen einen komplexen, irreduziblen Verweisungszusammenhang, in den wir selbst verwickelt sind und der keinesfalls auf irgendjemandes vorgängige, "nackte" Erfahrung zurückführbar ist. Unsere einzige tragfähige Referenz ist der fortwährende, lebendige Diskurs selbst, so insuffizient er auch immer sein mag: Erfahrung ist Reflexion.
Q.E.D.
Literatur:
Gienow, P., Homöopathische Miasmen: Die Psora; Stuttgart 2000 Hahnemann, C.F.S., Äskulap auf der Wagschale; in: ders., Kleine medizinische Schriften, Dresden/Leipzig 1829; Nachdruck Heidelberg 1971 ders., Die chronischen Krankheiten. 5.Nachdruck, Heidelberg 1991 ders., Über den jetzigen Mangel außereuropäischer Arzneien; in: ders., Kleine medizinische Schriften, Dresden/Leipzig 1829; Nachdruck Heidelberg 1971 ders. / Rousseau, J.J., Erziehung des Kleinkindes. Handbuch für Mütter; Berg 21993 Heinrich, K., Vom Bündnis denken. Dahlemer Vorlesungen IV; Frankfurt/Basel 2000 Herodot, Historien. Erstes Buch; Stuttgart 2002 Jung, C.G., Antwort auf Hiob; München 2001 Kerényi, K., Die Mythologie der Griechen; München 1966 Klunker, W., KH 6/90, 229 Stephenson, C.(Hrg.), Die schönsten Gedichte aus acht Jahrhunderten; Köln 1998 Störig, H.J., Kleine Weltgeschichte der Philosophie; Frankfurt/M 1988. *********************
|
||
|
|
Webmaster
Copyright ? 2002-2005 [form e.V.]
21. Dezember 2005