Materialien zum Homöopathischen Diskurs
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Homöopathie

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Christoph Weihe

Die Geburt des Individuums aus dem Geist des Messens

Anthropometrie, Psychophysiognomik und Homöopathie [i]

Die ganze Ausgabe 4.Jhg. - Nr. 2/2002 als PDF-Datei

Der Siegeszug der biologischen Weltanschauung scheint nicht mehr aufzuhalten zu sein. Ausgerechnet im Ruhrgebiet, wo die Erfolge der Fußballnation Deutschland bisher auf soziokulturelle Weise gedeutet wurden durch die harte Schule proletarischer Bolzplätze statt auf biologische Weise durch die guten Fußballgene slawischer Zuwanderer , wird Anspruch auf biologischnatur­wissenschaftliche Deutungshoheit erhoben. Bundestrainer Michael Skibbe führte anlässlich der Bochumer Ringvorlesung "Zukunft des Fußballs" die aktuelle Schwäche der deutschen Fußballer im Vergleich zu multiethnischen Mannschaften wie Frankreich oder Holland auf schwaches Erbmaterial zurück: "Da kommen wir in den Bereich der genetischen Voraussetzungen, in den Bereich der längs und quergestreiften Muskelfasern".[ii] Ganz offensichtlich haben die in den nationalen Teams unserer Nachbarn häufiger vertretenen Dunkelhäutigen entweder mehr oder schöner gestreifte Gewebemuster unter dem Mikroskop. Das Motto dieser Logik alles einbürgern, was dunkelhäutig ist beruht auf der biologistischen These, dass die Migrantenkinder der 2.Generation die fußballerische Erbmasse der deutschen Nation auffrischen könnten. Jeder dieser Jungfußballer ist erst mal verdächtig, ein potentieller Ballzauberer zu sein.

Dies ist der bekannte Fall von Rassismus mit umgekehrtem Vorzeichen, die übliche Vermutung besonderer Fähigkeiten auf Grund äußerer, rassischer Merkmale, etwa auf Grund der Komplexion, der Hautfarbe. Die Geschichte der Unterscheidung und Wiedererkennung von Menschen und ihren Eigenschaften, ihre Identifizierung durch äußere (z.B. rassische) Merkmale ist wechselvoll und mutet aus heutiger Sicht ebenso bizarr an, wie zu anderen Zeiten der Rückschluss von Muskelfaserstreifung auf fußballerisches Talent bizarr vorkommen muss.

 

Die Ursprünge der "Individualisierung"

Um ein gewisses Individuum zu bezeichnen, also äußerlich kenntlich zu machen, braucht es besondere Kennzeichen dieses Individuums. Am historischen Anfang der Individualisierung stehen Steckbriefe und Fahndungslisten. Kontrollbedürfnisse sind Voraussetzung für die Ausbildung von Unterscheidungskriterien, aus denen sich schließlich die Person, das unverwechselbare Individuum herausbildet[iii]. Im letzten Drittel des 13.Jahrhunderts beginnt in Europa die "heilige" Inquisition die Namen bekannter Ketzer aufzuschreiben und zu Fahndungszwecken zu verbreiten. In den Städten erstellt man zur selben Zeit Listen von gesuchten Verbrechern. Das "libro del chiodo" aus Florenz enthält unter anderen den Namen Dante Alighieris. Zunächst also beginnt man mit Fahndungsbüchern. Erst im späteren 14.Jahrhundert macht man Angaben zu besonderen Kennzeichen der Gesuchten, man liest z.B. über "eine naslose Els" im Augsburger Achtbuch.

Eigentliche Personenbeschreibungen überliefert erst eine Quelle des 15.Jahrhunderts. Das Bamberger Achtbuch schildert einen gewissen Michael als einen "langen Knecht", der, am linken Fuß hinkend, einen hellgrünen Mantel und eine blaue Kappe anhat. Vor allem Kleider sind es, die als zentrale Merkmale, als Wiedererkennungszeichen von Personen dienen. Neben den Kleidern aber autorisiert das Vorweisen von Siegeln, Marken und Plaketten die Legitimität einer Person. Schon 1357 hat ein Jurist aus Florenz, Bartolus de Sassoferrato, ein grundlegendes Werk zur Definition von Identifizierung geliefert.

Identifizierung wird notwendig in den zunehmend mobilen kapitalistischen Handelsstädten Oberitaliens. Es geht um die Probleme von Zuordnung und Verwechslung und die politische Kontrolle von Identifikationstechnik. Wappen zeichnen Amtsträger aus, aber ebenso Bettler, die innerhalb der Stadt Zeichen tragen müssen. Mitglieder politischer Fraktionen erkennen einander durch Zeichen, die am Rock getragen werden. Ohne diese Zeichen wird Wiedererkennung schwierig.

 

Der verlorene Herzog

Karl der Kühne, Herzog von Burgund, 1477 auf dem Schlachtfeld von Nancy gefallen, wird nur unter großen Umständen identifiziert: Erst nach zwei Tagen Suche findet man ihn ganz nackt inmitten eines Haufens gefrorenen Leichen. Gefallene auf spätmittelalterlichen Schlachtfeldern sind immer nackt, weil es spezialisierte Einheiten gibt, die den Gefallenen alles abnehmen, etwa Waffen, Kleider und Schmuck (≈ Markierungen), um es zu verkaufen. Gefunden wird der Herzog schließlich von seinem Pagen. Der tote Herzog ist offenbar unkenntlich, inkognito, weil er nackt ist. Eine Liste gibt die Kennzeichen wieder, woran der Herzog von Mitgliedern des königlichen Hofes erkannt wird: Fehlende Vorderzähne, Narbe am Hals, Geschwür am Bauch und besonders lange Fingernägel. Aber erst als man die Leiche wieder einkleidet, wird er von den Anwesenden des Hofstaates erkannt. Noch verblüffender ist, dass ein berühmtes Portrait des Herzogs keines der genannten Erkennungszeichen zeigt. Der tote Herzog muss aber identifiziert werden, denn die Erbfolge des Herzogtums darf nicht durch das eventuelle Auftreten eines lebenden Doppelgängers durcheinander kommen.

Die Geschichte der Identifizierung beginnt also nicht mit dem Gesicht, mit Portraits, sondern mit Zeichen des Körpers und der Kleidung. M.a.W.: Die Konstruktion von Gesichtern (ebenso wie die von Landschaften etc.) entsteht erst in der Moderne, durch die zunehmende Notwendigkeit der Wiedererkennbarkeit einer Person, der Unverwechselbarkeit einer Oberfläche. Die zunehmende Mobilität von Waren und Geldfluss bedurfte sicherer Garanten der Wiedererkennung, Zertifizierungen der Übereinstimmung. In der Vormoderne stehen Körper und Kleidzeichen immer im engen Verhältnis von Signaturen, die aus Medizin und Astrologie bekannt waren. Die Hautfärbungen ("complexiones") sind wichtig. Eine achtzehnjährige Frau wird 1376 beschrieben als "etwas über mittelgroß, olivenfarbene Haut, ein schwarzes Zeichen über der Nase, zwei Narben auf der linken Hand". Eine andere hat eine quasi schwarze Haut. Die Farbe schwarz wird immer hervorgehoben. Als weiß werden in Europa wenige Leute aufgefasst. Umgekehrt beschreibt ein Orientreisender dieser Zeit zu Beginn des 16.Jahrhunderts die Bevölkerung des heutigen Jemen als Menschen mit weißlicher Gesichtsfarbe. Die Komplexion spielt übrigens bis heute eine Rolle bei der Identifizierung. In amerikanischen Personalien steht sie für die rassische Zugehörigkeit, die Hautfarbe.

Das Mal des Verräters

1517 macht ein badischer Denunziant Angaben über die Mitglieder eines angeblichen Bauernaufstandes, der berühmten "BundschuhVerschwörung". Er beschreibt vor allem Narben und Kleider. Den Führer der Rebellen, Jos Fritz, könnte man an seinem schwarzen französischen Mantel, an modisch roten Hosen und einem schwarzen Mal auf der linken Hand erkennen. Diese Angaben werden Basis eines offiziellen Steckbriefes. Man sollte annehmen, dass das schwarze Mal an der Hand eine Erkennung möglich machen sollte, wenn nicht genau dieses Mal der linken Hand das klassische Merkmal des Verräters wäre. Wie Leute aussehen ist also untrennbar davon, wie sie aussehen sollen, als Verbrecher, als Könige, als Herzog, als Bettler. Was also als besonderes Kennzeichen einer Person aufgefasst wird, sagt mindestens soviel aus über die rechtlichen und erkenntnisleitenden Traditionen der zeitgenössischen Behörden und Institutionen, wie eben auch über das Aussehen der Person selbst. Erkennungszeichen sind also fest verankert in der aktuellen Version, mit der eine Gesellschaft ihr Menschenbild auffasst.

Erkennungszeichen und ihre Bedeutung sind historisch. So wird Frauen im Spätmittelalter zugetraut, flexibler in Praktiken der Täuschung über ihre Person zu sein. Da ihr Körper, nach galenischer Auffassung, kalt und von feuchter Konsistenz ist, seien sie darum "flüssiger". Ebensolche Täuschungsfähigkeit traut man bestimmten Rassen ein Begriff der während der Renaissance entsteht wie etwa den "Zigeunern" zu. Ihnen wird jedes Recht auf Dokumente abgesprochen, weil diese Leute so betrügerisch wären, dass ihre Dokumente immer gefälscht seien.

 

Die Anthropometrie der Neuzeit

Am 10.09.1898 stößt Luigi Luchani, ein junger italienischer Anarchist, einen Dolch in das Herz der österreichischen Kaiserin Elisabeth und verwundet die vielgeliebte Sissi tödlich[iv]. Italienerfeindliche Anschläge und Ausschreitungen folgen in den verschiedenen Teilen Europas. Die Mordtat des Einzelgängers wird der anarchistischen Szene insgesamt angelastet. Um der anarchistischen Gefahr zu begeg nen, kommen die europäischen Staaten 1898 zu einer geheimen Antiterrorkonferenz zusammen. Dies ist der Durchbruch einer transnationalen Polizeikooperation. Die Verwissenschaftlichung der Polizeiarbeit tritt ihren Siegeszug an. Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts sieht die Geburt einer Reihe von Wissenschaften, die allesamt naturwissenschaftliche Exaktheit auf das Gebiet der Gesellschaft übertragen wollen. Der Darwinismus wird so ein Modell für die Gesellschaftswissenschaften: Statistik, messende Anthropometrie, Sozialdarwinismus, Geschichtsdarwinismus. Hinzutreten technische Erfindungen, vor allem die Fotografie, von der Walter Benjamin sagt, sie hätte "für die Kriminalistik nicht weniger Bedeutung als der Buchdruck für das Schrifttum". Erstmals scheint es zu gelingen, die Spuren eines Menschen dauerhaft und eindeutig festzuhalten[v].

Der Hauptvertreter einer biologischen Anthropometrie in Italien Cesare Lombroso versucht den Typus des geborenen Verbrechers nachzuweisen, der an bestimmten Körpermerkmalen, Ausdruck eines genetisch bedingten primitiven Zwangs, erkennbar sei. Der englische Begründer einer Eugenik, Francis Galton, fanatischer Rassist, versucht durch zusammengesetzte Fotos eine Art Typologie verschiedener Ethnien und Berufsgruppen, darunter auch der des Berufsverbrechers, zu gewinnen. Galton, dessen Eugenik sich um die Reinheit der "angelsächsischen Rassen" dreht, will solcher Art identifizierte Gruppen durch lange Gefängnisstrafen von der Fortpflanzung ausschließen, damit sie nicht weiter zur Degeneration des englischen Volkskörpers beitragen können.

Eine Amazonasexpedition soll dem "wissenschaftlichen Rassismus" des Biologen Louis Agassiz (18071873) Belege liefern[vi]. Agassiz ist davon überzeugt, dass menschliche Arten klar abgegrenzte Gruppen sind, die sich weder ändern, noch dauerhafte, fortpflanzungsfähige Hybride bilden können. Fotografien sollen die reinen Rassen Brasiliens und die fatalen Folgen der Hybridisierung dokumentieren. Die Anthropologie setzt großes Vertrauen in die fotografische Technik und ihre angebliche Objektivität. Aber es zeigt sich, dass die Fotografien durch ihren Detailreichtum überwältigten. Ein Deutungsrahmen soll nun Details filtern. Agassiz entwickelt einen solchen Deutungsrahmen: Stabile, reine Rassen und jeweils paarweise Zwischenformen. Es entsteht eine Typologie der brasilianischen Rassen. Das Fotografieprojekt scheitert jedoch, stattdessen veröffentlichte Agassiz Fotos nachempfundene, idealtypisch veränderte Grafiken, die sein Deutungskonzept illustrieren sollen. Seinen Reisebericht zieren Bilder typisierter Reinrassiger und Zwischenformen. Durch die Stereotypisierung verhindert er das Risiko, dass der Betrachter seine simplen Klassifikationen in Frage stellt[vii].

 

Die Fahndungsdatei

Im Gegensatz zu den typisierenden Methoden von Galton oder Agassiz setzt der Begründer der modernen Kriminologie, der Franzose Bertillon, auf sichtbare Identifizierungszeichen. Ihm geht es nicht um Klassifizierung und Generalisierung von Gruppen und Rassen, sondern um Unterscheidung der einzelnen Subjekte, um Individualisierung[viii].Bertillon, Fahnder bei der Pariser Polizei, Abteilungsleiter des "service d´identification" im Pariser Justizpalast, identifiziert Kapitän Alfred Dreyfus als den Autor jener Zeilen, die belegen sollen, dass er militärische Geheimnisse an den deutschen Geheimdienst weitergegeben hat. Der so genannte Verräter Dreyfus wird aufgrund dieser graphologischen Expertise 1894 fälschlich auf die Teufelsinsel Cayenne verbannt.

Bertillon war seit 1882 erfolgreich. Mit Hilfe einer von ihm entwickelten und angelegten Datei identifiziert er 49 Wiederholungstäter unter 589 Verdächtigen. Der Verfolgungsapparat des 19. Jahrhunderts, dem Bertillon seine Methode beisteuerte, arbeitete mit dem Konzept der Delinquenz, der Wiederholungstäterschaft. Der anonyme Migrant, der unheilbare Kriminelle, die für die Beamten schwer zu unterscheidenden, dunkelhäutigen Kolonialsubjekte sind die Quelle des Aufstiegs der ersten Identifikationstechnologien.

Die Strafpraxis des Verfolgungsapparats sieht vor, dass Ersttäter eine geringe Strafe, Wiederholungstäter immer härtere Strafen bekommen. Diese neue Verurteilungspraxis erforderte deswegen ein zuverlässiges "Straf und Personenregister". Michel Foucault hat darauf hingewiesen, dass das Konzept der Delinquenz einerseits erst ein Milieu schafft, in dem Verbrechen zur Gewohnheit wird und andererseits die Bedingungen herbeiführt, Kontrollmechanismen über alle Bevölkerungsteile auszuweiten. Alfons Bertillons Methode erlaubt es zum ersten Mal, Wiederholungstäter nach der Messung und Klassifikation von vergleichbaren Körpermerkmalen zuzuordnen. So können Täterkarteien und Strafregister eingeführt werden, die unabhängig von Namen sind. Die "Bertillonage" erfordert aber sehr viel Disziplin. Das Karteisystem umfasst als anthropometrische Daten 12 Gesichts und 7 Körpermerkmale, die exakt vermessen werden müssen. Dazu kommen ein Profil und ein EnfaceFoto, die immer im gleichen Abstand, im gleichen Winkel aufgenommen werden müssen. Das Ensemble dieser Zeichen soll die Unverwechselbarkeit einer Person garantieren. Der Clou der Methode ist jedoch, dass sie zentral zugänglich ist und darum, notfalls telegrafisch, jederzeit Vergleiche und Identifikationen zulässt. Diesem System verhilft die eingangs genannte Terrorkonferenz 1898 zum Durchbruch. Die Pariser Polizei bemüht sich nun, möglichst viele Angehörige verdächtiger Milieus, des Subproletariats und der politischen Verdächtigen, in diese Kartei aufzunehmen. Damit sorgt die Methode zur Ausdehnung der Gruppe der Verdächtigen, sie erzeugt Delinquenz. Kurz vor seinem Tod wird der inzwischen blinde und kranke Bertillon am 13.02.1914 gefragt, ob er eingesehen habe, dass er sich im Gutachten zur DreyfusAffäre geirrt habe. Bertillon aber nimmt seine Be schuldigung nicht zurück, obwohl die Unschuld des Kapitän Dreyfus inzwischen anderweitig erwiesen war. Für ihn waren die Evidenzen seiner Methoden nicht anfechtbar.

Die Bertillonage ist noch eine Zeit lang recht erfolgreich. Was ihre Anwendung jedoch erschwert, sind die strengen Bedingungen ihrer Methoden. Ausgerechnet eine Methode, die der o.g. Rassist Francis Galton systematisierte, sollte die Bertillonage wenn nicht ablösen, so doch ergänzen: Die Daktyloskopie, die Fingerabdruckmethode. Der Typologe Galton verdrängt den Individualisierer Bertillon auf dem eigenen Terrain.

 

Der Fingerprint

Dem Typologen Galton gelingt es, für die Klassifikation des Fingerabdruckes vier Grundmuster einzuführen: Bogen, Schlinge rechts, Schlinge links, Wirbel. Beeindruckend ist die von ihm berechnete Wahrscheinlichkeit für die Übereinstimmung von Fingerabdrücken aller zehn Finger zwischen zwei Personen. Sie beträgt eins zu 64 Milliarden. 1905 wird der Fingerabdruck zum ersten Mal zur Aufklärung eines Mordes eingesetzt. 1921 lässt der amerikanische Präsident Waran Hardin seinen Fingerabdruck öffentlich erfassen. Seit 1941 akzeptieren amerikanische Gerichte Fingerabdrücke ohne weiteres als Beweis.

Der amerikanische Rechtshistoriker Simon Cole[ix] wies kürzlich darauf hin, dass der Fingerabdruck nie rigoros auf seine Fehlerhaftigkeit untersucht wurde. Die Vorstellung, dass zwei Personen nie einen gleichen Fingerabdruck haben, ist eine nie untersuchte Behauptung. Besonders gravierend wird dieses Versäumnis, wenn es um die Identifikation fragmentarischer Abdrücke geht. Das FBI schoss in diesem Zusammenhang ein bemerkenswertes Eigentor. In einem Fall ließ man 50 Niederlassungen des "Bureau" fragmentarische Fingerabdrücke untersuchen[x].Das Ergebnis war niederschmetternd, die Fehlerrate lag bei bis zu 15 %.

Die Geschichte der Daktyloskopie könnte beispielhaft sein für eine Tendenz, die alle Wissenssysteme mit ihr teilen. Anscheinend hat eine Wissenschaftsgemeinde hier die der Kriminaltechniker eine bestimmte Methode so monopolisiert, dass erst gar keine Zweifel an ihr aufkommen können. So konnte diese Gemeinde lange ihre internen Wissensstandards gegen jede äußere Kritik abschotten. Im Gegensatz zur DNAAnalyse, die Falsifizierungsstandards genügt, wirken forensische Wissenschaften heute zum Teil wie der Tummelplatz von Kennern, die Methoden intuitiv anwenden. Selbst Wissenschaftsmethoden neigen dazu, aktuell gültige Konsensmeinungen einer sich und die Methoden selbst autorisierenden Gemeinde zu sein. Und nicht die Kritik oder die mangelhaften Wissenschaftsstandards verdrängen solche Methoden, sondern neue Methoden ersetzen sie, weil die aktuelleren Erkenntnisstandards entsprechen. Der Aufstieg der rigorosen DNA Methode hat die klassische Forensik in Misskredit gebracht. Aus ihrer eigenen Sicht genügte die Daktyloskopie bis dato sich selbst.

1993 änderte der amerikanische Supreme Court im Fall "Daubert gegen Merrel Dow Pharmaceuticals" eine Rechtspraxis, die seit den 20er Jahren bestand: Bis zu diesem Zeitpunkt galt die allgemeine Anerkennung einer Methode in der Gemeinschaft der relevanten Wissenschaftler als Kriterium der Wissenschaftlichkeit. Darum hören wir in den bekannten Gerichtsdramen aus Amerika so oft die Frage nach Veröffentlichungen der Gerichtsgutachter und ihrem Stand in der Wissenschaftsgemeinschaft. Je höher die Zahl der Veröffentlichungen, desto mehr wiegt die Expertenaussage. Nach den neuen "Federal Rules of Evidence" muss eine wissenschaftliche Methode nun ihre Zuverlässigkeit beweisen, indem sie ihre wohldefinierte Fehlerrate ausweist. Die amerikanische Mysterykrimiserie "The XFiles" gibt ein Bild von der heutigen Situation. Die wechselnden Verlässlichkeiten von Evidenzen, übernatürliche Ereignisse und trügerische Wahrnehmung lassen an der wissenschaftlichen, d.h. objektiven Wahrnehmung zweifeln. Die Zeichen täuschen, sie leiten nicht sicher zur Deutung oder zur Wahrheitsfindung an.

 

Die Rassenexperimente der SS

Während des 2. Weltkrieges werden etwa eine Million Menschen aus den polnischen Westgebieten umgesiedelt. Sie sollen Platz machen für Siedler aus dem "Deutschen Reich". Durchgeführt wird diese groß angelegte Bevölkerungsverschiebung durch die SS. Zweck ist die ethnische Neuordnung der von Deutschland annektierten Gebiete. Bereits 1939 hatte Heinrich Himmler, Reichsführer SS, von Hitler den Auftrag zur Eindeutschung der besetzten Gebiete erhalten. Es folgt ein gigantischer Versuch der Neuordnung Europas auf "rassischer Grundlage"[xi]. Zentrales Element der Planung ist die rassische Musterung der Menschen mit Hilfe der Biometrik. Die rassisch Unerwünschten sollen entfernt werden durch Deportation, durch Vernichtung. Dieses Schicksal ist in Europa zeitweilig 31 Millionen Menschen zugedacht, die übrigen sollen zu Arbeitssklaven werden. Eine Minderheit der "gutrassigen Fremdvölkischen" soll in Deutschland umerzogen werden, man spricht von "erwünschtem Bevölkerungszuwachs", von "rassisch Hochwertigen". (Man vergleiche das mit dem Wunsch Michael Skibbes zur Einbürgerung "gutrassiger" Fußballer.) Juden sollen ausnahmslos vernichtet werden. So will es definitiv die am 20.01.1942 bei der Wannseekonferenz beschlossene "Endlösung der Judenfrage"[xii]. Schon ab 1939 beginnt die SS, die Leute in Westpolen aus ihren Häusern zu treiben, sie werden enteignet und vertrieben, in Sammellagern wird eine Auslese nach rassischen Gesichtspunkten vorgenommen. Nur 4% der Personen wird für gut befunden, eingedeutscht zu werden. Rasseexperten der SS sind die Verantwortlichen der Durchführung, ihre Dienststelle ist das Rasse und Siedlungshauptamt der SS in Berlin. In kurzen Lehrgängen werden dort die verschiedensten Berufsgruppen zu Rasseexperten umgeschult. Vier Rassegruppen werden eingeführt, Rassekarten fragen nach 21 Merkmalen, darunter Größe, Augenfarbe, Haarfarbe, Kopfform, Nase, Lippen. Das Urteil über den rassischen Wert hat erhebliche Konsequenzen, es entscheidet über Deportation, Zwangsarbeit oder Anerkennung als wiedereindeutschungsfähig. Ein federführender Rasseexperte ist der Anthropologe und Schriftleiter der Zeitschrift Volk und Rasse, Bruno Kurt Schultz. Er überträgt die Methode der anthropometrischen Rasseselektion aus den polnischen Gebieten in den Westen, sorgt für die rassische Hierarchisierung der lothringischen Bevölkerung. Er fordert die rassische Durchmusterung der europäischen Sowjetunion zur "Ausmerzung der Asiaten" und die Deportation eines Großteils der baltischen Bevölkerung nach Sibirien. Sein Konzept zur "Endlösung der Judenmischlingsfrage" sieht vor, dass nach rassischer Durchmessung die eindeutige Zuordnung zum Volljuden oder Arier erfolgen soll[xiii].

Übrigens haben die meisten der SSFachleute, genauso wie die an rassischen Experimenten Beteiligten der FriedrichWilhelmGesellschaft (der Vorgängerin des heutigen MaxPlankInstituts), keine großen Schwierigkeiten, nach dem Krieg Karriere zu machen. Alte Nazi und SSSeilschaften sichern ihnen weiter leitende Posten im neu gegründeten MaxPlanckInstitut und anderswo[xiv]. Bruno Kurt Schultz kam als Anthropologe in der Universität Münster unter. Schultz macht nach dem Krieg als Zeuge vor Gericht für sich geltend, die menschliche Seite der Selektion berücksichtigt zu haben: Es sei ihm nur um die "gutrassigen Anteile" der Bevölkerung gegangen, nicht um die Ausmerzung der "Minderwertigen".

Ein ähnlich gelagerter Fall ist der des bekannten Verhaltensforschers Konrad Lorenz[xv]. Lorenz beteiligte sich seinerzeit am o.g. Projekt der "Wiedereindeutschung". Die zentralen Kategorien der von Lorenz betriebenen Verhaltensforschung sind Instinkt, Prägung, angeborenes Verhalten und Domestikation. Instinkt war für Lorenz ein disziplinierendes Mittel in der von Gewalt und Konkurrenz durchsetzten Ordnung der Natur. Die zivilisatorisch bedingte Degeneration dieser angeborenen Verhaltenselemente musste aus seiner Sicht zu Chaos und Zerfall in der Gesellschaft führen. Zur Wiederherstellung der "natürlichen Ordnung" boten sich da eugenische Mittel an, um degenerierte Verhalten auszuklammern. Die Art, das Volk, die Rasse waren diejenigen, die von der Auslese Nutzen hatten, nicht das Individuum. In jeder biologistisch begründeten Anthropologie findet sich ein unabänderlicher, von der frühen Stammesgeschichte geformter, biologischer Wesenskern, der mit Aspekten der modernen Zivilisation in ständigem Konflikt steht. Natur und Kultur/Zivilisation werden als konträre Pole aufgefasst. Kommt nun etwas Zivilisationskritik dazu, wird der Hang zur eugenischen Wiederherstellung des Naturzustandes deutlich.

Das Modell von unabänderlicher Natur und formbarer Kultur, von bleibendem und flüchtigem, von angeborenem und erworbenen Verhalten, geht aber der Frage aus dem Weg, welche Mechanismen individuelles Verhalten erst ausformen. Individuelles Verhalten ist dann nur eine Schnittstelle von unabänderlichen Instinkten, die sich aktuell zum Ausdruck bringen, das Einzelne und Singuläre ist nur Sonderform des Allgemeinen, geht darin vollkommen auf.

 

Gesichtserkennung heute

Ein einmaliger Versuch beginnt Ende 2001 in der Stadt Fresno in Kalifornien/USA. In der Abfertigungshalle des Flughafens wird ein Überwachungssystem installiert, das auf einem aufwendigen Computerprogramm beruht. Es vergleicht die von Videokameras erfassten Bilder der Gesichter Flugreisender mit Datenbanken der gespeicherten Bilder von gesuchten Terroristen. Etwa gleichzeitig verlangt der amerikanische Justizminister Ashcroft, der Bundespolizei mehr Freiheiten bei der Terroristensuche einzuräumen: Lauschangriffe auf Telefon und Internetanschlüsse sollen möglich werden. Auch der deutsche Innenminister Otto Schily plant bei der Einführung des "Sicherheitspakets" ähnlich wie das amerikanische Repräsentantenhaus am 24.10.2001 die Ausweitung der Speicherung biometrischer Kennzeichen, d.h. Iris, Körper und Gesichtsmerkmale, Fingerabdrücke, sowie deren Aufnahme in Pass und Personalpapieren. Hier scheint der Versuch vorzuliegen, eine Totalerfassung der Bevölkerung, z.B. über Fingerabdrücke, durchzusetzen. Auch könnten Gesichter über zentrale Videodateien verglichen und eine allgegenwärtige Personenüberwachung möglich werden.

Der Vergleich von Gesichtern mit Hilfe von Computerprogrammen erscheint als eine gute Idee. Mehr als zwei Wochen nach den Terroranschlägen des 11. September gab das FBI Bilder des mutmaßlichen Terroristen Atta frei. Man sah ihn vor einem Geldautomaten, beim Einkauf im Supermarkt, wie er mit seinen Komplizen am Tag des Anschlags die Sicherheitskontrollen am Flughafen im Portland passierte. Hätte der Terrorakt also verhindert werden können? Kann man für die Erhöhung der Sicherheit nicht etwas Einschränkungen der persönlichen Freiheit hinnehmen? Man stelle sich vor, die Gestapo hätte diese Möglichkeit der digitalen Überwachung gehabt! Zwar ist das FBI nicht die Gestapo, aber Amerika plant jetzt mit großem finanziellem Aufwand die Gründung einer nationalen Überwachungsbehörde. Und unter J. Edgar Hoover heute weiß man das leistete sich das Büro zahlreiche Verstöße gegen die Menschenrechte. Man erinnere sich an die Hetzjagd gegen kritische Zeitgenossen oder mutmaßliche Kommunisten, die ohne die Spitzelarbeit des FBI nicht möglich gewesen wäre. Aktuelle Superrechner mit der entsprechenden Rechen und Speicherkapazität könnten in Echtzeit Gesichtserkennung vornehmen. Heute entkommt schon niemand der Videoüberwachung, Gesichtserkennung geht aber viel weiter. Gleicht man diese Programme mit weiteren Dateien ab, zum Beispiel Dateien von Kreditkartenunternehmen, Telefongesellschaften, Festplatten der Unternehmen, die Straßenmaut kassieren, etc., erhalten wir das Bild des gläsernen Menschen. Damit wäre man im Zeitalter der permanenten Rasterfahndung angelangt. "Das Ideal der völlig freien Beweglichkeit, das sich in der westlichen Gesellschaft über lange Zeit gebildet hat, ist destruktiv" so der Gründer der Firma "ZN Vision Technologies", die Gesichtserkennungsprogramme entwickelt und vertreibt[xvi].

Der moderne Steckbrief

Der moderne Steckbrief hat mehr mit dem schon erwähnten rechtlosen Zigeuner zu tun, als man denkt und als einem lieb sein kann. Wir sehen im Steckbrief das Spiegelbild jener Dokumente, die uns doch als gute, brave Bürger ausweisen. Ein Passbild hat aber auch immer gleich den Anschein, ein Konterfei eines gesuchten Illegalen zu sein. Während Odysseus, nach langer Reise zurückgekehrt, sich an seiner Narbe als König von Ithaka ausweisen konnte, der mittelalterliche Würdenträger am Amtssiegel, müssen wir uns mit Hilfe von Papieren bestätigen lassen, wer wir eigentlich sind. Steckbriefe (≈ Ausweis) sind so etwas wie eine Verdoppelung. Unser Ausweis ist unser wahrer Doppelgänger, insofern wir ihm zu gleichen haben. Jeder ist so nur die Dublette seiner Dokumente. Oder noch genauer: Es liegen zwei Körper vor. Ein sublimer Körper (die Repräsentation als Bürger) und das materielle Anhängsel, das unser eigentlicher Leib ist. Der Ausweis schließt scheinbar die Lücke dieser beiden Körper. Der Richtigkeit der Repräsentation wird durch möglichst fälschungssichere Garanten verbürgt (besondere Kennzeichen, Fotos). Ausweis wie Steckbrief bleiben unsere beunruhigenden Doppelgänger bis heute, weil sie deutlich machen, wie nah man ohne Dokumente einer rechtlosen, nackten Existenz ist.

 

Psychophysiognomik

Wilma Castrian legt mit dem "Lehrbuch der Psychophysiognomik"[xvii] ein Werk vor, von dem sie im Vorwort sagt, es diene der "aufmerksamen Registratur (…) und Interpretation eines Menschen", es wolle "die vielschichtigen Signale in Gemeinschaft mit allen anderen psychologischen Methoden und Bemühungen transparenter machen", es wolle weiter "differenzierte Menschenkenntnis und tieferes Verständnis der inneren, seelischen Befindlichkeit eröffnen" und schließlich "Toleranz erreichen (…) durch fortlaufende Differenzierung, Integration und Konzentration der geistigen Energie". Man hat also gleich das Gefühl, Frau Castrian habe sich sehr viel vorgenommen, so gewaltig kommt die umfassende Allgemeinheit des philanthropischen Anspruchs daher. Der Begründer der modernen Psychophysiognomik, Karl Huter, ist Castrians Gewährsmann. Leitende Zitate aus Huters Werken dienen ihr zur Einleitung: "Die Formerkenntnis gibt uns Aufschluss über alle Dinge und ihr inneres, geistiges Wesen", "es gehen mit allen seelischen Vorgängen mehr oder weniger chemische, mechanische und physiologische Abläufe einher" und "die Erziehung erhöht und schwächt die Anlagen, ohne sie zu schaffen und zerstören zu können". PsychoPhysiognomik verbindet Psychologie und Biologie mit Hilfe der Deutung von Körperformen und Merkmalen. Die "Sprache" des Körpers, vor allem die Sprache des Gesichts will sie als Ausdruck der Seele deuten. Es geht dabei um Lebenshilfe bei der Partnerschaft, um Selbsterkenntnis und um Diagnosestellung. "Mit Hilfe dieses Systems ist es uns möglich, aus den genetisch geprägten Form und Ausdrucksarealen eines Menschen seine Persönlichkeit in seiner Ganzheit zu erfassen."[xviii] Die leitende Idee ist dabei, dass "wie bei einem Samenkorn" formende, kosmische wie irdische Energien ein "genetisches Programm" aktivieren, dass über verschiedene Energien, die die Vitalität ausmachen, eine bestimmte Gestalt wachsen lässt. Diese sichtbaren Projektionen sind durch die Psychophysiognomik interpretierbar.

Castrian geht es definitiv um Interpretation und Entschlüsselung. Ein Diagramm gibt Aufschluss über das "Grundgesetz des Psycho Physiognomischen Geschehens":

Etwas, ein Organismus etwa, erhält einen Reiz und verändert sich,

der Organismus verarbeitet die Reize im Innenraum, dann entäußert sich dieser Prozess wieder an der Oberfläche und

zeigt diesen Prozess im Äußeren an.

 

Dies ist nun eine Denkungsart/Gesinnung, die uns aus der Vormoderne gut bekannt ist. Wir befinden uns in einem Wissensfeld, in dem die Welt als Ganzes und alles, was die Welt bevölkert, universelle Verhältnisse unterhält. Eine Welt, in der die Dinge sich durch Ähnlichkeiten, durch Sympathien und Resonanzen durchdringen und beeinflussen. Alles bezieht sich aufeinander, alles ist sichtbar, denn überall geben sichtbare Zeichen Aufschluss über Vorgänge, die nur scheinbar verborgen sind. In der Welt des Wissens über die universellen Zeichen gibt es also keine Geheimnisse, auch nicht das uns heute geläufige, scharf von einem Außen getrennte und damit unsichtbare Reich des Innen. Alles, was es gibt, wirkt. Und alles, was wirkt, wirkt durch Zeichen. Ist die Logik dieses Wissens noch vormodern, so mischen sich bei Castrian andererseits auch moderne Gedanken ins Verständnisgebäude. Wenn z.B. von Genetik die Rede ist, von Prägung, Reizreaktionen, Physiologie etc., dann hat man Begriffe vor sich, die nur in der modernen Trennung von Innen und Außen funktionieren.

 

Das Genom als Steuerungsorgan einer Biosynthese, die zentralen Begriffe der Vererbung, das Konzept von Genotyp und Phänotyp, das hier anklingt all das hat seine große Zeit erst am Ende des 19. Jahrhunderts. Auch die Anforderung, dass die Ergebnisse der Physiognomik jederzeit reproduzierbar sein müssen, klingt wie ein moderner, wissenschaftlicher Anspruch. Ebenso klingen die Begriffe der Verhaltensforschung und der vergleichenden Verhaltungsforschung an. Castrian unterscheidet mit Huter drei primäre Modelle: Das Ernährungsnaturell, das Bewegungsnaturell, das Empfindungsnaturell. Jedes Naturell hat ein typisches Aussehen. Biologisch leitet sie die drei Naturelle von den drei Keimblättern in der frühen embryonalen Entwicklung ab:

Endoderm als Ursprung des Ernährungstyps

Ektoderm als Ursprung des Empfindungstyps

Mesoderm als Ursprung des Bewegungstyps.

 

Die primären Naturelle unterhalten dann noch drei sekundäre Mischformen. All diese Naturelle habe ein charakteristisches Aussehen und korrespondierende Psychologie. Auch tertiäre Naturelle sind bekannt, "allerdings sind sie mit geringem geistigen Interesse und mangelhaften Entwicklungsbegehren angelegt und lassen starke Ausstrahlung vermissen". "Daneben gibt es die neutralen Naturelle, die antriebs und willensschwach, geistig indifferent angelegt sind und der Schulung und Führung bedürfen" hier klingt zart die etwas hässliche Seite, der Schatten der biologischen Anthropometrie an.

Festzuhalten bleibt, bei allem irgendwie spürbaren Willen zur politischen Korrektheit und Philanthropie, dass die leitende Vorstellung, dass biologische Tatsachen formleitend, Welteinflüsse aber bloß korrigierend eingreifen, die klassische Vorstellung der biologischen Anthropometrie ist. Wenn also biologischen Tatsachen führend gegenüber pädagogischen/sozialen Aspekten des Menschenbildes sind, besteht natürlich das Risiko, dass auch der pädagogisierende, menschenverbessernde Ansatz der Methode den grundsätzlicheren biologischen Menschenwesen nachrangig ist, dass heißt jederzeit geopfert werden kann. Das Problem einer menschenfreundlich gehandhabten, biologischen Menschenkunde ist also kurz: Die Menschenfreundlichkeit kann als immanent nachrangiges Moment auf der Strecke bleiben. Wer annimmt, dass Organismen vor allem biologisch und natürlich handeln und diesen Organismen nachträglich normativ einen sozialen Verhaltenskodex anhängen will, geht eine unvereinbare Verbindung ein. Denn wenn sich Charakter im wesentlichen genetischen und nicht etwa sozialen Prinzipien verdankt, ist eine biologische Charakterologie leicht geneigt, die ethischen Anteile als die nicht grundsätzlichen abzuschütteln.

Biologen würden ihren Gegenstand, den Bios, heute etwa so formulieren: Die anpassungsbedingte Optimierung eines biologischen Reproduktionsprogramms ist der Kern der biologischen Lebensformen. In diesem Verständnis von Leben ist sowohl der Entwicklungsbiologie des Darwinismus, als auch die Vererbungsbiologie der Genetik aufgehoben. Keine biologische Konzeption wird auskommen ohne Berücksichtigung dieses letztlich auf Eugenik basierten Optimierungsprogramms.

 

Homöopathie und Anthropometrie

Auch in der Homöopathie scheint eine Anmischung von typisierenden und individualisierenden Anteilen in Konkurrenz zu stehen. Typisierender Anteil ist dabei die Miasmentheorie. Beim Miasma handelt es sich um ein zwar erworbenes, aber dann vererbtes, also im Grunde biologisches Potenzial. Das Miasma betrifft die Menschheit als Gattung, ist eine "Urpathologie" aller Menschen und ihrer Biologie. Einem alten Schema folgend, nimmt Hahnemann hier drei Grundformen an. Miasmen sind also eine unveränderliche, biologisch stabile Tatsache. Im Gegensatz dazu steht die "§153Homöopathie", der es um Individualisierung geht. In ihr regieren zwei Prinzipien:

1. Das Prinzip der Ähnlichkeit, das heißt gegen jede Krankheit gegen die Zeichen der Krankheit ist ein Kraut gewachsen: Prinzip der Entsprechung, der Resonanz oder eben der Analogie ein vormodernes Erkenntnisprinzip.

2. Das Prinzip der Differenz, der Unterscheidung. Die Summe der Zeichen macht hier den Unterschied. Das Ensemble der Signaturen, der Befindensänderungen macht die Diskriminierung, die Besonderung möglich: Prinzip der Individualisierung.

Zwischen Typisierung (Miasmenlehre) und Individualisierung besteht ein alter Streit in der Homöopathie. Alfonso MasiElizalde hat in seinem Konzept versucht, diesen Streit zu versöhnen: Die miasmatische Dynamik als allgemeines, unveränderliches Gattungsmerkmal der Menschen finde ihre Aktualisierung in der besonderen Symptomatik des singulären Einzelfalls. Eindeutig typisierende Effekte wie die Psychophysiognomik Huters könnten theoretisch im ersten Konzept Hahnemanns aufgehoben werden, jedoch fasst MasiElizalde die Miasmen als Strukturen der Psyche, als Reaktionsweisen des Psychischen auf; er nimmt ihnen damit ihren biologischen Kern. Bei S.Ortega z.B. überwuchert der Biologismus den Individualismus der Homöopathie gänzlich. Seine Miasmen sind biologische, gewebliche Reaktionsmuster. Für die singulären Einzelfälle bleibt da wenig Spielraum. Eine schlüssigere Theorie als die Theorie MasiElizaldes, der die biologische Kategorie "Miasmen" mit der Homöopathie versöhnt, scheint nicht in Sicht zu sein.

 

Die dreizehn Vogelfreien

Andy Warhol hat als Auftragsarbeit die Portraits der dreizehn meistgesuchten Verbrecher der Vereinigten Staaten für die Weltausstellung 1964 an die Außenwand des New Yorker Pavillons gehängt. Zweiundzwanzig grobgerasterte Tafeln der "Thirteen Most Wanted Man". Der politische Skandal dieser überdimensional vergrößerten Steckbriefe brachte Warhol dazu die Bilder noch vor der Eröffnung mit Aluminiumfarbe zu übersprühen: Blinder Spiegel Amerikas, Memento einer Ausblendung[xix]Zur WarholAusstellung in Berlin 2001 sollten nun diese wilden Dreizehn ins Foyer der Nationalgalerie. Doch wiederum verbannte man die Portraits, diesmal in den Innenraum der Ausstellung. An die exponierte Stelle hängte man stattdessen eine andere DreizehnMannTruppe: "Last Supper", das letzte Abendmahl nach Leonardo da Vinci, in großflächigem Breitwandformat. Besteht so fragt man sich eine direkte Verbindung von Christus, der Doppelfigur aus Sohn Gottes und Menschensohn und dem nackten Leben der dreizehn Vogelfreien? Haben denn die dreizehn meistgesuchten Täter, sichere Todeskandidaten, noch mehr als ihre nackte Existenz, während ihre zivile Individualität vollkommen im Steckbriefbild aufgeht, oder besser noch, die zivile Identität im Fahndungsaufruf vollkommen durchkreuzt, getilgt wird? Erinnert sich noch jemand an die Fahndungsbilder der RAFTerroristen in den 70er Jahren und die Durchkreuzung ihrer Konterfeis, wenn sie gefasst oder getötet waren? Heute scheinen der Mensch und sein Portrait eben so veränderlich und auslöschbar wie eine digitale Fotografie, die willkürlichen Computermanipulationen ausgesetzt wird. In der bildenden Kunst sind der Mensch und seine Authentizität und Individualität schon längst unsicher. Der Maler Gerhard Richter visualisiert die unheimliche Transformation, in die sich das Individuum auflöst. Löst sich das Gesicht auf, verliert sich diese scheinbar identitätsstiftende Oberfläche, so verliert auch eine ganze Welt die Konturen, die ehemals von festen Strukturen geordnet war.[xx]

 

Alle Zeichen haben ihre Zeit

Die Geschichtlichkeit von Zeichen ist uns unter anderem durch Friedrich Nietzsche nahe gebracht worden. Zeichen sind für Nietzsche einerseits Anhaltspunkte für eine symptomatologische Lektüre, d.h. Zeichen geben Aufschluss darüber, wie sich etwas darstellt und wie es zur Darstellung kommt. Ein Beispiel: Geschlechterverhältnisse, also die aktuelle Stellung von Mann und Frau in der Gesellschaft, haben direkten Einfluss, wie in der medizinischen Forschung Prozesse interpretiert werden: Die Vorstellung, die Eizelle habe bei der Befruchtung nicht viel mehr beizutragen, als wie Dornröschen durch das Eindringen des Prinzen/Spermiums wachgeküsst zu werden, ist abgelöst worden, als sich mit der wandelnden Gesellschaft die Metaphorik von der Rolle der Frau wandelte. Im Augenblick wo man Frauen gesellschaftlich eine aktivere Rolle zubilligte, entdeckte man die aktiven, biologischen Prozesse der Eizelle bei der Befruchtung. Schließlich führte das zur Vorstellung von Verschmelzung von Spermium und Eizelle.

Wissenschaft steht semiotisch auf gesellschaftlichem Boden. Einerseits also sind Zeichen Anhalt für Symptome und Gesellschaft. Die Weise, wie die Gesellschaft die Dinge sieht, sagt etwas über die Gesellschaft und die Dinge aus. Andererseits sind die Zeichen rhethorische Mittel der Interpretation oder der Überwältigung. "Strafe" ist ein solches Zeichensystem der Überwältigung. Nietzsche unterscheidet einen dauerhaften Anteil an der Strafe, also eine gewisse Strenge, in der die Prozeduren über die Jahrhunderte gleich bleiben. Und einen zweiten, flüssigen Anteil an ihr, den historisch veränderlichen Sinn und Zweck und die Erwartung "welche sich an die Ausführung solcher Prozeduren knüpft". Hier versteht Nietzsche Strafen als Unschädlichmachen, als Abzahlen des Schadens, als Abschreckung, als Vergeltung, als Gedächtnismachen oder Strafe als Fest, als grausames Spektakel. In der Geschichte der Strafe fließen all diese verschiedenen Zwecke und Auslegungen zusammen. "Es ist heute unmöglich, bestimmt zu sagen, warum eigentlich gestraft wird. Alle Begriffe in denen sich ein ganzer Prozess semiotisch zusammenfasst, entziehen sich der Definitionen, definierbar ist nur, was keine Geschichte hat."[xxi] Geschichte ist das Feld auf dem politische Organe, Rechtssysteme, gesellschaftliche Sitten, politische Bräuche, Kunstformen, religiöse Riten miteinander um die Vorherrschaft kämpfen. Geschichtsschreibung ist die Neuauslegung dieser interpretationsbedürftigen Zeichenprozesse.

Fazit

Interpretation ist sowohl reaktiv als Analyse zu verstehen, als auch aktiv als "Zurechtmachung". Nietzsche eröffnet mit der grundsätzlichen Interpretationsbedürftigkeit der Zeichen einen Spielraum von dem er sich selbst nicht ausnimmt. "Es ist schwer, verstanden zu werden. Schon für den guten Willen für einige Feinheit in der Interpretation soll man von Herzen dankbar sein, an guten Tagen verlangt man gar nicht mehr an Interpretationen. Es dünkt mich besser, missverstanden als unverstanden zu werden. Es ist etwas Beleidigendes dabei, verstanden zu werden. Verstanden werden? Ihr wisst was das heißt? Comprendre, c´est égaler."

 

Für Nietzsche ist die Welt eine Welt der Zeichen, die ausgelegt werden will. Wahrheit ist nicht die Übereinstimmung von Zeichen und Wesen eines bezeichneten Dings, Wahrheit ist ein Verhältnis von Zeichen untereinander. Das kann wieder reaktiv und aktiv gedeutet werden: Als Verzweiflung über eine verlorengegangene Verankerung der Zeichen in der Welt, oder als Mutwille, die Welt neu zu interpretieren und dabei zum Subjekt zu werden.

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[i]  Überarbeitete Fassung eines Vortrags, gehalten auf der FORM.-Jahrestagung am 15.6.2002 auf Norderney.

[ii] Kämmerlings, Richard, Was fasert der denn da? Genpool statt Whirlpool: Michael Skibbe denkt in Bochum praktisch, in: FAZ vom 2.02.2002, S. 45

[iii] Groebner, V., Besondere Kennzeichen: Der Gesuchte ist ein Individuum, in: FAZ vom 11.12.01, S. 51
s.a.: Nicklis, Hans-Werner, Zur Vor- und Frühgeschichte des Steckbriefes, in: Mediävistik 5 (1992), S. 21ff.
s.a.: Regener, Susanne, Fotografische Erfassung, Zur Geschichte medialer Konstruktion des Kriminellen, Wilhelm Fink Verlag, 1999

[iv] Semler, Christian, Von der Datenfresssucht, in: TAZ, 2.06.01, S. 16

[v] Die Kritik der bildgebenden Verfahren (der Fotografie, der Röntgenbilder, der Sonographie etc.) weistt auf das Konstruierte eines Bildes hin: Ein Bild, z.B. ein Fotoportrait schafft als scheinbar getreues Abbild eines Gegenstandes, als Repräsentation seiner Quelle, nämlich des Portraitierten, überhaupt erst die Tatsache der Unverwechselbarkeit des Abgebildeten. Bilder konstruieren Wirklichkeit, sind die Ursache ihrer Wirkung. In der Literaturwissenschaft ist diese Paradoxie als Metalepsis bekannt.

[vi] Weber, Thomas, Eiszeit in den Tropen, in: FAZ, 23.01.02, S. N3

[vii] Müller-Jung, Joachim, Was ist "genetische Identität"?, in: FAZ, 8.12.01, S. 40. Scheinbar sind sich Molekularbiologen heute nach der "Entzifferung" des Humangenoms einig, dass menschliche Rassen ein kulturelles und nicht genetisches Phänomen sind. Untersucht man Angehörige verschiedener Volksgruppen, so zeigt sich, dass die genetischen Differenzen zwischen den vermeintlichen Rassen geringer sind, als die Unterschiede innerhalb dieser Gruppen.

[viii] Vgl. Parry, Eugenia, Crime Album Stories, Zürich 2000

[ix] Cole, Simon A., Suspect Identities. A History of Fingerprint as Criminal Identification, Harvard University Press, 2001

[x] Weber, Thomas, Er hat seine Schuldigkeit getan, in: FAZ, 7.08.01, S. 41

[xi] Heinemann, Isabel, Und bist du nicht gutrassig, dann brauch ich Gewalt, in: FAZ, 20.01.01, S. 52

[xii] Aly, Götz, Die vielfachen Tatbestände zum Mord an den europäischen Juden, in: FAZ, 15.01.02, S. 49.
s.a.: Pohl, Dieter, Nationalsozialistische Judenverfolgung in Ostgalizien 1941-1944, R. Oldenbourg Verlag, 1996
s.a.: Aly, Götz, Endlösung. Völkerverschiebung und Mord an den europäischen Juden, Fischer Taschenbuch Verlag, 2000

[xiii] Hierbei ist man erinnert an den Zwang zur eindeutigen Festlegung des sozialen Geschlechts, und der Unzulässigkeit von Mischformen der Geschlechtlichkeit.

[xiv] Ebbinghaus, Frank, Der Preis der Forschungsfreiheit, die sie meinen. Taten deutscher Wissenschaftler innerhalb der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft während des Dritten Reiches und danach. Ein Forschungsbericht, in: FAZ, 29.01.2002, S. 49.
s.a.: Klee, Ernst, Deutsche Medizin im Dritten Reich. Karrieren vor und nach 1945, S. Fischer Verlag, 2001,
s.a.: Götz Aly, Macht, Geist, Wahn, Fischer Verlag, 1999,
s.a: Kaufmann, Doris (Hrsg.), Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Nationalsozialismus, Wallsteinverlag, 2000

[xv] s. Föger, Benedikt / Taschwer, Klaus, Die andere Seite des Spiegels. Konrad Lorenz und der Nationalsozialismus, Czernin Verlag, 2001

[xvi] Prof. Dr. Christoph von der Malsburg, Mitbegründer der Firma ZN Vision Technologies AG in einem Interview der TAZ vom 12.12.01

[xvii] Castrian, Wilma, Lehrbuch der Psycho-Physiognomik, Heidelberg 2001

[xviii] "Seele bedeutet Rasse, gesehen von innen, und umgekehrt ist die Rasse der äußere Aspekt der Seele", so Alfred Rosenberg, der NS-Rassenideologe. Es sei zumindest auf die prinzipielle Vereinbarkeit dieser These mit der der Psychophysiognomik hingewiesen.

[xix] Rose-Maria Gropp, Andy hinter den Bildern, in: FAZ, 11.10.01, S. 55

[xx] Der Maler Gerhard Richter wählte in den 60er Jahren das Mittel der verschwommenen Fotografie, um die Unsicherheit von Identität darzustellen.

[xxi] Nietzsche, F., Zur Genealogie der Moral, in: Werke II, S.820, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Hrg. K.Schlechta.


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