Materialien zum Homöopathischen Diskurs
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Homöopathie

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Christian Gallasch


BILD dir deine Meinung -

Homöopathische Aisthesis zwischen Hermeneutik und Dekonstruktion

PDF-DateiDie ganze Ausgabe 4.Jhg.-Nr. 2/2002 als PDF-Datei

Nun ist er schon wieder ein paar Tage tot, der Hans-Georg Gadamer, Patriarch der Kunst des Verstehens, der Hermeneutik. Als ob er erst hätte sterben müssen, um posthum das Ohr der Homöopathen zu erreichen. Ist er in seine Schrift hineingestorben? Ist erst hörbar, wer die Schwelle überschritt, den Styx durchschwamm? Die Schrift eines Toten. Ein beklemmender Spalt tut sich auf zwischen ihm und uns: Widerruft seine Schrift diesen Spalt? Lesen wir ihn (und seine Entwürfe und Spiegelungen) oder uns (und unser namenloses Begehren) oder keines von beiden?

Auch Samuel Hahnemann gilt als tot, für manche Zeitgenossen so tot wie das Lateinische, das doch unbeirrt und vital die europäischen Sprachen, die romanischen zumal, durchgeistert. Zum Schlossgespenst ist Hahnemann geworden, seine zahllosen Verkleidungen verwirren.

Es scheint, als klemme die Homöopathie in einem unerbittlichen Zwischen[i]. Die eine Seite wird markiert durch die Rede vom Verstehen: Den Patienten sollen wir verstehen, durch unbefangenes Zuhören[ii], durch Empathie, zuletzt gar durch ähnlich-Leiden[iii]: All das zum Zwecke des Heilens von Krankheiten, bzw. zur Wiederherstellung von Gesundheit (Org. §2). Hahnemanns Begriff vom Verstehen hatte allerdings kaum bewusst hermeneutische Dimensionen: "Langsam zu sprechen ermahne sie [den Kranken und die Angehörigen; C.G.] der Arzt gleich Anfangs, damit er dem Sprechenden im Nachschreiben des Nöthigen folgen könne"[iv]. Um die "Treue im Aufzeichnen" geht es ihm vordergründig.

Der so benannte Vorgang ist allerdings bemerkenswert: Der Kranke klagt, spricht, der Arzt schreibt nach. Ein Vor-Sprechen, ein Auf- und Nach-Schreiben. Das ist die Inversion einer Vor-Schrift, die nach-gesprochen wird.

Wir sind Nach-Schreibende des Vor-Gesprochenen; Ergebnis sind die Ver-Schreibung und das Ver-Sprechen der Heilung. Ein scheinbar schriftloses Sprechen seitens des Kranken mündet in das schreibende Versprechen des Arztes.[v] Der Arzt schreibt sich in den Patienten ein, sein Griffel ist der Globulus.

Hatte sich der Patient zuvor in ihn eingeschrieben? Er hatte: Sprechend hat er seine Beschwerden be-schrieben. Ein Fugato: Der Patient schreibt sich in den Arzt ein, mit unmessbar kleiner Verzögerung schreibt sich der Arzt in den Patienten ein.

An welcher Stelle dieser Begegnung nun ereignet sich das, was wir gemeinhin Verstehen nennen? Und: Wie ist dieses Verstehen beschaffen?

Dies ist die eine Seite.

Die andere Seite enteignet uns, wenn wir nicht verstehen, sei es, daß wir ganz pragmatisch jenes Gefühl der Unentscheidbarkeit, der Aporie in der Arznei-Entscheidung erleben, sei es, daß wir existentiell die unerbittliche Kluft zwischen dem Kranken und uns ahnen, das Kar, wo vormals wenigstens ein Gletscher gewesen sein mochte, jetzt nur noch die klaffende Unüberbrückbarkeit gähnt.

Unser Verschreiben kommt aus der nackten Willkür und trifft unweigerlich ins Leere. Dies ist die basale Angst jedes Homöopathen. Sie gebiert fortwährend neue Abwehrstrategien, z.B. in Form immer ausgeklügelterer Methoden-Bouquets - Vor-Schriften und Ab-Sprachen - (deren Halbwertszeit im Verhältnis zu ihrem propagandistischen Lärmpegel zu schrumpfen scheint) oder sich betont rational gerierender Reduktion von Heilungsdefinition und -Erwartung auf das Ephemere eines Antibiose- oder Belladonna-D4-Scharmützels.

Verstehen ist Illusion, jeder Widerlegungsversuch widerlegt sich selbst, wir stehen frierend am Grab unserer geschei(ter)ten Maßnahmen zur Rettung unserer Visionen. Dies ist also die andere Seite. Es gehört zu ihr, daß ich Namen wie Jacques Lacan oder Jacques Derrida ausdrücklich verschweige, im Verschweigen zum Sprechen bringe und so das Schweigen als Unmögliches kenntlich mache.

Und schließlich: Wo situiert sich das Hören?

Ein Verweis sei gestattet auf das von A.Masi-Elizalde interpretierte Hering-Dictum, die Homöopathie könne nur begreifen, wer die Beziehung zwischen Opium und Camphora, zwischen nestwarmer Seligkeit und grabkaltem Entsetzen begriffen habe.[vi]

Das Verstehen, stets im Verdacht, naiv-konfliktscheu Symbiose (≈ Gottnähe) zu beanspruchen, und das Nicht-Verstehen, stets im Verdacht, depressiv-zynisch Antibiose (≈ Gottferne) zu situieren - wir spüren, daß unser Diskurs nicht in dieser polaren Engführung enden kann.

Im Folgenden werde ich die zwei Seiten zunächst für sich betrachten.

Ver-stehen / Ver-ständigung / Ver-stand

"Und so läßt sich der Arzt die nähere Bestimmung von jeder einzelnen Angabe noch dazu sagen, ohne jedoch jemals dem Kranken bei der Frage schon die Antwort zugleich mit in den Mund zu legen (....); sonst wird dieser verleitet, etwas Unwahres, Halbwahres oder wirklich Vorhandenes (...) zu bejahen oder zu verneinen, wodurch ein falsches Bild der Krankheit und eine unpassende Kurart entstehen muß".[vii] In der zugehörigen Fußnote warnt Hahnemann noch vor der "verführenden Suggestion" einer falsch gestellten Frage. Nun ja: Es gibt offenbar etwas Wahres und etwas Unwahres. Und dann gibt es noch etwas Halbwahres.

Um die erstrebte Wahrheit zu erforschen, bringt Hahnemann dem Patienten ein erhebliches Vertrauen entgegen: "..., denn diesem ist in Absicht seiner Empfindungen (...) der meiste Glauben beizumessen."[viii] Diese als quasi naturhaft proklamierte Gewissheit in der Wahrnehmung der Wahrheit des Patienten hat seither zahllose Homöopathen in zyklische Selbstzweifel gestürzt oder zu übermenschlichen Anstrengungen angespornt, das Rätsel der Aisthesis[ix] irgendwie "wissenschaftlich" zu lösen: Die Auskünfte des Patienten und ihre "Übersetzung" in ein "ähnliches" Arzneimittel sind nun mal die tradierten Grundparameter homöopathischen Handelns.[x] Bisherige Diskussionsbeiträge reichen freilich über Husserl / Heidegger - unter dem Stichwort "Phänomenologie" - nicht hinaus. Wir kommen nicht umhin, sie kurz anzuschauen.

Der Wortführer dieses phänomenologischen Paradigmas ist innerhalb der Homöopathie zweifellos Will Klunker gewesen, der uns leider für weiteren Diskurs nicht mehr zur Verfügung steht. In etlichen Schriften[xi] möchte er uns einschwören auf eine Homöopathie mit apriorischer Heilungsgewissheit.[xii] Dabei bezieht er sich auf Medard Boss´ Studien, der Heidegger etliche Male zu den Zollikoner Ärzte-Seminaren eingeladen hatte.[xiii] Ergebnis war der Entwurf einer Revision der (schul-)medizinischen Wissenschaftstheorie, an die sich dann W.Klunker aus Homöopathensicht anhängte. Er mündet in die vollmundige These, lediglich und ausschließlich die Homöopathie sei grundsätzlich in der Lage, dem (von Heidegger und Boss paradigmatisch vorgegebenen) menschlichen Dasein heilend zu entsprechen.[xiv]

Edmund Husserl hatte bei seinem Bemühen, denkend die Welt - und nicht nur eine beliebige Vermeintlichkeit von Welt - zu erfassen, in cartesianischer Manier nach einem halbwegs sicheren Aussichtsturm gefahndet. Was Descartes der Zweifel, war Husserl die "Intentionalität" geworden: Die intentionale Struktur des Bewusstseins, also sein Sich-auf-etwas-Richten, ist ihmzufolge ausreichende Gewähr für die getreue Aneignung der Phänomene[xv]. Damit ist eine Prämisse gesetzt, die allerdings die Intentionalität als Begriff überhaupt erst konstituiert. Das ist, als wollten wir die Frage nach der Erstgeburt von Ei und Henne vom Omelett her beantworten.[xvi]

Das fiel Husserls Schüler Heidegger auch bald auf.

Er begann, die Möglichkeit zu denken, daß eine subjekt-unabhängige Welt nie als solche willentlich und quasi objektiv angeeignet werden kann, sondern stets nur von einem individuell je schon vorhandenen Verstehenshorizont her: Wir sind bereits Verstehende, bevor wir noch den ersten Gedanken denken. Jedes verstehend auf die Welt zugehende Bewusstsein hat immer schon ein Vorverständnis zur Voraussetzung, das mit unserem Dasein bereits unhinterfragbar gegeben ist.[xvii]

Mit diesem Vorverständnis begegnen wir dann der Welt und erschließen sie, was wir Hermeneutik nennen. Dieses apriorische, holistische Wissen ist aller Erfahrung vorgängig, kann daher auch nicht korrigiert oder widerlegt werden. Heidegger nannte dies "apriorisches Perfekt". Er entwickelte es im aufrichtigen Bemühen, der Welt in der eigenen Anschauung gerecht zu werden, nicht sehend, daß derlei Gerechtwerden stets prinzipiell nur 1. approximativ und 2. handelnd - nicht allein denkend - gelingen kann.

Diese transzendentale Ausrichtung generiert unübersehbar ein "Zwei-Reiche-System", wie wir es von Platon bis Jürgen Becker[xviii] als schier unausrottbar bestaunen können. Dass wir Vorannahmen machen, ehe wir empirisch tätig werden können, wird selbst zur Vorannahme, zum Axiom. Im Ergebnis erhalten wir ein selbstbezügliches deduktives System. Klunker begeisterte sich just an diesem Umstand und entwarf eine deduktive, apriorische Homöopathie.

Dass Hahnemann freilich einen solchen Vorurteilsraum, von dem aus wir die Welt/den Patienten wahrnehmen, gerade strikt abzulehnen sich bemühte und allerhand Vorsichtsmaßnahmen zu seiner Vermeidung empfahl, ist Klunker - bei aller sonst so akribischen Lektüre - offensichtlich entgangen. Clemens von Bönninghausens Methodik als Referenzrahmen aufzugreifen, legt sich aus dieser Sicht geradezu zwingend nahe: Der Patient wird bei ihm ja aus der Sicht des Arzneimittels betrachtet und nicht, wie er uns kategorienfrei, ungefangen, quasi post-paradiesisch-nackt begegnet.[xix] So wird das Vor-Urteil zur Ver-Urteilung.

Sehr viel spannender erscheint in dieser ersten Fragelinie ein im Homöopathischen Diskurs bislang Ungenannter: Hans-Georg Gadamer. Seine Lebensschrift gilt der einzigen Frage: Wie können wir uns verständigen? Dass er Schüler Heideggers war[xx], wundert nur insofern, als es eigentlich umso mehr Interesse seitens Klunker / Eppenich et.al. an ihm hätte geben müssen. Fehlanzeige.

Gadamer suchte nach einer philosophischen Begründung von Welterschließung ohne den transzendentalen Salto, dessen endgültige Überwindung auch Heidegger nicht ganz gelingen wollte.[xxi] Ausgangspunkt seiner Überlegungen ist Heideggers Kritik am Begriff des Subjekts als Zentrum, wie wir ihn von Descartes bis Hegel vorfinden. Er entwirft sodann einen Erfahrungsbegriff, der sich nicht strikt wissenschaftlich fixieren läßt - über Heidegger hinaus.[xxii] Was Heidegger der vorausgesetzte Verstehensraum war - letztlich ganz solipsistisch -, wird ihm die Öffnung eines Gesprächsraums, in welchem sich die Differenz zwischen Subjekt und Welt ereignen kann.[xxiii]

"Dialektische Dialogik" nennt er dieses Paradigma und erweitert den Heidegger´schen Verstehenshorizont um den Aspekt des Geschehens zwischen Menschen.[xxiv] Aus diesem Kontext heraus erst entsteht überhaupt Erkenntnis-und Verstehensmöglichkeit. Daraus erwächst als Vision die Überwindung der Differenz, der Andere wird letztlich in die eigene Bedürftigkeit eingewoben - nicht gewaltsam, sondern im Gesprächsraum, der immer schon einen gemeinsamen Verstehensgrund stiftet.[xxv]

Man hat Gadamer recht bald gefragt, ob denn nicht der Andere sein Anders-Sein so gerade verlöre, ob nicht vielmehr die Differenz schlechthin konstitutiv für das Gespräch sei. Eine befriedigende Antwort ist er schuldig geblieben. Aber ein paar Hinweise finden wir, die vielleicht Trassen anlegen, auf denen sich unser Gedankenverkehr weiterbewegen kann.

Im Gespräch gibt Gadamer der Frage den Vorrang, weil sie das Gefragte allererst in einen Schwebezustand versetzt, der das Gefragte in seiner Fraglichkeit offenlegt. Dies ist eine Öffnung, allerdings keine beliebige, weil sie eine nach dem Sinn suchende Richtung haben muß, um wahrhaft offene Frage zu sein.

Das erinnert an den Raum, den Hahnemann den ersten, spontanen Äu-ßerungen des Patienten einräumt.[xxvi] Der genannte Schwebezustand erzeugt einen Zwischenraum: Schon hin-gefragt, noch kein Ant-Wort. Dieses Noch-nicht bezeichnet die eigentliche Offenheit des Gadamer´schen Gesprächsraums. Solches Gespräch setzt ein Wissen des Nicht-Wissens voraus. Von hierher erst entwickelt sich dialektisch das Gespräch, in welchem der Gang und das Ende offen sind. Im Zwischenraum ereignet sich das Verstehen.

Der hier entwickelte Erfahrungsbegriff erweist sich als weiter, offener als der Hahnemanns, der noch einen eher naiven, moralisch selbstgewissen und emphatischen Gestus pflegte. Wo Hahnemann immer schon die Wahrheit des Patienten achtsam vernahm, bleibt Gadamers Wahrheit - ein wenig trotzig - in der Schwebe.[xxvii] Aber halten wir fest: Ihm geht es unverdrossen um ein Sein zum Leben. Sein Erfahrungsbegriff siedelt in einem menschelnden Ambiente, wo Offenheiten, Prozesse, Widersprüche, Versöhnungen passieren. Im schwebenden Zwischen von Selbstsein und Anderssein ereignet sich Leben, kehrt sich das Subjekt in der Reflexion des Gesprächs zu sich selbst als einem veränderten/Anderen zurück. Ich werde im Gespräch (m)ein Anderer. Dies nannte Gadamer hermeneutische Immanenz.

Genau hier aber sitzt das Problem: Das Subjekt muß in einer ständigen Reflexionsbewegung immer wieder sich selbst ansteuern, um ein Anderes zu werden; dabei dient der reale Andere als Motivator, Katalysator, um letztendlich das wohlige Verstehen seiner selbst zu ermöglichen.[xxviii] Die Möglichkeit, dass der reale Andere widerständig (und nicht verständig/verständlich) sein könnte, hat Gadamer zwar in Betracht gezogen, aber lediglich als Ansporn, dialektisch-dialogisch diesen Widerstand zu überwinden. Die Differenz des Anderen gegen sich selbst gelten zu lassen, gehörte nicht in den Bereich seines Vorstellungsvermögens ...

Kommen wir zur zweiten Seite:

Ver-andern / Ver-ende(r)n / Ver-schwinden

Jetzt wird es ein wenig schwieriger oder auch nicht, gewiss deliranter. [xxix]

Wir wussten ja schon immer, daß Hahnemanns Arzneimittelprotokolle die reinste Poesie sind, ziemlich genau zwischen William Shakespeare und James Joyce im universalen Olymp der irritierenden, komplexen Sprachschöpfungen. Hahnemann war von einer schier unbeugsamen Humorlosigkeit und zugleich der Prototyp des Homo ludens, der in seiner kreativen Spielfreude sich fortwährend entgrenzt und erneuert. Auf diesen offensichtlichen Widerspruch hat - meines Wissens - bisher noch keiner aufmerksam gemacht.

Da muß man eben das lesen, was sich vor der Schrift verbirgt, sich ihr entzieht, im Gelesenen verschwindet: Endlich Schluss machen mit dem selbstbezüglichen, selbstherrlichen Philosophen-Schmonzes, der immer suggeriert, es gebe da einen archimedischen Punkt/Ort, von dem aus man wenn schon nicht die ganze, so doch die eigene Welt strukturieren könne.

Lassen wir also die Vergangenheit fahren, ignorieren wir die Geschichte: Sie sind - als absolute Unumkehrbarkeit - nichts als der Tod, den wir nur vermeiden, wenn wir ihn annehmen. Es muß nun also doch geredet werden von jenem Dekonstruktivisten, der sich "déjà" (≈ schon) nannte: Jacques Derrida[xxx]. Schon tot, zu Lebzeiten, daher in seiner Schrift lebendig? Oder schon am anderen Ufer, ohne tot zu sein, als Meister des klaffenden Spalts unsterblich?

Auch hier ein Erfahrungsbegriff, der sich nicht strikt wissenschaftlich fixieren lassen will. Erfahrung ist nur möglich im Verschwinden des Subjekts, wenn sich der Tod ins Leben einschreibt, im großen Riss. Es geht nicht mehr um Verstehen, sondern um Lesen. Im Text und im Anderen ist etwas am Werk, das sich selbst als Sinnhaftes zum Verschwinden bringt. Jeder Text beherbergt einen Subtext (oder viele), nur durch ihn gibt sich der Text, wird er präsent. Jeder Text ist eine Textur ≈ Gewebe. Jeder Text ist ein Ereignis: Er gibt sich und zugleich entzieht er sich jedem hermeneutischen Zugriff. Jeder Mensch ist ein Text.[xxxi]

Eine Meinung/Absicht des Autors zu rekonstruieren und auf diese Weise einen Text zu dechiffrieren, ist müßig, da jeder Verstehenshorizont historisch (im räumlichen und zeitlichen Sinn) ist. Was Hahnemann gemeint haben könnte - wer weiß es?! Die eine Bedeutung tradierter Texte gibt es nicht, die Hermeneutik unterstellt ihnen jedoch axiomatisch eine wirkmächtige Wahrheit.

Auf jeden Fall also muß die Differenz betont werden.

Derrida schreibt «Différance», was man - mehr schlecht als recht - mit Unta-scheidung wiedergeben könnte. Wir erleben in dieser winzigen Verschiebung einen ganzen Mikrokosmos von Verwandlungen, der - wie das Schmetterlingsphänomen der Chaostheorie - Weltenstürze erzeugen kann. Dem Ohr klingt Untascheidung wie Unterscheidung, dem Auge nicht. Es verwirrt, dass das Ohr zwischen diesen Schreibungen nicht unter- (oder unta-?)scheiden kann. Da ist ein Riss zwischen dem Sprechen (≈ Hören) und Schreiben (≈ Lesen).[xxxii]

Nach Derrida kann sich Erfahrung nur im Verschwinden des Subjekts ereignen, indem nämlich der Tod ins Leben eingeschrieben wird: Sein zum Tode. Unser naives Vorverständnis vom Dasein wird so dekonstruiert: Unsere einfältige Kreatürlichkeit, Endlichkeit, Sterblichkeit (die Erfahrung der primären Psora, wie Masi-Elizalde sie formuliert) transzendiert in ein absolut Anderes.

Wollte Gadamer eben diese menschliche Ausgangslage als Daseins- und Verstehensgrund zur Eröffnung des Sinns darlegen, so spricht Derrida von der Negation des Gelingens, von der Notwendigkeit des Scheiterns eines solchen Aktes. Einzig mögliche Haltung ist das Schweigen, das aber absolut, sein muß, nicht beredt sein darf, um nicht neue Anwesenheiten zu situieren.

Auch das Scheitern ist nur ein solches, wenn es selbst scheitert: Im Scheitern des Scheiterns verliert sich noch der Sinn des Scheiterns - und damit sein Signifikat: Der Schmerz, der definierbare Ort, die Inkarnation. Dekonstruktion ist, laut Derrida, ein nicht fixierbares Ereignis, das statthat, indem es sich selbst dekonstruiert.[xxxiii] Das ist - wenigstens abstrakt - nur denkbar, wenn wir der Différance den absoluten Vorrang geben und nicht - wie Gadamer - nach ihrer Aufhebung streben. Das führt ganz zwangsläufig zu einer zirkulären Selbstbezüglichkeit des Denkens, wie wir sie bei Gadamer beklagt hatten. Hier finden wir einen dekonstruktiven Zirkel, wie wir bei Gadamer einen hermeneutischen vorgefunden hatten.

Was - an dieser Stelle - bleibt, ist die Feststellung, daß es Gadamer um das Verstehen(u.a.) von Texten, Derrida jedoch um das Lesen geht. Gadamers Prämisse ist das Immer-schon-Verstehen, Derrida beschreibt das Immer-schon-Misslingen. Gadamer betont das Sowohl-als-auch, Derrida das Weder-noch. Gadamer will in die Welt hinein, Derrida will in der Spur verschwinden.[xxxiv]

Beiden Herren ist - bei aller polaren Thetik - ein Grundanliegen gemeinsam: Sie wollen allgemeingültige Aussagen treffen, uneinholbar wahr sprechen.[xxxv] Bei Gadamer wird das ausdrücklich formuliert. Derrida müssen wir schon dekonstruktiv lesen, um es zu hören: Was soeben als dekonstruktiver Zirkel bezeichnet wurde, ist im Grunde nicht wirklich vergleichbar mit dem hermeneutischen Zirkel, der ja in einer dialogischen Öffnung zu einem sinnhaften, veränderten Ich zurückfindet. Eher ist es ein Hin-und-her der Unentscheidbarkeit (was ja die wörtliche Bedeutung des lateinischen "discursus" ist!), welches nie bei sich ankommt. Der Allgemeingültigkeitsgestus ereignet sich daher bei Derrida nicht so sehr in der Setzung einzelner Gedanken, sondern in der Formulierung: "Immer schon (toujours déjà) gibt es die Dekonstruktion. (...) Und ich denke, dass das wahr ist; man kann es an jedem Diskurs, an jedem Werk, an jedem System, in jedem Augenblick zeigen."[xxxvi]

So lesen wir, dass es auch bei Derrida eine - uneingestandene - Universalprämisse gibt, die ihn der ersehnten Positionierung im Ritual fortwährender Negation entreißt: Das "Immer-schon", eine Schon-Haltung, um dem Schmerz der Kontingenz des Nicht-mehr und des Noch-nicht zu entgehen.

Wie aber entkommen wir diesem anscheinend unausweichlichen Zwang zur Selbstbezüglichkeit, dem Gadamer - als mahnender Rufer in der Wüste des Zeitgeists - ebenso wie Derrida - als unberührbarer Totalverweigerer - erlegen zu sein scheinen? Wie einen Weg aus dieser Dichotomie finden, der nicht wieder in die Selbstbezüglichkeit eines formalisierten Ritornells mündet?

Ich möchte es wagen, mit dem Leser jenen Nicht-Ort zu betreten, den ich vorhin "Kar" genannt habe. Er ist vermutlich gefährlich, dionysisch, krass. Vielleicht aber auch nur Puppenstube, Streichelzoo, Teletubby-Wiese.

Sprechendes Hören / Ent-Sprechung / Liebe

Hahnemann lesen - das ist das Thema. Denn aus dieser Lektüre erst blitzt Homöopathie auf und fordert Hören und Handeln. Dies eben nicht im Sinn von "Vor-Schriften": Dieser von Hahnemann möglicherweise intendierten Lesart seiner Texturen ent-hören wir uns. Auf dem Ohr sind wir taub, dieses Ohr ist ohrlos.[xxxvii]

Die Deutungsvielfalt der Homöopathischen Rezeptionsgeschichte ist aben- teuerlich, spannend, bisweilen grotesk. Die Deutungshoheit wird allenthalben beansprucht. Jedenfalls wird munter gedeutet. Wie wir sehen konnten, ist die Frage des Verstehens nicht so simpel, wie man landläufig unterstellt. Zugleich wollen wir nicht ganz und gar darauf verzichten. Weder wollen wir das Verstehen affirmativ-optimistisch glorifizieren (≈ Gadamer) noch negativ-depressiv auslöschen (≈ Derrida). Die archimedischen Punkte sind für alle Zeiten abhanden gekommen, so müssen wir eingestehen. Wohin also?

Die Pointe ist - erwartbar und notwendig - kurz und leer.

Vielleicht wird sie aber auch länger, nicht jetzt, vielleicht morgen, vielleicht Ende des kommenden Jahres.

Ich will sie in drei Schritten entfalten.

Zunächst zurück zum Anfang: Das Sprechen, das Schreiben.

"Der Arzt sieht, hört und bemerkt durch die übrigen Sinne, was verändert und ungewöhnlich an demselben [dem Patienten; C.G.] ist."[xxxviii] In der Fußnote sagt Hahnemann:"Jede Unterbrechung stört die Gedankenreihe der Erzählenden und es fällt ihnen hinterdrein nicht alles genau so wieder ein, wie sie es Anfangs sagen wollten."[xxxix] Da haben wir sie, die Unterbrechung, den Spalt, die klaffende Wunde. Hahnemann mag sie nicht, jedenfalls, wenn sie vom Hörenden induziert wird. Sie stört.

Aber er gestattet sie, "wenn sie (...) auf Nebendinge abschweifen". Was aber sind Nebendinge?[xl] Und was wären dann Hauptdinge? Da ist eine Zentrierung am Werk, eine Zentripetalkraft, die uns verstimmt[xli]. Heißt es doch an anderer Stelle: "Eine reine Erdichtung von Zufällen und Beschwerden wird man wohl nie bei Hypochondristen, selbst nicht bei den unleidlichsten, antreffen."[xlii] Nicht einmal die unleidlichsten Hypochonder generieren reine Erdichtungen. Anders gesagt: Selbst die schrägsten, absurdesten, wirresten Auskünfte der Patienten enthalten die erforderliche Wahrheit. Es gibt folglich keine tragfähige Unterscheidung zwischen Haupt- und Nebending.

Sollen wir also unterbrechen? Jacques Lacan hatte einen solchen aktiven Schnitt als Intervention des Therapeuten unter dem Begriff "Skandieren" zur Methode geadelt, er hatte seine Klienten bisweilen schon nach wenigen Minuten fortgeschickt.[xliii] Die ungestörte "Gedankenreihe der Erzählenden" ist offenbar keine heilige Kuh, eine schweigend absolvierte 2-stündige Anamnese ist nicht zwingend Gewähr für ein gelingendes Verstehen.

Das Gespräch ereignet sich nicht als reguläre Konsequenz einer dialogischen Kontinuität, viel eher aus der Unterbrechung heraus - die kann ein Innehalten sein, ein Schweigen, ein fragender Blick, feuchte Augen, ein Stottern, ein Lachen, ein Stirnrunzeln, das Blättern im Repertorium, ein Gang zur Toilette, ein Krähenruf, das Klingeln des Telefons ...

Das ist ein erster Hinweis. Die Unterbrechung[xliv] ist letztlich nicht in der Lage, das Sprechen/Beschreiben des Patienten nachhaltig zu stören. Im Gegenteil: Sein Gegenüber-Sein behauptet sich gegen jede Skotomisierung seitens des Behandlers. Das hat etwas Beruhigendes: Wie dumm und taub wir uns auch anstellen mögen - der Patient entgleitet uns nie, es sei denn, wir schlössen jegliche Unterbrechung aus.[xlv] Die Unterbrechung ist die Ermöglichung der wechselseitigen Einschreibung. Die therapeutische Situation wird zum sprechenden Hören.

Das ist das Ein.

Das Zwei entwickelt sich aus dem Sprechen.

Zu Beginn hatten wir eine Dominanz der Vorsilbe "ver-", die ein "Über-hinaus" markiert: Ver-stehen, Ver-sprechen, Ver-schreiben.

Jetzt betrachten wir die Vorsilbe "ent-".[xlvi]

Die schmerzlichste Berührung mit dieser Vorsilbe erleben wir bei der Entscheidung der Arznei. Sie ist der vorläufige Ent-Punkt eines Begegnungsprozesses im Gespräch, der Veranderung erzeugen will. Dieser Anspruch ist recht eigentlich größenwahnsinnig.

Aber es gibt eine zarte Brücke: Das Prinzip der "Ähnlichkeit" - was immer das heißen mag[xlvii] - generiert den Begriff Ent-Sprechung. Das ist ein "Gegenüber-Sprechen", nicht eine "Ungefähr-Gleichung", wie uns der Alltagsgebrauch des Wortes (≈ Analogie) suggeriert. Patient, Behandler und Arznei treten in Ent-Sprechung, in ein Gegenüber-Sprechen also.

"Ent-" hat jedoch auch eine privative Seite, wie wir sie in "Entlassung/ Enteignung usw." kennen. Sie hat die Dynamik, zu widerrufen. Der Alltagsbegriff der Entscheidung etwa signalisiert Trennung ("Scheidung") und Nicht-Trennung ("Ent-Scheidung") gleichzeitig. Eine Hochzeit ist eine Ent-Scheidung (Kenntnis und Ausschluss einer Alternative). Die Silbe "ent-" generiert den Spalt.

Ent-Sprechung (als Synonym für "Ähnlichkeit") hieße dann: Gegenüber-Sprechen und Aus-dem-Sprechen-Heraustreten zugleich. Das Leiden des Patienten ist zutiefst sprachlos. Aber es kann sich ereignen im Sprechen und in der Enteignung durch das Sprechen.

Damit komme ich zum Drei.

Wo wir enteignet sind, gehören wir nicht mehr uns, sondern einander. Das Gespräch, wie gerade entfaltet, er-eignet sich erst im Inneren des Ent-eignens.

Wir sind bei der dritten Vorsilbe angelangt: "er-".[xlviii]

Der Schritt vom Ent-Eignen zum Er-Eignen kennzeichnet die ortlose Quelle des ganzen Geschehens. Ur-Sprung kommt von er-springen, wir sind es aber gewohnt, "entspringen" zu sagen. Die Sprache schreitet voran, vom "Anfänglich-heraus" ("er-") der Vergangenheit (≈ Quelle) zum "(Trennung-) Auf-etwas-hin" ("ent-") der Zukunft (≈ das Meer).[xlix] Vergangenheit und Zukunft queren als selbst Abwesende das, was wir als Gegenwart bezeichnen. Die gehört uns nicht, sie ereignet sich als der geheimnisvolle Spalt zwischen nicht-mehr und noch-nicht.

Just in diesem Spalt aber tut sich das Über-hinaus auf, das "ver-", die nicht konstruierbare Brücke. Es vollendet die im Spalt geborene Vertikale nach oben hin und kreuzt/widerruft die horizontale, trennende Drift zwischen ersehntem Sinn und erlebter Sinnlosigkeit, ohne selbst Sinn zu tragen.[l]

Die Homöopathen in der Praxis(kuppel) - ratlos

Verstehen, verschreiben, versprechen - fragile Vorgänge in unmessbaren Augenblicken. Das ist methodisch nicht strukturierbar, nicht lehrbar[li], nicht sagbar. Kann das je ohne den Glauben an die Möglichkeit des wirklichen Gesprächs geschehen? Ohne Hingabe an das Leben? Noch genauer: Kann das je ohne Liebe sich ereignen? Ohne jenen bedingungslos affirmativen Gesprächsraum, den das griechische Wort "Therapie" (Behütung)[lii] einst bedeutete? Ist nicht "ächte" Homöopathie ein wahrhaft heilendes und daher zutiefst heiliges Unterfangen?

In diesem Sinne:

Macht´s nach, aber macht´s NICHT genau nach!

Verwendete und weiterführende Literatur

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19. Dezember 2005

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