Materialien zum Homöopathischen Diskurs
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4.Jhg. - Nr. 2/2002

Es könnte sein, dass wir alle seit Sophokles tätowierte Wilde sind. In der Kunst gibt es aber noch etwas anderes als die Geradheit der Linien und die Glätte der Oberflächen. (...) Wir haben zu viele Dinge, die Formen reichen aber nicht aus.“

G.Flaubert, Préface à la vie d´écrivain

„isopropyl-propenyl-barbitursaures-phenyl-dimethyl-dimethyl-amino-pyrazolon!“
„Was sagen S´?“
„isopropyl-propenyl-barbitursaures-phenyl-dimethyl-dimethyl-amino-pyrazolon!“
„Wie heißt des?“
„isopropyl-propenyl-barbitursaures-phenyl-dimethyl-dimethyl-amino-pyrazolon!“
„Jaa, des iss es! - So einfach, und man kann sich´s doch net merken!“

Liesl Karlstadt und Karl Valentin, In der Apotheke

„ - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - “

Boddhidharma

Editorial

Lieber Leserin,

Beschwörung der Individualisierung versus Generalisierung als paradigmatisches Selbstverständnis und Programm der Homöopathie: So ist es in den einschlägigen Fachpublikationen gebetsmühlenartig - und das heißt: inflationär - zu lesen. Doch die vorgelegten Kasuistiken belegen in der Mehrzahl etwas Anderes: Stets werden zuerst die üblichen Verdächtigen verhaftet: Sulph, Lyc, Sep, Phos, Ars, Puls, Sil, (kollateral für die „Kliniker“: Acon, Bell, Rhus-t, Hep, Canth) und wie die „Meistgesuchten“ sonst noch heißen mögen. Die Gleichung „Sulphur = Bin Laden“ (keinesfalls umgekehrt!) ist durchaus bedenkenswert; in der weniger bedrohlichen Pop-Welt wären es Madonna, Britney Spears oder Dieter Bohlen ...

Das hat wohl vielerlei Gründe. Nicht der unbedeutendste ist zweifellos die tief sitzende Unsicherheit über den Subjektbegriff, wie er seit Descartes durch die Köpfe des Abendlands spukt - ungeachtet der mittlerweile zahllosen und gewichtigen De(kon)struktionen durch Foucault, Lacan, Deleuze, Derrida, Zizek und andere, ganz zu schweigen vom archaischen und ostinaten Diskurs der rabbinischen Theologie.

Der „genetische Fingerabdruck“, als zur Zeit aktuellster Versuch, das menschliche Individuum materiell zu identifizieren, heißt: festzunageln, gleicht dem Kreuzigungsszenario, als man die Physis eines Gottes vernichten wollte, in der Annahme, damit seine einzigartige Existenz auslöschen zu können: Ein grotesk hilfloses, weil unmögliches Unterfangen - ein Gott lässt sich nicht festnageln.

Unsere jüdisch-christliche Tradition spricht davon, dass der Mensch „nach Seinem Bilde“ beschaffen sei. Was anders soll das bezeichnen als genau die Unmöglichkeit, den Menschen in seinem einzigartigen Sein festzunageln! Mit der Geschichte der Identitätsfixierungen des Subjekts und ihrer sublimen Einbettung in kriminologische Kontexturen beschäftigt sich unser Beitrag von Christoph Weihe.

Zur angestrebten Individualisierung gehört - gemäß Organon §§83/84 - auch das offene Gespräch. Was aber geschieht da, wenn der Homöopath „vorurtheilslos zuhört“: Ist er Protokollant, Fahrtenschreiber, Symptomograph? Oder ist er ein warmduschender „Patienten-Versteher“? Oder gar Übertragungsopfer - wie der Psychoanalytiker? Unter welchen Gesprächsbedingungen kann sich Heilung ereignen? Die klassische Hermeneutik, noch kaum im Homöopathischen Diskurs auffällig geworden, lohnt die Auseinandersetzung in unserem Beitrag von Christian Gallasch.


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