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Startseite » in.form.alia » 2002 - 4.Jhg. » Nr.1 » Christoph Weihe: Nach-H.U.T. - Der Körper im Krieg Christoph WeiheNach-H.U.T. - Der Körper im Krieg [i] |
Die ganze Ausgabe 4.Jhg. - Nr. 1/2002 als PDF-Datei | |
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Irgendwann ist die Schlacht geschlagen. Dann senkt sich der Staub, der Kriegslärm verfliegt und die Analyse kann beginnen. Es war also Krieg und wir alle waren zwangsrekrutiert. Die Parole an der Heimatfront lautet einmal mehr: "Helft Unseren Truppen!", H.U.T.! Die Analyse kommt nun im Gewand (dem "Rock") der Nach-Hut, vielleicht sogar der Vor-Hut für neue Waffengänge. Aber gibt es das eigentlich, das Sistieren des Krieges? Ist nicht immer Krieg? Ein permanenter Krieg, der unterhalb, oder besser innerhalb der politischen Optionen und Beziehungen funktioniert? Und seit wann vermuten wir, dass ein ununterbrochener Kampf den Frieden durchzieht? "Wir alle", so Paul Virilio, "sind bereits Militärs in Zivil". Den bekannten Satz des preußischen Generals und Militärtheoretikers Karl von Clausewitz, dass Krieg die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln sei, muss ja wohl auf den älteren Grundsatz zurückgeführt werden, dass Politik der mit anderen Mitteln fortgesetzte Krieg ist. Wenn dies aber wahr ist, dann durchzieht ein permanenter Widerstreit alle gesellschaftlichen Felder. Zivile und militärische Ordnung entgrenzen sich und der Bereich des Militärischen verliert das Privileg seiner martialischen Sprache der Überwältigung. Greift aber eine kriegerische Rhetorik ins Zivile über, dann kommt es auch umgekehrt zu Einschleusung ziviler Rhetorik ins Militärische. Dass sich die zivile Sprache militärisch aufgerüstet hat, kann als allgemein anerkannte Tatsache vorausgesetzt werden. Allenthalben hat militärstrategisches Vokabular Einzug in den Alltag gehalten, im Sport, im Unternehmensjargon, der Soziologie und Psychologie, im Medienbereich. Unser Alltagsleben ist bestimmt von einem Sprechen, dass Grenzen zieht und das zivile Territorium zum Feld der Kriegsführung erklärt. "Angriffsfußball", "Kriegskasse", "feindliche Übernahme", "Kohortenstudie", "Zielgruppe", dies alles ist mehr als die bloße Auflistung von Redensarten, die martialische Metaphern ausleihen. Eher weist es auf eine zivile Ordnung, in der unterhalb einer gewissen Schwelle ein unerklärter Krieg ausgefochten wird. Wenn der Kriegerkörper aber dem zivilen Körper nicht äußerlich ist, dann zirkuliert ebenso die Sprache des Zivilen und infiltriert das Militärische. Pars pro toto sei aus der Welt der Popkultur hier ein Text des House-DJ Hans Nieswandt zitiert, dem es um die Analogie zwischen Plattenauflegen und Militäraktion geht. "Eher fragwürdige, aber zumindest unter den meisten Jungs und Männern begriffene Metaphern sind alle diejenigen, die mit militärischen Analogien zu tun haben. Denn auch wenn DJs eine denkbar zivile und gewiss sozialen Frieden fördernde Sache tun, und auch wenn die meisten bestimmt sowieso verweigert haben, so sind sie doch alle Kinder der modernen Action-Welt und ihre Einzelkämpfer. Es gibt einen Einsatz. Man wird irgendwo ein- und wieder ausgeflogen. Näheres folgt später aus Berlin. Das schwere Marschgepäck muss gepackt werden. Da muss jedes Detail stimmen und jeder Handgriff sitzen, damit man später auf jeden Fall die Stellung halten kann im Nest. Die Munitionskiste? Ist sortiert und gepackt. Auf der Kiste prangen die Insignien von Schlachten, die geschlagen wurden: Mayday II, Timeless Energy Rave ... die Kleidung ist subtil, aber genau kodiert, je nach Gattung: Techno-DJ, Nujazz- DJ, Hip-Hop-DJ, Dandy-DJ. Aber das kann auch Tarnung sein, Mimikry. Denn es sind alles Spezialagenten mit Kommandoaufträgen. Rein in den Laden, die Lage sondieren, Stellung beziehen, die Mission erledigen, das Haus in Grund und Boden rocken, sich zumindest wacker schlagen, anschließend Gespräche führen, über die Beute verhandeln und Rückzug ins 4-Sterne Lager. Es ist kein Zufall, dass Rick Wake, amerikanischer Produzent sehr kontemplativer House-Tracks, seine Platten allen Deep House Soldiers widmet." Die Verstaatlichung des KriegerkörpersDie Dinge des Krieges haben in der Neuzeit eine Wendung genommen.[ii] Die Kriegshandlungen konzentrieren sich mehr und mehr in der Hand des Zentralstaates. Nur Staatsmächte dürfen noch Kriege anzetteln. Damit kommt es zu einer Verlagerung der Kriegshandlungen an die territorialen Grenzen der Nationalstaaten, der kriegerische Gesellschaftskörper wird verstaatlicht. Gleichzeitig aber verschwindet der Alltagskrieg aus dem zivilen Gesellschaftskörper, aus dem Verhältnis der Gruppen und Stände. Privatkriege, Clankriege, Bürgerkriege, marodierende Räuberbanden, von all dem wird der Gesellschaftskörper gereinigt. Alle "heißen" kriegerischen Akte werden aus dem territorialen Binnenverhältnis verbannt, der Krieg wird zum Monopol eines staatlich kontrollierten Militärapparates. Anstelle der allgegenwärtigen, offenen Kriegspraktiken setzt sich die Militärinstitution. Paradoxerweise beginnt mit der Tilgung des offenen Krieges aus dem Gesellschaftskörper, mit der Zentralisierung und Institutionalisierung des Krieges der Diskurs über den Krieg als dauernde soziale Beziehung. Dieser Diskurs, der sich mit der Formierung des Absolutismus und der neuzeitlichen Nationalstaaten herausbildet, ist immer schon ein oppositioneller Diskurs, muss als Widerstand gegen die offizielle Fassung vom in sich geschlossenen Gesellschaftsganzen aufgefasst werden. Die subversive Rede vom unterschwelligen Krieg im Inneren eines scheinbar befriedeten Gesellschaftskörpers formiert sich seit der frühen Neuzeit als eigentlich politisch-historischer Diskurs. Was sagt diese Rede? Die politische Macht fängt nicht an, wo der Krieg aufhört. Der Krieg ist im Frieden nicht zu Ende. Das Gesetz ist nicht die Verordnung eines allgemein akzeptierten Waffenstillstandes. Das Gesetz ist nicht der Kontrakt, der den Krieg verbannt. Stattdessen geht der Krieg weiter als Motor der Institutionen und Ordnungen. Anders gesagt: Man muss unter dem Frieden den Krieg herauslesen. "Der Krieg ist die Chiffre des Friedens" (M.Foucault). Insofern durchqueren Schlachtlinien den Gesellschaftskörper, jeder steht in einem Lager, niemand ist neutral, man ist immer auch Gegner von jemandem. Damit setzt sich Foucault in Gegensatz zu den klassischen, naturrechtlichen Staatstheorien. Das Bild, das Hobbes im Leviathan zeichnet, das Bild eines geregelten 3-ständigen Gesellschaftskörpers, führt die Entstehung der Gesellschaft und des Staates auf einen Vertrag zurück. "Wenn sich die Menschen zu einer Person vereinigen, bilden sie einen Staat, der Lateiner sagt Civitas. Dies ist die Geburt des großen Leviathan, oder vielmehr (um ehrerbietiger zu sprechen) des sterblichen Gottes, dem allein wir unter dem ewigen Gott Schutz und Frieden verdanken. Durch die (ihm von jedem Einzelnen im Staate zuerkannte) Autorität und die ihm übertragene Macht ist er nämlich in der Lage, alle Bürger zum Frieden und zu gegenseitiger Hilfe gegen auswärtige Feinde zu zwingen." [iii] Der beschwichtigenden Theorie vom Gesellschaftsvertrag entgegen, entfaltet Nietzsche einen ganz anderen Entwurf eines gesellschaftlichen Gleichgewichts. "Der Räuber und der Mächtige, welcher einer Gemeinde verspricht, sie gegen den Räuber zu schützen, sind wahrscheinlich im Grunde ganz ähnliche Wesen, nur dass der zweite seinen Vorteil anders als der erste erreicht: nämlich durch regelmäßige Abgaben, welche die Gemeinde an ihn entrichtet, und nicht mehr durch Brandschatzung.(..) Das Wesentliche ist: jener Mächtige verspricht, gegen den Räuber Gleichgewicht zu halten; darin sehen die Schwachen eine Möglichkeit zu leben. Denn entweder müssen sie sich selber zu einer gleichwiegenden Macht zusammentun oder sich einem Gleichwiegenden unterwerfen (ihm für seine Leistungen Dienste leisten). Dem letzteren Verfahren wird gerne der Vorzug gegeben, weil es im Grunde zwei gefährliche Wesen in Schach hält: das erste durch das zweite und das zweite durch den Gesichtpunkt des Vorteils; letzteres hat nämlich seinen Gewinn davon, die Unterworfenen gnädig oder leidlich zu behandeln, damit sie nicht nur sich, sondern auch ihren Beherrscher ernähren können. Tatsächlich kann es dabei immer noch hart und grausam zugehen, aber verglichen mit der früher immer möglichen völligen Vernichtung atmen die Menschen schon in diesem Zustande auf." [iv] Das Recht und die Friedensordnung verpflichten sich nicht einer jenseitigen 3. Person, z. B. dem Leviathan als irdischem Repräsentanten einer transzendenten Macht, sondern Recht ist immanente Konvention. Die Friedensordnung wird zum moralfreien Kalkül. Die Gemeinde spielt die beiden Mächtigen gegeneinander aus, indem sie an einen von beiden das übergreifende Mandat delegiert. Das Verbrechen genau wie die Herrschaft sind für Nietzsche Äußerungen des Willens zur Macht, Ausdruck der Ermächtigung zum Mehr-Werden-Wollen. Ein abstraktes Recht gibt es nicht mehr, es liegt ein Fall von stetem Bürgerkrieg vor. Auch bestreitet Nietzsche das Konzept von der freien Selbstbestimmung, dem freien Willen, die begründende Voraussetzung für eine kontraktualistische, naturrechtliche Gesellschaftstheorie ist. Denn letztlich fasst diese Theorie jede Untat und jeden kriegerischen Akt als absichtsvoll falsche Wahl. Der freie Wille soll sich nämlich einer Vernunft verdanken, die über die Gründe zu einer Handlung zu urteilen vermag. Vernunft sei das Handeln aus guten Gründen. Nietzsche fragt, warum dann der Täter, wenn er ein rationales Wesen ist, nicht merkt, dass er aus schlechten Gründen ("unvernünftig") handelt. Ist er vernünftig, müsste er anders handeln, ist er unvernünftig, kann er gar nicht dafür belangt werden. Die Vernunft, so scheint es, ist ein Konstrukt, dass eine falsche Wahl ausschließen soll. Diese Vernunft ist für Nietzsche eine Fiktion des Willens zur Macht. Für Nietzsche, und für den sich auf ihn beziehenden Foucault, ist unter all den Theorien von Gesellschaftspyramiden und Naturrecht, die die Notwendigkeiten und die Funktionserfordernisse des friedlichen Miteinander kontraktualistisch garantieren sollen, in Wahrheit ein alter andauernder Krieg verborgen. Der Ort der globalen MilitärkasteDass der Krieg die Chiffre des Friedens ist, bleibt in gewandelter Konstellation bis heute wirksam. Die Durchdringung der Gesellschaft durch das Militärische hat sich nur intensiviert. Das mit dem "Fall der Mauer" zu Ende gegangene Zeitalter der Hochrüstung und der Abschreckung führte eine neue Logik in die Kriegsführung ein. Folgte die Militärkaste der jungen Nationalstaaten noch dem Gebot der Verteidigung und später der imperialen Ausdehnung der politischen Souveränität und des eigenen Territoriums, so ist die Zeit des "kalten Krieges" eine Phase der permanenten Vorbereitung, der nie erklärten Mobilmachung und des endlosen Verzehrs von gesellschaftlichem Reichtum. Der berüchtigte militärisch-industrielle Komplex ist in Wirklichkeit eine planwirtschaftliche Schattenwirtschaft, eine Form der Kolonialisierung des eigenen Territoriums. Anstelle das Land an seinen Grenzen zu verteidigen, also den externen Feind an der Grenze zu stellen, nimmt die Militärkaste die eigene Zivilbevölkerung als Geisel, oder wenigstens den von ihr erwirtschafteten Reichtum. Diese transglobale Militärkaste ist uns im Zeitalter nach dem Ost-West Konflikt erhalten geblieben. Insofern ist die Frage von Avital Ronell[v] - Warum sollen wir unsere Truppen unterstützen, und nicht umgekehrt: unsere Truppen uns zur Hilfe kommen? - vorläufig geklärt. Die zivilen Territorien sind nicht das zu verteidigende Heim der transpolitischen Militärs. Ihr Ort ist das globale Feld der Wissenschaft und Technik. Wissenschaft und Technik, auch die der Medizin, sind die Kriegsmaschine. Viele denken noch, Wissenschaft und Technik seien Werkzeuge, derer man sich zum Wohle der Menschheit bedienen kann. Stattdessen sind diese Instrumente nicht neutral, sondern eher dunkle Kontinente, insofern also unbewohnte Gebiete, aber gleichzeitig dasjenige, das mehr als alles andere den Horizont unserer Welt bestimmt. Die Technik als Möglichkeitsbedingung unserer Handlungen kann von uns nicht gewusst und beherrscht werden. Es gibt keine Entflechtung von guter Technik und gefährlicher Technik. Die immer schon wirksame Vermischung von militärischer und ziviler Technik sieht man paradigmatisch in der Kernindustrie: Kein waffenfähiges Plutonium ohne sogenannte friedlich genutzte Kernenergie. Waffenfähiges Plutonium entsteht massenhaft als "Überschuss" der zivilen Kernspaltung. Die Frage nach der TechnikDie Technik lebt von der Geschwindigkeit, Paul Virilio hat sie als reine Beschleunigung beschrieben. Auto, Telefon, Flugzeug, Raketen, Computer und Internet - alles Horizonte der Beschleunigung. Die Technik negiert den Ort ("aus Punkten werden Striche"), negiert das Territorium, den Raum. übernimmt die Zeit ein Regime von der Art des Überall-zugleich-Seins. Das, wovon Kriegsstrategen seit jeher träumen, ist wahr geworden: "Schnelligkeit ist das Wichtigste im Krieg", forderte der chinesische Theoretiker des Krieges Sunzi schon im 5. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung. Die ersten Jetzt-Zeit-Kriege sind geschlagen und wir sind medienpräsent dabeigewesen. Mit Jetzt-Zeit-Krieg meint Virilio die technische Gegenwart der Kriegspraxis durch die elektronischen Übertragungsweisen. Die Technik überschreitet einfach die politische Kartographie, überwindet fest gefügte Grenzen, überrennt die konventionell gefassten feindlichen Linien. Die Logik der technischen Zeit einzuführen, heißt den Ort aufgeben. Während die Bomben in ihrer Stadt einschlagen, diskutieren Belgrader in Internetforen über den Sinn der Natostrategie, über ihre Lebensumstände etc. und umgehen damit das manipulative Medienmonopol der Kriegsherren. Dies ist ein Beispiel für die interaktive Variante, die von der planetarischen Technik ermöglicht wird. Hier eröffnet sie eine Fluchtlinie aus den Fängen der Macht. Bei der Beurteilung der aktuellen Kriegsführung muss berücksichtigt werden, wie die traditionellen geographischen Raster sich unter dem Druck der virtuellen Technologie wandeln. Dieser Effekt der Technik (die Deleuze´sche De-Territorialisation) macht das Ende einer Weltordnung der Nationalstaatengemeinschaft absehbar. Bei den zuletzt geführten hypermodernen Kriegen, dem Golfkrieg, dem Kosovokrieg und nun dem Afghanistankrieg, handelt es sich um Operationen, die mit den technischen Begriffen der Virtualität, der virtuellen Realität gekoppelt werden müssen. Solche Kriege führen ein neues Zeitregime ein. Und dieses neue Zeitregime der Teletopologie formt einen neuen Kriegerkörper. Nahes wird fern, Fernes wird nah. Die technische Besiedlung der Zeit führt zu einem Krieg ohne zeitliche Distanz, einem Krieg ohne Vorwarnung und Verzögerung. Alles geschieht in einem Augenblick: Die Detonation der Bombe, die auf eine Brücke zielt, trifft im selben Augenblick den zufällig passierenden Zug. Man spricht von intelligenten Waffensystemen. Einmal abgeschossen, finden sie ihr intentionales Ziel von selbst. Der verlängerte Arm einer Intentionalität, die selbst nicht mehr erreichbar ist. Man kann hier im Gegensatz zum genannten Beispiel der Internetforen von einem passiven Einbahnstraßenverhältnis sprechen, in eigentümlicher Abkehr vom Ideal der digitalen Medien, der Interaktivität. Die Passagiere im getroffenen Zug erfahren die Katastrophe im selben Augenblick, wie der Zuschauer am Bildschirm. Damit soll natürlich nicht der Unterschied verwischt werden, der zwischen den realen Bombenopfern und der bloßen Zeugenschaft als TV-Nutzer besteht. Aber indem der TV-Krieg das Wohnzimmer erreicht hat, sind Opfer wie Zuschauer gleichermaßen hilflose Statisten einer militärischen Maschine geworden. Die berüchtigte Welt der Simulation, der Medien und ihrer Hyperrealität selbst verwischt immer schon den Unterschied von real und virtuell. Helft unseren TruppenIn diesen schweren Zeiten sind wir bei unseren Soldaten und Ihren Familien. Obwohl weder im Kosovo noch in Afghanistan ein souveräner Staat einen anderen souveränen Staat mit Krieg überzogen hat, wird Krieg geführt. Avital Ronell weist darauf hin, dass das Wort "Theatre of Operations" in der gängigen Nato-Sprache "Schlachtfeld", im zivilen Leben aber (chirurgischer) "Operationssaal" bedeutet - das Schlachtfeld als Ort einer Intervention im medizinischen Sinn. (Die Bezeichnung einer Entzündung als "champ de bataille" ist ebenso bekannt.) Gehen wir davon aus, dass es sich hier um ein Worttransfer vom medizinischen ins militärische Vokabular handelt. Dramatisiert (oder verharmlost) hier eine medizinische Metapher etwas Militärisches? Oder ist es nicht eher so, dass wir hier eine Umkehrung der konventionellen Logik vorfinden? Eine Zuordnung von der Art: "Was einmal als harmlose Operation begonnen hat, endete in einem Schlachtfeld" dreht sich um in ihre versteckte Wahrheit, nämlich: "Was als harmloses (konventionelles) Schlachtfeld begann, endete in einem (High-Tech-Krieg) Operationssaal". Vom sprachkritischen Standpunkt aus betrachtet, befindet man sich in der Welt der Metapher. Aber worin soll da ein Problem bestehen? Jede Terminologie greift doch auf bildhafte Vergleich zurück, könnte man einwenden. Metaphern sind Redeweisen, bei denen erfahrungsgebundene und alltägliche Anschauungen auch bei alltagsfremden Begrifflichkeiten wirksam bleiben. Sie haben damit eine leicht zu unterschätzende, bedeutungsleitende Funktion. Es bleibt immer ein Rest von poetisch-ästhetischer Verführung. Eine Metapher stiftet eine Verbindung, indem sie analoge Inhalte verschiedener Gegenstandsbereiche aufeinander bezieht. Das griechische Wort Metaphora setzt sich zusammen aus meta ("herüber") und pherein, ("tragen"). Alltagsweltliches wird in einen anderen Wissensbereich übertragen. Man kann diesen Erkenntnisvorgang beschreiben als die Wahrnehmung eines Gegenstandsbereiches durch die Optik eines anderen. Damit hat die Metapher auch eine Funktion als kognitives Instrument. Etwas wird anschaulich gemacht, etwas, das dem alltäglichen Erfahrungshorizont nicht angehört, wird passend gemacht. Da es sich um einen Vorgang der Bahnung von Verstehen handelt, werden gewisse Evidenzen nahegelegt. Damit werden aber auch andere Wahrnehmungen ausgeblendet. Bestimmte spezialwissenschaftliche Modellbildungen wären nie zu gebrauchstauglichen Tatsachen geworden, wären sozial nie wirksam und wahr geworden, sondern in ihrer speziellen "Öko-Nische" verblieben, ohne die rhetorische Kraft der Metapher. Populärwissenschaftliche Schriften haben seit 1900 das Eindringen von Krankheitskeimen in den Körper und das Krankheitsgeschehen selbst als Krieg dargestellt.[vi] Die körpereigenen Soldaten sind die Leukozyten. "Killerzellen", so die heute noch gültige Bezeichnung, wehren den Angriff der Keime in einer Schlacht ab. Die Bakteriologie hat Metaphern zur Verfügung gestellt, welche vom einzelnen Körper schnell auf den "Volkskörper" übertragbar waren. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts heißt es dann, Juden, Zigeuner, zerlumpte Wanderarbeiter etc. vergiften den sauberen Volkskörper oder eben die Rasse. Es gibt eine bedrohliche Beziehung zwischen dem bösen Wort der Sozialhygiene und dem Rassenmord. Das technische ProthesensubjektIm Mittelalter gab mit der Erfindung der Uhr die Maschine ein Modell für den Kosmos ab, Hobbes benutzt die Maschine als Metapher für den Staat und bei Descartes wird sie zum Modell des Menschen. Die Romantik führt dann im Gegensatz dazu den Organismus als anthropologische Norm ein. In jüngster Zeit schleifen sich die Gegensätze dieser beiden konkurrierenden Konzepte ab. Im Medium des Science Fiction siedeln sich Figuren an, die die strengen Grenzen zwischen Natur und Technik auflösen. Die aktuelle medizinische Technik macht diese Visionen zunehmend real. Die Nanotechnik implementiert dem menschliche Körper Mikrochips und die Molekularbiologie greift in den Zellkern und das Genom ein. Kein Zweifel, mit dem Technologiesprung in den Biowissenschaften und der medizinischen Technik ändert sich radikal ihr Behandlungsgegenstand, der menschliche Körper. Wenn noch Irgendjemand geglaubt hat, es gäbe den menschlichen Körper als ahistorische, kontextunabhängige Kategorie, so wird er (kurz vor der Abschaffung dieser "biologischen Tatsache") eines Besseren belehrt. Es ist schon oft gesagt worden, dass die Maschine und der Rechner deren Benutzer (das Subjekt als dasjenige, was als selbstgewisse Einheit denkt, will, sich vorstellt, handelt etc.) aufbricht. Die Technik ist kein von uns getrennter Bereich. Mensch-Maschine-Hybride bringen die Umwandlung des menschlichen Wesens mit sich, in dessen Verlauf sich der Technokörper eine ganz andere Ausrichtung verschafft. Man hat es mit einem Intensivierungs- und Verstärkungsvorgang zu tun. Auf den wechselnden Oberflächen des Bildschirms verflüchtigt sich die vage Illusion einer stabilen Identität zugunsten mannigfaltiger Identitäten. Es macht nicht mehr viel Sinn, von einem einheitlichen Ich zu sprechen, angesichts des an den Rechner angeschlossenen Prothesensubjektes. Was bleibt von einem Subjekt, das aus unabgeschlossenen heterogenen Fragmenten technischer Fortsätze besteht? Andererseits dient die technische Prothese (der Rechner) als Ausgleich, als Kompensation des fragmentierten Ich. Der Rechner wird zum Mittel der fröhlichen Verleugnung, indem er die Aufspaltung des Subjekts selber zu einer Simulation werden lässt. "Der Computer ist eine Landkarte, in der man leben kann, was sehr verführerisch ist. Vor allem ist es verführerisch, weil man das liebt, für das man kämpfen muss, aber es ist auch verführerisch weil es einen mächtig erscheinen lässt. So ist es auch gut für das Ego." Der Computer ist "für den Menschen eine Möglichkeit, ekstatisch zu werden und zusammen zu sein." (Jaron Lanier) Gerade die Herausforderung der Subjektivität wird zum Anlass ihrer Intensivierung, zur Steigerung - auf die Weise einer Abspaltung der vielen anderen "Ichs" vom "Ursprungs-Ich" unter der Vorstellung, sie seien ja nur rechnergeneriert. Der technische Krieger firmiert also als Prothesensubjekt. Sein Prothese, die Maschine, an der er hängt, ist die Technologie der computergesteuerten Fernwaffe. Eine Maschine, die Bilder produziert, Zeit schrumpfen lässt, Grenzen und Geographien nivelliert und die Nacht zum Tage macht, nagt an seinem Ich. Der Zoo von Ichs, der die virtuelle Welt besiedelt, will gebändigt werden. Die Rede vom virtuellen Krieg macht insofern Sinn, als der kybernetische Krieger seine Interventionen nur noch technikvermittelt erlebt. Der Bildschirm, die gesamte Technologie vervielfachen seine organische Materialität. Der eine Krieger ist viele Krieger. Als Maßnahme der Wahrung eines Scheins von Identität zieht er sich zurück auf ein Kerngebiet, einen sicheren Ort seines Selbst, dem Ort seiner Intentionalität. Das Konstrukt der Intentionalität drängt sich immer mit Macht auf, wenn der Eindruck besteht, man verliere die Kontrolle. Die Intentionalität will die Gespenster der Passivität vertreiben im Namen von Tatendrang und Beherrschung. Ein Grund, warum im Krieg die Wahrnehmung zerfällt in die des traumatisierten Zuschauers und des hyperaktiven Kriegers, ist das schmerzliche Fehlen einer Kultur der Entschleunigung, des Verharrens und der Reflexion. Denn wie übt sich der kybernetische Krieger im Stealthbomber auf dem Felde der Verleugnung, der Abspaltung? Im Versuch sich eines einheitlichen, abgeschlossenen Körpers zu versichern und um ein intentionales Subjekt zu retten, löscht er seinen Körper als organische, verletzbare, zerstörbare Einheit aus. Eingebettet in die intentionale Realität seiner Kommando- und Kontrollsysteme kämpft er einen verzweifelten Kampf gegen die Endlichkeit seiner organischen Realität. Die Vision Deleuzes und Guattaris vom organlosen Körper nimmt wirkliche Konturen an. Ein Körper aus besonderem StoffDer kybernetische Krieger ist scheinbar aus einem besonderen Material, geschützt in seinem Tarnkappenbomber (Prinzip der Unsichtbarkeit), handelt er unterstützt von besonderer Magie. Man fühlt sich an die Logik des sublimen Körpers erinnert. Der Kriegerkörper ist in diesem symbolischen Universum nicht allein dieser vergängliche, verletzliche Körper, sondern ein Körper, der in sich noch einmal verdoppelt ist. Sein normaler Körper ist noch einmal gefaltet in eine zweite Hülle, die ein sublimes Ding umfasst, was mehr ist als ein Körper aus Fleisch und Blut. Es ist nicht einfach ein materieller Körper als Stütze und Inkarnation des sublimen Körpers. Funktioniert nämlich eine gewisse Person als Hightech-Krieger, unterliegen ihre gewöhnlichen Eigenschaften einem Prozess der "Transsubstantiation". In dieser Funktion erscheint uns der Soldat zum Objekt der Faszination zu werden, seine Leiblichkeit gewinnt ein Charisma, einen Überschuss zu seiner bloßen symbolischen Funktion. Was sich irren kann, ist sein vergänglicher Körper. Was jedoch keinesfalls irrt oder fehlt ist ein sublimes Etwas, eine unzerstörbare, besondere Substanz und das erinnert an das Paradox des doppelten Körpers eines Königs. "The body is with the King, but the King is not with the body. The King is a thing", "A thing, my Lord?", "Of nothing ..." - so der bekannte Dialog aus "Hamlet". Slavoy Zizek [vii] weist in diesem Zusammenhang auf die bekannten Comic-Charaktere hin (z. B. Tom und Jerry) die, selbst wenn sie in tausend Stücke gerissen werden (Motiv der Fragmentation), immer in alter Identität wiedergeboren werden. Aus all dem ergibt sich: Der kybernetische Krieger ist unsichtbar und sieht doch selber alles, er ist unerreichbar, kann aber von Ferne zuschlagen. Und er ist aus einem besonderen Material, einer Substanz, die aus ihm mehr macht, als ein endliches Wesen. Muss erwähnt werden, dass das Motiv der Einpanzerung in die schimmernde Rüstung der virtuellen Welt auf eine tiefe narzisstische Angst hinweist? Man erinnere sich an die schockierenden Bilder der von Serben gefangengenommenen US-Militärpatrouille. Man sah offensichtlich misshandelte, also verletzliche Männer. Hier wird man aufmerksam auf eine Angst, die auf den Zusammenhang von Vorherrschaft im Raum und der Bedrohung der körperlichen Unversehrtheit hinweist. Man müsste überhaupt die Angst mehr verstehen lernen als eine affektive Funktion der Kategorie Raum (die Filme "The Cube" oder David Finchers "Panic Room" geben hier Anschauungsmaterial). Ein narzisstisch beladener Körper aus besonderem Stoff, der alle Erinnerungen an die Hypotheken eines realen Körpers auslöscht, indem er alle Körperöffnungen verschließt und alle Ausflüsse und Exkremente verhindert. Wie so oft bieten Bilder aus dem Kino dafür Beispiele: Man erinnere sich an die glatte, metallische Oberfläche des Cyborgs in dem Film "Robocop". Dieser gepanzerte Prothesenkrieger war der Wiedergänger eines im Dienst getöteten Polizisten, der mithilfe ausgefeilter Technik wiederbelebt wurde. Seine lebendige Substanz kann man also gut beschreiben als das erwähnte sublime Ding, dieser unzerstörbare Rest, durch das sein Körper mehr ist als seine rohe Materialität. Eine mehr scherzhafte Episode aus der Animationsserie "Simpsons" illustriert ebenso einen solchen Vorgang: Im Moskauer Mausoleum sieht man den einbalsamierten Leichnam von W.I.Lenin plötzlich mit einem Ruck automatenähnlich aufstehen, das Fenster seines Schreins zerbrechen, um zombiegleich mit den immergleichen Worten "Ich muss den Kapitalismus zerstören!" loszuziehen. Auch sei noch erinnert an Stalins "Gelöbnis für den Führer Lenin", in dem man liest:" Wir Kommunisten sind Menschen von besonderem Schlag. Wir sind aus besonderem Material geformt." Auf die Ästhetik automatenähnlicher Bilder wurde auch im Zusammenhang mit der Ästhetik des Technokriegers hingewiesen: "Diese Technik birgt das Versprechen der Möglichkeit, den Körper zu verlassen, je nachdem, was man für den Körper hält." Und: "Es gibt kein Ding, das weniger biologisch oder dreckig sein könnte (als die Maschine). Es hat kein Blut, furzt nicht, bekommt kein Ekzem. Das glatte elegante Schwarz der Technik bietet eine Möglichkeit, dem Schmutz des Körpers zu entgehen". (Jaron Lanier) Mythische Grenzfälle wie das Bild vom Begründer des Sowjetreiches, aber auch der moderne Krieger, verweisen auf einen nie ganz im Symbolischen auflösbaren Rest. Dabei handelt es sich um den Überschuss, die Substanz des Lebendigen, die darum unaustilgbar ist, weil sie letztlich nicht fassbar bleibt. Ein Exempel aus der aktuellen Medizindiskussion: Ob ein "Zellklumpen" aus 8 Zellen schon lebt, oder nur Rohstoff für den Molekularbiologen ist, hängt von den Gefechtslinien des Diskurses ab, längs derer eine Gesellschaft den gerade aktuellen Definitionstand von Leben aushandelt. Die glatte, gespannte Oberfläche und der Verschluss aller Körperausgänge des Technokriegers helfen nun zu klären, warum die modernen Kriege wie besessen im Zeichen der Sauberkeit geführt werden. Es sollen keine Zivilisten sterben, der saubere chirurgische Schnitt trennt das militärische vom unschuldigen zivilen Ziel. Das Wort vom "collateral damage" verleugnet die Tatsache der unkalkulierbaren Risiken gegenüber der Bevölkerung, der man aus humanitären Gründen zu helfen vorgab, dabei aber erst die vorgegebene humanitäre Katastrophe inszenierte. Die Verletzbarkeit der Zivilbevölkerung war einerseits Vorwand für eine Intervention, andererseits wurde sie geleugnet mit der Rede von einer sauberen Kriegsführung ohne Opfer. Auf der eigenen Seite war der Krieg so sauber, dass die einzigen unserer Soldaten, die starben, durch banale Unfälle zu Tode kamen. Und im Gegensatz zum Golfkieg und seiner medialen Präsenz sind die folgenden Kriege fast ohne Bilder, mithin sauber geblieben. Der Kriegerkörper übernahm selber die Kontrolle über die Selbstrepräsentation. Die Dokumente der unvorhergesehene Fehlschüsse und irgendwelche daraus sich ergebende Ambivalenzen wurden uns daheim gar nicht erst zugemutet. Auch dies letztlich eine Form der De-Realisierung. Halt dich sauber, dann klappt´s auch mit der Gesellschaft.Das Wort Hygiene bedeutet umgangssprachlich heute etwa soviel wie Asepsis, Keimfreiheit. Im medizinischen Sinne beschreibt es das Feld der Mikrobiologie oder der Infektologie. Der Hygienediskurs entwickelte sich im 19. Jahrhundert noch vor der eigentlichen Entdeckung der Krankheitskeime und konstruierte unseren modernen Körper.[viii] Im Zentrum dieses Diskurses steht der Glaube, dass es jeder selber in der Hand hat, über Gesundheit und Krankheit zu bestimmen. Die hygienische Aufmerksamkeit sich selbst gegenüber macht eine konkrete, physische Reflexivität zu einem wesentlichen Charakterzug des bürgerlichen Subjektes. Seine Verantwortung erstreckt sich nicht nur auf die Reinheit seiner Seele oder die Lauterkeit seiner Absichten, sondern vorwiegend auf sein physisches Wohlergehen. Ein manischer Fitnesskult und die fundamentalistische Verurteilung von Rauchern sind nur zwei aktuelle Beispiele für diese bis heute gesellschaftlich verordnete "Sorge um sich selbst". Das heimliche Zentrum dieser Sorge ist ein paradox gefasster "Reiz". Er ermöglicht einerseits den Genuss und bedroht im Exzess andererseits Leib und Leben. Wer den Reiz beherrscht, beherrscht seinen Körper und kontrolliert so sein (bürgerliches) Leben. Genau wurde in der Hygieneliteratur, ein boomender Markt schon im 19. Jahrhundert, das Prozedere einer bedenkenlosen Körperwäsche beschrieben. Baden galt nämlich zuvor als ungesund, da über die Poren widernatürliche Fremdstoffe in den Körper eindringen könnten. Der moderne Körper mußte erst durch die Hygieneerziehung aus der "Crasse", einer imaginären Kruste von Ungeziefer, Schmutz und toter Haut herausgeschält werden. Die Hygieniker haben, so Sarasin, "den Körper des Subjektes im Licht des vitalistischen Materialismus als reizbare Maschine gedacht, das heißt als Körper, der von inneren und äußeren Reizen abhängt. Diese reizbare Maschine zu regulieren war das Ziel der Hygiene." Ist die Hygiene zunächst eine Sorge des bürgerlichen Individuums, so weitet sie sich im Späteren auf das gemeine Volk aus. Es sind aber vor allem die kollektiven Ängste des Bürgertums vor Ansteckung, Zerfall und Degeneration, die diese Ängste wecken. Der Hygienediskurs geht in einen eugenischen Diskurs über. Die Sorge um den eigenen Körper wird zur Sorge der Herrenrasse um den Volkskörper. Dieser Hygienediskurs hat an konstitutiver Kraft für unsere Vorstellung von gesunden Verhältnissen im privaten wie im kollektiven Sektor bis jetzt nur zugenommen. Die Rhetorik der Erneuerung und der Regeneration, in deren Namen die letzten Kriege geführt wurden, der Versuch der hygienischen Implementierung von Menschenrechten, die Tilgung des infektiösen Agens Terrorismus, all diese Strategien erinnern an die aktuelle Diskussion um die regenerativen, invasiven molekularbiologischen Medizinpraktiken. Die Diskussion über die Möglichkeiten einer Medizin, die über die Einschleusung adulter, omnipotenter Stammzellenderivate Funktionen wiederherstellen kann, bemüht die gleichen Körperbilder, wie sie moderne Militärstrategen voraussetzen. Der neue Weltkörper und seine bedrohte Ordnung ist ein Fall für die regenerativen Interventionen. Der Feind ist im medizinischen Sinne die Atopie, das heißt der atopische Gegner macht sich unsichtbar, er ist in einem Wartezustand ("Schläfer"), er kann überall sein. Er infiltriert alle gesellschaftlichen Bereiche, gehorcht einer Viruslogik. Anthrax, ein Brief ohne AbsenderBakteriologische Kriege sind älter als man denkt. 1947 schrieb P.M.Ashburn über die Ausbreitung der Europäer in der Neuen Welt nach 1492: "Die Pocken waren der Hauptmann der Männer des Todes, Typhusfieber der erste Leutnant und Masern der zweite... Sie alle waren Vorläufer der Zivilisation, die Verbündeten der Christenheit und Freunde der Eindringlinge." Nach verlässlichen Schätzungen starben 90 Prozent der amerikanischen Ureinwohner an von Europäern eingeschleppten fremden Infektionen. Übrigens bewies das in der damaligen Vorstellung der europäischen Kolonialisten nur die Überlegenheit der weißen Herrenrasse. In den 1860er Jahren, nach dem Verschwinden der alten Theorien der Ansteckung durch Miasmen - ein bis heute in der Homöopathie benutzter Begriff - beginnt in Europa, unter dem Eindruck der "indischen Cholera" (1830/50er Jahre), endemischer Typhuserkrankungen und der Syphilis die Vorstellung von Infektionskeimen Boden zu gewinnen, die dann mit der Entdeckung von Pasteur und Koch um 1880 experimentell bestätigt werden konnte. Es formiert sich ein Wissen, das komplexe Krankheitsbilder sowohl individuell (Pathologie, Mikrobiologie) wie gesellschaftlich (Epidemiologie) auf genau eine Ursache zurückführt. Diese Verminderung der Komplexität möglicher Krankheitsursachen auf letztlich eine förderte ein Denken in den genannten Kategorien des "Kampfes" zur Abwehr dieser externen Agenten und half (im Gegensatz zur alten Theorie der Miasmen) die Komplexität von Krankheitskontexten stark zu vereinfachen. Eine Forschungsstrategie mit dem alleinigen Interesse, den Erreger zu identifizieren, verändert auch den Blickwinkel auf gesellschaftliche Prozesse. Die Diskurse der Bakteriologie und ihre Metaphern scheinen v.a. aus den Bereichen der sozialen Kontaktängste, sowie aus dem Überfremdungsdiskurs zu stammen.[ix] Infektionsgefahren werden überwiegend mit sozialer Fremdheit und gefährlicher Sexualität verbunden, Prostitution, Promiskuität, Arbeitsemigranten, fremden Rassen und Religionen ... Die Überfremdungsdiskurse erfahren nun ihrerseits eine zunehmende, medizinische Metaphorik, indem sie das Bild vom Fremden als Krankheitserreger vielfach variieren. Basisbegriffspaare sind dabei eigen/fremd, Eindringling/Abwehr, rein/infiziert. Diese Sprachpraxis schafft eine imaginäre Verknüpfung von Körpergrenze und Staatsgrenze. Der Metapherntransfer zwischen einem Körperdiskurs und einem Nationalstaatdiskurs führt zu dem Bild eines nationalen Körpers, der von Feinden belagert wird, der seine Abwehr aufbauen muss, während er sich in seinem Binnenverhältnis hygienisch sauber zu halten hat. Imaginäre Körperbedrohungsszenarien eignen sich zur Konstruktion vom Eigenen und Fremden. Bakterien (und Viren) ängstigen, weil sie unsichtbar klein sind und dabei doch tödlich gefährlich. Die Unsichtbarkeit eines verborgenen Feindes, der das Kollektiv bedroht, ist ein Bild in der Moderne, das direkt aus dem Wahrnehmungsreservoir der Bakteriologie stammt: ◊ Das unsichtbare Giftgas, das im 1. Weltkrieg gegen die in Schützengräben verborgenen englischen Soldaten zum erstenmal zum Einsatz kam, wurde von deutschen Gaswaffenkompanien ins Feld gebracht, die "Desinfektionskompanien" genannt wurden. ◊ NS-Verbrechen wurden im Namen einer Rassenhygiene vorgenommen. Der atopische FeindMikroben, Bakterien und Viren sind besonders geeignet, im imaginären Raum etwas Bedrohliches, etwas Tödliches darzustellen, da man sie nicht sieht. Der amerikanische Verteidigungsminister Donald Rumsfeld bezeichnete damit übereinstimmend die Terroristen auch als "unsichtbare Feinde". Milzbrand ist darum die Biowaffe schlechthin, weil er Sporen bildet und selbst noch nach Jahren funktionsfähig bleibt. Wenn Anthrax als Botschaft ohne Absender auftritt, dann scheint wirklich Krieg zu sein. Allerdings ist das Bedrohungspotential keineswegs eindeutig. So kam es, ohne weiteres öffentliches Interesse in der Vergangenheit immer wieder zu natürlichen Haut-Milzbrandinfektionen (in der Türkei, Spanien und in Texas), ohne daß eine Hysterie ausbrach. Der Angriff durch Biowaffen hat aber noch einen anderen Aspekt. Die terroristische Strategie der unerklärten Kriegsführung, des Anschlags ohne Bekennerschreiben und ohne sichtbaren Verursacher, generiert eine Bedrohung, die globalen Charakter hat. Der Gegner kann nicht lokalisiert werden, da er sich nicht territorial verorten lässt. Dies ist die Logik der Atopie. Es gibt kein sicheres Außen mehr. Es gibt keinen Kriegsfeind, den man an irgendwelchen Grenzen stellen könnte. Damit hat die Metapher der Atopie unmittelbare Konsequenzen für eine Weltordnung, in der nationale Grenzen und souveräne Staaten zunehmend ihren politischen Sinn einbüssen. Es ist die Frage, welchen Status der Körper hat, wenn sich der Nationalkörper in Auflösung befindet. Körpergrenzen die klare Einheiten schaffen: Die Trennung von Innen und Außen - diese beiden Konstitutive der Moderne - verschwimmen unter dem Einfluss eines unsichtbaren Agenten. Man kann fast sagen, daß die aktuelle terroristische Bedrohung durch die unsichtbare Waffe keineswegs so überraschend auftrat, wie es zunächst schien. Es ist, als wäre im symbolischen Raum schon ein Platz für das Auftreten dieses Agenten freigehalten worden. Als hätte man nur auf ein Ereignis, einen Aufhänger im Realen gewartet, damit ein Bruch endgültig wird, der vorher nur angedeutet war. Der "Krieg gegen den Terrorismus" ist der erste Akt einer neuen globalen politischen Ordnung. Das Ende der Nationalstaaten, das Ende von politischen Einheiten, auf die sich die alte Weltordnung gestützt hat, brauchte nur noch den Paukenschlag, um die Bühne frei zu machen für einen neuen Akt.[x] Insofern greift die überwiegend linguistisch motivierte Semiotik und die daraus abgeleitete Kritik der bedeutungsbildenden Metapher nicht weit genug.[xi] In einer weiter gefassten Semiotik ist der atopische Keim mehr als eine Metapher, mehr als ein herrscherlicher Signifikant. Er ist tatsächlich ein effizienter Agent, nicht nur Projektionsfläche. Etwas, das so glänzend die Unterscheidungskriterien innen/außen und Eigenes/Fremdes unterläuft, eröffnet natürlich ganz neue Szenarien der Kontrolle und der Überwachung. Jeder wird zum Ziel einer Rasterfahndung, jeder wird zum Ziel biometrischer Überwachungs- und Verfolgungstechniken, wenn der Gegner uns selbst zum verwechseln ähnlich sieht. Das Virus als 5. KolonneViren sind schon von ihrer Größe und Funktion geeignet, paranoide Ängste zu wecken. Historisch definierte man Viren lange ex negativo. Etwas nicht Bekanntes, etwas nicht Kultivierbares, etwas Unsichtbares, das den Bakterienfiltern entging, das durch Antibiose nicht einzudämmen war. Viren neigen zu Mutation und verändern sehr schnell ihre Gestalt, eine Art Mimikry. Und, so sagte man, mit Viren gibt es "no reasoning", kein vernünftiges Gespräch. M.a.W. sind Viren besondere, nicht beherrschbare Fremdkörper. Sicher, heute weiß man (seit den ersten elektronenmikroskopischen Bildern), daß Viren kleiner als Bakterien sind, dass sie eine RNA- oder DNA-Struktur haben und nicht zum Wachstum und zur Teilung fähig sind, weil sie dazu einen fremden Wirtsorganismus brauchen. Mit dem elektronenmikroskopischen Verfahren gewinnt man ein Bild und wechselt damit das Register des Symbolischen (von der sprachlichen Metapher ins mimetische Icon). Die Überzeugungskraft der Bilder und ihre erkenntnisvermittelnde Evidenz bzw. ihre prapagandistische Kraft hat die Metapher sicher in vielen Hinsichten eingeholt. Im nationalsozialistischen "Stürmer" konnte man damals in einer Karikatur unter dem Mikroskop viele kleine Judensterne sehen, offensichtlich die versteckten Krankheitserreger am deutschen Volkskörper. Auch im Zeitalter der Bilder bleiben die Viren weiter unheimlich, weil sie die traditionellen Antworten auf die Frage nach dem Prinzip des Lebendigen unterlaufen oder besser noch, ganz andere Antworte nahe legen. Das Virus lebt nur insofern, als es den Reproduktionsapparat eines zur Biosynthese fähigen Organismus parasitär ausnutzt. Medizinhistorisch ist die Virologie ein Beschleuniger für die Genetik und Molekularbiologie geworden, und damit der Promotor für die gerade statthabende medizinische Revolution. Daß das Virus eine transpolitische Größe ist, das Begründungsmotiv für politische Haltungen und Entscheidungen, ist keine neue Entwicklung. Foucault wies auf die im wesentlichen administrativen Maßnahmen hin, mit der im Beginn der Neuzeit Stadtverwaltungen auf Seuchen reagierten. Das Auftreten von Seuchen leitet eine Umwälzung der städtischen Organisationsstruktur ein und macht die moderne Stadt erst möglich. Der Seuchendiskurs, das ist schon gesagt worden, hat immer auch den Migrationdiskurs reguliert. Die Pestepidemien wurden so fremden Minderheiten angelastet, v.a. den aus dem Osten eingewanderten Juden. Auf den Zusammenhang des Zusammenbruchs der körpereigenen Abwehr im Rahmen einer HIV-Infektion durch die Verarmung an T-Lymphozyten und den Sexualdiskurs und die Homophobie haben AIDS-Aktivisten immer wieder hingewiesen. Individuelles wird immer wieder mit Kollektivem verbunden. Die Verseuchung des homosexuellen Körpers mündet in die allgemeine Umkodierung des heterosexuellen Gesellschaftskörpers durch diese Bevölkerungsgruppe. Die Lahmlegung der Immunität durch das Virus evoziert die Ängste vor einer epidemischen Ausbreitung promisker Homosexualität, die ebenso wie das Virus nicht reproduktiv ist. Die massenhafte Abschlachtung von Tieren im Zuge der MKS-Infektion in England, so weiß man spätestens jetzt, waren medizinisch nicht notwendig. Bei den Bildern von den brennenden Leichenbergen, es waren an die 6 Millionen, drängt sich die Erinnerung an den Holocaust auf. Es scheint, daß einmal mehr das Virus die Definitionshoheit über die Lizenz zum Leben ausgeübt hat. Das ImmunlaborDiese Kriege haben eine immun-pathologische Dimension. Dabei geht es um die Säuberung, die Reinigung eines territorialen Körpers (Kosovo, Afghanistan) von einem infektiösen Agens, einem Virus. Schlachtfelder sind Immunlabors, insofern sie der sauberen Vernichtung eines unsichtbaren Gegners dienen sollen. Den Abstand zum infektiösen Gegner stellt die Distanzwaffe sicher. Der Kriegerkörper muss sich hüten vor jeder Kontamination. Es herrscht die Logik der Quarantäne. Man denke an die Taliban-Gefangenen der Vereinigten Staaten auf dem außerterritorialen Stützpunkt Guantamo-Bay auf Kuba. Statt im Sinne des ihnen zustehenden Status wie Kriegsgefangene, werden sie eher behandelt wie gefährlich infektiöse Aussätzige. Im Kosovokrieg, aber v.a. im Krieg gegen den Terrorismus ist der Gegner, bevor er gestellt wird, unsichtbar, es ist, als kämpfte man gegen eine Kulisse an. Tatsächlich, so stellte sich im Nachhinein heraus, waren es auch Attrappen statt realer Panzer, die die Natoraketen im Kosovokrieg allzu oft trafen. Der Feind, so sagte Hegel schon, ist der negierte, mithin unsichtbare Andere. Und berührte der Gegner uns einmal, dann war angeblich wieder die unsichtbare Hand der Spionage dafür verantwortlich, z.B. beim Abschuss des Stealthbombers durch serbische Raketen. Man fühlt sich allerdings unangenehm erinnert an eine Rhetorik der Reinigung des Volkskörpers von einem Schädling zum Zwecke einer höheren Gesundheit - eine eugenische Argumentation, die auf einen rassischen Reinigungsprozess hinausläuft. Nicht verwunderlich, dass die modernen Kriege alle geprägt sind von der faschistoiden oder zumindest rassistischen Logik der "ethnischen Säuberung". Diese Kriege sind von beiden Seiten aus bestimmt durch eine Rhetorik der Erneuerung, einem symbolischen Register, das man von faschistoiden Gesundheitsidealen her kennt. Eine Ideologie nimmt dann faschistische Züge an, wenn in ihr Themen spiritueller und nationaler Erneuerung, der Erweckung eines einheitlichen Volkskörpers und seiner allgemeine Ertüchtigung mittels Strenge und Disziplin zu einer höheren Form von Gesundheit zum Gegenstand werden. In diesem Sinne verdanken die neuen Kriege sich einer Gesundheitssymbolik, deren Vorhaben in einem medizinisch-hygienischen Projekt liegt: Der Elimination alles Ineffektiven, Undisziplinierten, Entarteten oder schlicht Unzweckmäßigen. Mit anderen Worten haben wir es mit einer Keimeradikation (Keimausrottung, z.B. von Helicobacter pylorii) zu tun. Die Mutter aller Schlachten"Heilige Serbische Erde" wurde das Amselfeld genannt. Saddam Hussein sprach vom Golfkrieg als Mutter aller Schlachten. Warum dient ein weiblicher Körper als Sinnbild für die Verteidigung oder Erstürmung eines Territoriums? (die amerikanische Operation nannte sich "desert storm", ein Wort, das nicht nur den deutschstämmigen kommandierende General Schwarzkopf an die "Sturmtruppen" erinnert haben wird.) Von Melanie Klein kennen wir die Vorstellung von der Funktion des imaginären Urgeheges, das aus der primordialen Vorstellung des mütterlichen Körpers entstanden ist. Der Mutterkörper präformiert eine Kartographie, erfindet eine ursprüngliche Landschaft, in der Geschwister und aggressives Subjekt sich gegenseitig die Herrschaft über diese heilige Region streitig machen. Lacan bezieht sich darauf, wenn er Krieg als das Verhältnis des Subjektes zu den paranoiden Zeichnungen des primordialen mütterlichen Körpers fasst. Die Landkarte des Krieges erwächst aus dem Reich der Vorstellung, dem Imaginären. Das Imaginäre stellt den Mutterkörper zur Verfügung, als ursprüngliche territoriale Skizze. Das erleichtert dem Piloten, den mithin weiblich besetzten Körper zu bombardieren, die paranoisch besetzte Muttererde von den lästigen Konkurrenten zu befreien. Der Körper, hier der imaginierte Mutterkörper als Urgehege, ist der Einschreibungsort für unser Verständnis des sozialen Territoriums. In den Horizonten, die unsere Körperbilder eröffnen, kreuzt die Macht. Die Körperbilder sind durchdrungen von der Macht und ihren Diktaten. Die Medizin als Instanz der Sorge um den realen Körper ist insofern privilegiert bei der Ausbildung von Körperbildern, sie bietet ein ganzes Vorstellungsarchiv für den gesellschaftlichen Wissensmacht-Diskurs. In Zeiten des Friedens hält die Medizin die Heimatfront eröffnet. Medizinisches Vokabular, medizinische Praktiken "proliferieren". Dieser Begriff stammt ursprünglich aus der Tumorforschung, der Immunologie. Er beschreibt das grenzenlose Wachstum eines malignen Tumors. Darüber hinaus wird aber dieser Medizinbegriff auch verwandt für die unerlaubte Verbreitung von nuklearer, kriegstauglicher Technik. Insofern erhellt sich das Nomadisieren medizinischer Vorstellungen im Metier des Krieges. Stellt doch die Medizin erst ihre Körperbilder, ihre Krankheitsvorstellungen und ihre therapeutischen Strategien als Möglichkeitsbedingungen einem Diskurs des Streits zur Verfügung. Denn sowohl das zum Streit führende Territorium, wie der eigene Kriegerkörper und der des Gegners konstituieren sich durch Diagramme und Karten, die erst unsere technisch aufgeladenen Körperbilder generieren. Die Mutter aller ÜbelLiest man Hahnemanns "Chronische Krankheiten" daraufhin noch einmal, begegnet man hier wieder dem Diktum von der Mutter. "Die Psora ist jene älteste, allgemeinste, verderblichste und dennoch am meisten verkannte chronisch-miasmatische Krankheit, welche seit vielen Jahrtausenden die Völker verunstaltete und peinigte, seit den letzten Jahrhunderten aber die Mutter aller der Tausende unglaublich verschiedener (akuter und) chronischer (unvenerischer) Übel", "die älteste und vielköpfigste unter allen miasmatischen Krankheiten." [xii] "So ward die Psora die allgemeinste Mutter der chronischen Krankheiten". [xiii] Diese mütterlich besetzte Rhetorik scheint nicht ohne paranoide Züge vorgetragen zu werden und gleichzeitig ruft Hahnemann zum totalen Kampf gegen das "vielköpfige Ungeheuer" auf. Dabei gehören Hahnemanns Behandlungs- und Krankheitsmodelle ins Zeitalter der Repräsentation, der Abbildung oder gar Spiegelung: Die Synchronie der Symptomatik (der Querschnitt der aktuellen Krankheitszeichen) findet eine Entsprechung in der Diachronie der Erkrankungsgeschichte (der uralte Einbruch durch die Psora). Der Körper ist der Kriegsschauplatz, er ist mütterlich invadiert, belagert und entstellt. Hahnemann geht dabei von einer Geschichte der Neurasthenisierung aus, einer Verwandlung des Leibes durch die Mutter Psora. "Der Nerve, welcher das Miasm zuerst ergriff, hatte es schon den Nerven des übrigen Körpers unsichtbar, dynamisch mitgetheilt, und der lebende Organism ward sofort von dieser specifischen Erregung im Stillen dergestalt durchdrungen, daß er genöthigt war, das psorische Miasm sich allmählig anzueignen, bis die Veränderung des Ganzen zu einem durchaus psorischen Menschen, das ist, die innere Ausbildung der Psora vollendet wurde." (S. 49) Hier liegt anscheinend ein Modell der ideellen Kontamination, einer Art psycho-neuraler Ansteckung zugrunde. Zurück bleibt der umgedrehte, der neurasthenisierte Leib. Eine im Ganzen idealistische Krankheitstheorie, auch wenn die Säfte des Miasmas doch irgendwie materieller Natur und die den Krankheitsimpuls verlängernde Achse, die Nervenbahnen auch noch Gewebe sind. Der Geist des Miasmas überwältigt am Ende die ebenso körperlose Lebenskraft. Das Miasma beherrscht schließlich parasitär die Vitalkraft. Rufe man sich noch einmal das Bild vom mütterlichen Urgehege ins Gedächtnis, wie es Melanie Klein entworfen hat. Wir haben dann einen primordialen Ort vor uns, dem der Säugling sich ausliefern muß. Zwischen maßlosem Anspruch nach Genuss und Herrschaft und zugleich drohenden Verlust- und Verfolgungsängsten zerrissen, muß er sich doch der Muttermaschine anschließen. So erscheint dem Säugling seine Existenz keineswegs parasitär zum Mutterkörper, sondern in einem Akt der aggressiven Umkehr verwandelt sich ihm die Lebenskraft spendende Mutter zu einem Parasit. Finden wir also auch bei Hahnemann Zeichnungen der Krankheit, die uns auf das ursprüngliche Manöverfeld des heiligen Mutterbodens führen? Literatur:Deleuze, Gilles / Guattari, Felix, Anti-Ödipus, Kapitalismus und Schizophrenie, Frankfurt 1977 Druckrey, Timothy, Revenge of the Nerds: An Interview with Jaron Lanier, Afterimage, 1991 Foucault, Michel, Vom Licht des Krieges zur Geburt der Geschichte, Berlin, 1986 Hahnemann, Samuel, Die chronischen Krankheiten, Nachdr. Der Ausg. Dresden 1835, Heidelberg 1991 Hardt, Michael / Negri, Antonio, Empire, Harvard University Press, Cambridge, 2000 Nieswandt, Hans, plus minus acht. DJ Tage, DJ Nächte, Kiepenheuer und Witsch, 2002 Ronell, Avital, Finitude´s Score, Essays For The End Of The Millenium, Univ.of Nebraska Press, 1994 Sarasin, Philipp, Reizbare Maschinen. Eine Geschichte des Körpers 1765-1914, Frankfurt 2001 Sunzi, Die Kunst des Krieges, München 1996 Virilio, P. / Lotringer, S., Der reine Krieg, Berlin, 1984 Watts, Sheldon, Epidemics and history: disease, power and imperialism, Yale University Press, 1999 Zizek, Slavoj, Grimassen des Realen, Kiepenheuer und Witsch, 1993
*************** [i] Der folgende Text erschien zunächst im Zusammenhang mit dem Kosovokrieg und der Diskussion über die neue Rolle der deutschen Bundeswehr im globalen "Peacekeeping". Die Frage ist, wie Kriegsrhetorik sich bestimmter medizinischer Metaphern bedient, z. B. der Metapher von der Ansteckung durch ein kontagiöses Agens oder der Abwehr dieses Eindringlings durch Strategien der Hygiene. Thema ist der Zivilkörper, in dem immer schon ein ballistischer Kriegerkörper steckt. [ii] M. Foucault: Vom Licht des Krieges zur Geburt der Geschichte [iii] Hobbes, Leviathan XVII [iv] F. Nietzsche: Menschliches Allzumenschliches Bd. 2, Der Wanderer und sein Schatten, 22. in: Gesammelte Werke, Bd. 1, S. 885 [v] A. Ronell, Support Our Tropes: Reading Desert Storm, in: Finitude´s Score, 1994 [vi] Sarasin: Reizbare Maschinen, Eine Geschichte des Körpers, 2001 [vii] Zizek, S.: Grimassen des Realen [viii] Sarasin, a.a.O. [ix] Sarasin, a.a.O. [x] Michael Hardt, Antonio Negri: Empire, 2000 [xi] Gilles Deleuze und Felix Guattari: Anti-Ödipus,1977, S. 53:
[xii] Hahnemann, Chron.Krankheiten, S.11 [xiii] a.a.O., S.17 |
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19. Dezember 2005