Materialien zum Homöopathischen Diskurs
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Homöopathie

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Lidija Rukavina


Die De-Strukturierung des homöopathischen Verfahrens

Die ganze Ausgabe 4.Jhg. - Nr. 1/2002 als PDF-Datei
 

Die Fiktion von der idealen Heilung

Eine äußerst hartnäckige Vorstellung beherrscht die Homöopathenwelt und befördert den Starhomöopathen-Rummel: Die Idee vom genialen, göttlichen Heilakt. Der Wunsch nach der Machbarkeit eines solchen Heilereignisses treibt den Homöopathen von Seminar zu Seminar und von einer zur anderen Methode. Die Falldemonstrationen und Theorien der Starhomöopathen versuchen, diesen Wunsch zu befriedigen, und sind damit in der selben Falle gefangen, indem sie die Auflösung aller kontingenten Probleme der Homöopathie auf den einen einzigen genialen Akt reduzieren: Die richtige Mittelwahl.

Das homöopathische Heilsversprechen heißt Simillimum, das wie von Geisterhand die Heilung vollzieht und sämtliche Fragen und Schwierigkeiten der Behandlung hinwegnimmt. Die homöopathische Praxis der Endlichkeit dagegen muss mit Störungen und Überraschungen rechnen. Gemessen an dem Ideal eines genialen Heilereignisses kann diese alltägliche Behandlungspraxis als defizitär erscheinen. Viele Fragen bezüglich der homöopathischen Methode gruppieren sich um einen zentralen und neuralgischen Punkt: Die Gewissheit der Behandlungsstrategie. Das Bedürfnis nach einer sicheren Methode kann als Ausdruck der Angst verstanden werden, die mit einer Kontrolltechnik gebändigt werden soll. Andererseits ist der Mythos vom "heiligen Gral", von dem magischen Ding am Werk, der die Suche nach der sicheren Behandlungsanleitung vorantreibt.

Diese unbefriedigende Situation der Homöopathie führt zu der Frage, ob die Bindung an eine apriorische Heilungsgewissheit überhaupt sinnvoll ist. Kann irgendeine homöopathische Methode das Auftreten des begehrten Heilereignisses wirklich sicherstellen? Oder vollzieht sich der Heilprozeß auf eine ganz andere, geheimnisvolle Weise, die einen zwingenden Zusammenhang zwischen dem sicheren methodischen Vorgehen und dem Heilerfolg fragwürdig macht? Die Rede von der De-Strukturierung des homöopathischen Verfahrens soll auf den Umstand hinweisen, dass verschiedene methodische Operationen an dem ursprünglichen Symptommaterial des Patienten eine Umstrukturierung vornehmen, die Widersprüchliches und Heterogenes ausblendet, um einen einheitlichen Analysezusammenhang herzustellen. Die scheinbar chaotischen Kräfte der Sprachproduktion aber, die authentische Psorasprache, strukturieren in eigener Weise das Behandlungsfeld und bringen den Patienten in Berührung mit einer ursprünglichen "Spur", der ich die Heilungspotenz zuspreche.[i]

Die methodenbedingte Neuordnung der Psorasprache destrukturiert und verwischt die ursprüngliche Spur oder Struktur dieser Sprachproduktion im Streben nach Gewissheit und Einheit. Ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen der vermeintlich sicheren Methode und dem Heilerfolg ist aus dieser Sicht nicht gegeben.

Die Heilungsgewissheit in der Homöopathie

Wie legitimieren sich die Vorstellungen von der Heilungsgewissheit in der zeitgenössische Homöopathie und wie gestaltet sich die Garantie für die Gewissheit der Behandlung? Ich greife im Folgenden auf einige Aussagen von Spinedi[ii] und Klunker zurück, da sie mir für das Thema exemplarisch erscheinen. Beide Autoren bemühen einen bekräftigenden Gestus für die Reinheit und die Sicherheit der homöopathischen Lehre. Hahnemann sei perfekt, logisch, klar und kohärent gewesen, so Spinedi mit Künzlis Worten. In dieser Klarheit existiere kein Platz für Interpretationen und eigene Meinungen. Trotz der behaupteten Klarheit Hahnemanns wird die zeitgenössische Homöopathie von beiden Autoren als zerstritten, spekulativ und heterogen bezeichnet.

Die Lage erscheint zunächst paradox. Wie kann sich eine so eindeutige und klare Lehre in eine derart disparate Homöopathielandschaft verwandelt haben? Spinedi sieht den zeitgenössischen Zustand der Homöopathie als Abweichung und Deformierung der reinen Lehre. Die Kontroversen, Spaltungen und Auseinandersetzungen in der Homöopathie seien durch ein Fehlverständnis der Quellen entstanden. Zu viele Phantasien seien in die ursprüngliche Lehre hineingemengt worden. Die phantasierenden Homöopathen ließen sich nicht vom Licht der Wahrheit leiten, sondern von der eigenen Eitelkeit. Spinedis Strategie zur Bewahrung der reinen Lehre beruht auf drei Standbeinen:

1) Die Akzeptanz der Lehre Hahnemanns und ihre Weiterentwicklung durch Kent.

2) Die Akzeptanz der Unverrückbarkeit der s.g. homöopathischen Axiome.[iii]

3) Die Akzeptanz der Reihe der "Auserwählten".[iv]

Diese drei Sicherheitsmaßnahmen seien notwendig damit die Reinheit nicht zu einer Deformation entarte.

Wozu dient aber die Reinhaltung der Homöopathie? Die Auserwählten sind Autoritäten, die die Pluralisierung des homöopathischen Diskurses bändigen sollen. Wie von Foucault ausgeführt[v], dienen bestimmte Machtprozeduren der Kontrolle und der Einschränkung des Diskurses. Die Auserwählten haben eine solche Funktion in der Homöopathie, weshalb sie auf die Reinhaltung des Homöopathiefeldes achten müssen und alle Abweichungen heraushalten sollen. Nur durch die Anwendung der Machtprozedur formiert sich der Gegensatz zwischen der wahren oder reinen Lehre und der falschen Lehre.

Der Wille zur Wahrheit übt auf die anderen Diskurse Druck aus, damit der Diskurs nicht weiter proliferieren kann. Der Zufall, das Andersartige und das Phantastische müssen ausgegrenzt werden. Die Verknappung des Diskurses ist eng gekoppelt an den Autor (die Auserwählten). Er dient als Prinzip der Einheitsstiftung und soll den Zusammenhalt der Disziplin garantieren. Die Prozedur der Reinhaltung der Lehre scheint schon deshalb notwendig, weil Hahnemanns Entwurf keineswegs so eindeutig und kohärent gewesen ist, wie Spinedi und Künzli behaupten. Das Widersprüchliche und die Brüche in seiner Lehre sind aus der Notwendigkeit, eine neue Heilkunde erst zu entwickeln, verständlich. Nicht die Fehlinterpretation der ursprünglichen Quellen führt zu der Pluralisierung der Homöopathie. Vielmehr muss man dem Entwurf Hahnemanns eine ganze Menge Gewalt antun, um ihn in einen einheitlichen und klaren Zusammenhang verwandeln zu können. Aus den Krankheitsjournalen wird deutlich, dass Hahnemann viel weniger die eigens aufgestellten Prinzipien befolgt hat, als seine Schüler dies von ihm angenommen haben.[vi]

Folgt man den Ausführungen Spinedis, dann sind die nichtauserwählten Homöopathen nicht in der Lage, richtig zu behandeln. Die alltägliche Praxis zeigt aber, dass diese Annahme unzutreffend ist. Offensichtlich stellen sich bei ganz unterschiedlichen Ansätzen und Spielarten der Homöopathie durchaus Behandlungserfolge ein. (Eine mögliche Erklärung folgt im letzten Kapitel dieser Abhandlung.)

Des weiteren soll die Gewissheit der Homöopathie nach Spinedi in Anlehnung an die empirischen Wissenschaften garantiert werden. Spinedi vergleicht die Dynamis mit den "magnetdynamischen und feldenergetischen" Kräften der modernen Physik und behauptet die Existenz von homöopathischen Axiomen. Die Bestrebungen verschiedener Protagonisten, die homöopathische Lehre doch noch einer wissenschaftlichen Disziplin anzugliedern, sind hinreichend bekannt. Dieser Wunsch muß aber erfolglos bleiben, da die Entwicklung der wissenschaftlichen Medizin endgültig ohne die Homöopathie stattgefunden hat, wie z.B. die neue Entwicklung in der Gentechnologie zeigt. Die Beschwörung einer Zugehörigkeit ist nutzlos und darüber hinaus für das Selbstverständnis und die Weiterentwicklung der Homöopathie kontraproduktiv. Es bleibt außerdem unklar, wie die Rede von den sog. homöopathischen Axiomen verstanden werden kann. Axiome sind formale Sätze, die in sich selbst schlüssig, nicht aber aus anderen Sätzen oder Behauptungen bzw. Erfahrungen ableitbar sind.

Diese formale Bedingung ist bei keiner der drei genannten Regeln der Homöopathie gegeben. Vielmehr kann man sie als verbindliche Absprachen eines homöopathischen Regelwerks verstehen, die nicht willkürlich verändert werden können, da sie als bindende Regulative wirksam sind.

Ein Beispiel für den Umgang mit den Regeln mag dies verdeutlichen, auch wenn hiermit nicht gemeint ist, daß Homöopathie als ein Spiel verstanden werden soll. Natürlich spielt man Fußball nicht mit der Hand, aber deshalb handelt es sich beim Ballspiel mit dem Fuß noch lange nicht um ein Axiom. Diese Regel des Fußballspiels gilt natürlich nicht für Handball oder Tennis. Weder das Similegesetz, noch das Auswirkenlassen der Arznei das Wiederholungsverbot in der Besserungsphase erfüllen die formale Bedingung für ein Axiom.

Klunker[vii] leitet seine Vorstellungen über die Gewissheit der Homöopathie aus der philosophischen Grundlegung der Selbstgewissheit des Subjekts durch Descartes her. Descartes suchte mit seiner Philosophie ein Fundament für die unbezweifelbare Erkenntnis des Subjekts. Der Ausgangspunkt der Überlegungen war der Zweifel, den er mit seiner Denkmethode über-winden wollte. Descartes entwarf einen Ansatzpunkt, der nicht mehr anzuzweifeln war. Von diesem ausgehend, konnte er durch zwingende Schlüsse zu immer komplexeren aber unbestreitbaren Wahrheiten gelangen. Descartes stößt denkend durch den Zweifel auf das Evidente und Unbezweifelbare, nämlich auf das denkende selbstidentische Subjekt. Selbst im Zweifel wird ein denkendes Ich, das diesen Zweifel denkt, vorausgesetzt werden müssen. Denn selbst wenn das Ich zweifelt, so denkt das Ich zweifelnd: cogito ergo sum. Diese grundlegende Reflexion sollte ein Fundament für die Wissenschaften vorbereiten. Klunker vergleicht die cartesianische Fundamentalreflexion mit der Vorgehensweise Hahnemanns, dessen ganzes Bestreben darauf gerichtet war, eine sichere und zuverlässige Basis für die Behandlung der Krankheiten zu finden. Die Erfindung des Ähnlichkeitsprinzips sei die Grundlegung für die Gewissheit der Heilung. Hahnemann habe keine Vorläufer gehabt, er habe das Ähnlichkeitsprinzip im Sinne eines wissenschaftlichen Grundsatzes entdeckt. Für Hahnemann sei dieses Prinzip genauso sachgemäß und notwendig gewesen wie für Descartes die Selbstgewissheit des Subjekts und wie für Newton die Gesetze der Mechanik. Ein fundamentum inconcussum, der unerschütterliche Ausgangspunkt.

Es spricht vieles dafür, dass Hahnemann tatsächlich einen derartigen wissenschaftlichen Ansatzpunkt beabsichtigt hat. Aber diese Betrachtung gehört in die Philosophiegeschichte, gemeinsam mit der Reflexion Descartes. Spätestens seit dem zwanzigsten Jahrhundert hat sich eine nicht mehr aufhaltbare Trennung zwischen der Philosophie und den empirischen Wissenschaften vollzogen, genauso wie eine Trennung zwischen der Homöopathie und den Medizinwissenschaften stattgefunden hat. Die Letztbegründungsansprüche haben in der modernen oder postmodernen Philosophie ihre Attraktivität und vor allem ihre allgemeine Verbindlichkeit verloren. Die Medizinwissenschaft und die neuen Medizintechnologien beziehen ihre Vorstellungen nicht mehr aus den philosophischen Grundsatzüberlegungen, selbst wenn sie dies in ihrer Entwicklungsgeschichte vormals getan haben sollten. Damit greift die Argumentation von Klunker ins Leere, wenn sie die Homöopathie an eine veraltete Philosophietradition bindet.

"Die Homöopathie ist akephal, ihres Zentrums beraubt"[viii] -  diese Diagnose Klunkers über den Zustand der zeitgenössischen Homöopathie ist sehr treffend, aber keineswegs katastrophal oder bedauerlich. Hier bietet sich vielmehr ein Anknüpfungspunkt an die postmoderne Philosophie, die einen ähnlichen Prozess des Verlustes übergreifender Wahrheitskonzeptionen vollzogen hat. Seit Nietzsche und Heidegger ist die allumfassende Wahrheit ortlos geworden. Die Pluralisierung des Diskurses als Folge des Verlustes von bindenden, zentralen Wahrheitsaussagen entspricht dem Geist unserer Zeit. Die Rückbesinnung auf die alte geistesgeschichtliche Tradition kann diese Entwicklung nicht mehr aufhalten.

Lacans Antwort an Descartes

"Dort, wo ich denke, bin ich nicht - dort wo ich bin, denke ich nicht" [ix]

Der französische Philosoph und Psychoanalytiker Jacques Lacan wendet sich gegen die philosophische Tradition, die das Ich oder das Selbstbewusstsein als das Wesen des Subjekts begreift. Die Vorstellung von der Autonomie des Subjekts bleibt in den Grenzen der bewusstseinsmäßigen Selbstgenügsamkeit und damit in der illusionären Verkennung des Ich. Das Subjekt lässt sich auf die Identität des Selbst-Bewusstseins nicht reduzieren, der wahre Ort des Subjekts, so Lacan, ist das Unbewusste. Die Verkündigung der Doktrinen und Ideologien mit den Schlagworten wie Autonomie, Autokratie und Selbstbewusstsein schmeicheln dem Narzissmus eines jeden Individuums und suggerieren ihm genau das, was ihm in Realität mangelt.

Lacans Spiegeltheorie[x] enthüllt den Charakter des Imaginären, die illusionäre Vorstellung eines Eins-sein-wollens mit sich selbst. Das Ich ist dieser Theorie nach nicht der Ort der Selbstgewissheit, wie Descartes es behauptet, sondern im Gegenteil, der Ort des Verkennens und der Täuschung. Im Spiegelstadium (6-18 Monat) antizipiert das kindliche Ich eine imaginäre Einheit, obwohl die körperlichen Fähigkeiten mangelhaft sind. Das Ich, so die Schlussfolgerung Lacans aus dem Spiegelphänomen, entwirft sich in der Verkennung seines Mangelzustandes als einheitlich. Verhaftet an das eigene Spiegelbild übernimmt das Ich-Ideal die Rolle des Herrschers. Es setzt sich als autonom und negiert den Vorgang seiner spiegelbilderzeugten Repräsentation.

Bezugnehmend auf Freud, der im Es den eigentlichen Kern unseres Wesens sah, postuliert Lacan: Da wo es spricht, befindet sich das wahre Subjekt des Unbewussten und nicht das Subjekt des Bewusstseins, ein Subjekt des Symbolischen, nicht des Imaginären.

Weshalb der Verweis auf Lacan? Für die Homöopathie, die methodisch fast ausschließlich auf die sprachliche Repräsentation angewiesen ist, sind die Überlegungen und Erkenntnisse Lacans in beunruhigender Weise bedeutsam. Lacan rückt die Strukturen von Ich und Es in ein ganz neues Licht indem er auf die sprachliche Natur beider hinweist. Das Es im Sinne von es spricht ist die Dimension des Unbewussten, das nie unmittelbar präsent ist, das aber doch spricht. Es spricht oder die Sprache spricht.

Das bedeutet, daß das Unbewusste so strukturiert ist wie die Sprache, ein System symbolischer Ordnungen. Lacan unterscheidet zwei Subjektbegriffe: das imaginäre Subjekt (moi) und das symbolische Subjekt (je) als Subjekt des Unbewussten. Für Lacan ist das Subjekt des Unbewussten (je) das eigentlich "wahre Subjekt", da es nicht der Spiegelbild-Täuschung unterliegt. Als dezentriertes, verschobenes, exzentrisches Subjekt ist es uns nicht direkt zugänglich. Das Ich ist demnach nicht mit sich identisch, es gilt vielmehr «jemoi». Das "ich denke" begründet keineswegs die Einheit des Subjekts sondern seine Spaltung. Ich ist ein Anderer.

Die reflexive, imaginäre Einheit wird dazu verdammt, eine illusionäre Schöpfung zu sein. Es gibt offensichtlich ein Denken von dem das Subjekt (moi) nichts weiß, weil es sich auf einer anderen Ebene artikuliert als auf der Bewusstseinsebene. Ein Denken, das nur dort auftaucht, wo ich nicht bin, in den Lücken, Sprüngen oder Leerstellen des Diskurses. Das wahre Subjekt (je), das dem Trugbild entweicht, spricht und denkt an dem Ort wo es sich in der Rede des Anderen erfahren kann. Es ist nicht das Subjekt der einsamen Reflexion wie bei Descartes. Es ist ein Subjekt, das nur dialogisch erfahren werden kann. Lacans These könnte man wie folgt zusammenfassen: "Das Unbewusste ist der Diskurs des Anderen (A)".

Der homöopathische Phallus

Wendet man die Vorüberlegungen Lacans auf jeden, auch auf den homöopathischen Diskurs an, so eröffnet sich die Notwendigkeit für das Differente und Andersartige in Anbetracht der Fragwürdigkeit des imaginären Verlangens nach der Erzeugung einer fiktiven und trügerischen Einheitskonzeption. Die Homöopathie sollte ihre Möglichkeiten aus der diskursiven Pluralität schöpferisch vorantreiben, statt in einer illusionären Sehnsucht nach Reinheit, Quantensprüngen, Simillima oder Gewissheiten zu erstarren. Es gilt zunächst, die ernüchternde Differenz zwischen unserer spiegelverhafteten Einheitsvorstellung und der Disparatheit der Realität auszuhalten. Das Andersartige soll und muß sprechen, ohne daß es sofort identifiziert, verallgemeinert, gewusst oder ausgeschlossen wird. Die Negierung der Widersprüchlichkeit und Gespaltenheit zugunsten eines Ich-Ideals und seiner Einheitsschöpfungen führt in denStillstand einer hermetischen Geschlossenheit. Die Homöopathie kann die vitalisierenden Impulse aus der Heterogenität ihrer Anhänger gut gebrauchen, zumal das Verständnis für die Vielfalt in der Lehre bereits angelegt ist (vgl. z.B. die ansteigende Zahl der verwendeten Arzneien).

Die strukturalistische Betrachtung des homöopathischen Vorgehens erlaubt einige vorläufige Schlußfolgerungen: Die Suche nach der sicheren Methode oder nach apriorischer Heilungsgewissheit entspringt dem Begehren eines verblendeten ich (moi), das von seinem Mangel angetrieben wird. Die Strukturierung des homöopathischen Behandlungsfeldes erfolgt durch die Psorasprache, die spricht. Das Inkohärente dieser Sprachproduktion ist keine Störung, sondern die authentische Äußerung des wahren ich (je) und damit eine Spur zur Heilung.[xi] Die methodenbedingte Neuordnung des Sprachmaterials kann diese Spur verwischen, indem ein neuer illusionärer Zusammenhang, z.B. das Arzneimittelbild, erzeugt wird. Hahnemann ist dieser Täuschung nicht erlegen, er blieb immer ganz nah an den Symptomen.

Die homöopathische Anamnese und das ganze Behandlungssetting haben viel eher den Charakter einer schamanistischen Performance als den einer exakten Analyse mit Gewissheitsanspruch.

Abschließend noch einige Bemerkungen zum Simile. Das Simile hat die formale Position eines zentralen Signifikanten in der symbolischen Ordnung der Homöopathie, das Simile ist der symbolische Phallus. Nach Lacan ist das Objekt, das die zentrale Position des symbolischen Phallus besetzt, nicht identifizierbar. Es ist im Gegenteil das, was sich seiner Identifizierung entzieht, was immer dort gefunden wird, wo es nicht ist, denn es ist nicht dort, wo man es sucht. Es ist immer im Verhältnis zu sich selbst verschoben, kein Fixpunkt, sondern ein Ort des Fragens und des Suchens. Vorausgesetzt, daß das Simile diesem zentralen Ort zugeordnet werden kann, so hätte es seine Bedeutung alleine aus der formalen Zuordnung und nicht auf Grund irgendwelcher inhaltlicher Bestimmungen. Die Funktion und die Wirkung eines so verstanden Simile ist für die Behandlung von entscheidender Bedeutung, aber nicht seine Eigenschaften.

Daraus folgend können ganz verschiedene homöopathische Arzneien diese Position besetzen und allein kraft der Zuordnung ihre Wirkung entfalten.

Literatur:

Descartes, Renée, Discours de la methode, Hamburg 1990

Foucault, Michel, Die Ordnung des Diskurses, Frankfurt 1991

Hahnemann, C.F.S., Die Krankenjournale - Kritische Gesamtedition, Heidelberg, div.Jg.

in.form.alia, Materialien zum Homöopathischen Diskurs, Köln 2000

Lacan, Jacques, Schriften I und II , Weinheim 1991

Zeitschrift für Klassische Homöopathie: 1/1996; 5/1996; 5/2000

 


[i] vgl.Rukavina, L., "Die Inszenierung der homöopathischen Praxis", in: in.form.alia 1/2000

[ii] Spinedi, D., "Die Homöopathie im 21.Jahrhundert / Teil 1", in: KH 5/2000

[iii] a.a.O., S.182: Die Axiome: a) Similegesetz, b) Mittel auswirken lassen, c) nie in der Besserung wiederholen.

[iv] a.a.O.: Zu der Auserwähltenreihe zählen Hahnemann, Kent, Pierre Schmidt, Künzli und vermutlich Spinedi selbst.

[v] Foucault, M., Die Ordnung des Diskurses,Frankfurt 1991

[vi] Hahnemann, C.F.S., Die Krankenjournale

[vii] Klunker, W., "Heilkunde unter dem Anspruch von Gewißheit", in: KH 5/96

[viii] ders., Das Prinzip Homöopathie, in: KH 1/1996

[ix] Lacan, J., Das Drängen des Buchstabens im Unbewußten, in: Schriften II

[x] ders., Das Spiegelstadium als Bildner der Ichfunktion, Schriften I

[xi] Rukavina, L., a.a.O.

 


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