Materialien zum Homöopathischen Diskurs
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Homöopathie

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3.Jhg. - Nr. 1/2001

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Er warnte sie, jemals darüber nachzudenken,
was zuerst da war:
das Wort oder die Dinge

Jean Luc Godard, in Pierrot le fou (1965)
 

Editorial

Lieber Leserin,
o si tacuisses, homoeopathus mansisses!, möchte man - zunehmend häufiger in den homöopathischen Blätterwald hineinrufen. Zugegeben, ein etwas halsbrecherisches Latein, aber in Zeiten der irreparablen Erosion der Begriffe, zugleich des Siegeszugs der Wortspiele in Werbung und Politik, mag dies gestattet sein. Kennzeichnet es doch jenen schwankenden Untergrund, auf dem sich Homöopathie seit geraumer Zeit vorwärts(?) bewegt: Zwischen der Rede vom "höheren Selbst", welchem "manente" Entwicklungshilfe versprochen wird («C4-Homöopathie») und der Beschwörung einer kritikresistenten, weil unmittelbaren "Evidenz" (Wischner in KH 1/2001) liegen nur scheinbar Welten.

Regisseur Christian Duguay lässt seine Heldin Jeanne D'Arc im gleichnamigen Film immer wieder darauf insistieren, ihre Anweisungen kämen "unmittelbar von Gott", hörbar gemacht durch den Mund u.a. der Hl. Katharina. Ganz ungeachtet einer möglichen psychoanalytischen (und das hieße nicht zwingend: verächtlichen) Interpretation des Geschehens wird in diesem - ansonsten bedeutungslosen - Film eine vielschichtige Dynamik deutlich:

- Bischof Cauchon, als direkter Vertreter der kirchlichen Lehre zugleich um die "Rettung ihrer Seele" bemüht, sieht die Gefahr einer (sykotischen) Überhöhung der mystischen Erfahrung Jeannes sowie die Option der Selbsttäuschung durch den gigantischen Verehrungsrummel (Einschaltquote: nahe 100% aller Franzosen); sein Therapievorschlag: Demut!

- Der offiziell bestallte Vertreter der Inquisition hingegen stellt die Frage nach der Wahrheitsfähigkeit Jeannes (= des Menschen) gar nicht erst. Seine Entscheidungsparameter sind ungeschminkt jene der politischen Macht (in diesem Fall die Interessen des mit England verbündeten Burgund); sein Therapievorschlag: Scheiterhaufen!

Im Spiel der realen Kräfte wirkt der Bischof seltsam deplaziert Zwar kungelt er mit den Mächtigen verschiedenster Couleur gleichzeitig ist sein Paradigma nicht von dieser Welt Wahrheit Demut Seelenrettung sind nicht plan operationalisierbar daher politisch nicht durchsetzbar

Eine nicht unähnliche Gemengelage bietet derzeitige Homöopathie Der Kampf um gesellschaftliche Reputation und ökonomische Reviere ist ihr ebenso wenig fremd wie die interne Debatte um die Wahrheitsfähigkeit ihrer Methode Homöopathie ist nicht archimedische Mechanik (auch wenn sich im "Schüttelschlag" der Potenzierung noch Rudimente davon zu zeigen scheinen); Hahnemann hat in seiner bewundernden Auseinandersetzung mit dem tierischen Magnetismus Mesmers bereits eine sublimere Physik zur Kenntnis genommen; aber nicht einmal die Welt der Quarks wird uns befriedigende Antworten über Wesen und Wirken der Homöopathie geben können. Die Physis ist das Substrat, die causa materialis unserer Heilkunst, nicht mehr und nicht weniger. Die Apotheose des menschlichen Körpers zum unsterblichen Selbstzweck, wie sie unsere außerhomöopathischen Zeitgenossen mit Verve entfesseln, erzeugt folgerichtig als dunkle Kehrseite die Marginalisierung des geistig-seelischen Lebens des Subjekts und das Verschwinden einer sprechenden Sprache. Dem korrespondiert die Heiligung der Zahl im Gewand der quantitativen Statistik, einer Art moderner Kabbalistik: Sakramentale Chimäre eines Wertgefüges, das - «Fakten-Fakten-Fakten» jeden systemtranszendierenden Einwand zu ersticken sich bemüht.

Wenn wir jedoch Hahnemanns (aristotelische) Rede von der geistartigen Dynamis ernst nehmen~ haben wir die geisteswissenschaftliche Exploration der Homöopathie vordringlich zu betreiben und eine Topologie der 1000 Ebenen homöopathischer Heilkunst zu entwickeln. Sonst geht es uns wie jenem Kosmonauten, der bei seinem überirdischen Flug keinen Gott fand, weil er ihm nicht "evident" war.

Er suchte am falschen Ort.

Christian Gallasch

 


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