Materialien zum Homöopathischen Diskurs
Materialien zum Homöopathischen Diskurs 

Homöopathie

Startseite » in.form.alia » 2001 - 3.Jhg. - Nr.1 » Christoph Weihe; Die Geburt des Körpers II - Liebe Deinen Körper wie Dich selbst!

Christoph Weihe

Die Geburt des Körpers II - Liebe Deinen Körper wie Dich selbst!

"Mit einer schönen Wunde kam ich auf die Welt;
das war meine ganze Ausstattung."
F. Kafka

Der ganze Artikel als PDF-Datei
 

Zuletzt war die Rede von der Geburt des Körpers. Damit war gemeint, dass Körper und Körperbilder Kulturspezifika sind. Körper werden als geschichtlich gewordene Schemata kulturell geprägt. Selbst das naturwissenschaftlich-medizinische Körperschema verdankt sich einer historischen Determinierung, ist entgegen dem Anschein keineswegs überzeitlich und allgemeinverbindlich.

Zwei Kernsätze der an einer poststrukturalistischen Zeichentheorie orientierten Kritik unserer zeitgenössischen Körperwahrnehmung sollen hier weiter aus­geführt werden. Zunächst das Konzept der Metalepsis: So beschreibt der Literaturwissenschaftler Paul de Man eine sprachliche Figur. Es geht dabei um einen Sprachakt, bei dem ein paradoxer Effekt erzielt wird. Die Metalepsis produziert als rethorischen Effekt eine vorausliegende Sache, als dessen Wirkung sie sich darstellt. Es kommt dabei zur Umkehr des logischen Prozesses der Abfolge von Ursache und Wirkung. Auf Englisch sagt man: "an effect precedes its cause" - eine Wirkung geht ihrer Ursache voraus.

Auch biologische Tatsachen bedürfen der Bewertung

Dieser Ansatz der Metalepsis, der ursprünglich der Literaturauslegung gilt, lässt sich in bestimmten Umfang auch bei anderen Texten anwenden, z.B. an medizinischen Diagnosesystemen und Symptomsammlungen. Hierbei wird zugestanden, dass medizinische Befunde selbstredend einen empirischen Gegenstand haben. Aber beim Einfügen dieser Befunde in die Lebenswelt des Patienten wechselt man in das Feld der Zeichen, die der Interpretation und der Bewertung bedürfen. Nach dem Muster der Metalepsis sind Befunde oder Symptome dann die Wirkung von etwas, das sich erst nachträglich durch seine Symptomatisierung konstituiert. Das Symptom ist die aus der Zukunft führende Spur in eine vergangene Wahrheit.

Nehmen wir die Befundlage einer Hypercholesterinämie bei einem gesunden, jungen Patienten. Dieser Befund macht aufgrund bestimmter prognostischer Annahmen aus einem Gesunden einen von Gefäßschäden bedrohten Kreislaufkranken und Risikopatienten. Daraus folgt, daß diesem Patienten wie selbstverständlich eine Medikamententherapie aufgedrängt wird, die die angeblich unausweichliche Spätschäden der Hypercholesterinämie abwehren soll, also gesundheitliche Folgen, die zum jetzigen Zeitpunkt noch gar nicht eingetreten sind, vielleicht sogar niemals eintreten werden. Dadurch wird aus einem gesunden Patienten ein chronisch Kranker, der einem Vorsorgeprogramm unterworfen wird. Hier gilt also die Logik, dass gewisse Zeichen ("Hypercholesterinämie"), die als Effekte auf eine verborgene Krankheitsursache hinweisen, erst diese Krankheit hervorbringen. In der Sprache der Zeichentheorie fungiert das Symptom hier als Bezeichnendes, das auf das Bezeichnete verweist, nämlich die Krankheit. Wohlgemerkt: Hier geht es nicht um das Abstreiten eines normvarianten Serumcholesterinwerts - das Überschreiten eines sogenannten Normwertes in einer Laborkontrolle mag durchaus vorliegen. Nur bedeutet dieser erhöhte Serumwert für sich genommen noch gar nichts. Erst wenn dieser Wert gedeutet wird, also wenn er eine BeWertung erfährt, wechselt er in das Register des Symbolischen, ins Feld der Sprache. In diesem Feld wird überhaupt erst Sinn hergestellt. Die Relation des Zeichens, bei der Bezeichnendes auf Bezeichnetes verweist, dieses sinnstiftende Verhältnis innerhalb des Registers des Symbolischen und der Sprache wird aber von nichts Äußerem bestimmt. Dieses Verhältnis ist autonom. Das heißt, dass Sprache zunächst nur von sich selbst abhängt und ein in sich geschlossenes System ist. Dieser hermetische Charakter der Sprache lässt sie so mächtig sein, so dass sie uns darum um so vollkommener beherrscht. Und die bedeutungsgenerierende Verknüpfung von Symptom/Befund und Krankheit hat innerhalb dieses Mediums einen sehr viel mehr arbiträren, also willkürlichen Charakter, als es bei einer sich wissenschaftlich ausgebenden Disziplin wie der Medizin zunächst den Anschein hat.

Die Zukunft raunt von der vergangenen Wahrheit

Diese Form der medizinischen Befundbeurteilung erinnert an die Geschichte des Kaufmannes, der auf einem Markt dem Tod leibhaftig begegnet. Der Kaufmann ist zutiefst erschreckt. Der Tod seinerseits zögert unerklärlicherweise und so kann der Kaufmann entkommen. In wilder Panik reitet er drei Tage und Nächte und hält erst an einem entfernten Ort in der Provinz. Um dort sofort wieder dem Tod zu begegnen. Bevor er nun endgültig geholt wird fragt er den Tod, warum er ihn beim erstenmal hat fliehen lassen. "Ich habe dich nicht fliehen lassen", sagt der Tod, "Ich war nur erstaunt, dich dort zu treffen, wusste ich doch, dass wir drei Tage später an diesem entlegenen Ort unsere Verabredung hatten".

Die übliche Lesart dieser Geschichte ist, dass man seinem Schicksal nicht entkommen kann. Interessanter aber ist die Deutung, dass ein bestimmter Effekt, der Schrecken beim Treffen mit dem Tod zum falschen Zeitpunkt, gerade als Wirkung das endgültige zweite Treffen zur rechten Raum-Zeit-Koordinate motiviert. Damit die Verabredung gelingt, muss vorher eine Verkennung, ein Missverständnis abgelaufen sein. Das aber bedeutet, dass Wahrheit im intersubjektiven Netz durch Missverständnisse produziert wird, die einer bestimmten Zeitstruktur unterworfen sind. Die Verkennungen kehren in der Zukunft als vergangene Wahrheit zurück. Das Treffen mit dem Tod wird von seiner Wirkung herbeigeführt.

Die grausame Logik des Überschusses

Der zweite Punkt, an den hier angeknüpft werden soll, ist der Satz von Barbara Vinken: "Nicht die Biologie, sondern die Zeichen sind der Stoff, aus dem die Körper sind". Dieser Satz wendet sich polemisch gegen die üblichen biologistischen Determinierungen des Körpers. Aber er verfängt sich dabei auch in einer idealistisch-mentalistischen Zeichenlehre. Zwar ist man sich in der Linguistik/Semiotik im Anschluss an de Saussure einig, dass Zeichen und Bezeichnetes keine wesensmäßige oder natürliche Verwandtschaft haben: Das Wort "Baum" etwa ist nur willkürlich mit der Vorstellung "Baum" verknüpft. Resultiert aber aus diesem gänzlich autonomen Status des intersubjektiven Feldes, dass es zwischen Sprache und Vorstellungswelt keine Brücken gibt? Löst sich das Bezeichnete restlos im Zeichenprozess auf? Die Welt des Symbolischen und der Sprache, die unser Denken und Handeln so beherrscht, ist zwar selbstständig, aber es gibt Anknüpfungspunkte im Reich der Repräsentation. Das Imaginäre, die Verkennung kreuzt das Feld des Symbolischen und stellt Evidenzen her.

Jede symbolische Struktur, jeder Text, jede Ideologie enthält ein Element, welches das Moment ihrer Unmöglichkeit verkörpert, einen Fleck, um das diese Struktur gegliedert ist. Wie durch eine Nabelschnur ist sie mit einem zufälligen, materiellen Element verbunden. Und dies reale Objekt ist die Struktur in ihrer Partikularität selber. Darum geht im Symbolisierungsprozess nur scheinbar alles im Zeichen auf, es klafft immer ein Objektrückstand. Im Reich der Repräsentation findet sich immer ein kontingentes, zufälliges Element, dass diesen Mangel schließt, gleichzeitig aber auch dieser Mangel ist. Ein Moment in der Menge der symbolischen Elemente rahmt diese Menge selbst ein, ist das Etwas-Mehr dieser Menge.

Natürlich fühlt man sich gleich erinnert an das Kinderspiel "Reise nach Jerusalem": Eine Gruppe Kinder kreist um eine Anzahl Stühle; da es aber an einem Stuhl mangelt, geht zum verabredeten Zeichen, wenn alle sich einen Sitzplatz ergattern müssen, eines der Kinder leer aus, es ist überschüssig und darum eben das Kind zuviel. Gleichzeitig aber lebt dieses Spiel nur von diesem Einer-ist-zuviel. Es handelt sich dabei um das Paradox des überschüssigen Defizits. Eine Zeichenkette stellt immer den letztlich gescheiterten Versuch dar, alles vollständig zu repräsentieren. Aber sinnvolles Sprechen muss sich der Tatsache beugen, daß Sprechen von einer Mangelsituation lebt. Das Element des Mangels, dieses Fragment in der Zeichenkette, ist der privilegierte Sinifikant, den J. Lacan Sinthome genannt hat.

Der Begriff Sinthome soll jetzt, den Ausführungen von Slavoy Zizek folgend, anhand von Beispielen illustriert werden, oder besser: Die folgenden Beispiele dienen als Inszenierungen des Sinthome.

Der lebendige Glanz des Grauens

Aus der Erzählung «Ein Landarzt» von F. Kafka entnehmen wir das erste Beispiel. Der Landarzt wird nachts zu einem jungen Patienten gerufen. Zwar sind die Umstände dieses Hausbesuchs schon im Einzelnen von absurder Bedrohlichkeit, doch am Krankenbett scheint dann zunächst kein sichtbarer Befund vorzuliegen, erst ein zweiter, intimerer Blick des Arztes sieht mehr: "... und nun finde ich: ja, der Junge ist krank. In seiner rechten Seite, in der Hüftengegend hat sich eine handtellergroße Wunde aufgetan. Rosa, in vielen Schattierungen, dunkel in der Tiefe, hellwerdend zu den Rändern, zartkörnig, mit ungleichmäßig sich aufsammelndem Blut, offen wie ein Bergwerk obertags. So aus der Entfernung. In der Nähe zeigt sich noch eine Erschwerung. Wer kann das ansehen, ohne zu pfeifen? Würmer, an Stärke und Länge meinem kleinen Finger gleich, rosig aus eigenem und außerdem blutbespritzt, winden sich, im Innern der Wunde festgehalten, mit weißen Köpfen, mit vielen Beinen ans Licht. Armer Junge, dir ist nicht zu helfen. Ich habe deine große Wunde aufgefunden; an dieser Blume in deiner Seite gehst du zugrunde.(...) «Wirst du mich retten?» flüstert schluchzend der Junge, ganz geblendet durch das Leben in seiner Wunde.(...) «Immer muss ich mich begnügen. Mit einer schönen Wunde kam ich auf die Welt; das war meine ganze Ausstattung»."

Die ekelhafte Wunde in der rechten Hüftgegend: Das Paradox des überschüssigen Mangels. Dieses Symptom ist die Verkörperung der Vitalität als solcher, der Lebenssubstanz in ihrer radikalsten Dimension, "der Dimension eines sinnlosen Genießens". Sinnlos ist es, weil es nicht erklärbar, symbolisierbar ist, es bleibt als reines Grauen der Dimension des Symbolischen für immer verschlossen. Sinnlos und ganz und gar blödsinnig, unmöglich es jemals zu erreichen, zu realisieren oder aufzuzehren verbleibt es trotzdem als eigentlicher, unzerstörbarer und nie einholbarer Kern eines unabschließbaren Begehrens.

Ein Begehren, das ursprünglich auf das Begehren der Mutter gerichtet war, die den Vater begehrt. Es handelt sich also um das Begehren eines Begehrens. Dieses ursprüngliche Begehren (die "lechzende Leere") geht auf eine zweite Leerstelle (ein anderes Begehren), es kreist um diesen zentralen Mangel. Darum die Rede vom unmöglichen Genießen. Denn das Begehren des Begehrens, das inzestuöse Begehren des symbolischen (dem Vater zugeordneten) Phallus, ist von vornherein verboten, unmöglich. Das ödipale Dreieck bezeichnet gerade die Engstelle der Unterwerfung des Kindes unter das Gesetzt dieses Verbotes - das tabuisierte Begehren des Begehrens, für das der Phallus symbolisch Platz hält. Der Phallus (kein "realer" Phallus!) nimmt diese Leerstelle ein, diese inexistente, aber alles antreibende und damit eigentlich vital existierende Schlüsselstelle, die der Begehrensstruktur Konsistenz gibt.

Die Wunde in der rechten Hüfte, die Wunde Jesu, der gemarterte Leib als Phantasma unserer Kultur, kehrt in Kafkas Geschichte wieder. Der Körper im Schmerz ist die Schnittstelle zwischen zwei Welten: Der Welt der Kultur / der Zeichen und der Welt des traumatischen Realen. Dieser gemarterte Körper überschreitet durch die träge Präsenz der offenen Wunde die Grenze zum Reich der Zeichen und der Repräsentation. Diese Wunde ist das Etwas-mehr, der Überschuss gegenüber seinen deutbaren Zeichnungen und Einschreibungen. Das leidende Fleisch ist in seiner trägen Materialität symbolisch nie ganz auflösbar - wie Tätowierungen, die als realer, materieller, traumatischer Rest eines Initiationsritus' träge fortbestehen.

Es gibt nun zwei Lesarten der Wunde. Es handelt sich zum Ersten um eine symbolische Wunde. Die Wunde ist ein Symbol unter anderen. Ideologiekritisch könnte man sagen: Es ist etwas faul mit dem Jungen. Das Symbol ist dann die nachträgliche Wirkung einer vorgängigen Ursache. Damit verweist die Wunde auf einen Mangel im intersubjektiven Netz, in das der Junge und sein Körper eingebunden ist. Eine radikalere zweite Lesart wäre aber, dass die Wunde ein Stück des Realen ausspricht: Etwas, das aus dem symbolischen Netz herausragt, ein Fragment, dass sich als ekelhafter Auswuchs niemals ins "Ganze des Körpers" integrieren lässt, mit einem Wort: Der Kernpunkt der Begehrensstruktur. Darum ist das Symptom als Sinthome die Materialisierung, der positive Rest, der am Jungen mehr ist als der Junge, mehr ist als die Summe seiner Chiffren im Zeichennetz.

Was den Jungen zugrunderichtet, ist genau das, wodurch er erst existiert. Das Sinthome ist deshalb ein Paradox. Es ist ein Element, das sich wie ein Parasit immer dazuheftet. Beseitigt man aber seine unerträgliche Anwesenheit, seine träge Präsenz, verliert man alles. Das symbolische Netz, das sich rund um das Sinthome einrichtet, verliert seine Konsistenz, es fällt zusammen. In diesem Sinn ist das Sinthome nicht suspendierbar, ohne katastrophale Folgen zu gewärtigen. Es fungiert wie ein ontologischer Bürge, unfähig, sich der imaginären Verkennung klar zu werden, die das Sinthome konstituiert.

Darum wehrt sich der Patient gegen den Verlust des Sinthome/Symptoms wie gegen den Verlust eines Schatzes. Weiß er erst, in einem kurzen, furchtbaren Moment um den Kern seines Begehrens, verliert er alles.

Das aufgehobene Begehren

Davon, dass man ein Symptom/Sinthome wenn schon nicht loswerden, so doch zumindest bis zu seiner unvermeidlichen Wiederkehr suspendieren kann, handelt der Film «Alien I». Die parasitäre Lebensform, die sich dem entdeckungsfreudigen Raumfahrer John Hurt an den Kopf heftet, um schließlich verwandelt seinem Wirtsleib zu entschlüpfen, ist ein solches Symptom. In der Eingangssequenz des Filmes, einer Exkursion auf einen verlassenen Planeten, die mit der traumatischen Begegnung mit dem Alien endet, betreten die Raumfahrer eine Höhle - ein unübersehbar inzestuöses Unternehmen. Der Eingang in die Höhle, die Höhle selbst gleichen offenkundig einem überdimensionierten Mutterleib: Eine mit Eiern schwangere Brutstätte, die lebendige Substanz des Genießens. Der Parasit ist demzufolge der Sprössling des Genießens. Als untilgbarer Überrest eines ursprünglich eselsblöden Genießens, als Reales des Genießens dient er im Folgenden der geschlossenen Gruppe im Raumschiff als Symptom. Seine ständige Bedrohung bewirkt die Konstituierung der Gruppe. Sein dauernder Gestaltwechsel bewahrt doch die stete Wiederkehr einer unfasslichen Monstrosität. Seine verflüssigte Lebendigkeit, sein Vitalsaft, sein Blut, frisst sich wie Säure unermüdlich durch die Stockwerke der Metallstruktur des Raumschiffs, hinterlässt eine Leere, um die sich das Netzwerk der Gruppendynamik ausspinnt. Nie erscheint der Fremde greifbar, er entzieht sich dem fesselnden Blick, bleibt also ein Wesen des Scheins - eine imaginäre Chimäre. Alien, der 8. Raumfahrer, der eine Raumfahrer zuviel, ist in seiner unzerstörbaren Vitalität Reales in reinem Zustand, die reinste Form verdichteten traumatischen Genießens. Bloßer Schein, imaginäre Verkennung - denn nur so ist Reales zugänglich - also strenggenommen nicht existent, aber zugleich das Einzige, das im Raumschiff wirklich existiert und vor dem nichts und niemand sicher ist.

Das heißt, die immer wieder geäußerte Auffassung, das Symptom sei ein Zeichen, das anderswohin verweist, das eine versteckte, an anderem Ort gegebene Wahrheit vertritt, sollte verlassen werden. Das Symptom im Lacan'schen Sinne, im Sinne des Sinthome, ist nicht nur Chiffre, die etwas signalisiert, es ist die Sache selbst, das einzige Fragment der symbolischen Ordnung, das wahrhaft existiert, weil es allein der Realität, der symbolischen Ordnung Konsistenz verleiht, indem es wie ein Fremdkörper aus ihr herausfällt.

Das Sinthome wiedersteht darum der Interpretation, es ist gerade dieser eine Punkt, der aus dem Netz der Interpretation herausfällt. Als blödsinniger, widerlicher Rest des Realen ist es die einzige Stütze des Daseins, die Essenz des Lebendigen selbst, das Lebendige, das genießen und verbrauchen muss. Das Alien, dieser Garant schaurigen Genusses, ist als nichtsymbolisierbares Grauen die Bedingung wie auch die Grenze des sozialen Feldes der raumfahrenden Crew. Denn vom Genießen kann sich auch das sternenreisende Subjekt nicht freimachen.

Also: Das Alien existiert nicht und ist doch das Einzige, was wirklich Existenz hat. Übertragen auf eine alltägliche Erfahrung heißt das, dass das intersubjektive Feld, das Feld des alltäglichen Austausches etwa so funktioniert: Jeder identifiziert den jeweils Anderen mit einer spezifischen Position im intersubjektiven Feld. In der herkömmlichen Auffassung sind Phantasiegestalten verzerrte Abbilder von realen Menschen oder Modellen. Tatsächlich haben wir zu wahren Menschen nur insoweit ein Verhältnis, als wir sie konsequent imaginär verkennen, indem wir sie mit der phantastischen Stelle der symbolischen Struktur identifizieren. Wir verlieben uns in eine Person, weil sie den Zügen unserer Ideal-Person entspricht.

Das Alien, als Konstituens der Gruppe, ist die verdeckte Wahrheit der 7 Raumfahrenden. Die Wahrheit der Gruppe, daran lassen die immer wieder aufflackernden Diskussionen um Risiko-Prämien und Gehaltsaufbesserungen keinen Zweifel, ist die mörderisch-vitale Effizienz der Geldzirkulation und Verdienstmaximierung. Anscheinend ist in den 80er-Jahren ein neomarxistischer Diskurs in Hollywood eingebrochen.

Denn wie anders als in solchen Termini lässt sich ein Filmplot analysieren, der sich das Selbstbild einer hegemonialen Wirtschaftsmacht vornimmt, die auf dem Sprung ist, ihren letzten großen Gegenspieler aufzureiben und die Welt global zu kontrollieren und wirtschaftlich auszubeuten: Das Raumschiff ist ein Handelsschiff, das Eisenerz nach dem Abbau in entfernten Galaxien auf dem Rückweg verhüttet; das Konsortium, welches das Raumschiff unterhält, leitet das Schiff heimlich zum Alienplaneten, weil es gute Geschäfte mit der militärischen Nutzung des Biomechanoiden und dessen überwältigendem Überlebenspotential machen will; die Raumschiffcrew soll dabei geopfert werden, was der Crewarzt, ein verdeckter Android, garantieren soll; die Besatzungsmitglieder, die ermüdend oft Prämien herausschlagen wollen - kurz, alle Teilnehmer der Expedition - bis auf die schließlich Überlebenden - teilen stillschweigend die mörderische Logik des Kapitalheckens um jeden Preis.

Diese verdeckte, hochvitale Logik, als deren reales Prinzip das Alien fungiert, vernichtet einen nach dem anderen. Damit ist das Alien die Wahrheit der Besatzung, insofern es der Überbringer der Botschaft ist, der Botschaft, was eigentlich das hysterische Überreagieren der Crew antreibt.

Aber dieser zirkulierende Botschafter Alien wandelt sich im Show-Down zur Botschaft selbst: Wenn das Alien nicht mehr die Stelle des imaginären, narzisstischen Ideals des unter allen Umständen überlebenden Vitalprinzips einnimmt; dann, wenn es seine Legitimation an diesem Ort verliert, wenn es sichtbar ein böser, überflüssiger Makel wird.

Indem die letzte Überlebende die Rettung einer kleinen Katze, einer bis dahin unauffälligen, überschüssigen Begleiterin der Unternehmung, aus dem der Selbstzerstörung überlassenen Mutter(!)-Raumschiff rettet, wird das Alien von seinem angestammten Platz im symbolischen Netz verdrängt - und wird folgerichtig aus dem Raumschiff expediert.

Es handelt sich hierbei aber nicht um eine naive Moral der Überbietung des schnöden Mammon durch die Macht der Tierliebe. Tatsächlich muss die kleine Katze erst von der Notwendigkeit, gerettet zu werden, überzeugt werden. Diese Rettung eines widerspenstigen Anderen, der zu seinem Glück erst überredet werden muss, wird dramatisiert durch die zeitliche Logik des Count-Down, der die drohende Selbstzerstörung des Mutterschiffes begleitet. Dieser Count-Down ist aber von der letzten Raumfahrerin selbst eingeleitet, um mit der Sprengung des Schiffes auch das Alien abzuschütteln. Das rückwärtige Herunterzählen der verbleibenden Zeit bis zum Punkt Null der Zündung des Raumschiffes ist dem Rummel vergleichbar, der jüngst der Zeitspanne vor dem Jahrtausendwechsel rastlose Aufgeregtheit aufzwang. Man erinnere sich hierbei auch an J. Baudrillards Milleniummotto «Das Jahr 2000 findet nicht statt». Das selbstgewählte Orientieren auf einen Nicht-Zeit-Punkt Null, der weder Anfang noch Ende ist, dient durch die Zelebrierung eines Nicht-Ereignisses der retrograden Neuerzählung der Vergangenheit. Die traumatischen Gespenster dieser Vergangenheit können somit möglichst rückstandslos abgewickelt werden. Das Herauskatapultieren des Alien gehorcht dieser Logik der retrograden Geschichtsrevision wiederkehrender Altlasten. Insofern besteht die Widerspenstigkeit der Katze genau in dem Fakt, dass ihre Rettung die Wiederkehr des Alien als traumatisches Ereignis der Vergangenheit heraufbeschwört, ja inszeniert, um die retrograde Neubesetzung dieser Rolle zu erzwingen.

Es kommt also zur Absonderung der objektiven Präsenz des Alien vom angestammten Platz seiner symbolischen Identifikation im Netz der Zeichen. Sigourney Weaver, die letzte Raumfahrerin, akzeptiert das Alien nicht mehr als idealen Repräsentanten/Schlüsselelement einer symbolischen Ordnung. Damit wird das Alien ortlos und als das erkannt, was es immer schon war: Ein überschüssiger Rest, der aus der Ordnung des Raumschiffes ausgestoßen wird. Die Überwindung seiner Verkennung und die Neubesetzung seines Stammplatzes führt zur Absonderung seiner massiven Präsenz.

So also wird man mit Wiedergängern fertig.

Doch man gewärtige, welchen Preis Sigourney Weaver zu zahlen bereit ist. Ihre Verabschiedung vom Alien-Phantasma, das ihrer symbolischen Welt bis dahin Zusammenhang gibt, ist gleichbedeutend mit der buchstäblichen Zerstörung ihrer Heimstatt. Sie bleibt Überlebende, weil sie den suizidalen Akt nicht scheut, dessen es bedarf, um das intersubjektive Netz zu zerreißen. Und die Inszenierung eines Nullpunktes, auf den der Selbstdestruktions-Count-Down zuläuft, der Voraussetzung für ein retrogrades Großreinemachen und Ghostbusting ist, mündet geradewegs in das Nicht-Ereignis ein: Der Film endet mit dem traumlosen Kälteschlaf der schiffbrüchigen Protagonistin in ihrer im Nirgendwo verlorenen Rettungskapsel und der vagen Hoffnung, durch eine zufällige Entdeckung durch ein anderes Raumschiff noch einmal eine neue Chance zu bekommen.

Während nun Sigourney Weaver nach ihrem suizidalen Akt der Selbst-Dekonstruktion im Zwischenreich des Kälteschlafes der Wiedergeburt ihres Körpers entgegendämmert, taucht am Horizont der Postmoderne ein neuer Leib, ein neues Körperschema auf, das zu untersuchen im weiteren anliegt.

Als Ausblick auf solche Untersuchungen und als Überleitung lässt sich knapp folgendes anschließen:

Kann man im Zusamenhang der Moderne von einer Enteignung des individuellen, "realen", je-eigenen Körpers durch das Medizin-Disziplinarsystem sprechen, wird dieser je-eigene Körper in der Postmoderne verdrängt und ersetzt durch den hyperrealen Körper, den die Gentechnologie erfindet und gleichzeitig für ihre Verwertungsstrategien kolonialisiert. Der hyperreale Körper der Postmoderne ist natürlich der virtuelle Körper des Genoms, reine Virtualität und doch mittlerweile realer als der reale Körper. Die Eroberung des virtuellen Gen-Körpers durch die Biomacht, die Patentierung des Lebens, deren Zeugen wir zur Zeit sind, bedeutet eine neue Stufe des Wissenssystems Medizin. Ihre Beute, die Macht über das Leben, führt beim Zugriff auf die Ressource, die global am gleichmäßigsten verteilt ist, nämlich das menschliche Genom, in ein neues Zeitalter der Körperbilder. Ein Zeitalter, in dem - räumlich - das Prinzip der Globalisierung medizinischer Verfahren (nationalstaatliche Grenzen sowie deren Recht und Personenschutz werden suspendiert), und - zeitlich - das Prinzip der ewigen, eugenischen Gesundheit vorherrschen.

 

Literatur

Freud, Sigmund, Die Traumdeutung, Frankfurt 1969

Kafka, Franz, Sämtliche Erzählungen, Frankfurt 1970

Zizek, Slavoj, Liebe Dein Symptom wie Dich selbst, Berlin 1991

 

 

Home | NEU | form e.V. | in.form.alia | Seminare Workshops Kurs | Materia Medica | Adressen | Schreiben Sie uns! | Suchen | Links | Download | MitgliederLogIn | SiteMap | Newsletter | Barrierefrei | Virus-Info

Webmaster
Copyright © 2002-2005 [form e.V.]
19. Dezember 2005

Valid HTML 4.01 Transitional Valid CSS! Diese Seite ist barrierefrei Stufe1