Materialien zum Homöopathischen Diskurs
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Homöopathie

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« Die (Heil-)Kunst hat nie ein Mensch allein besessen » (Goethe)

Christian Gallasch

Homöopathischer Konsens in Zeiten der Postmoderne1
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Natürlich sagte Goethe: "Die Kunst hat nie ..." - das "Heil-" habe ich frech hinzugefügt ...

Damals sagte man noch "Heilkunst". Heute spricht nur mehr die Homöopathie von "Kunst", die sog. Schulmedizin kennt bestenfalls noch "Kunstfehler". Aber auch die Geschichte der Homöopathie ist eine Geschichte des Scheiterns und der Irrtümer, der Diskontinuitäten, Umschmelzungen, Verwerfungen, zuletzt der Polarisierungen: Jeder besitzt heute unverdrossen eine private "Home(o)page", einen methodologischen Schrebergarten auf dem Marktplatz der Beliebigkeiten oder in einer Nische der Selbstgenügsamkeit. Ein Fortschritt ist - selbst bei wohlwollender Betrachtung - nur rudimentär erkennbar. Wo man hinschaut: Sprachverwirrung im gesamten medizinischen Feld, nicht weniger auch innerhalb der Homöopathie.

Es wird also Zeit, den Homöopathischen Konsens zu thematisieren.

Uns alle verbindet zunächst nicht mehr als das Wort "Homöopathie" - eine Chiffre, die - je nach Schreibweise und Idiom - 10 - 12 Buchstaben verbraucht und zahllose Bedeutungen verklammert. Gleichwohl scheint jeder von uns zu wissen, was gemeint ist. Dieses Wort, das uns verbindet, verweist seinerseits auf etliche Millionen weitere Wörter, die die Fachliteratur mittlerweile aufgehäufelt hat: Ein gigantischer Wörterhügel von der Höhe des babylonischen Turms, bestehend aus unzähligen Sprachen.

Es wird also Zeit, über das homöopathische Sprechen zu sprechen.

Beginnen wir mit der Frage, ob Konsens möglich, nötig oder überhaupt sinnvoll sei, einer Frage, die nicht nur in der Philosophie, sondern auch in Kulturanthropologie, Gesellschafts- und Kommunikationswissenschaften, ja sogar zwischen den christlichen Kirchen seit längerem teilweise heftig diskutiert wird.

Angesichts der vielfältigen Lebens- und Überzeugungsformen in aller Welt lässt sich bezweifeln, ob der Gedanke der Verständigung heute noch greift oder gar als individuelle oder kollektive Handlungsanweisung taugt.

Differenz statt Einheit - heißt die postmoderne Devise.

Einer der schärfsten Kritiker einer Verständigungslehre ist Jean-François Lyotard, der die verschiedenen in Gesellschaft und Wissenschaft vorkommenden Diskurse für prinzipiell inkommensurabel hält: Ihmzufolge haben wir keine andere Möglichkeit, als sie in ihrer irreduziblen Heterogenität anzuerkennen, ihre Pluralität und Vielfalt nicht auf einen repressiven Nenner zu zwingen. Respekt vor der Differenz des anderen fordert so geradezu den Verzicht auf Einheitsdenken, Universalismus, Konsensstreben:

" Der durch Diskussion erreichte Konsens tut der Heterogenität der Sprache Gewalt an."2

Konsequenz ist die Betonung des Dissenses.

Lyotard lässt jedoch einen kleinen Spielraum: Konsens als lokale Größe, als räumlich und zeitlich begrenzte Spielregel einer Sprachgemeinschaft, auf die man sich bis auf weiteres einigt. Würde Homöopathie sich mit diesem Laufstall zufrieden geben können?

Die ganze Fata Morgana eines universellen, gültigen Konsenses beruht ja auf dem Emanzipationsmärchen der Aufklärung, in deren Duktus auch Hahnemann seine Geschichten erzählt. Seine so säuberliche Filetierung des Wissenschaftsbegriffs der "Erfahrung", sein Sapere aude, sein Macht´s genau nach! usw.usw. wären ohne die emanzipatorische Selbstrechtfertigung des zeitgenössischen Aufklärungsimpulses nicht denkbar gewesen.3

Ganz anders die Position jenes Mannes, der in unserem Jahrhundert zum Inbegriff des Konsensdenkers wurde und so manchen Strauß mit der französischen Philosophie - kaum je siegreich - ausfocht: Jürgen Habermas. Kein Wunder, dass er sich anfangs mit Horkheimer noch dezidiert auf die Impulse der Aufklärung bezog. Sein Zauberwort ist die Theorie des kommunikativen Handelns. Habermas legt die Annahme zugrunde und versucht zu belegen, dass Prozeduren und Prozesse der Verständigung für das Subjekt, die Intersubjektivität und darüber hinaus für die ganze Gesellschaft konstitutiv seien.

Im Gegensatz zu Niklas Luhmann sieht er in der Verständigung auch weitergehende Zwecke realisiert als die reibunglose Funktion und strategische Vorteilsnahme einzelner differenter gesellschaftlicher Körper. Das kommunikative Ziel des Einverständnisses etwa lässt er mit gleichem Gewicht gelten. Ihmzufolge wohnt Verständigung "als Telos der menschlichen Sprache" inne4 und liegt allen anderen Formen sozialer Interaktion zugrunde.

Eine Sonderform dieses kommunikativen Handelns, mit dem Zweck, selbiges zu operationalisieren, handlicher, universeller zu machen, ist im Habermas´schen System der Diskurs. Darunter versteht er eine Weiterführung eben dieses kommunikativen Handelns mit reflexiven Mitteln:

"Diskurs ist ein Verfahren, "in dem die Teilnehmer strittige Geltungsansprüche thematisieren und versuchen, diese mit Argumenten einzulösen oder zu kritisieren."5

Ob dieser Satz den Begriff des Briefträgers durch den des Postboten zu erklären versucht, lasse ich mal offen ...

Warum diese Erwägungen in unserem Kontext?

Die Konsequenzen aus den eben kurz skizzierten Positionen haben ihren Platz eben nicht nur in einem philosophischen Oberseminar, sondern ragen in alle möglichen Lebensbereiche hinein, nicht zuletzt in therapeutische, in Homöopathische: Überall, wo ein Wollen oder Sollen sich mit dem Vorgefundenen inkompatibel kreuzt, entsteht der Drang, die Dinge zu verändern, sich zu verändern, Lösungswege zu suchen. Krankheit ist ein solches Feld, wo Patient und Behandler ein Einvernehmen herstellen müssen, um Heilung auf den Weg zu bringen. Hinter dem Arzt wiederum steht ein methodologisches Monstrum, das in den seltensten Fällen einen verständigungs-orientierten Diskurs durchlaufen hat.

Kritische Reflexion findet innerhalb der offiziösen Medizin gar nicht, innerhalb der Homöopathie - wenn überhaupt - als Grabenkrieg der "Schulen" statt. Der jüngste Fall, das Gemetzel zwischen Vithoulkas und Sankaran, spricht Bände. Dann ertönt regelmäßig und reflexartig der kindliche Schrei nach Einmütigkeit der Homöopathen.6

Deshalb an dieser Stelle ein Exkurs zur Sprache, derer wir uns zu bedienen pflegen, wenn wir Verständigung anstreben (den soeben verlassenen Gedankenfaden werde ich am Schluß wieder aufgreifen - "Denken heißt: den Faden verlieren", sagt Paul Valéry).

Beginnen wir mit dem alttestamentlichen Mythos vom Turmbau zu Babel und seinem Verhältnis zum Pfingstereignis, der Antwort auf Babel.

Die präbabylonische Zeit wird gekennzeichnet mit den Worten: "Es hatte aber alle Welt einerlei Zunge und Sprache" (1 Mos. 11,1)7; der anmaßend-maßlose Turmbau ist uns geläufig, seine Folgen sind dramatisch: "Der Herr sprach: Nun wird ihnen nichts mehr verwehrt werden können von allem, was sie sich vorgenommen haben zu tun. Wohlan, lasst uns herniederfahren und dort ihre Sprache verwirren, dass keiner des anderen Sprache verstehe!" (1 Mos 11,6f.). Das kennen wir gut, daran leiden wir bis zum heutigen Tag. Die sprichwörtliche Sprachverwirrung ist mithin nichts anderes als eine immanente Konsequenz aus der Selbstüberhebung des Menschen: Diese Hybris kathedralisiert die geschenkte Einheit des Sprechens zum Monument des eigenen Schaffens: Sykose par excellence!

Nun die Pfingsterzählung:"Sie wurden alle erfüllt vom Heiligen Geist und fingen an, in anderen Zungen (~ Sprachen) zu sprechen. (...) Da kam die Menge zusammen und war ergriffen; denn ein jeder hörte sie in seiner eigenen Mundart reden. (...) Sie entsetzten sich aber alle und wurden ratlos und sprachen zueinander: Was will das werden? Andere aber hatten ihren Spott und sprachen: Sie sind voll des süßen Weins." (Apg 2,4.6.12f.)8

Dies ist die Antwort auf die babylonische Diversifikation der Sprachen. Bemerkenswert ist der Umstand, dass sich die neu errungene Verständigung nicht über eine retrograde Wiederherstellung der verlorenen Einheitssprache manifestiert, sondern jeder Zuhörer hört seine eigene Mundart (der biblische Autor benennt nicht weniger als 16 verschiedene Idiome!); weder metaphernfreies Esperanto oder Internet-Global-Kauderwelsch noch bedeutungsoffene Pantomime werden hier als Lösung angeboten, sondern es findet reine Metonymie statt: Eine Bedeutung manifestiert sich in zahllosen unterschiedlichen Zeichensätzen. Wir befinden uns mitten im symbolischen Register. Man könnte fast sagen, dass die Pfingstapostel und ihre Zuhörer - ohne Umweg über das Imaginäre - direkt "von unbewusst zu unbewusst" sprechen.

Dies ist eine Geschichte der Sehnsucht, des Begehrens, nicht aber der Regression ins Symbiotische - das macht sie so spannend: Die sprachlichen Differenzen scheinen tatsächlich niemanden zu stören!

Unsere heutige Sprech- und Sprach-Umwelt irrlichtert zwischen Babylon und Pfingsten. Die Zeichenhaftigkeit der Sprache ist zunehmend und immer erkennbarer dabei, sich als Strukturkörper unserer gesamten menschlichen Existenz zu erweisen. Der Homöopathie fehlt bislang eine ausgewiesene sprachanalytische Reflexion, obwohl sie sich in Sprache und Sprechen konstituiert, tradiert und vollzieht. Dabei ist diese Problematik nun bald zweieinhalbtausend Jahre alt.

Platon hatte als erster Witterung aufgenommen. In seinem Dialog mit Kratylos und Hermogenes problematisiert er erstmals die Beziehung zwischen Begriffen und ihren Referenten9. Er merkte, wie heikel dieser Diskurs ist. Weil er aber von der grundsätzlichen Wahrheitsfähigkeit von Aussagen überzeugt war, bemühte er einen "Regelgeber" (nomoJethV), der - als kompetenter "Wortbildungskünstler" - für die Einmütigkeit im Sprechen zu sorgen habe.

Wer aber kontrolliert diesen Regelgeber? Es ist - wie dem Gitarrenbauer der Gitarrist - der Dialektiker, also der, der den Diskurs führt (≈ meistens wohl eben der Philosoph ...). Dies ist die erste ausformulierte Diskurstheorie der abendländischen Geistesgeschichte. Sie bedarf freilich einer soliden Unterfütterung, hier in Form von Platons fundamentaler Ideenlehre, die eine vorgängige, intuitive Erkenntnis ohne Sprache zur Bedingung hat.

Es ist danach nur noch zu prüfen, ob der sprachliche Ausdruck in makelloser Kongruenz zur intuierten Natur der Dinge steht. Goethe und Rudolph Steiner werden etliche Epochen später - unter dem Stichwort "unmittelbare Schau" - diese halbherzige Strategie wieder reanimieren; Schlegels10 "Signaturenlehre", zuletzt auch Ehrler & Becker's "C-4-Homöopathie"11 können als direkte Abkömmlinge gelten.12

Platon war noch ganz ungebrochen in einer ontologisch begriffenen Kosmologie zu Hause. Sein Denken und Sprechen bleibt in endloser Entfernung und Ehrfurcht zur Welt und damit auch zu sich selbst. Ihmzufolge ist

Sprache nur eine stimmliche Verlautbarung des Denkens und hat als Sprache keine wahrheitsstiftende Funktion.

Diese Sicht wird noch etliche Jahrhunderte dominieren: Erst Thomas von Aquin durchbricht mit der Rehabilitation der aristotelischen Philosophie den Platonischen Dualismus und macht den Weg frei für eine Fragestellung jenseits ontologischer Befangenheit.

Ich vernachlässige jetzt Aristoteles, dessen Standpunkt in dieser Frage unmissverständlich ist: Die Beziehung zwischen dem Sprachzeichen und seiner Bedeutung ist ihmzufolge arbiträr, also Resultat einer gesellschaftlichen Vereinbarung.

In einem speziellen Punkt allerdings berührt er schmerzhaft unseren homöopathischen Diskurs: Laut Aristoteles beschäftigt sich Wissenschaft nicht mit einzelnen Individuen (≈ 1.Substanz), sondern mit dem Menschen als solchem (≈ 2. Substanz). Das Individuelle bleibt ein Unaussprechliches, d.h. es ist in allgemeinen Begriffen prinzipiell nicht fassbar.

Für unsere homöopathische Zuschreibungslogik hätte dies die Konsequenz, dass es kein Simillimum gibt, sondern stets nur ein relatives Simile (oder deren mehrere), dann aber nur deshalb und insofern, als das Individuum teilhat an den multiplen Daseinsmöglichkeiten des allgemeinen Menschseins, also der 2.Substanz.

Im Mittelalter erleben wir den Übergang von der Autorität der Tradition zur Autorität der Argumente. Der für unseren Zusammenhang wohl wichtigste Exponent unerschrockenen Fragens ist Wilhelm von Ockham.

Ockhams Leistung besteht in der Differenzierung von Real- und Begriffswelt, wie sie vor ihm so radikal nicht formuliert wurde. Es gibt keine vollständige Entsprechung zwischen dem Reich der Begriffe und dem Reich der Dinge.13

Dies ist eine elementare These: Die logische Aussagestruktur eines Satzes und die Seinsstruktur der Welt sind grundsätzlich in Differenz. Fürderhin ist es nicht mehr möglich, Logik (Sprache) und Ontologie (gegebene Welt) miteinander zu vermischen. Die Ordnung der Aussagen tritt an die Stelle der Ordnung der Dinge.

Der Preis dieser Befreiung ist eine neue existenzielle Frage: Wie kann es dann noch allgemeine Erkenntnis geben?

600 Jahre später verschärft Ludwig Wittgenstein die Fragestellung. In seinem Spätwerk, den Philosophischen Untersuchungen14, reduziert er die Bedeutungsfähigkeit der Sprache auf ihren Gebrauch - das Bild des «Sprachspiels» ist geboren. Wittgenstein vergleicht es mit dem Schachspiel, dessen einzelne Figuren, für sich genommen, keine Bedeutung besitzen: Erst in ihren Funktionen, Positionen und Bewegungen innerhalb der Regelstrukturen des Spiels kommen ihnen Bedeutungen zu. Analog bilden sich in menschlichen Gesellschaften kleinere oder größere Sprachfamilien, denen er untereinander, also im "Binnenverhältnis", ein relatives Maß an Verständigungsmöglichkeit zubilligt.15

Wittgenstein hat mit seiner Wendung zur Normalsprache16 seine Sehnsucht nach mathematischer Eindeutigkeit der Sprache, der er im Tractatus noch nachging, aufgegeben: Wir spüren seinen Abschiedsschmerz, Scheiden tut weh. Seine forcierte Fragestellung jedoch hat der Sprachphilosophie einen enormen Impuls gegeben. Seit Wittgenstein ist naives Sprechen im Diskurs nicht mehr ungebrochen möglich: Sprache hat sich seither ständig zu befreien von den impliziten Selbstverständlichkeiten, Irreführungen und Behexungen durch sich selbst. Die Konsequenzen für die Homöopathie sind bereits hier gravierend: Man denke nur an das Motiv des Mitfühlens/Mitleidens, das der Homöopathie das Wichtigste, ihren Namen, gegeben hat ...

Der bislang massivsten Herausforderung begegnen wir in Ferdinand de Saussure17. Er hat sich nicht primär um die Wirklichkeitsreferenz der Sprache gekümmert, sondern konsequent die Beziehungen zwischen dem Zeichen und seiner Bedeutung ausgelotet. Seine Analysen haben nicht unbeträchtliche Folgen für unseren Diskurs.

Was genau passiert, wenn wir "Wadde hadde dudde da?" hören?

Zunächst: Wir verstehen jedes Wort, wir verstehen den ganzen Satz. Würden wir die Wörter einzeln geboten bekommen, wäre es schon schwieriger: Je nach mundartlichem Kontext, in dem einer aufgewachsen oder hörgewohnt ist, kämen verschiedene "Übersetzungen" zu Tage.

Wieso verstehen wir eine dermaßen verstümmelte, verfremdete Lautfolge ohne große Mühe, weshalb können wir das Gemeinte unverzüglich erfassen?

De Saussure erklärt diesen Umstand mittels der Unterscheidung von Lautbild und Zeichen: Das Zeichen, das gemeinsame Muster (hier: "Was hast du denn da"), bietet den Ausgangspunkt für eine unbegrenzte Menge nicht-identischer Lautbilder, die als Substrat ein und desselben Zeichens erkannt werden können. Das aber setzt voraus, dass die Sprache als ein System von Möglichkeiten von jedem einzelnen Sprecher und Hörer bereits beherrscht wird. In diesem Sinn definiert de Saussure die langue (~ Sprache) als eine Struktur, eine Form, die der parole (~ Sprechen) innewohnt, sich in ihr manifestiert. Dabei ist die langue keine ontologische Konstruktion, da sie selbst ohne das Sprechen, die parole, nicht beobachtbar ist.

Das Sprechen ist also stets individuell und aktuell, die Sprache hingegen ist ein kollektiv verankertes Zeichen- und Regelwerk, das aber wiederum prozesshaft allmählichen kollektiven Veränderungen unterliegt. Jedes Wort ist so Mittelpunkt eines Universums von Zeichen wie auch Bedeutungen:

Sprache ist wie ein innerer Schatz: Jedes gesprochene Wort ruft ein schlummerndes System von Verhältnissen wach, welches uns Differenzierung und Austausch, Präzisierung und eine gewisse Verständigung ermöglicht.

Resümée:

De Saussure´s Verdienst besteht im Kern darin, formuliert zu haben, dass die Elemente des Sprachsystems (Zeichen wie Bedeutungen) relational zueinander stehen, das ganze System aber nur von den Elementen her erkennbar wird.

Wollten wir das - quasi als Zwischenbilanz - ungefiltert auf unsere Patienten- resp. ArzneiProtokolle anwenden, so hieße das etwa so:

1. Die Bedeutung einzelner Worte ist nicht isoliert oder fixiert, sondern auf den Sprachfluss des ganzen Symptoms bezogen; Hahnemann hatte noch ein ungebrochen naives Vertrauen in die Eindeutigkeit des einzelnen Ausdrucks; diese Naivität steht uns nicht mehr zur Verfügung.

2. Die Bedeutung einzelner Symptome ist nicht isoliert oder fixiert, sondern auf den ganzen Text bezogen; eine klinische oder organbezogene Homöopathie ist schon deshalb obsolet.

3. Die Wahl eines bestimmten Ausdrucks, einer bestimmten Grammatik, einer bestimmten Metaphorik usw. ist nicht beliebig und verdient besondere Aufmerksamkeit.

4. Zeichen und Bedeutungen homöopathischer Texturen sind in ein spezifisch konnotiertes Feld, das therapeutische (bzw. das der Arzneimittelprüfung), eingebettet: Die Unschärfen beim Kontakt verschiedener Sprachmilieus (Alter, soziale Herkunft, Bildungsgrad, Dialekte usw.) sind zu berücksichtigen.

5. Unterstellt, es gäbe in homöopathischer Textur nicht nur eine Sammlung disparater, zerstückelter Einzelaussagen (~ Symptome)18, sondern so etwas wie übergeordnete Integration & Redundanz ( ~ Arzneimittelbild)19, und seien sie auch nur situativ, so wären diese ausschließlich über intratextuelle Bezüge sowie Bezüge innerhalb des gemeinsamen Sprach- und Sprechsystems zu erkennen; eine sorgfältige Analyse der verschiedenen Sprach- und Sprechebenen ist Voraussetzung. Das Repertorium, das nicht nur ahistorisch, sondern auch extrem verkürzt und z.T. mehrfach hin- und herübersetzt ist, erweist sich aus diesem Blickwinkel als ein schlechter sykotischer Witz und kontraproduktiv: Im Grunde bedürfte es eines vollständigen Protokolls der Anamnese - die alltagsüblichen verkürzenden Notizen des Behandlers könnten in eine völlig irreführende Richtung gehen. Damit aber wäre eine methodische Aporie der Homöopathie unausweichlich vorgezeichnet.

 

Lassen Sie mich an dieser Stelle ein paar Worte über Jaques Lacan verlieren20.

Zunächst zu der Frage, warum ich einen Psychoanalytiker in den Homöopathischen Diskurs einbeziehe:

Es gibt einige elementare Verwandtschaften. Für unseren jetzigen Gedankengang greife ich folgende sechs heraus:

- Da ist erstens die Dominanz des Sprechens im Setting. Die klassische Psychoanalyse (im Folgenden: PA) bekennt sich seit Freuds Zeiten zur sog. Grundregel: "Der Analysant soll seine Einfälle mitteilen und sich über Hemmungen oder Urteile bezüglich Wichtigkeit oder Unwichtigkeit eines Einfalls hinwegsetzen." Diese Grundregel hat eine nicht zu übersehende Ähnlichkeit mit Hahnemanns Forderung, den Patienten in Ruhe ausreden zu lassen - heute nennen wir das Spontanbericht. Diese Phase der Anamnese gilt seit jeher als die aussagekräftigste, obwohl jeder Homöopath natürlich weiß, dass kompensierende Patienten - und die sind in unseren Stadtpraxen in der Mehrzahl - stundenlang eine beeindruckende Informationsleere vor einem ausbreiten können.

Was macht derlei Geschwafel dann so kostbar? Als Antwort einige Beispiele:

- es sind die Risse im Imaginären (analog den Versprechern bei Freud):

Eine Patientin berichtete von ihrem - ungeliebten - Mann, er sei "Popolitologe";

- es sind die metaphorischen Ausrutscher bei emotional besetzten Themen: Eine andere Patientin kommentierte ihre Mensis: "Da blute ich wie eine Sau!" (~ Hyos brachte den Fall voran);

- oder es sind die unerwarteten Einbrüche des (bedeutungsgeschwängerten) Signifikanten: Wenn etwa ein 10-jähriger schwächlicher Ferr-Patient vollmundig tönt: "Das halt ich eisern durch!" (Ferr hat sich in diesem Fall nachhaltig bewährt ...).

Wir sind nur unzureichend gerüstet für die Wahrnehmung dieser versteckten 153er-Hinweise ...

- Da ist zweitens das Interesse am Prozeß der Ganzwerdung, der Integration von Körper, Seele und Geist:

In der PA eine Utopie, in der Homöopathie eine zentrale Option. Die Einbeziehung der symbolischen Ebenen in die homöopathische Analyse ist tatsächlich mehr als die diagnostisch verbrämte Spielerei mit pseudo-esoterischen Seifenblasen: Darin drückt sich aus, dass auf die imaginäre, also vordergründig gemeinte Bedeutungsebene kein Verlass ist.

Symbolisierungen aber spielen sich vorwiegend im Register des Signifikanten ab: Der Pyromane, der von "Feiern" träumt oder der Erotomane, der bei der Winterfütterung gern den "Vögeln beim Picken"21 zuschaut, sind Belege dafür.

- Da ist drittens die Annahme, es gebe eine übergeordnete Instanz, die sich unserem imaginären Begriffs-Zugriff verweigert: Bei Hahnemann ist es -

noch ungebrochen ontologisch - die Lebenskraft, bei Freud/Lacan das Unbewusste als Struktur.

- Daraus resultiert - viertens - , dass die Hingabe an diese Kraft / Struktur (in der Homöopathie: Hingabe an das Simile) der einzig mögliche Weg zur Heilung sei.

Bei Hahnemann ist das Vertrauen in die Lebenskraft unerschütterbar, in der PA bäckt man kleinere Brötchen: Es gibt schlicht keinen anderen Weg, aus den labyrinthischen Selbstverstrickungen herauszufinden, als: die Selbsttäuschungen zu entlarven - die psorische Krise Masi-Elizaldes -, ohne den Trost einer neuerlichen Täuschung ...

- Als fünfte Verwandtschaft mag das eigentümlich codierte Setting gelten: Wir sehen eine ritualisierte Beziehung, überhöht und gebrochen zugleich, einerseits authentisch (S <-> A22), andererseits in eine funktional-hierarchische Schieflage positioniert (Therapeut ô Patient).

- Daran schließt sich unmittelbar die sechste Verwandtschaft an, der Bereich der Übertragung:

Behandler und Patient vollziehen beide eine Primär-Übertragung23: Beide wollen einen Zugang zur Wahrheit finden, für beide ist der versperrt durch die Sehnsucht nach Sicherheit und Geliebt-werden-wollen. Der Andere wird zum Ort der Wahrheit. Der Behandler sucht nach Wissen, Bestätigung seines Wissens, Übereinstimmung mit den Informationen seines Patienten. Hier kommt ein fast Homöopathie-spezifisches Problem in den Blick: Die therapeutische Qualität des Homöopathen (≈ sein Erfolg) hängt unmittelbar von seiner Fähigkeit ab, die individuellen Besonderheiten seines Patienten mit seinem allgemeinen Wissensfundus zu vermitteln. Welcher Homöopath kennt nicht die vertrackte Situation, dass der Patient nach einer Dreiviertelstunde voller pathognomonischer Allgemeinplätze endlich ein "Erste-Sahne"-153er-Symptom schildert - aber wie's der Teufel so will: Dies gibt es weder im Repertorium noch in Allen's Enzyklopädie (bestenfalls - und zunehmend gewisser - als Hydrogen-, Ozon-, Bambus- oder Löwenmilch-Nachtrag im neuen Complete ....).

Das Erkenntnisinteresse des Homöopathen ist immer im Spiel, prägend, fordernd, u.U. behindernd. Hierin ist er fundamental angewiesen auf die Informationen seitens des Patienten: Ohne diese würde sein allgemeines Wissen über die Arzneimittel verdorren. Der Patient wiederum weiß, dass das allgemeine Wissen des Therapeuten keinesfalls im Voraus seine persönlichen Besonderheiten enthalten kann.

Die Dynamik ist deutlich: Der Patient gibt dem Therapeuten das, was er eigentlich sucht, um es - als Simile - von ihm zurückzubekommen: Das Wissen um den Urgrund seines Leidens, um das Rätsel seiner Probleme und die Weissagung "Dir kann geholfen werden"24.

Der Therapeut wiederum gibt dem Patienten die Grundregel, das Ambiente und sein Hören, um es - als individuelle Inkarnation seines Wissens - gewandelt zurückzubekommen: "Du hast mir geholfen". Die Kompliziertheit dieser gegenseitigen Übertragung ist unüberhörbar ...

Homöopathie lebt - wie die PA - aus der Sprache, wie sollte sie deren Gesetze und Mysterien ignorieren dürfen?!

Wegen dieser Verwandtschaften und wegen seiner semiologischen Reflexionen ist Lacan für uns mehr als interessant.

Er formuliert einige elementare Gedanken:

1. Das Unbewusste ist nicht nur wie Sprache strukturiert, sondern von Sprache geformt; m.a.W.: das Unbewusste agiert prinzipiell nicht sprachlos.

2. Das Rationale ist (überwiegend) unbewusst, "es spricht"; m.a.W.: Was wir für Emanationen unseres luzide steuernden Bewusstseins halten, sind essentiell - und nicht nur marginal - Manifestationen des Unbewussten; wir erfassen sie jedoch zunächst nur im imaginären (≈ sykotischen) Register.

3. Das Bewusstsein ist nicht selbstmächtig: Lacan nennt das eine "falsche Dignität" (≈ Würde); aus dem Wissen um diese Falschheit entsteht die Angst des Menschen - wir würden sagen: Die verhehlte Angst des Sykotikers vor der Psora ...

Es entsteht die Frage nach der Wahrheit des gesprochenen Wortes im homöopathischen Kontext.

Wahrheit geht uns voraus, wird ein Ankommen sein. Unser Unbewusstes ist ein Angekommen-sein-werden, unsere Wahrheit gibt es nur im Futur II. Unsere Utopie verheißt uns gleichwohl stets, dass die Wahrheit eine manifeste Heimat sei; so geben wir uns entsprechende Mühe, eine Übereinstimmung zwischen Sachverhalt und unserem Urteil darüber herzustellen. Aber darum geht es gar nicht, das ist ein Scheingefecht.

Vielmehr geht es um die Beziehung des Subjekts zu jenem Mangel, den wir Psora nennen, der unsere Existenz kennzeichnet und aus dem der individuelle (imaginäre/reaktive) Lebensentwurf resultiert. Weil solche Wahrheit stets antizipatorisch ist, ist sie notwendig vorläufig, provisorisch. Sie verdeckt (sykotisch-triumphierend oder syphilitisch-verzweifelnd) lediglich den Mangel, welcher sie alsbald notwendig widerlegen wird. Deshalb ist der Diskurs der Wahrheitssuche notwendig tragisch - wir werden nie wieder dort sein, wo wir nie gewesen sind. Keine Mama, kein Coitus, kein(e) Heroin(e), kein homöopathisches K(l)ügelchen, nicht einmal der Tod kann dieses Begehren stillen.

Wir kennen diese Einbildung, es gäbe "irgendwo" eine Stillung, eine Erfüllung - diese Imagination bewegt unser Dasein machtvoll und nachdrücklich. Aber unser Begehren ist leer. Gott als das reine Symbol füllt es, bleibt aber bedeutungsleer. Bis hierhin spricht die Metaphysik, bis hierhin macht sogar das Exerzitium des Gottesbeweises einen gewissen Sinn.

Die christliche Überwindung des Todes - also eine existentiell relevante Bedeutung des Gott-Mensch-Verhältnisses - findet ausschließlich im Glauben statt. Das ist dann eine Sache der Theologie.

Wozu dann noch Therapie?

Therapie ist das notwendige Scheitern einer Hoffnung, die von Anfang an vergeblich war. Konsequenz ist die Gesellung der Melancholie - einerseits; andererseits aber ist (analytische/homöopathische) Therapie jener einzigartige Ort, wo man die uneinholbare Quelle des eigenen Sprechens empfängt: Das Simile als unendliche Annäherung an das erhoffte Ant-Wort.

Eine Revision Babylons wird so gebahnt in Richtung Pfingsten, eine Öffnung für ein Geschehen, wo dann Therapie schweigt.

Zurück zur Ausgangsfrage, dem Homöopathischen Konsens.

CFS. Hahnemann hat die "Einheit" der Homöopathie nie in negativer Abgrenzung zur "alten Schule" allein erschöpft gesehen. Über die kritische Abgrenzung gegen die "alte Schule" hinaus hat Hahnemann positive Theoreme und ein spezifisches Setting geltend gemacht - seine Adepten nennen das bis heute die reine Lehre.

Da ist zuallererst und zuoberst das Ähnlichkeitsprinzip als quasi gottgegebenes Naturgesetz. Der Homöopath operationalisiert es zur Ähnlichkeits-regel. Hieraus resultiert die einzig triftige, gültige Heilmittelwahl25.

In Ableitung von dieser monolithischen Prämisse folgen zwei weitere Standbeine der Homöopathie:

- Die Lehre von der Chronischen Krankheit als "dynamische Befindensveränderung", die der affizierte Organismus nicht mehr aus eigener Kraft revidieren kann. Hieraus resultiert - gemäß der Ähnlichkeitsregel - das Verfahren der Potenzierung, i.e. der Umwandlung eines Bröckchens Materie in seine spezifische "geistartige" Wirkkraft. Wir fühlen uns an die "Transsubstantiation" der katholischen Sakramentenlehre erinnert26.

- Das Mit-Leiden des Arztes, das ebenfalls aus dem Ähnlichkeitsprinzip resultiert, freilich wiederum eine definierte ethische Grundhaltung voraussetzt.

Ganz einfältig könnte man sagen, dass die meisten Homöopathen in diesen elementaren Thesen wohl die Grundrisse ihres Hauses wiedererkennen würden. Die jüngsten Grabenkämpfe zwischen den Homöopathischen "Konfessionen"27 jedoch belehren uns nachdrücklich, wie fragil auch in unseren Reihen jeder voreilig unterstellte oder dekretierte Konsens ist.

In Anlehnung an den gegenwärtigen Stand der Konsenstheorie möchte ich daher einige Begriffsklärungen versuchen.

Wir können drei Konsenstypen unterscheiden: Übereinstimmung, Zustimmung und Übereinkunft.

- Zunächst die Übereinstimmung: Sie kennzeichnet einen originären Zustand, in welchem das gilt, was von allen und überall und jederzeit als gültig

angesehen wird. In der Homöopathiegeschichte finden wir diesen Konsenstyp natürlich als Übereinstimmung Hahnemanns mit sich selbst (ungeachtet der mangelhaften Konsistenz seiner Texte), darüberhinaus in der Gruppe der engsten Eingeschworenen aus Hahnemanns Umkreis.

Aber bereits dort und damals beginnt es zu bröckeln, den Adepten unterlaufen im Detail so manche Abweichungen oder Unbotmäßigkeiten, die vom Meister gelegentlich scharf abgemahnt werden.

Sogar der von Hahnemann höchstselbst so ausdrücklich belobigte Baron von Bönninghausen geht eigene Wege. Die weitere Entwicklung, insbesondere nach Hahnemanns Tod, präsentiert uns immer häufiger die angestrengte Rückbesinnung und das inhaltlich immer stärker divergierende Fahnden nach dem, was Hahnemann "eigentlich" gemeint habe. Die bis heute andauernde Ära der Exegese ist angebrochen, die ursprüngliche Übereinstimmung ist unwiederbringlich verloren, es geht immer mehr um Zustimmung der Folgegenerationen zur Lehre ihres Stifters.

- Bei der Zustimmung handelt es sich um die Anerkennung einer Vorgabe, um identifikatorische Rezeption. Wir können das in der unmittelbaren Hahnemann-Nachfolge schön beobachten: Die Diversifikation der Standpunkte vollzog sich ausnahmslos ohne Aufgabe der Zustimmungsbehauptung, alle beriefen sich unbeirrt auf Hahnemann (und tun es noch heute)28.

Was damals noch wie hausinternes Gezänk zwischen den Erbsöhnen anmutet, hat sich heute zu Unversöhnlichkeiten mit gesundheitspolitischen Dimensionen entwickelt29. Es ist zu fragen, ob das Zustimmungsmodell - mit all seinen exegetischen Fußangeln - noch zeitgemäß ist, nachdem es doch immer schlechter zu funktionieren scheint. (Leider haben wir keinen Kardinal Ratzinger bzw. derer zu viele ....)

Darüber hinaus lässt es viele heutige Fragen prinzipiell unbeantwortbar:

Die Kompatibilität von Homöopathie etwa mit Psychotherapie, Insulinsubstitution oder Psychopharmaka lässt sich aus den Gründungstexten nicht oder nur spekulativ diskutieren; ob ein J.T. Kent mit seiner swedenborgianisch erweiterten Homöopathie oder ein M.Dorcsi mit seinem Konstitutionsbegriff samt "homöopathischer" Eugenik den Beifall Hahnemanns gefunden hätten, sei für immer dahingestellt.

M.a.W.: Zustimmung als Homöopathische Konsensmöglichkeit scheint obsolet, nicht zuletzt wegen der vielfältig deutbaren Originaltexte Hahnemanns. Da spielen Historizität und Regionalität von Sprache hinein, aber genauso auch gesellschaftliche Entwicklungen in Wissenschaft und Philosophie. Hahnemanns Texte sind nicht Die Heilige Schrift - wir täten ihm einen Bärendienst, wenn wir ihn sakralisierten.

- Bleibt der dritte Konsenstyp, die Übereinkunft.

Bei der Übereinkunft tritt das Verfahren von Verständigung stärker in den Mittelpunkt: Sie meint das Ergebnis eines diskursiven Prozesses, in dessen Verlauf eine vorläufige Einigung über strittige Wahrheits- oder Richtigkeitsansprüche erzielt wird.

Dieser Konsensbegriff ist der weitestgehende und umfassendste der drei Typen, da er im Ergebnis Aspekte von Übereinstimmung aufweist, im Prozedere die Dynamik der Zustimmung zuläßt, zugleich aber seinen Blick auf das Verfahren selbst, also darauf, wie es dazu kommt, richtet, m.a.W. ein hohes Maß an Reflexion einbindet.

Solcher Diskurs kann allerdings in Homöopathenkreisen mitnichten als selbstverständlich gelten.

Das ist auch kein leichtes Unterfangen.

Die Probleme beginnen bereits dort, wo wir über die fundamentalen Theoreme Hahnemanns zu sprechen beginnen. Nehmen wir etwa das Ähnlichkeitsprinzip:

1. Können wir sicher sein, den Begriff "Ähnlichkeit" gleichsinnig zu verstehen? In der Philosophiegeschichte ging es sehr lange nur um Identität und Differenz. Das irgendwo dazwischen oder jenseits tanzende Simile ist als Kategorie ein Mauerblümchen geblieben, geistert bestenfalls als seiner selbst noch unbewußtes "Apfelmännchen" heute in den Gefilden der Chaostheorie - einstweilen etwas heimatlos - herum.

Ein Rekurs auf Aristoteles oder Thomas mag als Denkübung hilfreich erste Diskurslinien bahnen, aber seit Ockham sind wir bescheiden geworden, spätestens Wittgenstein und de Saussure haben uns darauf aufmerksam gemacht, wie dünn das Eis ist, auf dem wir uns so nonchalant bewegen.

2. Unterstellt, wir würden eine relative und vorläufige Einmütigkeit über den Ähnlichkeits-Begriff herstellen können: Reicht diese Basis-Übereinkunft zur Stützung eines weltweit operierenden, mittlerweile extrem differenzierten therapeutischen Systems mit Universalitätsanspruch?

Wäre etwa eine AM-Findung, die kinesiologisch, elektroakupunkturtechnisch oder clusterdiagnostisch erzeugt wird, noch im Rahmen des Ähnlichkeitsprinzips?

Oder: Ist der aufgeregte Disput über randomisiert-doppelblinde oder rein intuitive Arzneimittelprüfungen dem Gegenstand überhaupt angemessen?

Oder: Wie verhält es sich mit der Diskussion um die Autoklavierung homöopathischer Ausgangsstoffe? Geht die eventuell völlig am Thema vorbei?

Oder: Wie stehen wir zur Frage der naturwissenschaftlichen Validisierung mittels physikalischer Experimente? Gibt es da Substanzielles zu finden oder biedern wir uns nur dem herrschenden (und seitens der Homöopathie seit jeher kritisierten) Wissenschaftsverständnis einer medizinischen Oligarchie an?

Diese winzige Auswahl an möglichen Fragen zeigt bereits den inneren Zustand der internationalen Homöopathie: Ein aus dem Leim gehender Flickenteppich30.

Noch einmal: Ist Homöopathischer Konsens möglich, ist er nötig? Und wenn ja, wie sähe ein angemessenes, erfolgversprechendes Verfahren aus? Welche Art und welches Maß an Übereinkunft über welche Gegenstände wären sinnvollerweise anzustreben?

Ein letzter Punkt: Der cartesianische Subjekt-Begriff hat ausgedient. Das cogito reicht als Personalausweis nicht mehr, es entstammt einem verschollenen Atlantis und scheint in esoterischen Köpfen noch immer nachzuhallen.

Nietzsche hat den Tod Gottes ausgerufen und den Gottesbegriff in den hohen Menschen Jesus münden lassen; J.-F. Lyotard ließ 100 Jahre später den Tod des Subjekts folgen, es mündete in Fragmentarisierung, Partikularisierung, Singularität. Welche Konsequenz haben derlei geistesgeschichtliche Einbrüche und Mäander für den Individualisierungsbegriff der Homöopathie?

Sie werden mir zustimmen, dass die Homöopathie die großen gesellschaftlichen Debattenströme nicht ignorieren kann - wir müssen deshalb weder Nietzscheaner noch Poststrukturalisten werden. Aber solange und insofern wir uns auf Gesellschaft beziehen, sind wir unweigerlich Teil ihrer Bewegungen.

Ich rede hier nicht jener vielzitierten "postmodernen Beliebigkeit" das Wort. Aber die Zeit der erratischen Gewissheiten ist bereits seit dem "Casus Babylon" vorbei. Pfingsten hat stattgefunden, aber die Ignoranz ist allenthalben groß.

Die Spannung zwischen der Einheit zusammenwachsender Gesellschaftten (~ Deutschland, Europa usw.) einerseits und der Partikularisierung zerberstender Einheiten (~ Sowjetunion, Jugoslawien usw.) war nie so übermächtig wie heute - wie könnten wir das ignorieren?

Homöopathie befindet sich in der Pubertät: Sie muss ihren Vater symbolisch töten, obwohl - oder eben: weil sie ihn liebt. Ödipus endete blind und depressiv, weil er - unbemerkt - bereits vorher blind und depressiv war: Hätte er dem Orakel demütig misstraut, wäre - vielleicht - alles anders gekommen.

Was bleibt?

Auf den ersten Blick nicht viel.

Auf den zweiten Blick etwas sehr, sehr Kostbares: Das eine Begehren31, in dem wir alle ununterschieden sind - geliebt zu sein, ohne Bedingung, ohne Grenzen, maßlos - in seinen vielen Sprachen, Dialekten, in jenem oft schmerzlichen Geflecht von Wörtern, Blicken, Tränen, Träumen und Gesten, das aus uns Menschen macht (auch Ärzte und Patienten). Vielleicht war es just dies, was Hahnemann "Psora" nannte ....

Abschließend und bündelnd ein anderes Diktum zur (Heil-)Kunst:

" Das Kunstwerk der Zukunft ist ein gemeinsames, und nur aus einem gemeinsamen Verlangen kann es hervorgehen."

Das hat Friedrich Nietzsche gesagt, fast ein Jahrhundert nach Goethe, aber eine Milchstraße entfernt von ihm.

Sie sehen: Der Diskurs ist unvermeidbar und unaufhörlich, Gott sei Dank!

Er beginnt beim Zuhören.

 

Literatur

  • A man with a mission - Interview with George Vithoulkas, in: Homœopathic Links, Winter 1999, Vol.12 (4), S.202 ff.; sowie die Repliken von Sankaran, Scholten et.al. in den Folgeheften
  • Becker,J./Ehrler,W., Die Die 5 Miasmen der C4-Homöopathie, Freiburg 1997
  • Beckmann, J.P., Wilhelm von Ockham, München 1995
  • Bibel, Die, Nach der Übersetzung Martin Luthers, revidierte Fassung von 1984, Stuttgart 1987
  • Fritsche,H., Die Erhöhung der Schlange, Göttingen 7 1991
  • Gallasch, Chr., Sprache, Psychose, Homöopathie, in:
  • in.form.alia 1/2000, S.25 ff.
  • Habermas, J., Erläuterungen zur Diskursethik, Frankfurt 1991
  • ders., Theorie des kommunikativen Handelns, Bd.1, Frankfurt 1981
  • Lacan, Jaques, Die Psychosen, Seminar Buch III, Weinheim 1981
  • ders., Die vier Grundbegriffe der Psychoanalyse, Seminar Buch XI, 1987
  • ders., Encore, Seminar Buch XX, 2 1991
  • Luhmann, N., Die Gesellschaft der Gesellschaft, Frankfurt 1997
  • ders., Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, Frankfurt 1987
  • Lyotard, J.-F., Das postmoderne Wissen, Wien 3 1994
  • Platon, Sämtliche Werke III (Menon/Kratylos u.a.), Frankfurt 1991
  • ders., Sämtliche Werke IV (Phaidros/Parmenides/Theaitetos/Sophistes) ,Frankfurt 5 1964
  • Rukavina, L., Die Inszenierung der homöopathischen Praxis, in: in.form.alia 1/2000, S.2 ff.
  • Sander, U., Die Bindung der Unverbindlichkeit. Mediatisierte Kommunikation in modernen Gesellschaften, Frankfurt 1998
  • Saussure, Ferdinand de, Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft, Berlin 2 1967
  • Schlegel, E., Religion der Arznei, Regensburg 6 1987
  • Weihe, Chr., Homöopathie der normalen Sprache, in:
  • in.form.alia 0/1999, S.7 ff.
  • Widmer, Peter, Subversion des Begehrens, Wien 1997
  • Wittgenstein, L., Philosophische Untersuchungen, Frankfurt 1971

 

Weiterführende Literatur b. Verf.

 

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