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Die Strategie der Falldarstellung in der Homöopathie folgt meistens dem Schema, ein plausibles, für alle nachvollziehbares Arzneimittelbild zu erzeugen. Hintergründe und Vorentscheidungen für dieses Vorgehen werden dabei verdeckt. Es scheint sich dem höheren Wissen um die Symptomauswertung zu verdanken, wenn das so genannte "richtige" Mittel aus der Vielfalt und der Heterogenität der Patientensymptome wie von selbst aufgeht. Das Heilen der krankhaften Erscheinung ähnelt dem Vorgang einer Indiziensammlung. Derjenige, der die Spuren des wahren Simillimums findet, befindet sich bereits auf dem richtigen Weg zur Lösung des Falles. Diese Spurensuche nach dem begehrten Mittel behandelt die Symptome des Patienten als einen selbstevidenten, sinnvollen Zusammenhang, der schon immer da ist und "nur" einer kriminalistischen Aufdeckung bedarf. Dass es sich aber eher um ein diffuses Arbeitsmaterial handelt, das erst in der anschließenden Analyse in ein plausibles Arzneimittelbild verwandelt werden muss, wird meistens nicht ausreichend deutlich gemacht. Die Erzeugung des Arzneibildes zwingt die Symptome in den gewünschten Sinnzusammenhang, der wiederum eine gewisse Allgemeingültigkeit beansprucht, d.h. jeder sollte in der Lage sein einen solchen Analyseschritt nachzuvollziehen. Die ganze Prozedur ringt um einen objektivierbaren Status. Die alleinige Konzentration auf die so geartete Arzneifindung blendet wichtige Elemente aus dem homöopathischen Behandlungsfeld aus, die, so meine These, für den Heilprozess von entscheidender Bedeutung sind. Dadurch, dass die theoretischen Voraussetzungen eines solchen Vorgehens nicht thematisiert werden, scheint sich die homöopathische Praxis automatisch aus der Wahl des richtigen Arzneimittels zu ergeben. Der Mechanismus der Geburt der Praxis aus der Theoriesprache soll im Folgenden näher erörtert werden. Eine besondere Beachtung gilt dabei den widerspenstigen und chaotischen Elementen des homöopathischen Feldes, die sich in die Erklärungsmuster nicht so einfach einfügen lassen. Aus meiner Sicht bergen genau diese Elemente das Potential für die Entfaltung der schöpferischen, vitalen Heilkraft. In meiner Ausführung kommt es mir auf folgende Punkte an: 1 Das Arzneimittelbild verdankt sich theoretischen Vorentscheidungen, die aus dem diffusen, heterogenen Symptommaterial erst einen sinnvollen Zusammenhang erzeugen. Dieses Bild hat nicht den Status einer Selbstevidenz, sondern wird erst im Analyseschritt inszeniert. 2 Die widerspenstigen, chaotischen Elemente werden methodisch ausgeblendet, damit ein sinnvoller Zusammenhang entstehen kann. Diese Vorgehensweise betrifft sowohl die sprachlichen wie auch die außersprachlichen Elemente des homöopathischen Settings. 3 Dem üblichen Schwerpunkt des homöopathischen Arzneifindungsspiels widersprechend, möchte ich auf die Bedeutsamkeit der chaotischen Momente und einen produktiven Umgang mit ihnen hinweisen. 4 Die strukturierende Funktion der Sprache einerseits und ihre schöpferischen Möglichkeiten andererseits markieren das Feld für diese Darstellung.
Wie funktioniert die Sprache in der Homöopathie?Eine wichtige Frage ist die nach der Funktion der Sprache in der Homöopathie, da die Sprache als vermittelnde Instanz zwischen dem Patienten und dem Homöopathen eine so herausragende Position einnimmt. Ich greife auf zwei wesentliche Momente der Hahnemannschen Ausführungen zurück, um diese Beziehung näher zu charakterisieren. 1 Hahnemann spricht vom chronischen Miasma, aus dem die chronischen Krankheiten hervorgehen. Er nennt die Psora die "allgemeinste Mutter" der chronischen Krankheiten, die einzige Quelle der unzähligen chronischen Leiden der Menschheit ( Hahnemann, Chron.Krnkht. I, S.17 ). Er bezeichnet sie als das "tausendköpfige Ungeheuer" mit den so verschiedenen Äußerungen und Formen wie Nervenschwäche, Hysterie, Hypochondrie, Manie, Melancholie, Blödsinn, Raserei, Fallsucht, Krämpfe, Rachitis, Knochenfäule, Krebs, Amenorrhoe, usw..( Hahnemann, Organon §80 ) 2 Die Anmerkungen zur individualisierten Fallaufnahme ( Hahnemann, a.a.O. §§83/84 ) lassen zwei wichtige Kriterien erkennen: Die Unbefangenheit des Heilkünstlers(!) und das genaue Aufzeichnen des Berichtes des Kranken in "nämlichen Ausdrücken", derer der Kranke sich bedient. Dabei lässt man den Kranken stillschweigend ausreden. Wir verdanken Hahnemann die Herstellung dieser engen Verbindung zwischen der Instanz der "Urmutter der Krankheit", die er Psora nennt, und der sprachlichen Benennung derselben durch den Kranken. Aus der Versprachlichung der Krankheit ergibt sich sein Behandlungskonzept: Der Text der Krankheitssymptome wird in die Analogie zum Text der Kunstkrankheit gesetzt. Es werden also zwei Texte in ein analoges Verhältnis gesetzt: Der Text der Krankheitssymptome des Patienten und der Text der Prüfsymptome, der Kunstkrankheit. Die Schwierigkeit der Entschlüsselung des Analogieansatzes von Samuel Hahnemann besteht darin zu verstehen, wie die Sprache dabei funktioniert. Es scheint zunächst als bilde die Sprache für Hahnemann eine Art Transportsystem für die Krankheitsdinge oder Symptome, die der materiellen Welt des erkrankten Menschen angehören. Die Sprache wäre damit das Abbild dieser Krankheitswelt. Die gleiche Rolle würde dann die Sprache in der Arzneiprüfung spielen. Die Sprache der Kunstkrankheit bildet ebenfalls die künstlich erzeugten Symptome ab, auch Arzneimittelbild genannt. Die beiden sprachlich erzeugten Bilder könnten in einem Ähnlichkeitsverfahren miteinander korreliert werden, weil sie scheinbar auf ein gemeinsames Krankheitsding verweisen. Zunächst hat man den Eindruck - und so wird es von den meisten Homöopathen gehandhabt -, als sei die Sprache ein Abbild der Gegenstände der realen Welt und damit auch der Krankheitsgegenstände der Menschen. Diese alte Abbildtheorie der Sprache wird seit Aristoteles vertreten. Augustinus beschreibt sie recht plastisch in den Confessiones: Das Kind lernt durch die Vermittlung der Erwachsenen, dass bestimmte Laute zu bestimmten Gegenständen gehören und lernt so zu verstehen, welche Dinge die Wörter bezeichnen, die es in verschiedenen Sätzen hört. Wittgenstein, aber auch Linguisten wie de Saussure, widersprechen dieser Abbildtheorie. Das Zeichen (das Wort) vertritt nach Wittgenstein nicht substanziell einen Gegenstand, sondern die Funktion und die Bedeutung der Worte ergeben sich aus dem Zusammenhang, aus dem Regelwerk des Sprachgebrauchs. Ein Satz, als Zeichenfolge verstanden, wäre ohne den Zusammenhang des ganzen Zeichensystems "tot", denn die Bedeutung eines Wortes oder eines Satzes wäre ohne seine Verwendung, die Wittgenstein Sprachspiel nennt, völlig unverständlich. Die Frage "Was ist eigentlich ein Wort" entspricht der Frage "Was ist eine Schachfigur?" ( vgl. Wittgenstein, Phil. Untersuchungen ). Der Bauer im Schachspiel z.B. ist nicht das Zeichen von etwas, sondern seine Bedeutung in der Funktion der Schachspielregeln. Für Wittgenstein ist das Erlernen der Sprache kein hinweisendes Erklären wie Augustinus es versteht, sondern ein Abrichtungsvorgang. Das Lehren der Wörter gehört zum Abrichten, nicht jedoch zu einer schlüssigen Sprachtheorie. Dinge hinweisend zu benennen, so Wittgenstein, würde heißen, den Dingen Namenstäfelchen anzuheften, sie so zu behandeln, als hätten sie Eigennamen. Für die Namensgebung von Personen ist dieses Vorgehen erlaubt, nicht aber für die übrigen Worte des Sprachgebrauchs. Bezieht man Wittgensteins Überlegungen auf die Homöopathie, so wird es unmittelbar einleuchtend, dass die Sprache der Psora nicht einfach irgendwelche Krankheitsdinge benennt, als seien sie Gegenstände eines von dieser Sprache unberührten biologischen Körpers, die es nur abzubilden gilt. Aber wie funktioniert die Sprache der Psora stattdessen? Nachdem die Vorstellung von dem Zusammenhang zwischen den außersprachlichen, materiellen Krankheitsdingen und ihrem Sprach-Abbild fragwürdig geworden ist, muss man nach anderen Möglichkeiten suchen, die Sprachfunktion zu verstehen. Sieht man sich die Originalsymptome der Arzneimittelprüfungen an, so fällt auf, dass sie nicht unbedingt den Regeln des normalen Sprachgebrauchs folgen. Sie sind vielmehr für die meisten Homöopathen unverständlich, komplex, diffus und zu uneinheitlich. Wäre das nicht der Fall, so würden nicht immer neue und raffiniertere Auswertungsstrategien entstehen, um dieser kryptischen Psorasprache einen kohärenten Sinn zu entreißen. Die Patientenberichte, wenn man die Kranken tatsächlich, wie Hahnemann es fordert, ausreden lässt, ohne einzugreifen, stürzen uns ebenfalls in eine gewisse Ratlosigkeit in Anbetracht der Vielfältigkeit und des fragmentarischen, diffusen Charakters der Krankheitsschilderung. Wie soll man mit diesem Sprachmaterial umgehen? Die Sprache der PsoraIch folge in meiner Ausführung über die Psora-Sprache dem strukturalistischen Sprachansatz von Julia Kristeva ( s. Kristeva, Die Revolution ... ), der sich auf den Linguisten Ferdinand de Saussure und den Psychoanalytiker Jacques Lacan bezieht. Die Grundannahme der strukturalistischen Linguistik besteht darin, die Sprache als ein System von Zeichen zu sehen. Das Zeichen selbst setzt sich aus zwei Komponenten zusammen: Dem Ausdruck, auch Signifikant genannt und dem Inhalt, dem Signifikat. Auf der Ebene der Sprache wird also einem Laut, dem Signifikanten, ein Bild, der Signifikat zugeordnet. Ähnlich wie Wittgenstein lehnt de Saussure die schlichte Zuordnung einer Liste von Ausdrücken zu den Gegenständen der realen Welt ab. Wer so vorgeht, das Wort für die Sache zu nehmen, muss davon ausgehen, dass schon vor dem Gebrauch der Sprache fertige Vorstellungen im Bewusstsein existieren. Nach dem strukturalistischen Ansatz ist dies genau nicht der Fall. Das Wort als sprachliches Zeichen ist vielmehr eine Synthese von Vorstellungen oder Bedeutungen und dem Zeichenkörper, dem Laut oder dem Graphen. Der Laut und der Inhalt bilden das Ganze des Sprachzeichens. Man könnte das so "übersetzen", dass sich die Bedeutungen niemals außerhalb der sprachlichen Ebene befinden können, sondern immer auf der Sprachebene produziert werden, im Zusammenspiel von Laut und Bedeutung. Die Sprache ist ein soziales Produkt, ein Regelsystem, dessen sich der Sprecher zu bedienen weiß, damit die Kommunikation überhaupt möglich wird. De Saussure versteht diesen sozialen Aspekt der Sprache im Vorgang der Einregistrierung, d.h.: dem einzelnen Individuum wird die Sprache in passiver Weise eingegeben. Mit dem Erwerb der Sprache geht man einen symbolischen Vertrag innerhalb einer sozialen Ordnung ein und bekommt den Zugang zu einem kulturspezifischen Reich der Bedeutungen. Diesem Bedeutungsregister verdankt sich dann, was z.B. "weiblich" oder "männlich" heißt, was Krankheit, Gesundheit, Normalität oder Wahnsinn ausmacht. Die Bedeutungen sind nicht völlig fixiert, sondern erfahren durch die lebendige Alltagssprache ihre Verschiebung. Saussure spricht von "langue", wenn er die Registratur der Sprache, die Sprachfähigkeit meint, und von "parole" als der individuellen und sozialen Natur der Sprache. Das sprachliche System ist nicht etwas gänzlich Festgelegtes, Eindeutiges, sondern ein ständiges Verweisen, ein Netz von Differenzen. In jedem Wort, in jeder Aussage schwingt immer mehr, als dem sprechenden Subjekt bewußt ist. Der Sprachgebrauch erfordert eine fortwährende interpretatorische Leistung, die niemals zum Abschluss kommen kann. Außer dieser symbolischen, bedeutungsgenerierenden Seite der Sprache gibt es einen ursprünglicheren Anteil der Sprache, auf den es mir hier im wesentlichen ankommt. Der flüssige Teil der Sprache, der nicht in Bedeutungen aufgeht, wird von Julia Kristeva als das Semiotische bezeichnet. Gemeint ist eine Erinnerungsspur, die auf die Zeit vor dem Spracherwerb zurückverweist, und im Symbolischen durch ihre bewegte und verflüssigende Eigenart auffällig wird. Im Semiotischen gibt es noch keinen Sinn, keine Bedeutung, keine festen Differenzen, sondern mehr oder weniger deutliche Diskontinuitäten, fließende Übergänge, plastische Markierungen, Pulsieren und wechselnde Intensitäten. Julia Kristeva sieht im Unbewussten den bevorzugten Schauplatz des Aufeinandertreffens von sprachlichen Strukturen und Bedeutungen mit den vorsprachlichen Spuren. Keine sprachliche Äußerung lässt sich restlos auf die sinngebende Sprachordnung zurückführen. Es bleibt immer der semiotische Überschuss, der für die Übertretung der symbolischen Sprachordnung sorgt. Das Semiotische ist der Ort der Verwerfung der Sinngebung. Wir haben es hier mit zwei Merkmalen der Sprachstruktur zu tun: 1 Das Symbolische als Modalität des Sinngebungsprozesses, als symbolische oder gesellschaftliche Ordnung. Das Symbol meint hier nicht ein Sinnbild wie z.B. die Taube als Friedenssymbol, oder das Kreuz als Symbol des Christentums. Das Symbolische ist die Sprache als soziale Tatsache. Es ist das Symbolische im Sinne Lacans, das den Menschen erst überhaupt zum sprachfähigen, gesellschaftlichen Wesen macht. Demnach funktioniert das menschliche Bewusstsein überhaupt nur als sprachvermitteltes symbolisches System. 2 Das Semiotische als Sprachmaterial jenseits des Sinns, als Spuren und Assoziationsbahnen, die unter jeder symbolischen Struktur verlaufen. Das ist der Ort der pulsierenden Intensitäten, der treibenden, widerspenstigen Sprachkraft. Es ist der Rekonstruktionsversuch eines vorsprachlichen, vorsymbolischen Zustands. Das Semiotische geht der Setzung des Subjekts als Sprachwesen voraus. Es widersetzt sich einer einheitlichen Subjektkonzeption, einer einheitlichen Sinnsetzung des Subjekts durch die wirkmächtigen Triebkräfte des Widerspruchs und der Heterogenität. Es handelt sich um die schöpferischen Sprachelemente des tanzenden Chaos, die in einer engen Verbindung zu der ursprünglichen Materialität des Körpers stehen. Sie finden ihren Ausdruck in der poetischen, malerischen, inkohärenten Sprache. Der Ansturm des Semiotischen gestaltet die symbolische Ordnung neu und befördert das Subjekt in einen Prozess. Das Zusammentreffen des Symbolischen mit dem Semiotischen vervielfältigt Bedeutungen und Denotationen. Die Sinnsetzungen werden aufgelöst, verschoben und umstrukturiert. Wegen der Dynamik und der Sinnverweigerung dieses Prozesses fällt in diesem Zusammenhang gerne das Wort Chaos, allerdings in einem negativen, destruktiven Sinne. Gemeint sind aber die vitalen, schöpferischen Strukturkräfte. Um mit Nietzsche zu sprechen: "Ich sage euch, man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können. Ich sage euch, ihr habt noch Chaos in euch." Die beiden genannten Strukturmerkmale der Sprache, das Symbolische und das Semiotische, spielen für das Verständnis der Sprachfunktion in der Homöopathie eine wesentliche Rolle. Alle Sprachoperationen der homöopathischen Analyse unterliegen den allgemeinen Gesetzmäßigkeiten der Sinnerzeugung im symbolischen System. Das Register der symbolischen Sprache verleitet zur einheitlichen Sinnerzeugung und verschließt sich gegen das Register des Semiotischen. Entsprechend der Doppelstruktur des Sprachzeichens (Signifikant/Signifikat) gelingt die gänzliche Schließung des Bedeutungszirkels nie, sondern die Sprache erzeugt in ihrer Dynamik Mehrdeutiges und Verschiedenes. Die Aussagen über die Arzneimittelbilder oder die Patientensymptome befinden sich immer im gesellschaftlichen, symbolischen Raum und tragen die Merkmale der kulturspezifischen Bedeutungserzeugung. Eine vorläufige Schlussfolgerung für die Funktion der homöopathischen Theoriesprache wäre z.B., dass eine einheitliche Konzeption für das Verständnis der Arzneisymptome nicht möglich ist, eine einzige Bedeutung für das Arzneibild kann wegen des Spiels der Sprachzeichen nicht entstehen. BAPTISIA - oder der zerbrochene SpiegelDer eigentliche Umstand, auf den es mir infolge der strukturalistischen Vorüberlegungen für die Homöopathie ankommt, betrifft sowohl das noch nicht interpretierte Sprachmaterial der Originalprüfsymptome als auch die ungefilterten, noch nicht gewichteten Patientensymptome. Gemeint ist das sperrige und heterogene Sprachmaterial, das sich zunächst dem unmittelbaren Verständnis entzieht und nicht so leicht in irgendwelche sinnvollen Zusammenhänge eingeordnet werden kann. Um diesen Punkt deutlich zu machen, greife ich auf die Arzneisymptome von BAPT zurück. BAPT markiert genau den Ort in der Homöopathie, der die Unmöglichkeit der eigenen Methode offenbart, insofern sie irrigerweise auf einen eindeutigen Sinn abzielt. Die semiotische Sprache der BAPT-Symptome enthüllt diesen unmöglichen Ort der Diskontinuität. Folgender Zustand wird im BAPT-Text beschrieben:
Das hier vorherrschende Thema ist die Desintegration des Körpers. Wir kennen die Beschreibung der Phänomene der Spaltung oder der Teilung des Körpers aus verschiedenen Arzneitexten wie z.B. LACH, CANN-i, LIL-T, PETR, STRAM, PHOS, DAPH, um nur einige zu nennen. Kann es sich nur um ein BAPT-spezifisches Problem handeln oder weist der BAPT-Text auf ein allgemeines Phänomen, das in allen Arzneiprüfsymptomen zum Ausdruck kommt? Der BAPT-Text thematisiert das Phantasma des zerstückelten Körpers. Das Subjekt nimmt sich nicht als einheitliches wahr, sondern als eine Ansammlung von flottierenden und unzusammenhängenden Teilen. Dieses Zerstückelungsphänomen verweist auf den Zustand des Subjekts vor dem Spiegelstadium und vor dem Erwerb der Sprache. Der Psychologe J. Baldwin entdeckte, dass 6-18 Monate alte Kinder angesichts ihres Spiegelbildes eine jubilatorische Reaktion ausdrücken. Die Ansicht des eigenen Körpers im Spiegel markiert einen Fortschritt der kindlichen Wahrnehmung. Das ursprünglich wahrgenommene Chaos von Armen, Beinen, Augen, Nase e.t.c., verschwindet zugunsten des einheitlichen Spiegelbildes. Die Identifikation des Kindes mit seinem Spiegelbild verlockt es zu der Täuschung einer Vollkommenheit, die es dem Kind erlaubt, seine Hilflosigkeit und Abhängigkeit imaginär zu bewältigen. Es entsteht eine trügerische Imago der Vollkommenheit und der Einheitlichkeit. Das menschliche Subjekt konstituiert sich demnach ursprünglich als gespaltenes, als nicht mit sich selbst identisches. Das heißt, dass es keine ursprüngliche Einheit des Subjekts gibt. Die Ich-Einheit formiert sich durch das Verkennen, nicht durch das Erkennen des eigenen Zustands. Das Ich-Ideal des Spiegelbildes bringt das Kind in die Nichtübereinstimmung mit der eigenen Realität, denn die Hilflosigkeit und die motorische Unbeholfenheit bestehen weiterhin. Die Kluft zwischen dem Bild, der Imago des Körpers, und der organischen Unzulänglichkeit, der Realität, wird immer unüberbrückbar bleiben. Die Angst vor dem Ich-Zerfall bleibt bestehen und äußert sich in der inkohärenten semiotischen Sprache als das Phantasma der Zerstückelung. Das Erlernen der Sprache beendet das Spiegelstadium, das Kind tritt in die symbolische Ordnung ein und konstituiert sich als der gesellschaftlichen Ordnung unterworfenes Subjekt. Dieser Prozeß erfordert die Trennung von dem vorsprachlichen mütterlichen Kontinuum, diesem undifferenzierten Zustand, in dem das Kind seinen Körper, seine Umgebung und den Körper der Mutter ohne feste Grenzen zwischen Innen und Außen wahrnimmt. Kristeva nennt diesen Zustand mütterliche Chora. Es handelt sich um einen Strom zunächst ununterschiedener Wahrnehmungen, eine Art vorsprachlicher Funktionalität, so etwas wie eine Energieabfuhr, die den Körper des Kindes im Verhältnis zur Mutter bindet und orientiert. Die hier wirksame Triebstruktur ist ambivalent, sowohl aneignend wie auch destruktiv. Als gestaltende Kraft erzeugt sie Verschiebungen und Verdichtungen innerhalb des "Mutterkontinuums", die die Zonen des zerstückelten Körpers einerseits miteinander und andererseits mit den "äußeren" Objekten und Subjekten verbinden. Die Auseinandersetzung mit diesem Muttermedium bedeutet ein ständiges Hin- und Hergeworfensein zwischen Verschmelzungssehnsucht und Abgrenzungsbestrebungen, Angst verschlungen oder verlassen zu werden. Aus dieser Hölle der quälenden Ambivalenzen kann nur das Eintreten in die symbolische Ordnung befreien, das das Subjekt als Getrenntes setzt. Die archaische Mutterposition muss aufgegeben werden, damit die Bildung eines einheitlichen Ichs ermöglicht wird. Ein symbolischer Muttermord! Die Trennung befreit, das Subjekt erkennt sich aber als unvollkommen und sterblich. Der Spracherwerb ermöglicht es ihm, den Mangel auszudrücken, er wird sprachlich ausagiert. Mit Hilfe der Sprache kann das Kind die An- und Abwesenheit der Mutter ausdrücken. Später benennt es die begehrten Objekte jenseits der Mutter, denn erst die Sprache befähigt dazu, die Differenzen der An- und Abwesenheit von Objekten zu formulieren. Das aus dem Mutterkontinuum herausgelöste Subjekt ist ein Subiectum, d.h. ein der Sprache Unterworfenes. Wie bereits gesagt: Die Sprache wird ihm einregistriert, es wird in das Feld kultureller Codes eingeschrieben. Eine wesentliche Funktion der Sprache ist die genannte Möglichkeit der Symbolisierung, d.h. der Sinnerzeugung, die das Subjekt als getrenntes und scheinbar einheitliches formiert. Aber die Sprache führt immer auch Überschüssiges mit sich, das diesen Sinn unterminiert, das sich nicht in die Register der Bedeutungen einordnen lässt, das die Zerstückelung und die Vielfalt, nicht aber die Einheit zum Ausdruck bringt. Die Begegnung mit diesem sperrigen, pulsierenden, fragmentarischen Sprachmaterial, das uns überrollt, umherwirft und nach Verständnis ringen lässt, ist die Begegnung mit den Spuren, die auf den Urzustand des zerstückelten und uneinheitlichen Subjekts verweisen. Der BAPT-Text spricht eine solche Sprache, aber auch alle anderen Arzneiprüfungstexte und alle freien Patientenberichte zeigen die Strukturmomente des semiotischen Sprachflusses. Die Psora hat ihre eigenwillige Sprache. Wenn Hahnemann von der "Urmutter aller Krankheiten" spricht, von dem tausendköpfigen Ungeheuer, so sind es die tausend Gesichter der "Urmutter" die sich in der Psora-Sprache zeigen. Der BAPT-Text - aber auch alle anderen Arzneimitteltexte - sprechen von diesem "mütterlichen Urzustand". Die Psora spricht von einem Zustand vor der einheitlichen Subjektbildung, vor dem Spiegelstadium. Die Krankheit als traumatisches Erlebnis erschüttert die sensible Scheineinheit des Subjekts. Das irritierte Sprachwesen drückt sich nicht mehr nur verständlich aus, sondern diffus, springend, umschreibend. Es sucht nach sinnvollen Worten und erweckt den Eindruck eines Ringens um das alte Selbstbild, das von der Krankheit zerstört wurde. Die Krankheit bringt das Subjekt wieder in Berührung mit dem diskontinuierlichen, vorsprachlichen Zustand und erzeugt Angst, weil das altbekannte, imaginäre Spiegelbild zerbrochen ist. Der Kranke sieht und benennt nur noch die Splitter des Bildes, die wir Symptome nennen. Selbst wenn keine eindeutigen Desintegrationsbeschreibungen auffindbar sind, hat man bei jeder Krankheit den Eindruck, dass sich bestimmte Teile aus der vermeintlichen Einheit herausgelöst haben und als schmerzhaft, taub oder wie auch immer störend bezeichnet werden. Jede Krankheitsbeschreibung thematisiert auf ihre Weise das Zerstückelungsphänomen. Homöopathische Theoriesprache als einheitsstiftendes PrinzipWelche Bedeutung hat das Gesagte für die homöopathische Behandlungsstrategie? Zunächst müssen wir davon ausgehen, dass wir es mit den Splittern oder Spuren eines unzusammenhängenden Komplexes zu tun haben, wenn wir mit Arzneisymptomen oder Patientensymptomen umgehen. Die Spuren führen uns nicht zu einem verborgenen Sinn, zu einem Gesamtzusammenhang oder einem Menschen-Typus, auch "Arzneimittelbild" genannt. Die Spuren führen vielmehr zu dem "vielköpfigen Ungeheuer" von Hahnemann Psora genannt, zu dem vorzeitlichen Zerstückelungsort. Hahnemann gab uns keine eindeutigen Hinweise darauf, wie wir mit dem Ungeheuer Psora umgehen sollen, wie wir die Psora-Sprache verstehen können. Er bemühte sich um die Archivierung der sprachlichen Vielfalt der Krankheitsbeschreibung. Die häufigste Vorgehensweise der Homöopathie heute besteht in der Inszenierung eines neuen Bildes, des sog. Arzneimittelbildes. Die Homöopathie wiederholt damit gewissermaßen den Vorgang des Spiegelstadiums. Eine neue imaginäre Einheitskonzeption entsteht und das Kind bekommt einen neuen Namen, den Namen des Arzneimittels. (Ob "Arzneimittelbild" oder wie auch immer genannt, es kommt hier auf die Einheitsbildung an.) Die neu erschaffene Einheit heißt jetzt z.B. BAPTISIA. Wie kann es sich aber um eine Einheit handeln, wenn genau das Gegenteil der Einheitlichkeit hier thematisch wird? Am Beispiel des BAPT-Bildes wird ein grundlegendes Problem der homöopathischen Methode deutlich: der Zwang zur Erzeugung eines Zusammenhangs, einer Einheit trotz der Widersprüchlichkeit und Inkohärenz des sprachlichen Materials. Dabei bedient sich die Homöopathie ihrer eigenen Theoriesprache, die sich selbst diesbezüglich nicht reflektiert. Zu diesen theoretischen Voraussetzungen gehören unter anderem auch folgende Setzungen: 1 Es wird von der Vorstellung eines einheitlichen Subjekts ausgegangen, dem eine symbolische Grundstruktur zueigen ist, eine Art Arzneimittel-(bild-) Charakter. 2 Die homöopathische Analyse setzt diesen zugrundeliegenden Kern nur frei, womit der wichtigste Schritt für die Arzneiwahl, die den Heilprozess ermöglichen soll, bereits vollzogen ist. Diesen Setzungen widersprechend, gehe ich davon aus, dass es sich bei der homöopathischen Analyse um eine Konstruktion des plausiblen Zusammenhanges handelt, der nur entstehen kann, weil bestimmte Vorentscheidungen getroffen wurden. Die Arznei-Einheit wird durch das Ausgrenzen, Gewichten, Hierarchisieren und Bewerten des komplexen Sprachmaterials konzipiert. Die Vielfältigkeit wird zugunsten einer einheitlichen Struktur oder eines übergreifenden Sinns aufgegeben. Ich greife einige Strukturierungstechniken zur Verdeutlichung heraus. 1 Zunächst die Totalität der Symptome. Einer ausführlichen Aneinanderreihung der Symptome wird ein Namenstäfelchen angeheftet, eine Überschrift, die als Klammer die verschiedenartigsten Beschreibungen zusammenhalten soll. Ein Zusammenhang ist nicht erkennbar und es bleibt völlig unverständlich, wie diese Einheit zu denken ist. Sie wird schlicht deklariert. Das Scheitern dieser Etikettierung ist schon vorprogrammiert: Es besteht keine Möglichkeit, die Heterogenität der Sprachphänomene in eine Einheit oder Totalität zu versammeln. 2 Das Leitsymptom entsteht durch das hervorhebende Bewerten eines bestimmten Symptoms, das einen privilegierten Charakter bekommt. Diese Bewertung ergibt sich aus mehr oder weniger nachvollziehbaren Kriterien. Für BAPT z.B. nennt eine aktuelle Arzneimittellehre eine frühzeitig einsetzende Beeinträchtigung des Geistes als Leitsymptom. Dahinter verschwindet die Zerstückelungsphantasie, obwohl sehr viele Symptome sie benennen. 3 Die Hierarchisierung: Die Symptome werden nach ihrer Wertigkeit geordnet, d.h. sie werden durch bestimmte Interpretationsmuster bewertet. Es verdankt sich deshalb der Interpretation, die auf bestimmten Vorstellungen basiert, dass seelisch-geistige Symptome als besonders hochrangig gelten. Andere Symptome werden dem Bewertungsmuster entsprechend aussortiert oder vernachlässigt. 4 Das vollständige oder bes. charakteristische Symptom: Eine besonders genaue Beschreibung, ein Satz oder eine Zeichenfolge repräsentiert die Singularität des Arzneimittels. Alle anderen, nicht so klaren oder eindeutigen Symptome treten in den Hintergrund oder werden gar nicht mehr berücksichtigt. Es ist die Vorstellung von der führenden Bedeutung der Exaktheit und der Stabilität einer Zeichenfolge, die nicht mal die symbolische Sprache leisten kann. Die Sprachzeichen haben nicht die Eigenschaften der mathematischen Zeichen. Ein Satz als Zeichenfolge ist nach Wittgenstein ohne den Zusammenhang tot. Eine eindeutige Aussage ist wegen des Doppelcharakters des Zeichens als Einheit von Signifkant und Signifikat nicht möglich. Hier dient eine Fehlinterpretation der Zeichenfolge im Sinne der mathematischen Zeichen als Kriterium für das aussortierende Bewerten der Symptome. 5 Leitmotiv nach Masi-Elizaldes Konzeption: Die verschiedensten Themenkreise ordnen sich einem einzigen Aspekt unter, um den die gesamte Symptomatik kreist und erklärbar wird. Das Leitmotiv formuliert die Übertretung eines göttlichen Gesetzes. Das Konzept ist kompliziert und facettenreich, aber für meine Betrachtung genügt die Feststellung, dass auch hier die vorher ausführlich bedachten Symptome und Themenkreise hinter einer einzigen Hypothese zum Verschwinden gebracht werden. Die genannten Analysetechniken ermöglichen eine einheitliche Konzeption der Arznei oder des Arzneibildes und verdecken dabei, welchen Ausgrenzungs- und Bewertungstaktiken sich diese monolithische Einheit verdankt. Da sich die gesamte Prozedur im Bereich des Symbolischen ereignet, gelten auch hier, wie bereits erwähnt, die Strukturen der symbolischen Sprache. Die Sinnerzeugung kann nicht fixiert bleiben, sondern sie unterliegt Verschiebungen und Neuproduktionen. Es wäre in diesem Spiel undenkbar, dass nur ein einziges Bedeutungsmuster für ein Arzneimittel oder für einen Patienten in Frage käme. Aus dieser Sicht gibt es kein konzeptionelles Chaos in der Homöopathie, wie es Masi-Elizalde behauptet, sondern ein lebendiges Ringen um Sinnerzeugung, um die vermeintliche Wahrheit, auch Simillimum genannt. Die gesamte homöopathische Praxis ergibt sich aus dieser Suche nach dem postulierten wahren Sinn. Dem Spiel der symbolischen Ordnung ausgeliefert, können wir dem Sprachkäfig nicht entrinnen. Wir sind in gewisser Weise zum Sinn verurteilt. Aber berücksichtigt man die sprachkritischen Vorüberlegungen, lässt sich der Weg zu einer einzigen Wahrheit nicht finden. Konkret auf die Homöopathie bezogen, heißt das, dass auf der Ebene der Arzneisymptome viele Deutungen möglich sind und auf der Ebene der Patientensymptome viele Arzneimittel als Simile in Frage kommen. Einen einzigen Königsweg der Homöopathie kann es nicht geben. Kastriert nicht das Psora-Ungeheuer Das schwerstwiegende Problem der alleinigen Zentrierung auf die Suche nach der wahren Arznei besteht aus meiner Sicht in der Ausblendung anderer wichtiger Elemente des homöopathischen Settings, die möglicherweise für die angestrebte Entfaltung der heilenden Vitalkraft von ausschlaggebender Bedeutung sind. Ich möchte die Hypothese wagen, dass die störenden, unverständlichen ja chaotischen Elemente der Sprache diese Vitalität repräsentieren und durch die Festlegung auf eine Symbolstruktur gebunden und stillgelegt werden. Deshalb komme ich zurück auf die semiotische Sprache, auf die Sprache der Psora, die auf die Ungeschiedenheit der vorsprachlichen Intensitäten hinweist. Bildlich ausgedrückt, handelt es sich bei dem Symbolisierungsprozess um einen Kastrationsakt der vorsprachlichen Kräfte. Dem vielköpfigen Ungeheuer Psora werden mit dem Messer der Analyse, alle Köpfe bis auf einen einzigen abgeschnitten. Was übrig bleibt, ist das eine imaginäre Gesicht des Simillimums. Die Krankheit weckt die Erinnerung an das alte Ungeheuer, an seine vielen Gesichter. Die inkohärente Sprache der Symptome unterminiert und stört das Einheitsbild des Subjekts und verhindert sein reibungsloses Funktionieren in gesellschaftlich-symbolischen Zusammenhängen. Das Subjekt erkennt sich als ein Anderer, als nicht mit sich selbst identisch. Seine gesellschaftliche Rolle, seine Bedeutung und seine Funktion werden in Frage gestellt. Damit markiert die Krankheit immer einen Umstrukturierungsort von Bedeutungen, ein vitales Element, das aus dem Urzustand des Mütterlichen stammt. Ich möchte an dieser Stelle anmerken, dass Begriffe wie Urmutter, Mütterliches oder Väterliches keine Personenbeschreibungen sind. Es sind Strukturmomente der Sprache, die Kräfte im symbolischen System markieren. Im Krankheitszustand aber, der beide Geschlechter betrifft, sind die pulsierenden, vielfältigen Kräfte des Urmütterlichen vorherrschend. Sie treiben zu der Übertretung des ordnenden, väterlichen Gesetzes und unterminieren die alte Sinnstruktur des Subjekts. Die Entfaltung des semiotischen Sprachmaterials bewirkt eine Bewegung im erstarrten System und befördert das Subjekt in seinen Entwicklungsprozess. Wie kann man mit diesen Kräften produktiv umgehen, ohne sie in neuen Bedeutungen festzusetzen? Ich muss erneut betonen, dass der Stilllegungsprozess nie vollständig gelingen kann, er kann nur behindert werden. Die ursprünglichen Kräfte sind fortwährend wirksam und unterminieren als ständiger Gegenspieler die geordnete und fixierte Position des Subjekts. Das Subjekt ist nicht Herr in seinem Haus. Ich möchte eine Strategie des kreativen Umgangs mit diesen Kräften skizzieren. Allem voran betone ich die eigenständige Bedeutung des freien, ungebändigten Sprachflusses. Lässt man die Patienten frei ausreden, ihre Beschwerden möglichst facettenreich schildern, so bildet sich eine Art semiotischer Klangraum, in dem sich die bildhafte, pulsierende, rhythmische Sprache ohne Rücksicht auf den kommunikativen Sinn entfalten kann. Das Urmütterliche wird sprachlich imaginiert, es wird heraufbeschworen. Wir kennen solche Sprachproduktionen aus der Literatur. In Melvilles Moby Dick wird dieser Ursprungsort als Meer und als weißer Wal beschrieben. Das Meer gehört seit Homer zu den unerschöpflichsten Projektonsflächen, die Grenzenlosigkeit des Ozeans ist immer noch eine der machtvollsten Chiffren für das Dasein. "Warum," heißt es gleich zu Beginn von Moby Dick, "warum überlegte der arme Dichter aus Tennessee, als er unverhofft ein Paar Silberdollar in die Hand bekam, warum überlegte er, ob er sich den Rock, den er bitter nötig hatte, kaufen oder für sein Geld lieber an den Meeresstrand pilgern solle?" Weil, so Melville, Wasser und schöpferischer Geist auf ewig miteinander verbunden seien. Eine meiner Patientinnen hat für die Schilderungen ihres momentanen Zustands eine bildhafte Geschichte gewählt: " Es war einmal ein kleiner Mensch. Und wie bei allen kleinen Menschen waren auch hier Eltern und Lehrer und allerlei Umstände, die aus diesem kleinen Menschen ein "wertvolles Mitglied" der Gesellschaft machen wollten. Also hieß es lernen. Und lernen heißt geformt werden. Geformt nach wessen Vorstellung? Geformt nach wessen Bild? Geformt durch welche Umstände? Es kam der Tag, und dieser kleine Mensch wurde "in das Leben entlassen". Das heißt, er war plötzlich erwachsen. Wie auch immer: der kleine Mensch stellte fest, dass er groß sein musste und begann, nach dem Muster seiner "Lehre" zu funktionieren. So wurde aus diesem Menschen ein Rad, das sich bereitwillig in das Getriebe der Welt einbauen ließ. Dieses Rad hatte als Auftrag verstanden: du musst immer funktionieren, du musst immer Leistung bringen, du hast nicht die Berechtigung NEIN zu sagen, eigene Wünsche außerhalb des Funktionsprozesses sind nachrangig. Die Jahre ziehen ins Land. Das Rad läuft und läuft. Ganz allmählich stellen sich Reibungsverluste ein. Es gibt Funktionsstörungen. Aber das Rad nimmt seine Pflicht ernst und treibt sich weiter voran. Nach 29 Jahren ist das Rad jetzt blockiert! Es verweigert den Dienst, fragt sich aber immer wieder, ob es Recht hat, so gründlich auszufallen und sich damit dem Kreislauf der Funktion zu entziehen. Das Rad fängt an Träume zu haben: es möchte kein Rad mehr sein! Und so kommt es, dass das Rad jetzt manchmal im Traum an einem Bachlauf liegt. Und dann ist es plötzlich der Bach selber! Es ist noch ein kleiner Bach. Er hat noch keine Eile. Er spielt um Steine, streichelt am flachen Bachufer entlang, hebt auch mal ein Blatt auf einer Welle und wiegt einen kleinen Ast hin und her. Das Wasser ist durchsichtig und klar. Der Boden sandig und weich. Helle Kiesel liegen verstreut. Der Bach liegt an dieser Stelle überwiegend im Schatten. Bäume wachsen an seinem Ufer. Ab und zu fallen Lichtreflexe von der Sonne durch die Zweige. Sie tanzen wie kleine Sterne über das Wasser. Die Luft ist warm und weich. Es ist still. Nur ein leichter Wind raschelt in den Blättern, und Vögel singen... - Der Bach ist einfach da. " Interessant ist, dass die Patientin genau die beiden Positionen des Symbolischen schildert: Das Festlegende und das Flüssige. Ihre Behandlung steht noch am Anfang, die vitalen Kräfte werden deshalb noch als ein kleiner Bach beschrieben. Der freie, assoziative Redefluss, der sich zunächst keinen Reglementierungen zu unterwerfen braucht, der vom Zuhörer nicht eingeordnet und beurteilt, sondern nur in Empfang genommen wird, ist das Moment, das sich gegen die Sinnstiftung wehrt. Diese andersartige Rede reicht am tiefsten in den "materiellen Schmelztiegel" des Sinns hinab und berührt durch den Klang, den Rhythmus und den Fluss, durch eine rein kinetische Funktionalität, den vorsprachlichen Raum. Wir haben es mit dem Erweckungsversuch von Urkräften zu tun, einer neuen Formkraft, die das Festgefügte aufzulösen und neuzugestalten vermag. Schon der Klang und die Beweglichkeit der Psorasprache, die bloße Schilderung des kranken Zustandes, können die Triebkräfte des Urzustands aktivieren. Die Einschleusung dieser Sprachkräfte stört die Setzung des Sinns, die Ordnungsmuster werden verletzt und überschritten - ein Akt der Gesetzesübertretung. Es handelt sich zwar um Sprachoperationen, aber die Sprache ist mit der gesellschaftlichen Ordnung eng verflochten (s.o.). Die "urmütterlichen Kräfte" stören, formen und überschreiten festgefügte gesellschaftliche Zuordnungen, das ist ihr vitales, schöpferisches Moment. Der Bruch der gängigen gesellschaftlichen Spielregeln zeigt den Fluss der vitalen Kräfte, die meines Erachtens für den Heilprozess von wichtiger Bedeutung sind. Sie inszenieren neue Bedeutungszusammenhänge und neue Identifikationsmuster im sozialen Spielraum. Im Falle einer anderen Patientin bedeutete der Bruch mit dem medizinischen Gesetz, d.h. die Weigerung - trotz der schweren MS - , auf den Rat der Ärzte zu hören und auf eine Schwangerschaft zu verzichten, eine für sie neue Möglichkeit des Rollenspiels als Mutter. Um nochmals Missverständnissen vorzubeugen, es geht hier nicht um die Erzeugung der Mutterrolle durch die urmütterlichen Kräfte. Die Betonung liegt auf der subversiven, dynamischen Kraft der Übertretung eines Verbotes und die daraus resultierenden neuen Möglichkeiten zur Identifikation und damit zur Heilung im Prozess. Zusammenfassende SchlussfolgerungFür die homöopathische Praxis, die auf die Arzneimittelwahl zentriert ist, kann ich vorläufig folgende Schlüsse ziehen: Wir müssen bescheidener werden. Ob wir das richtige Arzneimittel gefunden haben, lässt sich nur retrospektiv, niemals prospektiv ermitteln, da das symbolische System der Sprache Vieldeutigkeiten und Unwägbarkeiten produziert und deshalb für eine klare Voraussage ungeeignet ist. Wird der Hauptschwerpunkt auf die Arzneimittelsuche verlegt, so befindet man sich im Bereich der Sinnerzeugungen und Festlegungen, die sich aus der eigenen Ausgrenzungsstrategie ergeben. Das Heterogene, dynamische und bewegliche Sprachmaterial bleibt ausgeklammert oder wird einer Sinnstruktur untergeordnet. Diese Bändigung auf das eine Simile kann immer nur einen provisorischen Charakter haben, die vitalen Kräfte des Urmütterlichen unterminieren fortlaufend die Sinnstruktur. Wird für die Dynamik der Psora kein ausreichender und adäquater Spielraum eröffnet, wird diesen Kräften nicht die nötige Aufmerksamkeit und der erforderliche Aktionsradius eingeräumt, so grenzt man genau die Kräfte aus, die für eine Heilung notwendig sind. Die Psora ist die Urmutter der Krankheit, aber in der beschriebenen Ungeschiedenheit der Triebstruktur ist sie gleichzeitig auch der Ursprung der Heilkraft. Die Psora spricht mit vielen Zungen, es kommt aber darauf an, den heilenden Sprachpuls zu erkennen und seiner vitalen Dynamik zum Ausdruck zu verhelfen. Literatur:Hahnemann, Samuel: Organon der Heilkunst, Leipzig 1921 Hahnemann, Samuel: Die chronischen Krankheiten, Heidelberg 1979 Kristeva, Julia: Die Revolution der poetischen Sprache, Paris 1974 Prechtl, Peter: Saussure zur Einführung, Hamburg 1994 Widmer, Peter: Subversion des Begehrens, Frankfurt 1990 Wittgenstein, Ludwig: Philosophische Untersuchungen, Frankfurt 1984 |
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19. Dezember 2005