|
Startseite » in.form.alia » 2000 - 2.Jhg. - Nr.1 » Christoph Weihe: Die Geburt des Körpers Christoph WeiheDie Geburt des KörpersVortrag, gehalten auf der Jahrestagung der Form. 1998 auf Norderney. |
Der ganze Artikel als PDF-Datei | |
|
Es bleibt zu untersuchen, welchen Körper die gegenwärtige Gesellschaft braucht... M. Foucault |
||
|
"Reykjavik, irgendwann in nicht allzuferner Zukunft". Mit einem fiktiven Ausblick beginnt ein Zeitungsbericht ( Kölner Stadtanzeiger am 5.11.1998 ), der die Hintergründe der genetischen Vermarktung der isländischen Bevölkerung durch eine von der Regierung autorisierte Gentechnologiefirma beleuchtet. "Als Thora Magnusdottir in die Klinik kommt, hat der Arzt für sie eine gute und eine schlechte Nachricht. Ja, lautet die gute, sie erwarte ein Kind, das sie sich sehnlichst wünscht. Doch ob sie es wirklich haben wolle, solle sie sich doch noch einmal überlegen. Denn eine andere Isländerin hat Multiple Sklerose entwickelt, und obwohl die beiden Frauen einander nicht kennen, sind ihre Genmassen, so lautet die schlechte Nachricht, doch so ähnlich, dass die Ärzte befürchten, dass auch sie Multiple Sklerose bekommt und weitervererben wird." Dass sich aus dieser Diagnose erhebliche Folgen für die junge Frau ableiten, Folgen, die über das rein medizinische Problem ("Werde ich wirklich Multiple-Sklerose-krank?") hinausgehen, liegt auf der Hand. Wird sie jemals noch einmal einen Arbeitsvertrag kriegen? Wie reagieren ihre Gesundheits- oder Lebensversicherungen? Wird der Vater ihres zukünftigen Kindes sich weiter an sie, einen potentiellen Pflegefall, binden wollen und was wird gesundheitlich aus ihrem Kind? - um nur einige Fragen zu nennen. Decode Genetics, eine isländische Firma für Gentechnologie, hat sich mit erheblicher finanzieller Unterstützung durch den Schweizer Hoffmann-La-Roche-Pharmakonzern zur Aufgabe gemacht, die gesamte isländische Bevölkerung in einer Gendatenbank lückenlos zu erfassen. Island eignet sich darum so gut für dieses Vorhaben, weil die Bevölkerung aufgrund des Inselstatus isoliert, d.h. genetisch recht homogen ist, andererseits auch seit mehr als hundert Jahren krankenstatistisch durch ein zentrales Gesundheitssystem erfasst wird. Allzudeutlich wird hierbei, wie Wissenssysteme, die auf den ersten Blick aussehen wie menschenfreundliche Maßnahmen zur Verbesserung des öffentlichen Gesundheitsstatus, immer auch schon maliziöse Machtapparate sind. Sie folgen Machtstrategien, die auf die Besetzung und die Vereinnahmung der Körper zielen. Denn wie soll die genannte werdende Mutter auf sich und ihren Körper schauen? Was für ein Körperbild von sich und dem intrauterinen Fötus wird der Schwangeren vom Arzt angeboten? Barbara Duden hat dem Thema der schwangeren Frau eine medizinhistorische Arbeit gewidmet mit dem bezeichnenden Titel "Der Frauenleib als öffentlicher Ort". Worum geht es hierbei? "Ich will die Bedingungen untersuchen, unter denen im Laufe einer Generation neue Techniken und Sprechweisen das Verständnis und das Erleben von Schwangerschaft umgestülpt haben. Denn in wenigen Jahren wurde aus dem Kind ein Fötus, aus der schwangeren Frau ein uterines Versorgungssystem, aus dem Ungeborenen ein Leben und aus dem "Leben" ein säkularkatholischer Wert. Die Möglichkeit der Verwandlung des Schoßes der Frauen zum "Lebensraum", des Kindes unter dem Herzen zum bedrohten Immunsystem ist für mich eine geschichtstheoretische Frage." Die so gestellte Frage heißt mithin: "Wie lassen sich die Selbstverständlichkeiten unserer Zeit aus einer historischen Perspektive revidieren?". Es geht also um die Kulturgeschichte unseres Körpers, eine Maßnahme also, die die Willkür unserer scheinbar "natürlichen" Körperwahrnehmung als etwas künstlich Hergestelltes relativiert . M. Foucault begründet einmal sein Programm der Ethnologie der eigenen Kultur mit dem Umstand, dass es Momente im Leben gebe, in denen es einem unbedingt notwendig werde zu wissen, ob man auch anders denken könne, als man denkt, ja, ob man auch anders wahrnehmen könne, als man sieht, weil man ohne diese Distanz überhaupt nicht weiter sehen und nachdenken könnte. Ohne diese Neugierde sei Forschung nichts als Legitimation für das, was man schon weiß. Nur so könne man es wagen herauszufinden, bis wohin es möglich gewesen wäre, anders zu denken und wahrzunehmen. Das Körperbild, das wir für selbstverständlich und für universell erachten, resultiert in Wahrheit aus einem Wandel der Wissensfelder, der Sprache und Sprechweisen im Reich der Medizin im 18. und 19.Jahrhundert. Innerhalb dieser historischen Spanne kam es zu einem regelrechten Bruch der Körperwahrnehmung, zu einem Sprung, der ein Zeitalter des medizinischen Wissens in ein anderes überführte. Die Klinik des 19.Jahrhunderts ist der Geburtsort eines neuen Körpers. Vollziehen wir noch einmal experimentell und retrograd diesen Bruch, versuchen wir das Unmögliche, indem wir eine verlorene Weise der Selbstwahrnehmung aus dieser Vergangenheit wiedererwecken. Vergleichen wir das überlieferte Körperbild einer Schwangeren aus dem 18.Jahrhundert mit dem eingangs erwähnten Bild der schwangeren Isländerin an der Schwelle zum gentechnologischen 21.Jahrhundert. Aus einem sephardischen Genesiskommentar ( Aus dem Bereshit-Kommentar der sephardischen Enzyklopädie Ne´am Lo´ez, Istanbul 1730; zitiert nach: Duden, Der Frauenleib ... ) entnehmen wir also folgendes: "Ihr sollt wissen, dass das Aufzubringende im Bauch seiner Mutter drin wie ein gekrümmtes Reis, andere sagen, dass es in einem bisschen Wasser schwimmt. Seine beiden Händchen hält es über seine Brust und die beiden Arme stützt es auf die Knie, und es hält seine Fersen unter seinem Popo. Und sein Kopf ist auf die Knie gestützt, und sein Mund ist geschlossen, der Nabel aber offen. Denn dort isst es ja das, was seine Mutter trinkt. Und es kackt nicht, denn sonst würde es seine Mutter umbringen. Und wenn es geboren wird, was da geschieht, ist, dass das Geschlossene sich öffnet und das Geöffnete sich schließt, und wenn das nicht geschehen würde, könnte es nicht eine Stunde leben... Und ein Kerzlein brennt nah an seinem Kopf und es sieht von einem Ende der Welt zum anderen, solange es noch im Bauch der Mutter ist und sein ganzes Leben lang kennt die Kreatur keine besseren Tage." Was trennt nun diese beiden Beschreibungen von Schwangerschaft? Der Körper der Frau und Schwangeren im sephardischen Text wurde in der Moderne buchstäblich zu einem anderen, einem neuen Körper transformiert. Die Sprache des Klinikarztes und Gentechnologen lässt den Körper nun radikal anders aussehen. Die Bilder, auf die dabei ausgegriffen wird, verdanken sich einerseits der Verinnerlichung von wissenschaftlichen Begriffen und medizinischen Diagnosen, also objektiv (wissenschaftlich) erscheinenden Begriffsapparaten, die sich tatsächlich jedoch konstruierten Werteskalen unterwerfen, z.B. der alles bestimmenden Vorentscheidung im Bezugsraster der Werte "normal" und "pathologisch". Andererseits steckt das Selbstbild des modernen Körpers voller technogener Bilder. So wird aus dem winzigen Hocker im Bauch der Frau ein Fötus; aus dem Ideogramm wird ein Diagramm oder eben ein intrauterines Sonogramm, und aus der Frauenahnung wird eine medizinische Diagnose mit der Notwendigkeit der Risikoanalyse. Die bildreiche Sprache der Vormoderne ist hierbei nicht illustrativ zu verstehen. Sondern es soll eine Schau in ein sonst unsichtbares Geheimnis unterstützt werden. Etwas, was im Inneren verborgen ist, "was geschlossen ist", wird illuminiert, als Geheimnis gedeutet, nicht ans Licht gezerrt und wie ein Beweismittel vorgeführt. Man vergegenwärtige sich demgegenüber die heutige Praxis der investigativen Indizienermittlung im Rahmen der vorgeburtlichen Schwangerschaftskontrollen, der Sonographie, dem bildgebenden Risikoscreening in der Schwangerschaft mit abschließendem Schnappschuss durch den Farbdrucker. Der scharfe Zeichenstift der anatomischen Studien eines Leonardo da Vinci, die massenhaft verbreiteten graphischen Techniken des 17. und 18.Jahrhunderts, das gewandelte Medizinsystem des 19.Jahrhunderts lassen einen durchsichtigen Körper entstehen, der uns wie eine objektive, allgemeinverbindliche Tatsache erscheint. Das neue KörperbildDas 18. und das 19.Jahrhundert scheinen gekennzeichnet zu sein von einem einschneidenden sozialkulturellem Wandel. Ein neuer "Diskurs", eine neue Sprache des Wissens bildet sich heraus. Ein neues Konzept von Körper wird geboren. Ein wesentliches strategisches Moment in der Ausformung des neuen Körperbildes bildet das Aufkommen eines neuen Verständnisses von Geschlechtsidentität. Ein betont zweiwertiges Modell von Geschlechtlichkeit entsteht. Kann man grob sagen, dass das ältere Körperkonzept vor dem 18.Jahrhundert Frauen als "verwackelte", als geringere Version von Männern entlang einer Achse unendlicher gradueller Unterschiede sieht, bildet sich nun ein Konzept, das Männer und Frauen scharf trennt. Das Ergebnis ist das uns heute selbstverständlich erscheinende Konzept von definiter geschlechtlicher Identität, der klaren Unterscheidung von Mann und Frau in zwei oppositionelle Werte. Lebt die Wissenssprache der Vorneuzeit noch vom Ordnungssystem der bildhaften Vergleiche und der Analogien, so sucht die Moderne nach differenzierbaren Identitäten ( vgl. Laqueur, Auf den Leib .... ). Eine häufig anzutreffende Naivität beachtet nicht die Kulturspezifität von Konzepten der Geschlechtsidentität, wenn z.B. leichtfertig von "männlichem" und "weiblichem" Prinzip wie von universellen und naturgegebenen Werten gesprochen wird. Noch unübersichtlicher werden dann Aussagen, bei denen unkritisch eurozentristische Werteskalen als Übersetzungshilfen für Begriffe aus fremden Kulturen benutzt werden. Man denke an die Analogisierung von "Yin" und "Yang" mit dem genannten "männlichen" und "weiblichen" Prinzip, hier wird Verführung durch die Vieldeutigkeit der Sprache endgültig heillos. Die universelle Anwendung von begrifflichem Großwild wie "Leben", "Tod" aber eben auch von "Mann" und "Frau" oder "Körper" ist Ausdruck und Konstrukt einer spezifischen kulturgeschichtlichen Situation. Das Wort, welches diese Verkennung bezeichnet ist der schon erwähnte Eurozentrismus. Und dessen Körpermuster lebt von dem binären Konzept der Trennung in Mann oder Frau. Für dieses Muster gilt darum, das es für etwas Universalität beansprucht ("Typisch männliches Verhalten! Frauen in den Wechseljahren!"), was in Wirklichkeit nur kulturelle Besonderheiten sind. Dabei begründet der Körper scheinbar den ins Auge springenden Unterschied zwischen Mann und Frau. Der "biologische Körper" verbürgt, so wird glauben gemacht, als Kronzeuge das soziale Geschlecht. Hierbei werden jedoch nur historische Körperbilder, die Körperbilder der Jetzt-Zeit, naturalisiert, d.h. diese Bilder verdanken sich wie selbstverständlich einer scheinbar begründenden biologischen Natur. Man kann regelrecht von einer Rethorik, von einer Strategie der Überredung sprechen. Die Folie dieser Körperwahrnehmung bildet im Grunde ein inquisitorischer Akt: Es gilt dem Körper eine Wahrheit abzupressen. Das Konzept der medizinisierten Moderne sucht die "Wahrheit" einer Person in der Natur seiner Biologie, im engeren Sinne in der Natur seiner Sexualität. Dass die Moderne den wahren Kern der Person in den Zeichen ihren verborgenen Körperpraktiken sieht und dabei v.a. die sexuellen Praktiken und Vorlieben aufs Korn nimmt, davon zeugt beispielsweise das enorme Interesse der Öffentlichkeit und des Sonderermittlers Ken Starr am sogenannten Clinton-Lewinsky-Skandal. Ein eher allgemein-kriminologisches Beispiel für den investigativen Hang der Moderne, die Zeichensprache der geheimen Körperwahrheiten aufzudecken, ist die staatliche Initiative, mithilfe des "genetischen Fingerabdruckes" - einer verborgenen, fälschungssicheren Körperidentität - den Verfolgungsbehörden Zugriff auf Täterschaft und Delinquenz zu gewähren. Auch hier spielen zunächst rein medizinische Diagnosesysteme eine wesentliche Rolle im Konzert einer großen Kontroll- und Disziplinarmaschine. Gerade die Verbindung von Bevölkerungsstatistik, familiärer Genealogie und Krankenregister schafft die Voraussetzungen für die Steuerung und Reglementierung durch einen Wissensmachtapparat, der sich wie von ungefähr aus dem eingangs erwähnten isländischen Medizinprojekt ergibt. Der wahre Körper soll dabei schonungslos ans Licht gezerrt werden, so scheint das definite Ziel der Molekularbiologie. M. Foucault beschreibt den Wandel des Körperkonzeptes im 19.Jahrhundert hin zum Körper als Einschreibungsort des wahren Geschlechts als Ausdruck des wahren Wesens der Person ( Foucault, Über Hermaphrodismus .... ). Der Hermaphrodit Barbin wird durch den inquisitorischen Untersuchungsvorgang des Arztes zum "Pseudo-Hermaphroditen". Die 19.-Jahrhundert-Medizin entziffert das wahre Geschlecht, das hinter zweideutigen Zeichen bloß verborgen ist. Die Geschlechtsidentität wird zum tiefsten, dem Individuum notfalls abzuringenden wahren Wesenskern der Person. Barbin, der Hermaphrodit, muss einem einzigen, klaren Geschlecht zugesprochen werden. Der Arzt tut es, und Barbin begeht kurz darauf Selbstmord. Der suizidale Akt, so scheint es, ist der letzte Weg für ihn, dem totalitären Ordnungsraster der Moderne zu entkommen. Körper und GeschlechtHalten wir fest: Das 19.Jahrhundert hat eine Körperordnung etabliert, die auf einer Trennung beruht. Es handelt sich um eine biologisch gesetzte und begründete Trennung zwischen Mann und Frau. Diese Ordnung ist vordergründig "natürlich". Das entscheidende Argument der Geschlechtertrennung in zwei Geschlechtsidentitäten beruht eben auf einem biologischen Argument. Dabei wird die gesellschaftliche Geschlechterrolle (Gender) mit dem biologischen Geschlecht (Sex) kurzgeschlossen. Dieser Kurzschluss ist paradigmatisch und hat Folgen für unser gesamtes Körperbild. Es wird nämlich das Geschlecht im Sinne des biologischen Sex für dasjenige gehalten, auf das sich Gender bezieht. Zeichentheoretisch: Gender als Bezeichnendes referiert auf Sex als Bezeichnetes. Gender ist, so scheint es, Abbild des Sex. Praktisch heißt das, dass soziales Verhalten sich auf das als natürlich aufgefasste biologische Substrat (Sex) bezieht. Die Körperbilder, die im 19. Jahrhundert entstehen und unsere Auffassungen bis heute leiten, unterstehen somit einer biologistischen Naturalisierung. MetalepsisNicht nur die Geschlechterdifferenzierung in männlich oder weiblich ist - statt dass sie ihr biologisches Substrat im Körper hat - in Wahrheit Ergebnis einer Interpretation, sondern der Körper insgesamt. Eher noch als die Biologie sind die Zeichen der Stoff, aus dem Körper gemacht sind. Körper sind symbolisch vermittelte soziale Schemata, die sich einen Anschein von Natur geben. Die Eindeutigkeit unseres natürlichen Körpers ist Effekt einer sprachlichen Figuration, die auf die Konstruktion von Identitäten abzielt. Der allwissende diagnostische Blick dringt auf der Suche nach diesen Identitäten in die tiefsten Geheimnisse des Körpers ein. Und zum jetzigen Zeitpunkt gilt als letzte Wahrheit das humane Genomprojekt, das Wissenschaftsprojekt des neuen Jahrtausends. Männliche wie weibliche Körper sind jedoch nicht Ausdruck einer zugrundeliegenden Natur, sondern ein rethorischer Effekt, eine Sprech- und Wahrnehmungsweise, eine sprachliche Figuration. Der Literaturwissenschaftler Paul de Man hat für diesen Vorgang das Wort Metalepsis ins Spiel gebracht ( Paul de Man, Allegorien .... ). Die Metalepsis produziert als rhetorischer Effekt eine vorausliegende Sache, als deren Wirkung sie sich darstellt. Eine Sache wird so zurechtgelegt, als wäre sie Ergebnis einer sie begründenden Sache, die "begründende" Sache entsteht aber erst durch ihr Resultat. Im Grunde hat man es mit einer Umkehr in der Logik der linearen Zeit zu tun: Das Resultat bringt seine Ursache hervor. Metaleptisch produziert "Gender" das Geschlecht "Sex", als dessen Konsequenz es auftritt. Dies auf unser Körperkonzept angewandt, heißt: Unser Körperbild, wie es z.B. in einem intrauterinen Sonographiebild eines Fötus zur scheinbar treu abbildenden Tatsache wird, produziert überhaupt erst den biologischen Untersuchungsgegenstand, den Fötus, als dessen Resultat es dann auftritt. Die überrumpelnde Überzeugungskraft aller bildgebenden Verfahren in der Medizin verdanken sich auch dem Effekt der Metalepsis. Ein Bild ist weniger das Abbild eines diesem Bild vorhergehenden Körpers, sondern der biologische Körper entsteht erst als Effekt einer bestimmten Bildsprache. Medizinische Befunde sind nicht Ergebnisse eines sie begründenden Körpers, über den sie dann Interpretationen zulassen. Diese Befunde erfinden stattdessen erst diesen Körper. Der Körper als Schnittstelle Natur und KulturVergegenwärtigen wir uns einmal eine spezifische kulturelle Tatsache des christlich-jüdischen Abendlandes. Wie konnte ein gekreuzigter und gemarterter Leib zu einem zentralen Phantasma unserer Kultur werden? Der Körper erscheint hierbei als die Schnittstelle zwischen zwei Welten. Die Welt der Akkulturation, der Zivilisation, der Technik und deren Sprache kreuzt die Welt des Realen, sagen wir des Biologisch-Natürlichen. Indem der Körper in eine Sprache der Kultur übersetzt wird, die ihn so oder so aussehen lässt, bringt sie ihn gleichzeitig in diesem Ersetzungsverhältnis zum Verschwinden. Die Zeichen und die Repräsentation verdrängen das Repräsentierte. Das Repräsentierte ist immer auch etwas Ausgelöschtes, es geht auf im Rauch der Zeichen. Die Sprache der Akkulturation des Körpers ersetzt also den Körper, jedoch ohne jemals gänzlich darin erfolgreich zu sein. Der reale Körper, indem er sprachlich repräsentiert wird, widersetzt sich einer endgültigen Versprachlichung. Der kulturelle Tilgungsversuch scheitert zuletzt immer wieder. Der reale Körper geht nie ganz im Repräsentierten auf, es bleibt immer ein widerständiger Rest, der sich nicht verdrängen und auflösen lässt. Kurz: der Körper gehört einerseits ins Reich der Sprache des Abwesenden, andererseits als realer Körper in die Sprache der Anwesenheit. Der nicht im Stoff der Zeichen aufhebbare Überschuss des Körpers tritt immer dann besonders in den Vordergrund, wenn die Grenze des Sagbaren und Darstellbaren überschritten ist. In Krisen, während derer die Kultur oder das Individuum auf seine nackte Materialität zurückgeworfen werden, in Momenten des traumatischen Schmerzes, in der Ekstase, in der Konfrontation mit Genuss und Rausch, mit Geburt, Krankheit und Tod. Der gemarterte Körper, der Körper des Genusses und der Ekstase, der Körper des Schreckens spricht die Sprache der Anwesenheit. Darum ist alles Sprechen des Körpers ein Sprechen zu einem neuralgischen Referenzpunkt, dem sich die jeweilige Kultur verdankt. Darum ist der Körper das privilegierte Medium des Realen und seiner sozialen Auslegung, das privilegierte Moment der sozialen Kontrolle und der Macht. Der Nabel des Neugeborenen als Markierung der Abtrennung vom mütterlichen Körper zeigt als konkrete Körperzeichnung, dass das Neugeborene nur als einzelnes, autonomes Individuum zur Welt kommt, indem es sich immer schon dem Ganzen der Kultur beugt, sich ihm unterwirft, d.h. diese Kultur am eigenen Leib annimmt. Der Körper dient als Einschreibefläche des kulturellen Abrichtungsvorganges. Aber im selben Moment auch als Widerstandsnest, als nie ganz zu bändigender realer Rest. Gerade Jugendbewegungen leben immer wieder von der Rebellion gegen die Determinierung des Körpers durch die Erziehungsapparate, suchen stattdessen nach neuen Wegen und Codierungen der Körperzeichnung. Damit ist der Körper im ganz wörtlichen Sinne der Kriegsschauplatz für die Aushandlung und den Fortbestand kultureller Vorschriften und Verbote (wie auch deren Überschreitung) und ist der exponierte Ort, an dem die Kultur ihr Selbstbild vorlegt. Körper werden im Verlauf von Initiationsriten gekennzeichnet, um die Zugehörigkeit eines Individuums zur Gemeinschaft leiblich einzuschreiben. Folter und Hinrichtungen bleiben z.T. bis heute öffentliche Ereignisse, um über den Körper des Betroffenen die Gesetze und Regeln zu bestätigen. Als Schnittstelle zwischen Physis und Imago dient der Körper immer wieder dazu, herauszufordern und festzulegen, was natürlich und was künstlich, was schön und was hässlich ist, was männlich und was weiblich ist, was lebendig und was tot ist. In seinen Arbeiten zu den erkenntnis- und wissensorientierten Sprechweisen in der Medizin hat M. Foucault nachgespürt, wie Redeweisen und Diskurse vor allem dem Körper eingeschrieben werden, damit sie dann als Wahrheit etabliert sind. Die Disziplinierung des Körpers (z.B. Einübung stereotyper Bewegungsabläufe durch wiederholte Exerzitien in Militär und Schule) folgt der Strategie, Machtstrukturen in den kleinsten Winkel der gesellschaftlichen Abläufe zu etablieren. Praktiken der Bestrafung, das Annageln oder Ab- schneiden der Zunge beim Lügner und Verleumder, das Abhacken der Hand beim Dieb, dienten in der Vormoderne mehr der Disziplinierung der Gesellschaft als Ganzes und weniger der Abrichtung des jeweiligen Bestraften. Die moderne Strafpraxis hingegen dient als Disziplinarsystem eher der Dressur und Resozialisation des einzelnen Delinquenten. Sie vermeidet das Wort Strafe zugunsten pädagogisch-psychologisch motivierter Umerziehungskonzepte. Die für die Moderne grundlegende Unterscheidung von "normal" und "abweichend", wird nicht zufällig zum entscheidenden Differenzierungskriterium in der Medizin. Die Medizin übernimmt hier eine Vorreiterrolle, sie formiert eine bestimmte Diskursform. Denn diese Trennung wird zuerst am medizinischen Gegenstand, am Körper vorgenommen. Nicht zulässige sexuelle Praktiken werden als "pervers" eingestuft, unkonventionelle Verstandes- und Wahrnehmungsfunktionen gelten als "wahnsinnig", Systemfeindlichkeit als "kriminell", fremde Ethnien als "degenerierte Rassen". Was im 19.Jahrhundert als selbstbestimmter, rationaler Bürger, als selbstverantwortliches Subjekt im Zeitalter der Aufklärung entsteht, lebt nur durch die Abspaltung von Abweichungen vom "Normalen". Die Norm entsteht durch den Ausschluss oppositioneller Werte: Der Ausschluss des Wahnsinns (und seine Kasernierung in Spitälern) konstituiert die Vernunft, der Mensch/Mann entsteht durch Abgrenzung des Sonderfalls Frau, die Homosexualität bringt die ausschließlich tolerable Heterosexualität hervor. Immer erst erzeugt die Marginalisierung und der Ausschluss den positiven Wert. Unsere Körper verdanken sich v.a. den diszplinierenden Regimes, die das Wissensmachtsystem Medizin hervorgebracht hat. Diese Körper sind aber deshalb auch ein umkämpfter Ort. Jede kulturelle Codierung lebt in dem Streit von Affirmation und Überschreitung. Die gewandelte gesellschaftliche Anerkennung von Bodybuilding ist ein Beispiel dafür. Die Verachtung gegenüber der Fetischisierung der physischen Materialität des Körpers durch diesen Sport ist inzwischen einer allgemeinen Akzeptanz gewichen. Aber wird hier nicht wieder eine neue Runde im Kampf um den Körper eingeläutet, erleben wir nicht nur die kurze und trügerische Zwischenphase einer Beruhigung, indem der Versuch, dem Körper Vergänglichkeit und Wandelbarkeit auszutreiben, doch wieder nur einen unbeherrschbaren Rest wachruft, und dabei am Ende das gefährliche Andere des Körpers wieder aus seinem Schlummer geweckt wird? Literatur:
|
Webmaster
Copyright © 2002-2005 [form e.V.]
19. Dezember 2005