Materialien zum Homöopathischen Diskurs
Materialien zum Homöopathischen Diskurs 

Homöopathie

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Christian Gallasch

Sprache, Psychose, Homöopathie -
der verrückte Diskurs über das Sprechen 
Eine einführende Stadtrundfahrt mit Jaques Lacan1 

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Geben Sie nicht Ihrer ersten Regung nach - es könnte die richtige sein!

Es war ein Abenteuer, über eine solche Thematik in 90 Minuten zu referieren, noch waghalsiger erscheint der Versuch, auf wenige Seiten zu kondensieren, was wir "unerwartete Nachwehe eines jahrzehntelangen Diskurses" nennen könnten. Ich habe mich entschieden, dem Leserin die ganze lausige Poesie zuzumuten, ohne die eine sprachanalytische Betrachtung dieser Fragen nicht auskommt. Das Nicht-Verstehen ist Teil des Ansinnens. Der Leserin lasse sich von diesem Text ähnlich risikobereit anmuten wie von einem Ernst-Jandl-Gedicht.

Die Grundlage des menschlichen Diskurses ist das Missverständnis.

"Es gibt immer Dinge, die nicht klappen. (..) Selbst wenn man etwas macht, das gelingt, ist das justament nicht das, was man wollte. Es gibt nichts Enttäuschteres als einen Herrn, der angeblich am Gipfel seiner Wünsche angelangt ist - es genügt, drei Minuten mit ihm zu sprechen, aufrichtig, wie vielleicht nur das Artefakt der psychoanalytischen Couch es erlaubt, um zu wissen, daß letzten Endes dieses Dingsda das Dings ist, auf das er pfeift, und daß allerhand Sachen ihm speziell auf den Wecker fallen."  2

Unsere Abwehr besteht darin, uns nicht der Stelle zu nähern, wo es keine Antwort auf unsere Fragen gibt.

Jaques Lacan war Analytiker und Glatteis-Magier.
Es geht um die Kritik der (unverändert) herrschenden Psychiatrie und Psychoanalyse, vordergründig. Darüberhinaus um die Annäherung an das Phänomen "Psychose". Und des weiteren um sehr viel mehr, unter anderem um die Homöopathie.

Beginnen wir mit einer Feststellung: Bis heute ist die Kernillusion der überwiegenden Mehrzahl der Psychiater, Psychoanalytiker und Homöopathen, es gehe darum, "den Kranken zu verstehen".
Das Verstehen ("der verständliche Zusammenhang", K.Jaspers) im gewohnten Sinn ist unbestreitbar eine haltlose Illusion: Das Verstehbare ist ein fliehender, unfassbarer Ausdruck.

Aus dem ganzen Arsenal psychotischen Wahnsinns wählen wir das Thema "Paranoia".
Die klassische Definition lautet sinngemäß: 

Eine aus inneren Ursachen erfolgende, schleichende Entwicklung eines andauernden, unerschütterlichen Wahnsystems, das mit vollkommener Erhaltung der Klarheit und Ordnung in Denken, Wollen und Handeln einhergeht.3  

Nichts daran ist wahr. Es gibt keinen offenkundigeren Diskurs der Verrücktheit als den der Psychiater. 

Die subjektive Bedeutung der Paranoia wird vom Subjekt verstanden, d.h. auf der Ebene des Verstehens situiert. Gleichwohl erscheinen die Wahnsysteme für uns unverständlich. Das ist das Problem. Wir werden in die Ebene des Verstehens hineingezogen und geraten unversehens in die Illusion, verstehen zu können. Dabei geschieht nichts anderes, als wenn man in einen Supermarkt geht, in der Erwartung, etwas kaufen zu können, aber die Waren kleben in den Regalen fest. Die Frage "Was wollte der Dichter (Patient) uns damit sagen?" ist von vornherein ebenso verkehrt wie jeglicher Versuch einer Antwort.
Der Psychotiker verwendet spezifische Neologismen (zB: "Gebenichts", "Kopfnagel", "Seelenpflock"): Die Bedeutung dieser Worte verweist grundsätzlich nur auf sich selbst, ist mithin irreduzibel - sie verweist auf die Bedeutung als solche bzw. auf die Struktur des Bedeutens. Der "normale" Diskurs hingegen ist voller Bedeutungen, die auf andere Bedeutungen verweisen. Am Verhältnis des psychotischen Diskurses zum normalen erkennen wir das Wahnhafte.

Es gilt, aus dem Teufelskreis traditioneller Erklärungsmythen des Wahnsinns herauszukommen. Alte Begriffe wie "organogenetisch", "psychogenetisch" usw. unterstellen stets einen archimedischen, d.h. privilegierten Punkt, von dem aus eine subjektive Endoskopie möglich wäre. Das hat zu nichts geführt. So könnten wir versuchen, stattdessen auf der Ebene der zugänglichen Phänomene zu fahnden, hier der Ebene der Sprache / des Sprechens.

Die Struktur des Sprechens lässt sich so benennen:
"Das Subjekt 4 erhält seine Botschaft vom Anderen in umgekehrter Form":
z.B.

 Sc---------------------¢---------------------cA
a                                                      e
h ----------------------™------------------------f 


Es sei erinnert an die Geschichte von dem griechischen Boten, dem eine Botschaft unter die Stirnlocke geschrieben wurde: Der Träger der Botschaft vermag selber die Botschaft nicht zu lesen, er ist angewiesen (˜ sub-iectum) auf die anderen, die sich ihrerseits mit ihren Fragen an ihn wenden.  5

Beispiel: "Du bist mein Weib".
Die Einheit des Sprechens stiftet die Stellung der Subjekte, stiftet Fides - Zutrauen/Vertrauen.  6
Sprechen ist immer auch Zeugnis geben . 7
Das Gegenbild zur Fides ist die Täuschung.
Beispiel: "Ich fahre nach Krakau"
"Warum sagst du mir das? Du willst mich nur glauben machen, daß du woandershin fährst".
M.a.W.: das Sprechen des Subjekts steht immer in einer grundlegenden Beziehung zu möglicher Täuschung. Ob wir uns jeweils in Fides oder Täuschung befinden, wissen wir nie mit letzter Gewißheit:
"Du bist meine Frau!" - "Bist du sicher ?"
In der Einheit des Sprechens ist der Andere anerkannt, nicht gekannt, er ist der absolut Andere (mit großem A). Sprechen geschieht nicht nur zum Anderen, sondern auch vom Anderen, d.h. im Sprechen ereignet sich stets Einheit oder Diskordanz, Sprechen ist Pakt / Einverständnis (˜ Überwindung der ursprünglichen Rivalität).

Erste Ich-Synthese entsteht als "alter ego", aus dem Begehren nach dem Objekt des Begehrens des anderen: Die Mutter begehrt den Vater, das Kind begehrt das Begehrensobjekt der Mutter (den Vater). Was da spielt, nennen wir gern "Identifikation".
Die gleiche Struktur erkennen wir im Herr-Knecht-Verhältnis:
Der Knecht begehrt das Begehrensobjekt (den Besitz) des Herrn - nur so ist diese Konstellation entstehbar: Ohne Knecht kein Herr.

Über scheinbar Konfuses 
kann man nur scheinbar konfus reden.

Sigmund Freud unterscheidet die Neurose von der Psychose etwa so:
Neurose: Ein konflikthafter Teil der Realität wird elidiert (ins Exil des Unbewußten verstoßen) und/oder skotomisiert (teilverdunkelt), taucht aber (unversehens, hinterrücks, ungerufen) andernorts symbolisch wieder auf.

Psychose: In die Realität wird ein Loch gestanzt und mit eigenen Phantas- men wieder aufgefüllt.
Der an dieser Stelle irritierende Begriff "Realität" tanzt auf die Musik von Lacans Dreiklang "symbolisch - imaginär - real" und ruft nach Erläuterung. Ei-ne definitorische Kurzfassung kommt einer Kastration des Gedankenkörpers gleich, allein uns bleibt an dieser Stelle nichts anderes, als das Messer zu wetzen, wie der Provinzveterinär in Francesco Rosi´s "Christus kam nur bis Eboli" beim jährlichen Ferkel-Entmannungsritual . 8

Einkehr:
Für Lacan ist das Ich der Sitz der Täuschung; dieses Subjekt der (bewußten) Imagination nennt er "le moi" (das Ich, am ehesten vielleicht: "Ego" 9 ). Im Gegensatz dazu nennt er das Subjekt des (unbewußt) Symbolischen "le je" (das Ich, am ehesten vielleicht: "Selbst"). Bereits in der frühen Ich-Bildung, dem "Spiegelstadium" (Lacan) ist der Mensch dem Imaginären, Vermeintlichen ausgesetzt, wenn er sich, bzw. sein Ebenbild ein erstes Mal im Spiegel sieht. Die allmähliche synthetische Integration des "Ich" vor dem Spiegel und jenes "Ich" im Spiegel bedarf eines Dritten, eines echten Anderen also (zB. der Mutter), um dann jene lebenslange Geschichte des Ringens um Identität in Gang zu setzen. 10 In dieser Geschichte sind wir dem Symbolischen unterworfen (Sub-jekt des Unbewußten), welches einzig Wahrheit hervorbringen kann, über das wir aber nicht frank und frei verfügen. So klammern wir uns ersatzweise (˜ "sykotisch") an das - verfügbare - Imaginäre, um das existenzielle Erleben des Mangels zu kompensieren.
Das Reale (das bei Lacan bis zuletzt unbestimmt bleibt 11 ) bricht schließlich von außen herein: Es ist negativ bestimmt, d.h. es gehört weder dem symbolischen noch dem imaginären Register unmittelbar an, wenngleich es sich - in gelingenden Existenzmomenten - mit dem Signifikanten vermählen kann, nahezu ununterscheidbar, eine Blume im Wind, komm Du ......

Weiter:
Was aus dem Symbolischen verstoßen (verworfen) wird,
taucht im Realen wieder auf. 12  

Heißt also: Im Erleben von außen her. Das ist Psychose. Der Neurotiker verheimlicht - der Psychotiker spricht (fast) alles aus.


Im Kaffeesatz lesen ist etwas anderes,
als in den Hieroglyphen lesen.

An dieser Stelle ein miniaturisierter Rückgriff auf Lacans linguistische Wiege, Ferdinand de Saussure 13 . Seine kopernikanische Wende in den Sprachwissenschaften, die als Urknall die komplexe Strömung des Strukturalismus in den 50er und 60er Jahren gebar, fokussiert sich im wesentlichen auf die Einführung des Begriffspaars Signifikant - Signifikat. 
Dabei ging es ihm nicht primär um den Bezug der Sprache zum Referenten (dem gemeinten Gegenstand), sondern um die Struktur (sic!) der Beziehung von Wort und Bedeutung: Als Signifikant (Bezeichnendes, eigentlich "Zeichenmachendes") bezeichnet er das Material der Sprache, die Buchstaben- und Lautfolge, das Signifikat (Bezeichnetes) hingegen ist die Bedeutung (die wiederum stets und zwingend auf eine andere Bedeutung verweist). 14  
Beide beziehen sich gemeinsam auf die gemeinte Sache.
M.a.W: Das Wort ist nie der Zeigefinger auf Objekte der Realität: Das gesamte Netz, die gesamte Struktur der Sprache bedecken die ganze Realität.
Im oben skizzierten Sinn gilt dann: Der Signifikant gehört der symbolischen, das Signifikat der imaginären Ordnung an.

Beispiel für ein in diesem Sinne mustergültiges Mißverständnis von Sprache und Sprechen ist das Esperanto. Diese Kunstsprache leitet mit vorbildlicher Ignoranz jede Wörtergruppe stringent aus einem Grundwort ab, und dies ausschließlich nach seiner (imaginären) Bedeutung. 
So entsteht auf diese Weise etwa folgende Wörterkette 15 :
Grundwort: RIND
Abgeleitete Wörter: VIEH / KUH / FÄRSE / KALB / STIER / BULLE / OCHSE / usw. (im Esperanto klingen diese Wörter natürlich eben alle sehr ähnlich).
Der Ruf "Haut die Bullen platt wie Stullen!" wäre in dieser Sprache sinnlos, einem Esperantonio dürfte er - gedolmetscht - etwa klingen wie "Schlagt die männlichen Rinder flach wie belegte Brote!". - Kommentar überflüssig.
Wollte man konsequent nach der Bedeutung ableiten (wie es Esperanto will), so müßte man den o.g. Ruf sprachlich zurückführen auf den Satz "Es lebe die Anarchie!" - es leuchtet unmittelbar ein, wie wenig Sinn das macht. 
Die Kunstsprache bleibt im Käfig des Imaginären, verwirft das Signifikante und taugt daher nicht zum Sprechen. Die Mehrheit hat´s gemerkt.

Wir glauben, es gebe etwas, das uns nicht täuscht, etwas wie einen "Gott, der nicht lügt" (Descartes) 16 . Seit Descartes sind dies die (Natur-)Wis-senschaften. In den alten Kulturen war dies der Ort des Himmels. In unserem Kontext geht es jedoch weniger um den Himmel als vielmehr um die Strukturen der Welt, nicht um Entschleierung eines Weltsystems, sondern um ein Ortungssystem, das wir auf unsere Erfahrung anwenden können.

Kein Verrückter hält seine Halluzinationen für unbezweifelbar, umfassend, real, wohl aber die Gewißheit, daß sie ihn betreffen/angehen - und zwar unwiderleglich, zwingend, unterworfen. Der Irre verzichtet auf jegliche reale Referenz - er verzichtet auf den Anderen. Das heißt nicht, er würde keine Anerkennung suchen, aber Anerkennung ist ihm lediglich ein quasi objektiviertes Zeugnis seiner Erfahrung, nicht aber authentische Präsentation eines Subjekts für ihn, den Anderen 17 .

Noch einmal:
Die Neurose ist der Vorgang der Verdrängung (s.o.), nachfolgend Projektion, die Psychose entspricht der Verwerfung (S.Freud), also der Verweigerung/Verneinung der symbolischen Ordnung: Das Verworfene taucht im Außen des Subjekts wieder auf.

Das ganze (Welt-)Theater beginnt mit dem Begehren.
Das Begehren ist der gefüllte Uterus, der die Realität gebiert. Das Objekt des Begehrens muß daher nicht gefunden, sondern wiedergefunden werden, nachdem es ursprünglich halluziniert wurde. Aber das Subjekt findet stets nur ein anderes (mit kleinem a), nur mehr oder weniger adäquates Objekt wieder. So zeigt sich das Realitätsprinzip.
Wenn nun bei der Psychose etwas Verworfenes, d.h. nicht-Symbolisiertes in der Realität wieder auftaucht, kann nicht - wie in der Neurose - ein vermittelnd-symbolisierender Kompromiß stattfinden: Stattdessen ereignet sich eine überschwemmende Kettenreaktion des Imaginären. Während die Neurose in der symbolischen Ordnung verbleibt - verstehbar, aber kaum lesbar - , ist der Wahn in ein anderes Register transskribiert: lesbar, aber nicht verstehbar.

M.a.W.: Das Verdrängte erscheint vor Ort, aber maskiert, und erweist sich als analysierbar. Das Verworfene hingegen erscheint woanders, unmaskiert, sozusagen im vollen Wortlaut, erweist sich jedoch als nicht analysierbar.
Die Psychose ist gewissermaßen ein "innerer Diskurs" (Stimmen, Halluzinationen u.ä.), der sich zu unausweichlichen Ritornellen formt, ohne Objekt (A), ganz im Imaginären gefangen. Das Subjekt in der Psychose kann sich nur in der imaginären "Anspielung" rekonstituieren. 18  
Die Nichtunterscheidung zwischen symbolisch und imaginär führt zu weitreichenden und fatalen Überbewertungen des Imaginären (vgl. Ich-Psychologie Adlers, Systemische Psychologie, Autosuggestion u.ä. 19 ).

Nach diesen holzschnittartigen Summaries können wir uns dem Begriff Ähnlichkeit widmen. Lacan verwendet die verschiedenen Ähnlichkeitsbeziehungen als Nachweis der Ordnung des Signifikanten.
Zur exemplifizierenden Erläuterung lassen wir Assoziationen zum Wort "Hütte" bilden:
0. Kontiguität [Angrenzung, Nachbarschaft]
"Hütte - verbrenn´ sie!"
C.G.Jung nannte diese Beziehung "Synchronizität", d.h. das Zusammenfallen verschiedener (unähnlicher) Erlebnisinhalte. Was bei Jung freilich im Imaginären verharrt - die Ereignisse passieren bei ihm real gemäß einer mysteriösen "inneren Regie" - , ist in unserem Kontext eher Kennzeichen des psychotischen In-Beziehung-Setzens und steht als Kontiguität polar zur Similarität.
1. Vergleich
"Hütte ist genau so wie ein Haus, nur kleiner, also Bude, Kate oder so."
Es handelt sich hier um eine Art synonymes Äquivalent, bei dem nach größtmöglicher Nähe im Gegenstand gesucht wird.
2. Metapher 20  
"Hütte ˜ Nest oder Bau."
Hier geschieht eine Übertragung von Erlebnisinhalten, die Gegenstände sind hinsichtlich ihrer realen "Ähnlichkeit" bereits ziemlich weit auseinander, das assoziierende Subjekt stiftet erst Ähnlichkeitsbedeutung.
Zur Illustration eine Zeile von Victor Hugo:
"Seine Garbe war nicht geizig, noch von Haß erfüllt."
Dies ist kein Vergleich! Es heißt ja nicht: "Genauso wie die Garbe nicht geizig ist, war er."
Sprache wird erst in dem Moment zur Bedeutung fähig, da solche Satzkonstruktionen möglich sind, d.h. wo die rein lexikalische Sach-Bindung zwischen Wort und Bedeutung hinfällig wird: Ohne die Signifikantenstruktur, ohne die Positionierung von S und seinen Attributen könnte man nie die Garbe als "nicht geizig" bezeichnen. Was hier passiert, ist Identifikation durch Similarität, die jedoch - anders als beim Vergleich - lediglich durch die Positionierung entsteht: Garbe des S ˜ S ˜ Garbe.
3. Metonymie 21  
"Hütte ˜ Schmutz, Armut"
Hier sehen wir einen Vorgang der Verschiebung: Es geht gar nicht um Ähnlichkeit oder Äquivalenz der Bedeutungen, erst durch die Äquivalenz-Positionierung entsteht Bedeutung. Ein anderes S könnte vielleicht "Hütte ˜ Einsamkeit" oder "Hütte ˜ Skiferien" sagen. Die Metonymie ist die reinste Demonstration der Abhängigkeit einer Bedeutung von der Position der Elemente, d.h. von der Struktur des Gesprochenen, sie ist in gewisser Weise das Fundament, auf dem die Metapher gedeihen kann:
"Allerliebste, seit wievielen Steinen habe ich keine Bäckerin gehabt, Sie zu zuckern!"
"Ach, meine Liebe, ich war selbst sehr glasig, meine drei jüngsten Etuis rauben mir noch die letzten Ozeane !"
Selbst in paradoxester Form bleibt ein Sinn erhalten, manchmal führt die metonymische Irritation gerade zu besonders lebendiger Metaphorik. Nicht das Bedeutete (Gemeinte/Signifikat) ist hier Sinnstifter, sondern die Übertragung der Bedeutung geschieht durch die Struktur der Sprache selbst (hier: der Satzbau). Das kann bis zur scheinbaren Vergewaltigung des Realen gehen, das sich jedoch nicht selten als imaginär entpuppt 22 . An diesen Beispielen wird ebenfalls deutlich, daß erst das gesamte Sprechen, die vollständigen Sätze in der Beziehung die ganze Bedeutung erkennen lassen: Ein isolierter Halbsatz bliebe bedeutungslos.

Jede Sprache ist bereits von vornherein zugleich Metasprache: Nur durch diese Struktur des Signifikanten ist Sprache (Sprechen) möglich 23/24 . Dabei ist der Signifikant der Ort des Begehrens 25 : Vor jedem Satz, vor jedem Sprechen steht nämlich (!) der Name des Sprechers, in jedem Sprechen erklingt der Ruf nach dem Namen des Anderen.

Wir werden immer am Ausgangspunkt sein.

Was ist ein Symptom? Das Symptom siedelt in der Ordnung des Signifikanten: Erst durch seine Positionierung in einem speziellen, individuellen Kontext entsteht Bedeutung 26 . Ein Symptom ist die Losung eines lebensgeschichtlichen Augenblicks mit all seinen symbolischen Implikationen 27 . Die Einheit des Signifikanten bei dem Begriff "Losung" wäre so etwas wie "Duftnote - Duftmarke - Identifikation - von wem ist das? - wer sind wir? - Einlaß - so sein dürfen - verschworene (Einverständnis-)Gemeinschaft usw.".
Das alte Kinderspiel "Teekesselchen" erweist sich einmal mehr als etwas Kostbares, als die spielerische / intuitive Kontaktaufnahme zum Signifikanten 28 : Es wird so getan, als spielten wir mit einer konversen Metonymie, der reinen Laut-Gleichheit + Bedeutungsverschiebung, in Wirklichkeit aber wird metaphorisch gespielt, das Signifikante dominiert unterschwellig 29 . Lexikalische Haarspalterei, ob ein Begriff "erlaubt" sei oder nicht (bei dem Buchstabenspiel "Scrabble" bezeichnenderweise ebenfalls sehr beliebt), gehört zum Spiel: Es erlaubt, die bedrohliche Gletscherspalte des Symbolischen (um deretwillen man das Spiel ja eigentlich spielt) sozial verträglich zu kaschieren. (Ätsch!)

Warum sonst ist die Übersetzung von Lyrik so unendlich schwer, ja fast unmöglich, umso mehr, je näher sie der Metonymie als der Metapher, also enger am nackten Signifikanten steht? 30   Noch dazu gibt es in jeder Sprache phonetische Konnotationen, die prinzipiell unübersetzbar scheinen 31 .
Es ist zu diskutieren, welche Konsequenzen diese Differenzen für die Rezeption homöopathischer Arzneimittelprüfungsprotokolle hat: Sind sie Lyrik? Symbolische Aussagen? Verweilen sie ganz und gar im Imaginären und sind somit ganz und gar symbolfreies Esperanto? Dem Märchen von der lauteren, voraussetzungslosen Beschreibung reiner Erfahrung, dem selbst Hahnemann letztendlich nicht so unverbrüchlich traute 32 , wollen wir hier nun auch nicht aufsitzen.

Also:
Ist das Homöopathische Prinzip zu verstehen im Register der Metonymie?
Wenn wir den Begriff "Lycopodium" mit dem Begriff "Feigheit" (Vithoulkas) korrelieren, haben wir eine reine Metonymie vor uns 33 , d.h. eine durch das S "Vithoulkas" gestiftete Bedeutung der Lautfolge "Lycopodium". Diese Bedeutung mag, obwohl offensichtlich im Register des Imaginären, aufrichtig sein und deshalb unbedingt ehrenwert, aber der Wunsch des Homöopathen nach triftiger, d.h. heilungsrelevanter Aussage über Kügelchen, auf deren Flasche "Lycopodium" steht, wird damit nicht ausreichend befriedigt.
Wenn einer zu "Peter haut Paul" die Assoziation "29.Juni" 34 erzeugt , so ist das richtig schön metonymisch, aber für Nicht-Katholiken klingt es wie eine beliebige Formel nach dem Muster "a + b = y2". 
Die Problematik stellt sich ganz analog, wenn die Gleichung "Elisabeth ˜ PULSATILLA" erscheint. Auch hier das Register der Metonymie: Ganz und gar, zunächst sogar nur im Signifikanten. Lediglich die Positionierung in Ähnlichkeit, die der Behandler vornimmt, erzeugt eine Bedeutung (nicht automatisch die Heilung!) 35 .

Oder ist das Homöopathische Prinzip zu verstehen im Register der Metapher?
Wenn "Die Liebe ist ein Kiesel, der in der Sonne lacht" als Metapher möglich ist, so sollte auch die Aussage "CIMICIFUGA ist ein geschwätziges Wesen" erlaubt sein. Abgesehen davon, wie schlüssig die Arzneimittelprüfung eine solche Aussage gestattet 36 , bleibt die Frage, welche Rolle der Name spielt, welcher auf dem Fläschchen steht. Es wird ja eine Beziehung hergestellt zwischen einer Person, die geschwätzig ist, und einem - Milchzuckerkügelchen enthaltendenen - Fläschchen, auf dem "CIMICIFUGA" geschrieben steht. Der Name ist zunächst ebenso bedeutungsleer wie die Kügelchen. Der Bedeutungskontext ist vielfach (magisch) codiert und konditioniert: Arzneimittelprüfung, Potenzierung, Anamnese, Analyse und so weiter und so fort - alles nach relativ streng formulierten Regeln. Der essentielle Akt ist und bleibt die Positionierung in Ähnlichkeit seitens des Behandlers, das ist der "point of no return", die Sekunde der Wahrheit. 
Bleiben wir im Register der Metonymie, so reicht diese formale Setzung bereits zur Installation der Ähnlichkeitsbeziehung. Jedoch wissen wir - aus unzähligen Versagenserfahrungen in der Praxis - , daß die schlichte Setzung, also Behauptung, für die Heilung mindestens insuffizient, wenn nicht sogar kategorial unzuständig ist.

Es muß also "mehr" sein. Die Ähnlichkeit muß alle Register ergreifen, um Heilungsraum zu eröffnen. Die Aspekte des Imaginären (und die Metapher hat Momente davon) gehören genauso dazu wie Reim oder Alliteration, die Handbewegung beim Verreiben einer Arznei, der Traum des Patienten oder unser Anhalten der Luft, wenn der paranoide M. wieder anruft.

Deshalb ist die Mittelwahl keineswegs beliebig. Die Positionierung "AMB ˜ Patient" in dieser formalen Nacktheit reicht schlicht nicht. Das liegt u.a. an der hierarchisierten Position des Entscheiders: "Arzt entscheidet über Ähnlichkeit Patient/Arznei". Das Leben funktioniert anders. Arzt und Patient sind gleichermaßen Subjekte des Signifikanten, im speziellen therapeutischen Kontext zwangsläufig Subjekte des Namens der Arznei. Beide stiften die Wahrheit der heilenden Entscheidung gemeinsam.
Dazu noch einige grundsätzlichere Überlegungen.

Der Andere ist der Ort, wo sich das Ich konstituiert,
welches spricht mit dem, der hört.

Dieser Lacan´sche Satz impliziert,
- daß der Andere nicht ein "Wesen" sei (ontologisch);
- daß der Andere kein "Du" sei (im Sinne von "Gegenüber", reziprok, symmetrisch, alter Ego usw. 37 ): Diese Modelle erzeugen nur totale Konfusion: Sie verwechseln den Anderen mit imaginärer Projektion, mit Spiegelung des eigenen Scheins, mit Größenwahn hinsichtlich der eigenen Bedeutung für andere.

Was aber ist das Du? - An wen richten sich etwa folgende Sätze:

"Du kannst in Bremen als prominenter Homöopath nicht spazieren gehen, ohne daß man dich ständig anspricht".
Dieser Satz richtet sich an ein "man", nicht an den Anderen.
"Wenn du zu diesem Grad von Weisheit vordringst, brauchst du nur noch zu sterben".
Dieser Satz richtet sich an alle Unweisen, also an niemanden, schon gar nicht an den Anderen (noch dazu ist er eine Aufforderung zum Suizid). Dieses Du ist strukturell das Du der Psychose - eine Konjunktion, sonst nichts.

Was aber dann?
[1] "Du bist der, der mir folgen wirst". - [2] "Du bist der, der mir folgen wird".
Was ist der Unterschied?
[1] Hier handelt es sich um ein Mandat, um eine Besetzung, ein Sakrament, hier herrscht Vertrauen, da die Aussage verneinbar ist, also die Freiheit des Anderen einschließt.
[2] Hier haben wir eine (bedauernde?) Feststellung vor uns, eine Forderung, eine Verfolgung, eine Gewißheit; diese Aussage ist nicht verneinbar, sie impliziert Unfreiheit des anderen; das aber heißt Abwesenheit des Anderen.

Wenn es eine wirklich minimale Evidenz in der Erfahrung gibt, in der inneren Erfahrung irgendjemandes,
dann das, daß wir gewiß umso weniger jene sind, die wir sind, als wir sehr gut wissen, was für einen Radau,
was für ein schreckliches, von diversen Beschwörungen durchquertes Chaos wir ständig in uns erfahren, jeden Augenblick. 38  

Eine "gleichberechtigte" Äquivalenzbeziehung "Ich <=> Du" ist nur im Register des Imaginären möglich, inklusive aller Verwechslungschancen ("Ich halte dich für treu, du mich auch ..."), mit der letalen Konsequenz der Tötung des Du, mithin auch des Ich 39 (Lacan nennt dies die "totale Duzigkeit").
Dazu ein signifikantes Wortspiel:
"Tu es celui qui me ...." ˜ "Du bist der, welcher mich ...." - ja, was?
Ohne Antwort verzirkelt sich dieses Satzfragment:
"Tu es celui qui me tu es celui qui me tu es celui qui me ..."
Wenn wir nun anders skandieren, ensteht folgender Bruch:
"Tu es celui qui me tu es celui qui me tues ..." ˜ "Du bist der, welcher mich tötet".
Selbst im Wortspiel erscheint der Signifikant 40 .

Sonderbar, daß die großen Flüsse immer durch die großen Städte fließen !

Anerkennung des Anderen heißt, ihn erfassen in der Unfaßbarkeit, heißt anrufen dessen, was A selbst nicht kennt:
"Du bist jener, der mir folgen wirst" - die Antwort hieße: "Ich bin es".

Da der Signifikant selbst leer ist, kann sich all das zwangsläufig nur durch das Register des Imaginären hindurch ereignen: 

S------------a
                /
            /
         / 
    /
a -----------A  41

Das Subjekt ist dem Anderen als dem Ort der Signifikanten unterworfen, aber die Beziehung S - A ist nicht unmittelbar möglich, sondern nur über die Achse des Imaginären (a - a´)


Man kann weder der Sonne noch dem Tod ins Auge schauen.
Schau´n mer mal.

Vorläufiges Ende der Stadtrundfahrt. An dieser Stelle wären einige Überlegungen fällig zu den (auch praktischen) Konsequenzen aus dem unterwegs Eingesammelten. Die vorgetragenen Gedanken sind aufs Sprechen hin angelegt, die Sprachanalyse Lacans bewegt sich stets in beiden Registern: dem der Sprache und dem des Sprechens.
Das verbietet ein vorschnelle systematische Transskription seiner Analytik auf homöopathisches Sprechen. Wie denn auch - bei aller manchmal luziden, manchmal kryptischen mathematischen Exaktheit im Methodischen - Lacans Entwürfe nicht in eine simple, definitorische Zwangsjacke hineingehören.
Gleichwohl könnte man gewisse Reiserouten, Vordringlichkeiten und 3-Sterne-Plätze namhaft machen, wo sich Homöopathie tunlichst tummeln sollte, wenn sie nicht im expansiven, aber weithin unreflektierten Strudel der homöopathischen Zeitläufte alle Selbstachtung verlieren will 42 :

1. Grundlagenforschung:
- Revision des Ähnlichkeitsbegriffs (Unterscheidung von Metapher, Metonymie usw.).
- Textkritische (sprach- / literaturwissenschaftliche sowie linguistische) Analyse der Primärtexte der Homöopathie.
- Analyse der semantischen Wandlungen von Primärtexten auf dem Weg zu Sekundär- und Tertiärtexten durch resp. trotz des "Macht´s genau nach".
- Herausarbeiten von elementaren Bedeutungen, die den Primärtexten innewohnen.
- Erarbeitung eines neuen Begriffs des Potenzierungsvorgangs; das Verhältnis des Namens der Arznei zum Flascheninhalt.
2. Praktische Arbeit am Text:
- Analyse des einzelnen Arzneimittelbilds nach Kriterien der strukturalistischen Textanalyse (Unterscheidung von imaginären De- und symbolischen Konnotationen, Aufspüren des Ungesprochenen, Verdrängten, ev. Verworfenen).
- Revision der Arzneimittelbilder in diesem Sinn; die methodische Einbindung von Masi-Elizaldes Methodik der Textanalyse könnte dazu hilfreiche Vorarbeit und Ergänzung leisten.
3. Die Begegnung in der Konsultation:
- Erarbeitung einer homöopathischen "Analytik", die es erlaubt, bei der Exploration der Patientensymptome das Register der Signifikanten in den Blick zu bekommen. Das Subjekt erhält seine Botschaft vom Anderen in umgekehrter Form - der Homöopath hat dem Patienten dessen Botschaft in umgekehrter Form (˜ das richtige Kügelchen) zu geben.
- Erarbeitung einer homöopathischen Begegnungsethik: Anerkennung des Patienten als unfaßbar, Ausbau der Konsultation als Ort des radikalen Hörens und der Ich-Konstitution. 
4. Epitheton:
Aus der Themenstellung wie auch aus dem hier Entwickelten ergibt sich zwingend die ganz spezielle Frage nach der Möglichkeit der homöopathischen Behandlung der Psychose. Ohne einer erforderlichen künftigen Untersuchung zu diesem Thema vorgreifen zu wollen, läßt sich doch zumindest eines sagen: Eine sprachanalytisch geschulte Homöopathie ist mit Sicherheit eine optimale Voraussetzung. Das Werkeln im imaginären Register vermeintlicher Symptom-Bedeutungen ("fühlt sich von jedem verfolgt" [˜ Cycl]; "seine Knochen seien zerstückelt und er könne die Stücke nicht zusammenfügen" [˜ Phos] u.ä. 43 ) ist dilettantisch und führt rasch in eine (nicht nur) methodische Sackgasse. Das gilt folgerichtig in besonderem Maß für alle Deutungsansätze, die der blanken (vielleicht gar noch repertoriumstechnisch kaputtgestutzten) Formulierung eines "Leitsymptoms" oder einer "Wahnidee" einen küchenpsychologischen Sinn abzuzwingen sich bemühen 44 .

Now I declare the Bazaar open ....


LITERATUR:

A man with a mission - Interview with George Vithoulkas, in:
Homœopathic Links, Winter 1999, Vol.12 (4), S.202 ff.
Buber, Martin, Das dialogische Prinzip, Heidelberg 1965
Dethleffsen, Thorwald / Dahlke, Rüdiger, Krankheit als Weg, München 1983
Kluge, Friedrich, Etymolog. Wörterbuch d. Dtsch. Sprache, Berlin 1975
Lacan, Jaques, Die Psychosen, Seminar Buch III, Weinheim 1981
ders., Die vier Grundbegriffe der Psychoanalyse, Seminar Buch XI, 1987
ders., Encore, Seminar Buch XX, 21991
Lévinas, Emmanuel, Zwischen uns, München 1995
Prädel, H., Die Sehgal-Methode, München 1995
Prechtl, Peter, Saussure zur Einführung, Hamburg 1994
ders., Sprachphilosophie, Stuttgart 1999
Sankaran, Rajan, The Spirit of Homeopathy, Bombay 1991
ders., The Substance of Homeopathy, Bombay 1994
Widmer, Peter, Subversion des Begehrens, Wien 1997
Zandvoort, Roger van, Complete Repertory, Ruppichteroth 1998
Weiterführende Literatur b.Verf.


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