Startseite » in.form.alia » 1999 - 1.Jhg. - Nr.0 » Christian Gallasch: Jean - Luc Gareaudy: Ein Referenzsystem für die Homöopathische Praxis » Zusammenfassung Christian GallaschJean-Luc Gareaudy: Ein Referenzsystem für die Homöopathische Praxis |
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Zusammenfassung:Zu allen Zeiten der Homöopathie hat es die Frage nach einem zuverlässigen Referenzsystem gegeben, meist jedoch unreflektiert. Gareaudy versucht in einem umfassenden Entwurf, die bisherige abendländische Geistesgeschichte zu bündeln und auf homöopathisches Handeln zu beziehen. Dabei dienen ihm poststrukturalistische, psychoanalytische und ethnologische Substrukturen gleichermaßen als Denklinien, entlang denen er ein multizentrisch-mehrdimensionales Modell von homöopathischer Diagnose (~ Therapie) entfaltet. StichwörterHomöopathie; Mythen; Ontogenese; Ontologie; Metalyse; Rumpelstilzchen. Vorbemerkung 1:Rahmen dieser Betrachtungen ist das Licht, welches Masi-Elizalde auf die Hahnemann´sche Forschung geworfen hat: Im wesentlichen lassen sich zwei Aspekte erkennen: 1. Lehre von der Primären Psora:Daraus folgen zwei essentielle Momente: a. Die Miasmatische Dynamik: Chance zur Beschreibung der sekundären & tertiären Psora, nachfolgend prägnanteres Verstehen der Dynamik eines Krankheitsverlaufs b. "Metaphysischer Nukleus" Erfassen der Primären Psora, i.e. der einzigartigen existenziellen / biografischen Kernproblematik eines Patienten Es resultiert für Masi-Elizalde schlüssig, dass für die Heilung im Hahnemannschen Sinn ausschließlich das möglichst Ähnliche (fälschlich "Simillimum" genannt), nur idealerweise lebenslang und triftig, zuständig sei.
2. Frage nach Referenzsystem:Kein (therapeutisches) Handeln kommt ohne metamethodischen Bezugsrahmen / Referenzsystem aus, sei er auch noch so unbewusst; Masi-Elizalde wählte Thomas von Aquin (mangels besserer Alternative oder weil der Aquinat im gymnasialen Bildungsarsenal Argentiniens fest und unvermeidbar verankert ist?) Die Grundfrage nach dem Referenzsystem ist damit nur unbefriedigend beantwortet. Jeder Homöopath verwendet (leider meist unbewusst) ein dezidiertes Referenzsystem. Es dient im Idealfall als Krücke für eine zuverlässigere Verschreibung. Bewerten wir die bisherigen Versuche, ein reflektiertes Referenzsystem für die Homöopathie zu definieren, so lassen sich drei Bedingungen formulieren, die ein triftiger, plausibler und praktisch relevanter Bezugsrahmen aufbieten muss: 1. Komplexität, d.h. Vielfalt zulassend bzw. ermöglichend (vgl. z.B. Astrologie) 2. Zugänglichkeit, d.h. Lesbarkeit (auch ohne Theologiestudium....) 3. Mythisches Sprechen (s. Levy-Strauss) Hohes Abstraktionsniveau ohne Verlust sinnesnaher Anschaulichkeit
Vorbemerkung 2:Das einzige literarische Werk Gareaudy's ist in französischer Sprache geschrieben. In Frankreich ist es seit Jahrhunderten Tradition, dass, wer gehört und gelesen werden will, zunächst gut sprechen, erst in zweiter Linie aber Gutes sprechen muss. So bleibt für den Nicht-Franzosen der Text gelegentlich kryptisch / missverständlich / uneindeutig.
Vorbemerkung 3:Jean-Luc Gareaudy gilt der französischen Geisteswelt, sowohl innerhalb wie außerhalb der Homöopathie, als "Spinner" - den einen, weil er einen unvermittelten, eigenständigen Weg beschritt, den anderen, weil er innerhalb der Homöopathie keine erkennbare Quellenarbeit betrieb. Seine "poststrukturalistische Hermeneutik" beruft sich auf keinen Autor ausdrücklich, dafür zwischen den Zeilen auf umso mehr - von Heraklit über Jodophus von Arnheim, James F. Blokewitch oder Hennes Mauritz bis Dürkheim oder J. Derrida - wer die versteckten Anspielungen und Querverweise zu entziffern versteht, findet die ganze abendländische Geistesgeschichte in seine Texte eingewebt.
Der AutorGeboren 1931 in Besançon, lebt und arbeitet J.-L. Gareaudy jetzt sehr zurückgezogen in St. Malo (Bretagne). Sein Werdegang ist treffend gekennzeichnet durch die klassischen Berufsbilder "Arzt, Psychoanalytiker & Homöopath". Innerhalb der Psychoanalyse ging er durch die marxistisch-existentialistisch-strukturalistische Schule: Er kannte Sartre, Lacan, Derrida und Guattari, schrieb zahlreiche Aufsätze zur Kontroverse Freud - Jung (sich von beiden abgrenzend) und gründete 1990 die "Societé des Antipsychologistes". Innerhalb der Homöopathie ist sein Weg nicht so deutlich nachzuvollziehen. Immerhin wissen wir, dass er den greisen Pierre Schmidt noch gekannt hat. Sein einziges geschlossenes Werk: "Homéopathie metapratique" wurde 1991 veröffentlicht (im selben Jahr erschien das Aufsehen erregende Werk von Deleuze/Guattari: Milles plateaux!). Das Buch Der Mensch ist - nach Gareaudy - ein Ensemble verschiedener Seinszustände ("conditions d´être") die sich in Seinsweisen ("modes d´être") manifestieren. Sowohl die Zustände wie auch die Ebenen der Seinsweisen sind gleichberechtigt / vikariierend. Daraus ergeben sich folgende strukturellen Betrachtungen:
A: Seinsebenen (~ Raum, ontologisch) und ihre Entwicklungsphasen (~ Zeit), historisch):
1. Seinsebene: Eros des Leibes (eros) Ihre Entwicklungsphasen: Oral / anal c genital c organismisch (~ physisch) 2. Seinsebene: Eros der Seele (filia) Ihre Entwicklungsphasen: Taktil c emotional c rational (~ psychisch) 3. Seinsebene: Eros des Geistes (agaph) Ihre Entwicklungsphasen: Ich-stark c soziabel c Nächstenliebe ("charité") (~ mental)
Diese Seinsebenen sind zugleich Material, Personal und Kulisse der Seinszustände und Seinsweisen - wie bei einem nackten Schauspieler, der durch die Kraft seines Spiels im Zuschauer die Imagination von Kostüm und Bühnenbild zu erwecken imstande ist, die "metareale Realität" ("Réalité metaréale"). |
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19. Dezember 2005