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Unter diesem zunächst etwas unverständlichen Titel soll der folgende Text einen knappen Einstieg in das
Homöopathie-Modell von Alfonso Masi-Elizalde ermöglichen. Die Ausführungen haben Ausschnittcharakter und können vieles
nur anreißen. Schon an dieser Stelle sei bemerkt, dass Masis Konzept eine Arbeitsmethodik ist. Bei korrekter Anwendung
beansprucht sie (Geistes-) Wissenschaftlichkeit: Ihre Ergebnisse stellen den Anspruch an sich, plausibel und jederzeit
wiederholbar zu sein, und zwar für jeden, der sie gemäss ihren Regeln korrekt anwendet. Masi fasst diesen Umstand
treffend durch den Titel "Labor der Materia Medica", den er seinen Arbeitstreffen gibt.
Was sind nun die Eigenheiten dieser "Überarbeitung" der Hahnemannschen Lehre durch den Argentinier?
Das "Wesen" der Homöopathie Hahnemanns
Masi hat sich zeitlebens vom Gedanken tragen lassen, die reine, "orthodoxe" Lehre Hahnemanns
zurückzugewinnen, also Hahnemanns wahre Intentionen von den Verwandlungen und Verbiegungen seiner Nachfolger frei zu
machen. Dabei ist sein Ansatzpunkt zunächst, in der alltäglichen Anwendung seiner Homöopathie mehr Übersicht zu
bekommen. Hilfreich ist ihm dabei folgender Umstand: Durch die Übernahme der Praxis seines ebenso homöopathisch tätigen
Vaters überschaut er jahrzehntelange Fallverläufe. Masis Überlegungen sind also vor allem verknüpft mit der Problematik
der Behandlung chronischer Erkrankungen über große Zeiträume. Sein Ziel ist es, die "Kapriziosität", also die
Unberechenbarkeit von Heilungsverläufen durchsichtig zu machen. Damit will er ein methodisches Verständnis für ein
Phänomen gewinnen, das er in Anlehnung an Hahnemann "die neue Geburt" des Patienten nach Mittelgabe nennt. Der Begriff
"neue Geburt" beschreibt einen Entwicklungssprung im Heilungsverlauf, bei dem der Patient einen qualitativen Wandel im
seelischen wie im körperlichen Gesundheitszustand erlebt. Masi will diesen Sprung im Heilungsverlauf vorhersagbar
machen. Dazu wirft er zunächst einmal die drei Grundfragen der Homöopathie neu auf:
1. Was ist das Wesentliche der Krankheit, was sind die wesentlichen Krankheitszeichen des vorliegenden Falles und wie
sind sie motiviert? - die Frage nach der Krankheitsvorstellung, nach dem Krankheitsbegriff.
2. Wie und nach welchen Kriterien findet sich das homöopathisch heilende Arzneimittel (Simillimum)? - die Frage nach der
korrekten Arzneimittelwahl.
3. Was ist Heilung? - die Frage nach der Beurteilung des Fallverlaufs?
Masis Methodik gibt ihrem Benutzer das Werkzeug an die Hand, auf diese Fragen klare und teilweise verblüffende Antworten
zu finden.
Die Frage nach der Krankheit
Wie für jede andere medizinische Methode steht auch hier die Frage, wie Krankheit eigentlich motiviert
ist, am Anfang. Masi sucht die Antwort bei Hahnemann selbst. Zwei seiner Aussagen sind ihm dabei fundamental: Erstens
spricht Hahnemann in §31 des Organon von der Krankheitsdisposition, also von der Bereitschaft, von äusseren Ursachen
überhaupt "angegriffen" zu werden. Um krank zu werden, so sagt Hahnemann sinngemäß, ist neben dem exogenen Reiz eine
endogene "Aufgelegtheit" Voraussetzung für die Krankheitsentstehung. Hahnemann redet also der Endogenität - der inneren
Krankheitsbereitschaft - das Wort.
Der Leser mache sich an dieser Stelle klar, dass dies wesentlich von den heute gängigen Vorstellungen abweicht. Die
Homöopathie Hahnemanns kümmert sich nämlich weniger um die Frage der Krankheits-Erstursachen, als um die Frage nach
krankheitsauslösenden Umständen. Zweitens nennt Hahnemann als Krankheitsauslöser in Anmerkung 1 zu §17 des Organon "die
Verstimmung des Lebensprizips mittels der Einbildungskraft". Diese Idee mutet erstaunlich modern an: Psychische Prozesse
als Entstehungs- oder Vermittlungsgrund somatischer Erkrankungen sind uns für eine Reihe von Erkrankungen aus dem
psychosomatischen Formenkreis geläufig.
Nur weiten Hahnemann (und Masi) den Einfluss der Einbildungskraft auf die Krankheitsentstehung aus. Gilt für Hahnemann,
dass selbst "die höchste Krankheit" bis zum "Tod selbst" von der fehlgeleiteten Phantasie "zu Wege gebracht" werden
kann, so stehen auch für Masi die Phantome der Einbildungskraft am Ausgangspunkt der Erkrankung. Was ist damit gemeint?
Was kann die Vorstellungswelt eines konkreten Menschen so verdrehen, dass daraus alle möglichen Krankheiten resultieren
können?
Ein Beispiel aus einer Prüfung bei Hahnemann soll das illustrieren: "Helles Bewusstsein seiner Existenz; feines,
starkes, richtiges Gefühl für Recht und Unrecht" (RAL Band 1, S. 192 ff). In diesem Prüfungssymptom von Nux vomica kommt
etwas zum Ausdruck, was Carl Friedrich von Weizäcker in seinen neuzeit-kritischen Werken treffend "Titanismus" genannt
hat. Der Proband hat nämlich nach Einnahme von Nux vomica erstens ein klareres Bewusstsein seiner Existenz und zweitens
ein starkes und richtiges Gefühl für die moralische Frage von Recht und Unrecht. Titanismus heisst hier: sich
übermenschliche Eigenschaften anmassen, die sonst nur dem Göttergeschlecht der Titanen vorbehalten sind. Das Trugbild
dieses Probanden ist also: Seine Existenz taucht in dem Moment in ein helles Licht, in dem er sich selbst umfassende
Fähigkeiten in der Frage von Recht und Unrecht beimisst. Was steckt hinter dieser illusionären Verkennung? - Denn jeder
wird doch zugeben, dass es dem Einzelmenschen unmöglich ist, jederzeit Sicherheit in einer solch absoluten Frage zu
haben. Gerade die Daseinssituation des Menschen ist doch im Gegensatz dazu gekennzeichnet vom täglichen Erleben der
eigenen Fehlbarkeit, von Unwägbarkeiten, von Verlust und Sorgen, der Erfahrung von Schmerz und Krankheit und der
allgegenwärtigen Gewissheit, einmal sterben zu müssen.
Das allgemeine menschliche Drama, das Erleben, das alle Menschen miteinander teilen, ist eher von einer universalen
Sorgenstruktur gekennzeichnet. Von dieser Vorstellung geleitet, hat Masi denn auch bei jedem gut geprüften Arzneimittel
Hinweise für dieses allgemeine menschliche Drama gefunden. Das heißt, in jedem hinreichend geprüften Medikament finden
wir Hinweise auf das Erleben eines Verlustes von Geborgenheit, der nicht selten schuldhaft erlebt wird, wir finden
Erleben von Angst vor drohenden Schicksalsschlägen und die Sehnsucht, einen Zustand der Sicherheit zurückzugewinnen.
Masi nennt diese allgemeinen Erlebnisweisen der menschlichen Existenz die "psorischen Kerne" - die Kerne des Leidens.
Diese Erlebnisweisen sind jedem Menschen bekannt.
Sie sind Kennzeichen der allgemeinen menschlichen "Sorgenstruktur", auf deren Hintergrund aber jeder Einzelmensch sein
individuelles Drama erlebt. Was kennzeichnet dieses individuelle Drama? Jeder Mensch erlebt sich zumindest zeitweise als
verletzlich und bedroht von einer Welt, die er letztlich nicht kontrollieren und beherrschen kann. Nur - und das ist der
zentrale Punkt dieser Vorstellung - ist der Aspekt dieser Bedrohung bei jedem Menschen etwas anders gelagert. Zurück zum
Beispiel: Bei Nux vomica ist der leitende Aspekt der, in Fragen der Gerechtigkeit kompetent zu sein. Nux vomica erlebt
vor allem in diesem zentralen Punkt seine Angreifbarkeit und Inkompetenz, da es nicht in der Macht des Individuums
steht, letzte verbindliche, ja noch nicht einmal einigermaßen verlässliche Aussagen über Recht und Unrecht zu machen.
Soweit die Hauptidee in Masis Konzept der Krankheitsentstehung.
Das Erlebnis der Unvollkommenheit in der alltäglichen Situation des Menschen nennt Masi "Psora". Und "primärpsorische
Symptome" sind solche, die - ohne an Umweltbedingungen geknüpft zu sein - direkt und spontan aus dem Menschen heraus
Aufschluss geben über das zentrale Leidensthema. Diese Empfindlichkeit auf ein spezifisches Leitmotiv ist bei jedem
Menschen etwas anders gelagert. Kann man es klar herausstellen, hat man direkte Sicht auf den Ursprung der
Krankheitssymptomatik.
In Masis Vorstellung ist nämlich jegliches Krankheitssymptom direktes oder indirektes Resultat der primären Psora. Sein
Krankheitsmodell ist ein Krankheitsmodell der einen Krankheit, die zeitlebens von dem
einen fundamentalen Existenzthema bestimmt ist. Die Ursprünglichkeit der Krankheitsentstehung aus der
Existenzsituation ist allerdings eine etwas modernisierte Fassung von dem, was Masi lehrt. Für ihn hat das existentielle
Verlusterleben einer vorbestehenden Vollkommenheit zu tun mit einer Abkehr von Gott, mit dem Verlust einer Rückbindung
an ein "transzendentales Ziel". Der Mensch, der sich außerhalb der göttlichen Schöpfung stellt, der sich selbst gar an
Gottes Stelle setzt, sucht nun Gott selbst um seine absoluten Fähigkeiten zu beerben oder leidet an der Uneinlösbarkeit
dieses Ansinnens.
Gemäss dem Stellenwert, den Masi der fehlgeleiteten Einbildungskraft beimisst, stehen auch diejenigen Symptome an der
Spitze der Bewertungshierarchie, die mit der Phantasie zu tun haben: Ängste und Gefühle, die sich an ein eigentümliches
Erleben heften oder der Umgebung eine ungewöhnliche Färbung geben, stehen hier ganz oben. "Delusions", also Wahnideen,
sind vor allen zu nennen. "Als-ob-Symptome" zählen ebenfalls zu diesen hochrangigen Zeichen. Ebenso misst Masi den
Träumen eine wesentlich Stellung bei.
All diese Symptome geben am klarsten Aufschluss über das eigentliche Erleben des jeweiligen Menschen und liegen am
nächsten an seiner zentralen Lebensthematik. Dazu sind im Falle von Nux vomica folgende Symptome anführbar: (a.a.O.)
"Ängstliche Besorgtheit und Unentschlossenheit". "Er glaubt, es missrate ihm alles". "Er benimmt sich ungeschickt und
tölpisch". "Es hindert ihn, er weiß selbst nicht, was, vorzüglich zu wissenschaftlichen Beschäftigungen." "Unfähig,
gehörig zu denken, verspricht er sich oft beim Reden, sucht die Worte mit Anstrengung und bedient sich unpassender
Ausdrücke. Er irrt bei Angabe von Maß und Gewicht". Vor allem das zuletzt angeführte Symptom gibt noch einmal klaren
Aufschluss über den enormen Stellenwert, den Nux vomica dem rechten Urteil beimisst. Es weist damit deutlich auf den
innersten Konflikt dieses Menschen hin, der unter dem Einfluss einer Nux-vomica-Prüfung steht.
Die Frage nach dem homöopathisch heilenden Mittel
Gemäss der Vorstellung, dass Erkrankung an der systematischen Verkennung eines spezifischen Lebensthemas
liegt, besteht der Heilungsweg in der Beruhigung dieser Verkennung durch das homöopathische Mittel. Anders gesagt: Das
Mittel, das die primär psorische Angst (bei Nux vomica: nicht jederzeit zu wissen, was in einer Handlung gerecht oder
ungerecht ist) beruhigt, ist das Simillimum - ein zugegeben fragwürdiger Begriff. Die eigentliche Frage hier lautet
also: Wie findet sich aus der Summe der Arzneisymptome eines Mittels dieses Derivat, diese primäre Psora?
Hierzu muss noch ein weiterer Erläuterung eingefügt werden. Neben dem allgemeinen Lebensdrama und dem darauf aufbauenden
Lebensthema eines Einzelmenschen ist die spezifische Krankheitssymptomatik noch von einer weiteren Struktur bestimmt.
Masi nennt sie die miasmatische Dynamik. Dies ist ein Ausdruck für die Reaktionsbildung des Menschen auf seine zentrale
Lebensthematik. Es unterscheiden sich drei Reaktionsphasen, quasi individuelle, aktuelle Antworten, mit denen der Mensch
die Umweltanforderungen mit seinem inneren Konflikt vereinbaren will.
Zunächst die sekundärpsorische Phase, sie ist der Ausgangspunkt: Psychisch ist diese Phase gekennzeichnet durch ein
wechselndes Beschwerdebild. Es liegen noch keine starken Reaktionsmuster vor. Der Mensch projiziert seine Grundangst auf
Umweltsituationen. Bei Nux vomica heißt das: Er scheut sich z.B. vor literarischer Arbeit. Der Grund dafür ist, dass er
dafür aus sich heraus tragfähige Ideen entwickeln und beurteilen müsste. Die literarische Autorschaft ist also hier die
Darstellungsfläche für eine dahinterstehende Unsicherheit im Urteil.
Somatisch bietet die psorische Phase ebenfalls ein wechselhaftes Bild. Es haben noch keine strukturellen Veränderungen
stattgefunden, es liegen noch keine Organzerstörungen vor. Im Wortgebrauch der Psychosomatik redet man von
Somatisierungsstörungen. Die funktionellen Störungen der sekundären Psora sind von guter Prognose.
Schreitet die Krankheit nun weiter fort, gibt es zwei grundsätzliche Reaktionsweisen. Die eine ist die der Egotrophie,
der Selbstüberschätzung. Der Mensch hält sich für fähig, von sich aus die Vollkommenheit in seinem sensiblen Lebensthema
zu erlangen. Bei Nux vomica entspricht dies dem ersten genannten Symptom, nämlich der Überhöhung der eigenen Existenz
aufgrund der Illusion, völlig sicher Recht und Unrecht zu unterscheiden.
Die zweite Reaktionsform dieser Phase ist die Altero- oder Egolyse. Der Mensch akzeptiert die völlige Unfähigkeit in
seinem Lebensthema und macht die anderen (Alterolyse) oder sich selbst (Egolyse) dafür verantwortlich.
Am Beispiel von Nux vomica spricht die Alterolyse aus folgenden Symptomen: "Sehr geneigt, anderen ihre Fehler heftig
vorzuwerfen", "sie kann die mindeste Widerrede und auch die vernünftigsten Vorstellungen, sie zu etwas anderem zu
bewegen, nicht ertragen. Sie wird ausser sich darüber." Und die Egolyse: "Er hält den gegenwärtigen Schmerz für
unausstehlich und will sich lieber das Leben nehmen".
Der Begriff miasmatische Dynamik sagt also nur, dass die Art und Weise, wie eine Person auf ihre "Psora" (ihre
Lebensthematik) reagiert, durch ein Raster strukturiert ist. Nämlich sekundärpsorische Phase (Leiden), egotrophe Phase
(Triumph), egolytische oder alterolytische Phase (Flucht oder Angriff). Diese Dynamik bringt sozusagen Leben in die
Problematik, lässt sie in den verschiedensten Farben schillern. Einführen mussten wir diesen Begriff hier schon, obwohl
er vor allem im Fallverlauf eine Rolle spielt, da bei der Überarbeitung der Materia Medica die einzelnen Symptome immer
die jeweilige miasmatische Nuancierung aufweisen.
Die genannten Beispiele aus der Nux-vomica-Prüfung wollten dies veranschaulichen. Auch wenn Symptome sich nämlich zu
widersprechen scheinen - etwa Unentschlossenheit einerseits und Klarheit des Urteils andererseits - geht es doch immer
um das zentrale Thema der Entscheidungsfähigkeit zwischen Recht und Unrecht. Das heisst, Masis Analysemodell schafft die
Voraussetzungen, die gesamte Symptomatik auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen.
Um die nun folgenden Schritte in Masis Analyse der Materia Medica zu verstehen, muss zunächst noch etwas eingeflochten
werden. Für Masi steht es außer Frage, dass Hahnemann Scholastiker war. Genauer, dass Hahnemann in wesentlichen
Ansichten Anhänger der Anthropologie, der Menschenkunde, des Philosophen und Theologen Thomas von Aquin war. Und
tatsächlich bestehen zum Teil wörtliche Übereinstimmungen zwischen Äusserungen von Thomas und solchen Hahnemanns. Vor
allem in Hahnemanns "Kleinen medizinischen Schriften" und dort im Kapitel "Äskulap in der Wagschale" finden wir
Formulierungen, die den Eindruck erwecken, Hahnemann habe bei Thomas von Aquin abgeschrieben. Masi nimmt diese
Parallelitäten zum Anlass, im weiteren Vorgehen seiner Methodik die Anthropologie von Thomas als Referenzschema zu
benutzen. Darüber hinaus ist die verbindliche Einigung auf ein Referenzschema eine notwendige Bedingung für eine
Methodik, die plausibel und nachvollziehbar sein will.
Der Leser soll einmal bedenken, was dabei herauskäme, wenn er all seine Bekannten nach der Bedeutung eines
Allgemeinbegriffs wie "Gerechtigkeit" fragen würde. Das Resultat wäre eine Summe von Meinungen, was dieses Wort wohl
besage. Nur eine Sprachregulierung durch den Rückbezug auf einen eindeutigen Begriffsapparat schafft deshalb die
Bedingungen für ein eindeutiges Ergebnis, auf das sich alle einheitlich beziehen können. Nebenbei sei bemerkt, dass
jedes andere Referenzschema, das ebenso umfassend wie das thomistische ist, die gleiche Funktion erfüllen könnte.
Für unsere Untersuchung des Arzneimittels Nux vomica suchen wir nun nach einer solch eindeutigen Aussage bezüglich der
Begriffe "Gerechtigkeit" und "Gutsein". Folgendes findet sich dabei bei Thomas von Aquin in der "Summa Theologica":
"Gott allein ist gut durch sein Wesen. Bei Ihm allein ist Wesen und Sein eins, er ist nicht auf ein höheres Ziel
hingeordnet, vielmehr ist er selbst das höchste Ziel aller Wesen. Gott allein ist wesenhaft gut." Und in einem weiteren
Artikel sagt Thomas: "Jedes Ding ist gut durch eine ihm innewohnende Ähnlichkeit Gottes."
Das heißt, nur Gott ist gut kraft seines Wesens, aus sich selbst heraus. Der Mensch ist nur gut durch Anteilnahme an der
göttlichen Güte. Nux vomica, so Masis Conclusio, neidet Gott diese absolute Autonomie der Güte aus seinem Wesen. Es will
selbst das moralische Licht sein, das Recht und Unrecht scheidet, das den anderen erklärt, was gut und schlecht ist und
sie entweder schützt oder sie richtet. Nux vomica will gut sein aus sich heraus - statt gut zu sein kraft der Güte
seiner Ziele. Denn nur diese bestimmen die moralische Integrität einer konkreten menschlichen Handlung.
Zusammenfassend lässt sich sagen: Nux vomica neidet den göttlichen Aspekt der absoluten Güte und Gerechtigkeit aus sich
selbst heraus. Es weist die menschliche Form, gut und gerecht zu sein, zurück und leidet folglich vor allem im
Zusammenhang mit Fragen des Rechts und Unrechts. Daher findet der Proband in der Prüfung nicht mehr die rechten Worte,
er verliert das Gefühl für Maß und Gewicht, er lässt sich nicht von seiner eigenen Meinung abbringen, er hat das Gefühl,
seinen Kopf zu verlieren, er verliert das Interesse an jeglicher Arbeit.
Ans Ende seiner Analyse stellt Masi - quasi als Gegenprobe - die Untersuchung der Symbole, die im Zusammenhang mit der
Symptomatik auftauchen. In unserem Fall etwa das Symbol des Kopfverlustes. Im Lexikon der Symbole finden wir zu "Kopf"
folgendes: "Der Kopf ist tonangebender Körperteil, ist Ort des rechten Urteils" etc. Der Kopf, so bestätigt diese
Nachforschung, bezieht sich symbolisch tatsächlich auf die in der Analyse herausgebrachte Thematik. Eine solche
Hypothese über die primäre Psora eines Arzneimittels erfährt aber erst ihre endgültige Bestätigung, wenn sie sich
klinisch bewährt hat, d.h. wenn eine Verschreibung aufgrund der psorischen Hypothese eine solche eingangs erwähnte "neue
Geburt" eingeleitet hat und diese Heilung über viele Jahre anhält.
Die Frage nach dem Fallverlauf
Die Verlaufsbeobachtung ist geradezu ein Fachgebiet Masis. Hier nur die hauptsächliche Aussagen aus seinen
Ausführungen: Heilung bedeutet eine Beruhigung der psorischen Problematik. Der Nux-vomica-Mensch muss im Heilungsverlauf
notwendig nochmals psorische Ängste zumindest vorübergehend durchleben, was zunächst als eine psychische
Verschlechterung erlebt wird. Wird in einem anderen Fall die psorische Angst durch die Wahl des falschen Mittels
(Unterdrückung durch das Simile) nicht beruhigt, geht der Heilungsverlauf in eine andere Richtung. Der fehlgeleitete
Heilungsverlauf führt zu einer Egotrophierung. Der Patient hat in diesem Fall plötzlich sehr genaue Vorstellungen von
Recht und Ordnung, er ist in dieser Frage enorm durchsetzungsfähig und spielt sich als Chef auf. Alles Eigenschaften,
die in unserer Gesellschaft positiv bewertet werden, für Masi aber das Gegenteil von Heilung bedeuten. Heilung hat sich,
wie gesagt, dem Joch der psorischen Problematik zu beugen. Die Konsequenz dieser Vorstellung lautet: Die meisten
Homöopathen beurteilen Pseudogesundheit (Egotrophie) als Gesundheit, da - so eine gängige Interpretation der
Hering-Regel - die Heilung mit einer "Besserung auf psychischer Ebene" beginnt.
Damit dürfte klarer geworden sein, was der zunächst etwas "dunkle" Titel dieses Artikels sagen will: Homöopathie - so
der methodische Ansatz von Masi - bietet einen arzneilichen Zugang, die Daseinsangst mit Hilfe klar und systematisch
aufweisbarer Mittel zu regulieren: das meint das Wort "Bedieneroberfläche". Im wesentlichen besteht der Heilungsvorgang
aus der Beruhigung jener Angst, die beim (kollektiven wie individuellen) Heraustreten des Menschen aus der Gesamtheit
der Schöpfung entsteht. In der christlichen Tradition fällt in diesem Zusammenhang das oft missverstandene Wort
Erbsünde. Im ostasiatischen Raum entspricht dieser Gedanke dem Begriff des Karma.
Literatur
RAL Hahnemann Samuel, Reine Arzneimittellehre, 4. Nachdruck, Heidelberg 1989, Band 1
ST Thomas von Aquin, Summa Theologica, Die deutsche Thomas-Ausgabe, Band 1
DDS Chevalier/Gheerbrandt, Dictionnaire des Symboles, Laffont, Paris 1982
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