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"Die Philosophie stellt eben alles bloß hin, und erklärt und folgert nichts. - Da alles offen daliegt, ist auch nichts zu erklären. Denn was verborgen ist, interessiert uns nicht." Ludwig Wittgenstein (1)
Inhalt: Zusammenfassung, Allgemeiner Teil Spezieller Teil Abschluss, Literatur
Zusammenfassung Dem eher naturwissenschaftlich-philosophisch orientierten Erkenntnisansatz mit seinem Exaktheitsprogramm wird das Konzept der «Normalen Sprache» entgegengesetzt. Homöopathische Symptome haben darin einen Doppelcharakter: Einerseits wollen sie Ausdruck von etwas sein (von Krankheit oder Arznei), andererseits, so ergibt die sprachkritische Analyse, weisen sie diesem Erkenntnisanspruch durch ihre sprachliche Verfasstheit als Tropen (Sprachfiguren) zurück. Diesen unschlichtbaren Widerspruch gilt es in der homöopathischen Verschreibung zu entfalten. Stichwörter Exaktheitsanspruch, Sprachspiel, Erkenntnisdilemma. Das Folgende will einem Umstand Beachtung verschaffen, der für die Praxis der Homöopathie einige Bedeutung hat: nämlich die Frage nach dem Umgang mit Sprache. Dieses Thema ist für die Homöopathie darum von doppelten Interesse, da sie ja nicht nur mit umgangssprachlichen Aspekten in Patientengespräch und Anamnese zu tun hat, sondern diese dann in einem zweiten Schritt auf schriftliches Sprachmaterial, die Prüf- und Heilsymptome, beziehen muss. Die Homöopathie hat also mit Sprach- und Zeichenmaterial verschiedener Varietäten zu verfahren und darum ist die Anverwandlung von Text und Rede auch zentral für das homöopathische Geschäft. Da jeder von uns mit mindestens einer Sprache natürlich vertraut ist, mag die Problematisierung von Sprachprozessen überflüssig erscheinen, denn jeder kann doch mit Recht angeben, dass er ein sprachkompetenter Sprecher seiner Muttersprache ist! Und mit Recht gehen die meisten im Alltag mit Sprache ganz unbekümmert um. - Aber was in der Alltagspraxis der Sprache noch ohne Probleme durchgeht, so sei die These hier, kann im komplexeren homöopathischen Setting Grund für verwirrende Missverständnisse sein. Der Ansatz, der hier zu diesem sprachkritischen Zweck zum Anschlag gebracht wird, ist der Ansatz der Philosophie der normalen Sprache, der sich u.a. dem "späten" Ludwig Wittgenstein verdankt, und auf ihn wollen wir uns auch im wesentlichen beschränken. Damit ist notwendig schon eine Vorentscheidung gefallen, nämlich die, welches Redesystem zur Darstellung des empirischen Gegenstandes Homöopathie hier zur Anwendung kommt. Der sprachkritische Ansatz ist nur einer von anderen möglichen Ansätzen und keineswegs der privilegierte. Es ist aber Eigenschaft des Sprechens, dass der Sprecher sich erst in eine Position selbstnötigen muss, damit in seiner Rede Welt auf darstellungsspezifische Weise aufgeht. Das besondere Leistungsvermögen der Theorie der normalen Sprache scheint uns zu sein, dass einige die Homöopathie angeblich betreffenden philosophische Probleme überflüssig gemacht werden - "Eine ganze Wolke von Philosophie kondensiert zu einem Tröpfchen Sprachlehre" - so ein Diktum Wittgensteins.
Die Sprache ist nicht Abbild der Welt Die Philosophie der normalen Sprache stellt die Sprache und ihre Beziehung zur Welt in ihren Mittelpunkt. Wo knüpft die Sprache an die Welt an? so fragt Wittgenstein. Im philosophischen Werk des Österreichers kann man zwei Phasen voneinander trennen, nämlich das Früh- und das Spätwerk. Gilt sein Interesse zunächst noch der Suche nach definierten Wort- und Satzbedeutungen, letztgültigen Verständniskriterien und dem Anspruch der Präzision einer von den Ungenauigkeiten der Alltagssprache gereinigten Logiksprache, so wendet er sich später folgenden Momenten zu: der Beachtung und Beschreibung der Umstände, in denen ein Sprechakt auftritt, der Familienähnlichkeit von Worten und Aussagen, sowie dem tatsächlichen, praktischen Gebrauch der Sprache. In den "Philosophischen Untersuchungen" gibt Wittgenstein dann seinen früheren Standpunkt auf, dass Sprache Abbild der Welt ist und in einer isomorphen Struktur zur Welt steht. Dass ein Wort für ein Ding in der Welt steht, es als Repräsentant gleichsam abbildet und ersetzt, diese Theorie lässt Wittgenstein nur für Benennungen von Dingen mit Eigennamen gelten. Selbst aber bei dem simplen Bezeichnungsvorgang eines Gegenstandes etwa mit dem Wort "Hammer" funktioniert diese Theorie nicht mehr, denn um ein Ding Hammer zu nennen, bedarf es zuvor zum einen einer gedanklichen Ordnungsleistung, sowie zum anderen eines Sozialisationsprozesses. Die erwartete Reaktion auf die Bitte: "Gib mir den Hammer!" setzt unbedingt voraus, dass der Angesprochene 1) weiß, dass es Klassen von Dingen gibt, die sich gemäß abgesprochener Kriterien konstituieren (der Hammer im Beispiel ist ein Element der Wortklasse "Hammer"); 2) das Kriterium kennt, gemäß dem dies Ding sich als Element seiner Klasse ausweist, d.h. er muss in den Sprachhabit einer Sprachgemeinschaft eingeführt sein; 3) schleunigst der Aufforderung nachkommt, sonst muss er eventuell Sanktionen gewärtigen. Wittgensteins Kritik an der alten Zeichentheorie als Abbildtheorie fußt genau auf diesem Umstand: Der bloße gestische Hinweis auf ein Ding wie den Hammer ("Dexis") kann die genannten weiteren Voraussetzungen zum Gelingen eines Sprachaktes gar nicht leisten und kann damit auch Sprache nicht begründen. Dieser Ansatz ist vor allem ein Angriff auf die traditionelle Auffassung, in einem Zeichen oder Wort sei die gemeinte Sache immer präsent. Für Wittgenstein hingegen ist das Wort bar jeder Transzendentalität. Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch im Satz Damit verlässt die Sprachphilosophie die alte Vorstellung von der Sprache als leerer Hülle, die wie ein Gefäß möglichst getreu einen Bedeutungsinhalt zu transportieren hat, ohne dass dabei irgendwelche Verluste oder Veränderungen des vermittelten Sinnes durch diesen Vorgang statthaben. Dies ist allerdings ein Bruch mit einer Grundüberzeugung, die die meisten von uns haben dürften. Es ist doch im allgemeinen Verständnis von Sprache sonst Konsens, dass alle Arten von Aussagen einen stabilen Bedeutungskern vermitteln, unabhängig davon, wie sie formuliert werden. Verständnis bedeutet dann, dass dieser Bedeutungskern vermittels des Ausgesagten selbig beim Empfänger der Botschaft ankommt. Der ausgedrückte Gedanke, das Gemeinte, soll das sein, was dabei wesentlich und invariant ist. Der sprachliche Ausdruck hingegen ist demnach bloße Oberflächendifferenzierung, ein Vehikel des Gedankens. Wittgenstein rückt ab von der Vorstellung, Sprache habe einen solchen referentiellen Charakter. Im Gegensatz dazu ist bei ihm die Bedeutung eines Wortes sein Gebrauch im Kontext derjenigen Lebensform, die diesen Gebrauch etabliert hat. Erst durch die Gepflogenheiten einer Sprachgemeinschaft wird ein Satz verständlich. Damit dreht sich aber die Ordnung der alten Logos-Metaphysik radikal um: Im sprachlichen Zeichenprozess gewinnt das Bezeichnende (Signifikant), also das Zeichen- und Sprachmaterial, die Oberhand über das Bezeichnete (Signifikat), den Gedanken. (2) Die Sprachspiele sind Teil einer Lebensform Für Wittgenstein, der selber gestrenger Volksschullehrer war, ist Spracherwerb wie Sprachpraxis ein habitueller "Abrichtungsvorgang" (3). Er deutet die Sprache mit der Metapher der "Sprachspiele": "Das Wort «Sprachspiel» soll hier hervorheben, dass das Sprechen der Sprache ein Teil ist einer Tätigkeit oder einer Lebensform." (4) Wie im Spiel, z.B. dem Schachspiel, werden in den Sprachspielen Wörter durch Konventionen und Regeln festgelegt. "Die Frage: «Was ist eigentlich ein Wort?» ist deshalb analog zur Frage nach einer Schachfigur. Beide setzen zu ihrer Beantwortung ein konventionelles Regelsystem voraus.", und "...das Benennen ist etwas ähnliches, wie einem Ding ein Namenstäfelchen anheften. Man kann das die Vorbereitung zum Gebrauch eines Wortes nennen." (5) D. h., Sprachakte verdanken sich einem Sozialisationsprozess, aus dem heraus sie erst erzeugt oder verständlich werden. Das Brechen dieser Regeln heißt nur, dass jemand gerade begonnen hat, ein anderes Sprachspiel zu spielen. Es gilt: alle Sprachspiele sind gleichwertig, sie liegen wie ein Teppich plan auf der Erde, keines hat mehr Gewicht als die anderen haben. Es gibt mithin also auch keine richtigen und falschen Sprachspiele, da es keine Instanz gibt, die als übergeordnete Systemstelle die Gültigkeit einer Aussage verbürgt. Das einzige was sich noch beschreiben lässt, ist, ob ein Sprachspiel gängig ist oder nicht gängig. Der Versuch, auf das wie auch immer geartete "Wesen" eines Wortes zu verweisen, ist damit obsolet. Wichtig ist nur, wie dieses Wort im Kontext funktioniert. So ist es ein Regelbruch, ein expressionistisches Gedicht beim Bäcker an der Theke vorzutragen und es wird vermutlich nur Unverständnis auslösen. Die grundsätzliche Offenheit der Sprachspiele erscheint zunächst wie ein Mangel, aber dieser "Mangel" ermöglicht erst die Vermittelbarkeit durch die Sprache. Sprache braucht diesen Bedeutungsspielraum, denn Worte wie Sätze sind nicht zum einmaligen Gebrauch bestimmt. Hätten nämlich Sätze ein exklusives eins-zu-eins-Repräsentationsverhältnis zu den bezeichneten Gegenständen, wäre Sprache nicht möglich. Die "private" Sprache der Empfindungen Ein weiterer interessanter Aspekt des Ansatzes ist seine Beurteilung der Ausdrucksgrammatik sogenannter innerer Vorgänge. Was tun wir eigentlich, wenn wir Gefühle und Empfindungen äußern? Jedenfalls teilen wir dabei keine Namen (also individualspezifische Benennungen) innerer Gegenstände oder Vorgänge mit. Auch die Aussagen privater Dinge verdanken sich der Allgemeinsprache, dem Verhalten des Sprechers und seiner Umgebung und brauchen den Kontext von nichtsprachlichen Äußerungen. (6) Das berühmte Bild Wittgensteins für die Unmöglichkeit einer Grammatik der Empfindungen ist seine Parabel von den Käfern in der verschlossenen Schachtel. (7) Gesetzt den Fall, jemand wolle über den unsichtbaren Käfer in seiner Schachtel reden, dann wäre doch der Käfer selber für den Bezeichnungsprozess bedeutungslos. Ja, der Käfer in der Schachtel könnte sogar gar nicht existent sein, "da der Inhalt nicht zugänglich ist, ist er irrelevant." Es lässt sich nämlich auch ohne Käfer in der Schachtel über den Käfer trefflich reden. Wittgenstein spricht hier bildhaft von den intramentalen Vorgängen und deren Rolle im intersubjektiven Mitteilungsprozess. Diese sind laut J. Locke, einem englischen Empiristen und entfernten Vorgänger Wittgensteins, "shut up in a private picture gallery". Aber im Gegensatz zu behavioristischen Modellen mit ihren Reiz-Reaktions-Schemata, die der Sinnerzeugung sprachlicher Vorgänge kaum gerecht werden und für die Homöopathie darum nicht brauchbar sind, gibt der normalsprachliche Ansatz einen Zugang zur Bearbeitung von sinngenerierenden Texturen. Denn bei homöopathischen Symptomen handelt es sich nach unserem Dafürhalten nicht um objektivierbare diagnostische Zeichen wie zum Beispiel die Erhebung des Serumwertes von Cholesterin. Befunde wie diese haben nur den Stellenwert eines Signals. Aber selbst bei solchen objektivierenden Befunden wird Bedeutung erzeugt: Die symbolische Beladung des erhöhten Cholesterinwertes, und damit die Transformierung eines Signals in Sinn, macht das Cholesterin dann zum so verstandenen Sorgenfaktor. Die Äußerung eines Gefühls verweist nicht auf einen innerpsychischen Gegenstand. Wenn es diesen gäbe, wäre er schlicht nicht mitteilbar. Das ist beim Kundtun von beispielsweise Schmerzen auch gar nicht notwendig, um eine beabsichtigte Reaktion auszulösen. Das Signum für das Vorliegen von Schmerzen ist, dass derjenige, der sie hat, so handelt, als habe er Schmerzen. Der innere Vorgang ist also nicht konstitutiv für das Sprachspiel Ich-habe-Schmerzen-und-will-getröstet-werden. Vielmehr ist diese Äußerung eine Aktion, die - so die Metapher von Wittgenstein - dem Anschlag auf einem Vorstellungsklavier gleicht. Die Aussage: "Niemand weiß, wie ich leide!" spricht dies als ein Paradox aus. Es ist gleichgültig für die Privatheit der Empfindung des Leidenden, auf welche Weise und wie heftig das Vorstellungsklavier des Angesprochenen mitschwingt. Die Privatheit dieses Vorgangs ist dadurch nicht aufhebbar, denn eine direkte Introspektion ins Gemüt des Anderen unmöglich. Wohlverstanden: Wittgenstein leugnet nicht das Vorliegen und den Stellenwert solcher Empfindungen, Bewusstseinsinhalte sind nicht erledigt für ihn. Nur bestreitet er ihre herkömmliche Rolle für den tatsächlichen Sprachgebrauch. Seine Konklusio: Wir müssen uns darein fügen, dass die Benutzung von Worten, die Empfindungen ausdrücken, einen ganz anderen Stellenwert hat, als Worte, die Dinge in der Welt bezeichnen. Auch Wittgenstein kann also dem Umstand nicht entfliehen, dass Worte immer Worte-von-etwas sind. Er benutzt den Begriff des Zeichens zwar, indem er diesen gegen sich selbst wendet, bleibt ihm aber damit letztlich verpflichtet. Dies sei aber nur am Rande erwähnt, denn worum es uns hier geht, ist, dass Sprechen von innerpsychischen Vorgängen einen anderen Status hat, als Sprechen von öffentlich zugänglichen Gegenständen. Der Satz "Ich habe Schmerzen" und der Satz "Ich habe rote Socken an" gaukeln durch ihre grammatikalische Gleichbehandlung der Worte "Schmerzen" und "Socken" im Satz missverständlich vor, dass es sich bei beiden Zusprechungen um ähnliche Wortklassen handelt. Aber bei Schmerzen und bei Socken handelt es sich um verschiedene Wortgruppen und wenn das unbeachtet bleibt, treten sogenannte Kategorienfehler und damit Unsinn auf. Ein weiteres Beispiel soll die Verwirrung und Missverständnisse, die solche systematischen Kategorienfehler auslösen können verdeutlichen: In dem Satz "Mut ist lobenswert" wird einem Allgemeinbegriff ("Mut") suggestiv durch das Verb "ist" ein Prädikat zugesprochen. Der Allgemeinbegriff wird in der logischen Form des Satzes behandelt wie ein realer Gegenstand. Die "Verwirrung" besteht hier also darin, dass die grammatikalische Form des Satzes vorgaukelt, über die Wortklasse der Allgemeinbegriffe könnten ebensolche Aussagen gemacht werden, wie über zugängliche Dinge. So ist dann auch Wittgensteins Aufforderung zu verstehen, diese "inneren" Gegenstände doch als für die Sprachspiele irrelevant wegzukürzen. In der Konsequenz versetzt er damit der Bewusstseinsphilosophie und dem sich der Gewissheit der eigenen Empfindungen selbst verdankende Ich-Bewusstsein einen empfindlichen Schlag. Dies sei aber nur am Rande erwähnt, denn philosophische Konsequenzen der Sprachkritik interessieren uns in diesem Zusammenhang nicht weiter. Für uns hier heißt das, dass selbst der eigene, "innere" Monolog dem öffentlichen Leben geschuldet ist. Die Familienähnlichkeit der Sprachspiele Wie aber baut sich nun das Ordnungsgefüge, demzufolge die Sätze zueinander finden, mit anderen Worten: wie strukturiert und wie verknüpft sich die Rede? Wittgensteins Sprachspiele korrespondieren durch Analogien. (8) Die Frage nach dem "Wesen" einer Sprache löst sich damit auf in die Beschreibung der Verwandtschaftsverhältnisse der Sprachspiele, die die Struktur und die Handhabung einer Sprache bestimmen. "Ich kann diese Ähnlichkeit nicht besser charakterisieren als durch das Wort «Familienähnlichkeiten»; denn so übergreifen und kreuzen sich die verschiedenen Ähnlichkeiten, die zwischen den Gliedern einer Familie bestehen. Wuchs, Gesichtszüge, Augenfarbe, Gang, Temperament, etc. etc. - und ich werde sagen: die «Spiele» bilden eine Familie." Die Differenz zwischen dem Wesen einer Sache, wie die Sprache sie ist, und ihrer Erscheinung ist für Wittgenstein ein metaphysisches Relikt. Die Ergebnisse solcher für ihn überflüssigen metaphysischen Fragen beschreibt er als die "Entdeckung irgendeines schlichten Unsinnes". (9) Sein Programm der normalen Sprache dient darum vor allem dem "Kampf gegen die Verhexung unseres Verstandes durch die Mittel unserer Sprache," indem er spekulative Fragen aus der Philosophie entlässt. "Was ist das Ziel in der Philosophie? - Der Fliege den Ausweg aus dem Fliegenglas zeigen."(10) Abschied vom Letztbegründungsanspruch Schmerzlich vermissen werden einige Homöopathen, dass damit ein philosophischer Letztbegründungsanspruch für die Homöopathie entfällt. Aber die Frage sei erlaubt, was einen solchen Anspruch denn begründen soll. Das alte philosophische Wissens- und Erkenntnisprogramm, das qua allgemeiner Ratio und der Entsprechung von Vernunft und Sein, bzw. Vorrang des "Logos" vor dem "On", verbindliche Aussagen über die Welt abliefern wollte, ist schon länger auf dem Rückzug. Eher schon verweist der Bedarf nach philosophischen Begründungen auf eine Angst, bzw. den Versuch, eine Angst zu meistern: Denn natürlich diente die alte "Episteme" (Erkenntniswissenschaft) der Philosophie wie auch der Wissenschaften als Begründung für eine selbstvergewissernde Garantie des eigenen Tuns. Diese alte Episteme trug Sorge, das Spiel der Elemente (die Tatsachen in der Welt und die ihnen entsprechenden Sätze über diese Tatsachen) in den Regeln einer festen Formtotalität zu bändigen. Stattdessen eröffnen wir nun das Spielfeld der frei flottierenden Zeichen, die es aber angemessen zu beschreiben gilt.(11)
Das homöopathische Textinventar Nun wären die sprachkritischen Grundlagen geschaffen, sich deskriptiv der Homöopathie zu nähern. Welche Regel- und Konventionssysteme regieren die Homöopathie? Im wesentlichen sind zwei Textgruppen miteinander nach ihrer Ähnlichkeit verwoben: die Prüf- und Heilprotokolle, im folgenden kurz Prüfsymptome genannt, sowie die Krankheitszeichen der Patientenprotokolle, kurz Patientensymptome. Grundsätzlich gilt, dass das Regelsystem der Homöopathie recht locker geknüpft ist. Regeln brauchen eben nicht alles zu regeln, damit ein Spiel laufen kann. So ist beim Fußball z.B. auch nicht geregelt, wie hoch der Ball gespielt werden darf. (12) Die Formenvielfalt, die in der Homöopathie tatsächlich herrscht, scheint die Lockerheit ihres Regelwerks zu bestätigen. Und ist es nicht eine passende Beschreibung, wenn man die Homöopathie mit einem solchen Ballspiel vergleicht, das Menschen ausführen, die sich damit unterhalten, "...so zwar, dass sie verschiedene bestehende Spiele anfingen, manche nicht zu Ende spielten, dazwischen den Ball planlos in die Höhe würfen, einander im Scherz mit dem Ball nachjagen und bewerfen, etc. Und nun sagt Einer: Die ganze Zeit hindurch spielen die Leute ein Ballspiel, und richten sich daher bei jedem Wurf nach bestimmten Regeln." Wäre die Homöopathie nicht auch ein solcher Fall von "make up the rules as we go along"? - bei ebenso invarianten Vorabsprachen, wie bei dem besagten Ballspiel?(13) Den hier so genannten Invarianten der Homöopathie wollen wir uns jetzt im einzelnen annähern. Die Prüfprotokolle Eine Absprache bändigt die Protokolle zum Text Die Symptomsammlungen der Arzneiprüfungen, der Vergiftungen sowie die Heilsymptome sind ohne Zweifel - wie die Patientenprotokolle - Texte, da sie sich einer einzigen, ihre innere Verbindung garantierenden "Autorschaft" verdanken. Die Autorschaft, die die heterogenen Prüfer und ihre Symptomreihen aufeinander bezieht, ist die Prüfsubstanz selber. Die Prüfsubstanz verbürgt die innere Kohärenz des sonst disparaten Symptommaterials. Ohne die Abmachung, dass sich die verschiedenen Symptome einem Mittel verdanken, würde die Homöopathie keinen Sinn mehr machen. Insofern verweisen die Symptome alle zeichenhaft als Signifikanten (Bezeichnendes) auf ein Signifikat (Bezeichnetes), die Arznei. Die Symptome sind Zeichen von der Arznei. Diese Absprache ist schlicht nicht hintergehbar, ohne die Homöopathie dabei aufzugeben, da dieses Entsprechungsverhältnis (Symptome - rühren - von - Arznei - her) die Möglichkeitsbedingung der Prüfung und darüberhinaus der Behandlungsmethodik ist, mit deren Hilfe die Homöopathie seit 200 Jahren leistungsfähig ist. Die Aussage, die Symptome seien Zeichen der Arznei gemäß einer Absprache heißt aber nichts als: die Symptome sind fiktionale Zeichen, denn das Referenzverhältnis verdankt sich nur einer willkürlichen Konvention. Kein Homöopath könnte ernsthaft behaupten, die dynamisierte Arznei würde substantiell (in beiderlei Wortbedeutung) die Symptome auslösen. Aber der Umstand, dass die Arznei nicht substantiell anwesend ist in der Symptomatik, berührt auch das praktische Funktionieren der Homöopathie gar nicht und kann sie in ihrer Faktizität nicht bedrohen. Denn gemäß dieser Absprachen hat sich diese Heilmethode seit geraumer Zeit praktisch bewährt. Ein lebensweltliches Phänomen wie die Homöopathie ist eben spekulativ weder begründbar, noch abschaffbar. Dank der Sprachkritik kann also die Vorstellung verlassen werden, das Symptom wäre der Wesensausdruck der Arznei, denn das Symptom ist nicht einmal objektivierbarer Repräsentant der Arznei. Für das Gelingen der Sprachspiele, mit denen wir es hier zu tun haben, ist dieses Arzneiwesen nebensächlich, und darum kann es vernachlässigt werden. Das Begehren nach Verwissenschaftlichung Nehmen wir den Gedanken aber von der Prüfung als textuelles Gebilde nochmals auf: Wie kann sich der Leser die Prüftexte verstehend machen? Des weiteren, kann dieser Verständnisprozess erkenntnismäßig verwissenschaftlicht werden, und sind solche Verstehensvollzüge am Sprachmaterial der Prüftexte als allgemeinverbindlich ausweisbar? Es wäre doch beruhigend, Erkenntnisse aus diesen Vollzügen zu gewinnen, auf die sich fest bauen ließe. Bei den Prüftexten handelt es sich doch um Aussagen zu empirischen Sachverhalten - lässt sich daraus nicht etwas wie eine systemtranszendente Verankerung dieser Aussagen ableiten? All diese Fragen muss man mit einem klaren Nein beantworten. Denn anders als in den positiven Wissenschaften, deren Aussagen so gefasst sein müssen, dass sie in der "Realität" - besser: in der experimentellen Situation unter einer bestimmten Fragestellung - als ihrem Aussagen-jenseitigen widerauffindbar sein sollen, gibt es im Falle der Symptomsammlungen nichts, was diese intersubjektive Verbindlichkeit einforderbar macht. Gerade die für die Homöopathie und ihre Methodik so wichtigen Gemütssymptome - das ergibt sich aus dem oben zur Grammatik der Empfindungen Gesagten - verdanken sich nicht einem irgendwie isolierbaren Gegenstand, auf den sie verweisen, sondern dem Habitus einer Sprachgemeinschaft. Und auch die in den Protokollen verzeichneten Träume benennen nicht die so kenntlich gemachten intimen Traumvorgänge. Ein Traumprotokoll ist stattdessen ein sich bestimmten Redekonventionen verpflichtender Sprachakt. Symptome sind nicht sprachliche Abbildung der Arzneikraft Damit sind wir bei einem allzu offenen Problem. Wenn sich Sprechen den aktuellen Umständen verdankt, wie soll man die Symptome aus den z.T. 200 Jahren alten Prüfprotokollen ohne eine Leseanleitung mit erklärenden Hinweisen zu den Rahmenbedingungen verstehen? Wo knüpft die Sprache der Probanden an unsere Welt an? D. h. nicht, dass das Sprachmaterial der Symptomsammlung eine völlige Beliebigkeit aufweist, denn es wäre sonst ja auch nicht kontextuell verständlich. Aber die Vorstellung, es handele sich bei den Prüfsymptomen um so etwas wie stabile Elemente, die in einer logischen Entsprechung zu Elementen der Welt stünden, muss aufgegeben werden. Ein Beispiel soll dieses Problem veranschaulichen: "Es wird ihm heiß in der Wohnstube." (14) Dieser Satz kann auf viele Arten interpretiert werden - als Auswahl sollen folgende reichen: 1) Als einfache Feststellung, weil der Proband zunehmende innere Wärme spürt. 2) Als indirekte Bitte, weil der Proband das Fenster geöffnet haben will. 3) Als ironische Aussage, wegen der zunehmenden Kälte im Raum und dem Geiz des Inhabers. 4) Als metaphorische Äußerung - es liegt ein hitziger Streit in der Luft. 5) Als ironische Metapher - wegen eines langatmigen, theorielastigen Artikels. Die Bedeutung dieses Symptomes ist nur kontextspezifisch entscheidbar - ansonsten gibt es einen sehr weiten Spielraum, innerhalb dessen Verstehensspielregeln Gültigkeit haben. Damit ist das Exaktheitsideal der Symptome in den Arzneisammlungen extrem relativiert. Symptome sind nicht die sprachlichen Abbilder der Arzneikraft. Das zwischen Bezeichnendem und Bezeichnetem Bedeutungsselbigkeit vorliegt, gilt nur für stark formalisierte Sprachen wie die der Mathematik, der formalen Logik etc. Ein Programm der Sprachreinigung der Alltagssprache, um zu ähnlich formalisierten Symptomsammlungen zu gelangen, müßte jedoch an den Gegebenheiten der Normalsprache scheitern. Aus dieser Sicht sind alle Versuche, den alltagssprachlichen Texten der Homöopathie systematisch Logiksprachen oder mathematische Formeln überzustülpen, grober Unfug. Die Figuralität der Symptome Ein angemesseneres Modell zur Beschreibung der Symptomsammlungen ist dann schon eines, dass der Literaturwissenschaftler Paul de Man für die Beurteilung literarischer Texte vorschlägt (15). In der Umkehrung der etablierten Vorstellung, die Autorität der Sprache gründe in ihrer Übereinstimmung mit einem außersprachlichen Referenten, spricht er von der Priorität der Sprachfigur, der Trope. Sprache bestimmt sich für de Man durch die innersprachlichen Bezüge ihrer rethorischen Bestände, die immer nur auf sich selbst verweisen. So betrachtet wäre das Patientensymptom also eine Sprachfigur, das der Homöopath auf eine andere Sprachfigur, das Prüfsymptom, nach den Regeln der Familienähnlichkeit bezieht. Umfang der Prüfungssymptomatik versus Unterscheidungswert der Zeichen Was kann man zum quantitativen Umfang der Prüfprotokolle sagen und was heißt es, wenn ein Arzneimittel nur "schlecht" geprüft ist, also nur wenige Symptome vorliegen? Grundsätzlich entscheidet der Code einer Sprache, also die Regulation am Zeichenbestand und -umfang, über die Anwendbarkeit dieser Sprache. Eine Sprache mit unendlich großen oder mit sehr beschränkten Zeichenpool ist nutzlos. Ein Bedeutungssystem funktioniert nur auf der Basis diskreter Quantitäten, in einem unendlichen Zeichenbestand gäbe es keine distinktive Originalität mehr. Gesetzt den theoretischen Fall, ein Arzneimittel würde maximal geprüft, könnte die Symptomsammlung nie abgeschlossen werden, denn es kämen immer neue Zeichen hinzu; es würden tendenziell Prüfsymptome für jeden möglichen Krankheitsfall auftreten, d.h. das Arzneimittel avancierte zum privilegierten Allheilmittel, was absurd wäre. Ein numerisch ärmeres Zeichensystem von diskreten Elementen ist dagegen logisch reicher! Die o. g. Extreme des Codebestandes einmal ausgeschlossen, entscheidet also nicht der Umfang der Symptome über die Verwertbarkeit der Prüfung. Wichtiger ist der Unterscheidungswert der Sprachspiele in den Prüfungen; und diejenigen Sprachspiele haben einen höheren Unterscheidungswert, die Aussagen über Modalitäten ihrer Entstehung machen. Die Theorie der normalen Sprache stimmt auch hier mit den Erfahrungen in der Homöopathie überein, indem sie nämlich die Symptommodalitäten als entscheidend für das Gelingen des Sprachaktes ansieht. Darum wäre es auch aus dieser Sicht ein lohnendes Projekt, wenn sich die Homöopathie dazu durchringen könnte, solcherart komplexe Symptome aus der umfangreichen Literatur dieses und des letzten Jahrhunderts systematisch zugänglich zu machen. Das Repertorium Aus den oben gemachten zeichentheoretischen Erwägung folgert also erstens, den Umfang der zur homöopathischen Verschreibung führenden Symptome so gering wie möglich zu halten, da sonst sogenannte Polychreste immer dominieren und zweitens, als wesentliches Kriterium der Mittelwahl die Symptommodalitäten zu beachten. An dieser Stelle kann man auch etwas zum Repertorium sagen: Ein Sprachspiel ist nur als ganzes zu erfassen, denn ein Satz ist nicht der Repräsentant eines empirischen Sachverhaltes, der sich in seine einzelnen Elemente atomisieren lässt, die dann den einzelnen Dingen der Welt entsprächen. Dies wäre nur dann der Fall, wenn die logische Struktur der Welt derjenigen der Alltagssprache entspräche, was jedoch nicht der Fall ist. Symptome aufteilen heißt, sie zu zerstören. Vom Prinzip her zerhackt das Repertorium die Eigenart eines Symptomsatzes, und macht ihn damit unkenntlich. Das Repertorium hat also nur die Funktion, eine Spur auffindbar zu machen, die dann zum ausführlichen Originalsymptom mit vollem Unterscheidungswert verfolgt werden muss. Die Patientenprotokolle Die Symptome der Patientenprotokolle, so kann man doch wenigstens sagen, sind unmittelbar aus der Gesprächssituation verständlich, wenn man nur lange genug nachfragt. Aber ist diese Hoffnung berechtigt? Die Patientensymptome sind genau wie die Prüfsymptome niemals gänzlich abschließbar. Jeder Homöopath kennt die Situation, dass selbst nach einem längeren Anamnesegespräch erst am Ende das wahlentscheidende Symptom fällt. Die Patientensymptome verdanken sich aber der unmittelbaren Rede, der Sphäre des gesprochenen Wortes. Und es ist eine Eigenart der gesprochenen Rede, dass sie vorgibt, gewissermaßen zur Sache selbst vordringen zu können. Das Wohlwollen der Beteiligten vorausgesetzt, kommt in der Rede, so die allgemeine Auffassung, der Mitteilungsprozess zu seiner Erfüllung. So korrigiert sich der Sprachfluss gemäß seinen Bedürfnissen und Zielen, bis alle Beteiligten zufrieden oder erschöpft sind. Doch auch hier ist Misstrauen angemessen: Zufrieden wird der Arzt zum Beispiel dann sein, wenn ein Symptom in seinem "Vorstellungsklavier" die passende Taste anschlägt - diese kann aber bei einem anderen Arzt auch eine andere sein. Damit schafft das Patientenprotokoll wegen der prinzipiellen Offenheit der Sprachspiele andere Ergebnisse als das Prüfprotokoll. Andererseits sind im Patientenprotokoll die Sprachspiele in einer einheitlichen Situation einreguliert, Arzt und Patient stellen sich aufeinander ein. Der Patient kann zu Recht erwarten, dass seine Symptomatik Aufmerksamkeit erfährt, der Arzt, dass der Patient ihm nichts vorenthält. Die Prüfsymptome sind hingegen Ergebnis einer heterogenen Anzahl solcher Einregulierungen auf Sprachspiele und gehorchen daher einem weniger homogenen Regelwerk. Jeder Sprechakt ist grundsätzlich unabschließbar Selbst banale Gesprächssituationen beinhalten eine letztlich unüberschaubare Informationsvielfalt auf verschiedenen Kommunikationsebenen, die aber, damit ein Sprachakt funktionieren soll, nicht im einzelnen ausgeschöpft und verstanden werden muß. Jeder komplexe Sprachakt hat diesen Aspekt der grundsätzlichen Unabschließbarkeit von Sinnerzeugung. Wie jeder andere wird der homöopathische Arzt nur solche Sprachspiele verstehen können, für die er selber offen ist oder in die er eingeführt worden ist. Mehr noch: da es für den Homöopathen wichtig ist, zu unterscheiden, ob Sprachspiele eigentümlich sind oder nur banal, muss er unterrichtet sein, welchen Stellenwert ein Sprachspiel in diesem Sinne hat. Differieren Arzt und Patient kulturell zu stark, wird fraglich, ob sie die gleiche Sprache sprechen, und Missverständnisse sind vorprogrammiert. Hierarchisierung Die Methode der Hierarchisierung bekommt vor dem Hintergrund der Sprachspiele auch einen anderen Sinn: Kein Symptom sagt mehr über die Erkrankung aus als ein anderes, aber funktional können sie sich schon unterscheiden: Das Symptom mit dem höheren Differenzierungsgrad gibt im Spiel der Analogie am Ende die besseren Ergebnisse. Unorthodoxen Sprachspielen sollte der Vorzug vor gewöhnlichen Verlautbarungen gegeben werden. Das Setting der "freischwebenden Aufmerksamkeit" Ein für die Homöopathie interessanter weiterer Aspekt ist die Tatsache, dass die Patientenbefragung ein Setting schafft, in dem gewisse Sprachspiele erlaubt sind, die ansonsten sanktioniert werden. Der Patient kann und soll seinen Symptomschilderungen in der Art seiner Erlebnisweise freien Lauf lassen. Patienten, die von dieser Offenheit profitieren, weil sie diese ansonsten vermissen, wird dies Entlastung bringen. Die Anamnese liberalisiert also die üblichen Kommunikationsregeln, so dass in ihr ansonsten unangemessene Sprachspiele erlaubt sind. Patienten, die sich sonst einem rigorosen Zwang unterwerfen, können sich einmal gehen lassen. Da die Symptome des Patienten nicht als die Bedeutungsträger der dahinterliegenden Krankheit gewertet werden müssen, und da der Homöopath eine solche Krankheitsermittlung in Bezug auf den Patienten anwendet, der eine beiderseitige Offenheit zugrunde liegt, entsteht ein kommunikatives Feld der Unbestimmtheit, das u.a. konstituierend für die Erfolge dieser Methode ist. Dies heißt aber, dass schon die für die Homöopathie typische Kommunikationssituation in ihrer Offenheit ein Teil des Heilergebnisses bewirkt. Wenn also am Ende der Anamnese die lebendige Rede in eine graphische Textur verwandelt worden ist, sollte man nicht annehmen, in dieser wären Dinge präsent, z. B. die Symptome ständen für die Krankheit. Wie schon gesagt: Wer meint, das Zeichenmaterial der Symptome trete an die Stelle der Krankheit und mache dabei Platz für das was es vertritt: die Krankheit - wer also meint, dass sich das Bedeutende im Hinweis auf das Bedeutete selber tilgt, unterliegt aus sprachkritischer Sicht einem folgenschweren Irrtum. Denn auf diese Weise wird die fundamentale Beteiligung des Sprachprozesses unsichtbar gemacht, obwohl dieser Sprechvorgang es allein ist, der die Sinnerzeugung generiert. Die Familienähnlichkeit der Sätze In der Vorstellung der hier attackierten traditionellen Zeichentheorie werden beim Zeichen- und Sprachprozess Ersetzungsverhältnisse durch Repräsentationsketten erzeugt. Bei Sprache ginge das etwa so vonstatten: Wahrnehmbares (z.B. das Objekt Auto) führt zur intramentalen Vorstellung und Bestimmung, das führt zur Verlautbarung oder Verschriftlichung. In der Homöopathie sähe das verkürzt so aus: Krankheit führt zu Krankheitszeichen, diese zu den Prüfzeichen , die wiederum die Prüfsubstanz repräsentieren. Wie beim Sprechakt muss der Ersetzungsweg umkehrbar sein, um eine Heilung auszulösen. Würde man nach der traditionellen Zeichentheorie verfahren, hätte man bei der radikal differierenden Erzeugung beider Sprachmaterien große Probleme, stabile Bedeutungsähnlichkeiten zwischen Patienten- und Prüfsymptomen herzustellen. Eine Paarbildung wäre damit faktisch unmöglich. Die Zeichenkette etabliert sich auch ohne Exaktheitsideal Das Problem verschwindet aber, wenn man die Zeichenkette im Sinne der Theorie der normalen Sprache formuliert, dann bleibt nur noch: Patientensymptom führt zu Prüfsymptom. Da bei beiden der ersetzte Gegenstand außerwesentlich ist, kann man ihn auch wegstreichen. Es sind nämlich nicht irgendwelche Tatsachen der Gegenstand der Analogie, sondern Sprachmaterial bezieht sich auf Sprachmaterial. Damit ist aber auch der Objektivierungszwang zu nach bestimmten Kriterien zu erhebenden Arzneisymptomen erledigt: Symptome können niemals wie konkrete Dinge angesehen und erzeugt werden. Dies muss auch kritisch gegen all diejenigen vorgebracht werden, die meinen, eine Verwissenschaftlichung von Prüfprotokollen könnte die beabsichtigte Exaktheit der Symptome erzwingen. Das so angestrebte Exaktheitsideal erweist sich unter normalsprachlichen Aspekten als Illusion. Bei solchen Projekten erhält man am Ende nur untaugliche Symptomtorsi, bei denen vor allem die Eigenheiten abgeschliffen sind, womit dann das Entscheidende verloren ist. Das "Simillimum" Bei der Analogie von Prüf- und Patientensymptom kann es sich nicht um Bezugsähnlichkeit handeln, Prüf- und Patientensymptom beziehen sich nicht auf einen ungefähr ähnlichen Gegenstand, 1) weil sich beide nicht auf einen ähnlichen, sondern auf keinen Gegenstand beziehen; 2) wenn beide sich auf einen Gegenstand bezögen, müsste es genauso viele Prüf- wie Patientensymptome geben, was faktisch nicht vorliegt und auch nicht vorliegen muss. Damit fällt aber die liebgewonnene Idee vom "Simillimum" weg. Das allen anderen überlegene, "endgültige" Arzneimittel offenbart sich als Illusion. Die Arzneigabe als Zug in einem Spiel Das Konzept der Strukturierung von Sprachspielen berücksichtigt den selbstbezüglichen Charakter von Satzfiguren. Denn Sprachspiele verknüpfen sich über die Familienähnlichkeit von Wort- und Satzaussagen. D.h. wir haben es bei dem homöopathischen Ersetzungsvorgang «Patientensymptom führt zu Arzneisymptom» mit der In-Verwandtschaft-Setzung von ähnlichen Sprachspielen zu tun. Die Sprachspiele des Prüfers und die des Patienten beziehen sich zwar nicht auf einen ähnlichen, inneren Gegenstand, aber beim Anwenden der Arznei wird sich zeigen, ob das Sprachspiel glückt, also ob sich die vermutete Familienähnlichkeit von Prüf- und Patientensymptom bestätigt. Die Gabe des homöopathischen Mittels ist wie der Zug in einem Schachspiel: erst die Reaktion des Mitspielers erweist, ob der Zug erfolgreich war. Das bedeutet übrigens, dass das Resultat dieses Spielzuges, das Ergebnis der Arzneigabe also, nicht mit "a priori"-Gewißheit voraussehbar ist. Dem Postulat der "a-priori-Gewißheit" in der Heilung scheint so gesehen ein ähnlicher Irrtum zugrunde zu liegen, wie ihm derjenige unterliegt, der zur Überprüfung der Richtigkeit einer Zeitungsmeldung in einem zweiten Exemplar derselben Zeitung nachliest, ob dort dasselbe steht. Für die sprachkritische Position, um in der Metapher des Schachspieles zu bleiben, heißt es dagegen: Ein starker Zug kann in einer Schachpartie gegen einen schwachen Partner einen anderen Erfolg ergeben, als es der gleiche Zug gegen einen stärkeren Partner tut. Beim homöopathischen Prozeß der Arzneifindung handelt es sich also um einen Vorgang, der viel Ähnlichkeit mit einem performativen Sprachakt hat: der Patient bietet ein Symptom an und der Arzt handelt, indem er eine passende Antwort gibt. Die Korrespondenz dieser Handlungen erweist sich a posteriori, da selbst bei einer hohen Übereinstimmung der Tropen (der Patientensymptome einerseits, der Prüfsymptome andererseits) erst das Ergebnis dieser Korrelation das Gelingen bestätigt. Doch selbst das einmalige Gelingen dieses Vorgangs heißt nicht, dass die gefundene Symptompaarung immer erfolgreich sein wird. Ein einmal gelungener Spielzug scheitert beim zweiten Versuch vielleicht schon wieder. Das Sprachspiel hat im ersten Versuch gepaßt, nicht aber im zweiten. Der Vorwurf der Beliebigkeit Einer letzten Frage kann man nicht ausweichen, denn sie scheint unvermeidlich: Wenn alle Sprachspiele den gleichen Rang haben und wenn alle Symptom-Kombinationen zunächst die gleiche Geltung haben, wird dann nicht der erkenntnistheoretische Anspruch auf die Verbindlichkeit oder Gültigkeit der homöopathischen Verschreibung aufgegeben? Denn wenn die Sprache ein so planes Feld ist, dann erlaubt sie unendlich viel Substitutionen und Ersetzungsverhältnisse, da es kein Zentrum gibt, was diese Substitutionen begründet oder eben aufhält. Wie kann man diesem gähnenden Abgrund der Beliebigkeit entkommen? Als Lösungsvorschlag soll das folgende Gedankenspiel dienen: Unter dem Gesichtspunkt der Sprachlichkeit ist der Autor eines Textes eine Sprachfigur, mit der sich keine Gewähr für die Substantialität seiner Bedeutung verbinden lässt. Diesem fiktionalen Subjekt korrespondiert kein Substrat jenseits der Sprache. D.h. für uns, dass der fiktionalen Krankheit (den Patientensymptomen) und der fiktionalen Arznei (den Prüfsymptomen) kein Substrat jenseits dieser Symptome im Subjekt entspricht. Dadurch entsteht allerdings ein gedankliches Paradox: die hier von einem Subjekt, dem Autor dieses Textes, gemachte Behauptung der Illusion und der Unwahrheit des Subjekts, behauptet für sich selbst den Anspruch auf Wahrheit. Indem also die Sprache, die das Subjekt entwertet, sich selbst zum Zentrum macht, rettet sie das Subjekt im selben Augenblick. Das Subjekt kann als Subjekt nur bestehen, wenn es sich in den Text verschiebt, wenn es sich in den Text verwandelt. Wie hier exemplarisch vorgeführt, denken wir uns den Geltungsanspruch der homöopathischen Sprachspiele: Als eine der Fiktion des Selbst verpflichtete Rettung des Selbst, allerdings eines Selbst, dass nur als unvermeidliche Sprachfigur überlebt.
Die in der Homöopathie zur Verwendung kommende Rhetorik der Tropen, d.h. der Symptomkonfigurationen, unterscheidet sich von sogenannten objektiven Sachverhalten durch mindestens zwei in sich widersprüchliche Merkmale: einerseits beharrt diese auf einem Erkenntnischarakter, indem ein bestimmtes Krankheitsverständnis in ihr zum Ausdruck kommt, andererseits suspendiert sie den epistemologischen Status ihrer figurativen Aussagen und straft damit alle Erkenntnisansprüche Lügen.(16) Dies hat beunruhigende Konsequenzen für die allgemein vorherrschende Auffassung, es sei möglich, die Rede eines anderen verbindlich und richtig zu verstehen. Diese Beunruhigung ist jedoch nicht zu schlichten, es sei denn, man fällt hinter die Ergebnisse dieser sprachkritischen Überlegungen zurück, deren Konsequenz diese Beunruhigung ist. Wenn sich aber alle Sprachakte auf die Weise von Spielen ordnen, so ist dieser Text hier auch nur ein weiteres Sprachspiel. Er beansprucht nicht, die Praxis nach seinem Verständnis zu regeln, vielmehr entlässt er die Welt aus seiner Botmäßigkeit. Anmerkungen Wittgenstein 1993, Nr. 126, S.303. Derrida 1992, darin: die Struktur, das Zeichen und das Spiel im Diskurs der Wissenschaften vom Menschen, S.422 ff. Wittgenstein 1993, Nr. 206, S. 346 ff. a.a.0., Nr. 23, S. 250 a.a.O.: Nr. 26, S. 251 a.a.O.: Nr. 246, S.357 ff. a.a.O.: Nr. 293, S. 373 a.a.O.: Nr. 65, S. 276 ff. a.a.O.: Nr. 119, S.301 a.a.O.: Nr. 309, S. 378 vergl. Derrida, 1992, S.422 ff Wittgenstein, 1993, Nr. 68, S. 279 a.a.O.: Nr. 83, S. 287 Janssen, 1995, darin: Mones, A., Text ungleich Text, S. 201 vgl. de Man, 1988, darin: Rhetorik der Tropen, S.146 ff. vergl. a.a.O., darin: Hamacher, W., Unlesbarkeit, S. 7 ff. Literatur Austin, J. L.: Zur Theorie der Sprachakte, 2. Aufl., Stuttgart, 1979. De Man, P.: Allegorien des Lesens, Frankfurt am Main, 11988. Derrida, J.: Die Schrift und die Differenz, Frankfurt am Main, 51992. Janssen, P.: Philosophie der Unverbindlichkeit, 1. Aufl., Würzburg, 1995. Wittgenstein, L.: Philosophische Untersuchungen, Werkausgabe Band 1, Frankfurt am Main,91993. Autor Christoph Weihe, Dürener Str. 320, 50935 Köln
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