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Christian Gallasch

 

Jean - Luc Gareaudy: Ein Referenzsystem für die Homöopathische Praxis

Zusammenfassung - Seinsebenen
Krankheitslehre
Diagnostik
Literatur 

Zusammenfassung:

Zu allen Zeiten der Homöopathie hat es die Frage nach einem zuverlässigen Referenzsystem gegeben, meist jedoch unreflektiert. Gareaudy versucht in einem umfassenden Entwurf, die bisherige abendländische Geistesgeschichte zu bündeln und auf homöopathisches Handeln zu beziehen. Dabei dienen ihm poststrukturalistische, psychoanalytische und ethnologische Substrukturen gleichermaßen als Denklinien, entlang denen er ein multizentrisch-mehrdimensionales Modell von homöopathischer Diagnose (~ Therapie) entfaltet.
Stichwörter
Homöopathie; Mythen; Ontogenese; Ontologie; Metalyse; Rumpelstilzchen.
Vorbemerkung 1:Rahmen dieser Betrachtungen ist das Licht, welches Masi-Elizalde auf die Hahnemann´sche Forschung geworfen hat:
Im wesentlichen lassen sich zwei Aspekte erkennen:
1. Lehre von der Primären Psora:
Daraus folgen zwei essentielle Momente:
a. Die Miasmatische Dynamik:
Chance zur Beschreibung der sekundären & tertiären Psora, nachfolgend prägnanteres Verstehen der Dynamik eines Krankheitsverlaufs
b. "Metaphysischer Nukleus"
Erfassen der Primären Psora, i.e. der einzigartigen existenziellen / biografischen Kernproblematik eines Patienten
Es resultiert für Masi-Elizalde schlüssig, dass für die Heilung im Hahnemannschen Sinn ausschließlich das möglichst Ähnliche (fälschlich "Simillimum" genannt), nur idealerweise lebenslang und triftig, zuständig sei.

2. Frage nach Referenzsystem:
Kein (therapeutisches) Handeln kommt ohne metamethodischen Bezugsrahmen / Referenzsystem aus, sei er auch noch so unbewusst; Masi-Elizalde wählte Thomas von Aquin (mangels besserer Alternative oder weil der Aquinat im gymnasialen Bildungsarsenal Argentiniens fest und unvermeidbar verankert ist?)
Die Grundfrage nach dem Referenzsystem ist damit nur unbefriedigend beantwortet. Jeder Homöopath verwendet (leider meist unbewusst) ein dezidiertes Referenzsystem. Es dient im Idealfall als Krücke für eine zuverlässigere Verschreibung.
Bewerten wir die bisherigen Versuche, ein reflektiertes Referenzsystem für die Homöopathie zu definieren, so lassen sich drei Bedingungen formulieren, die ein triftiger, plausibler und praktisch relevanter Bezugsrahmen aufbieten muss:
1. Komplexität, d.h. Vielfalt zulassend bzw. ermöglichend (vgl. z.B. Astrologie)
2. Zugänglichkeit, d.h. Lesbarkeit (auch ohne Theologiestudium....)
3. Mythisches Sprechen (s. Levy-Strauss) Hohes Abstraktionsniveau ohne Verlust sinnesnaher Anschaulichkeit

Vorbemerkung 2:
Das einzige literarische Werk Gareaudy's ist in französischer Sprache geschrieben. In Frankreich ist es seit Jahrhunderten Tradition, dass, wer gehört und gelesen werden will, zunächst gut sprechen, erst in zweiter Linie aber Gutes sprechen muss. So bleibt für den Nicht-Franzosen der Text gelegentlich kryptisch / missverständlich / uneindeutig.

Vorbemerkung 3:
Jean-Luc Gareaudy gilt der französischen Geisteswelt, sowohl innerhalb wie außerhalb der Homöopathie, als "Spinner" - den einen, weil er einen unvermittelten, eigenständigen Weg beschritt, den anderen, weil er innerhalb der Homöopathie keine erkennbare Quellenarbeit betrieb.
Seine "poststrukturalistische Hermeneutik" beruft sich auf keinen Autor ausdrücklich, dafür zwischen den Zeilen auf umso mehr - von Heraklit über Jodophus von Arnheim, James F. Blokewitch oder Hennes Mauritz bis Dürkheim oder J. Derrida - wer die versteckten Anspielungen und Querverweise zu entziffern versteht, findet die ganze abendländische Geistesgeschichte in seine Texte eingewebt.

Der Autor
Geboren 1931 in Besançon, lebt und arbeitet J.-L. Gareaudy jetzt sehr zurückgezogen in St. Malo (Bretagne). Sein Werdegang ist treffend gekennzeichnet durch die klassischen Berufsbilder "Arzt, Psychoanalytiker & Homöopath".
Innerhalb der Psychoanalyse ging er durch die marxistisch-existentialistisch-strukturalistische Schule: Er kannte Sartre, Lacan, Derrida und Guattari, schrieb zahlreiche Aufsätze zur Kontroverse Freud - Jung (sich von beiden abgrenzend) und gründete 1990 die "Societé des Antipsychologistes".
Innerhalb der Homöopathie ist sein Weg nicht so deutlich nachzuvollziehen. Immerhin wissen wir, dass er den greisen Pierre Schmidt noch gekannt hat.
Sein einziges geschlossenes Werk: "Homéopathie metapratique" wurde 1991 veröffentlicht (im selben Jahr erschien das Aufsehen erregende Werk von Deleuze/Guattari: Milles plateaux!).
Das Buch
Der Mensch ist - nach Gareaudy - ein Ensemble verschiedener Seinszustände ("conditions d´être") die sich in Seinsweisen ("modes d´être") manifestieren.
Sowohl die Zustände wie auch die Ebenen der Seinsweisen sind gleichberechtigt / vikariierend.
Daraus ergeben sich folgende strukturellen Betrachtungen:

A: Seinsebenen (~ Raum, ontologisch) und ihre Entwicklungsphasen (~ Zeit), historisch):
1. Seinsebene: Eros des Leibes (eros)
Ihre Entwicklungsphasen:
Oral / anal c genital c organismisch (~ physisch)
2. Seinsebene: Eros der Seele (filia) Ihre Entwicklungsphasen:
Taktil c emotional c rational (~ psychisch)
3. Seinsebene: Eros des Geistes (agaph) Ihre Entwicklungsphasen:
Ich-stark c soziabel c Nächstenliebe ("charité") (~ mental)

Diese Seinsebenen sind zugleich Material, Personal und Kulisse der Seinszustände und Seinsweisen - wie bei einem nackten Schauspieler, der durch die Kraft seines Spiels im Zuschauer die Imagination von Kostüm und Bühnenbild zu erwecken imstande ist, die "metareale Realität" ("Réalité metaréale").


B: Krankheitslehre:
Hier geht es um individuelle Reaktionsformen im Sinne einer "degenerierenden (~ableitenden) Konsekution" ("Die Krankheit zum Tode").
Vorgeburtliche Zäsuren oder Narbenbildungen schließt Gareaudy nicht aus, bekennt jedoch, dazu keine schlüssigen Erkenntnisse zu besitzen. Die fraglichen Prozesse seien jedoch auch in nachgeburtlicher Metamnese ausreichend beschreibbar.

Im Folgenden das "normale" Degenerationsschema einer Krankheitsgeschichte mit den jeweils entsprechenden (~) katalytischen Aggregaten im psychischen Apparat
(Erlebter Zustand bzw. Reaktion ~ analoges Seelensymbol; e = degenerative Abfolge):

Blind (Baby) ~ Hingabee
Traumatisiert (Traumen beliebig) ~ Schmerz (Trauer / Weinen)
e
Kompensation: ~ Triumph- passiv ("totstell")
- aktiv (Kampf)
e
Angepasst ("adapté") (= an die Umgebung fixiert)
~ "Balance-Starre"e
Dekompensation:
- passiv (degenerative / unheilbare Krankheiten)
- aktiv (Alk / Suizid u.ä.)
~ AbsturzAnders gesagt:
Im Erleben schreiten wir von der frühen Blindheit über die traumatisierende Erfahrung des Daseins zu den ersten Kompensationsversuchen; diese werden - je nach Temperament - eher aktiv oder passiv ablaufen; nach einer Übergangsphase der Anpassung (und Schein-Gesundheit) bricht das System zusammen und dekompensiert.
Dieser ontogenetischen Entwicklung entsprechen die "Seelenaggregate" der Hingabe, des Schmerzes, des Triumphs, der starren Balance und des Absturzes.

Aus dem so Entwickelten resultiert Gareaudys Definition von Heilung:
Heilung sei nur denkbar als "regenerierende Metanoia" (~ Umdenken / Umkehr), hin zu einer "sehenden Hingabe", d.h. zu einer metaphysisch überhöhten Heimkehr zum Ausgangszustand ("Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder ...").


C: Semantik (Verständigung über sich selbst)

In diesem Fragekontext befinden wir uns zwischen drei einander überkreuzenden Polaritäten:
1. Konkret ... metaphysisch Im Kontext semantischer Reflexion müsste hier eher von "konkretistischem und abstrakten Sprechen" die Rede sein; gemeint ist ja die Rede von "gesundem Gemüse" versus "hilfreiches Gebet"
2. Chaotisch (unbewusst) ... gesteuert (bewusst) Die seit Freud hochgeschätzte Unterscheidung "bewusst - unbewusst" könnte heute als obsolet gelten; deshalb ersetzt Gareaudy sie durch "chaotisch - gesteuert"; gemeint ist letztlich die miasmatische Polarität zwischen Hingabe und Egotrophie.
3. Symbolisch (lesbar ["déchiffrable"])
... dysbolisch (nicht lesbar)In deutlicher Kritik an der psychoanalytischen Tradition fordert Gareaudy für das Individuum die Chance, auch "nicht lesbare" Lebensmanifestationen produzieren zu dürfen: Der Psychologe / Homöopath, der seinem Verständnis jede winzigste Lebensäußerung des Patienten einzuverleiben bestrebt ist, ist in seinen Augen ein Vergewaltiger.

D. Diagnostik

Die drei bisher entwickelten Referenzen (Seinsebenen/Werdephasen, Krankheitslehre/Reaktionsformen sowie die Semantik der Selbstverständigung) werden nun miteinander in einem komplexen Bezüglichkeitsvorgang auf die Krankheitsgeschichte angewendet, d.h. ein Fall wird gleichzeitig "mit drei verschiedenen Brillen / aus drei verschiedenen Richtungen", d.h. multidimensional betrachtet; es entsteht eine "virtuelle raum-zeitliche Mehrdimensionalität", die uns den Patienten - so Gareaudy - vollständiger sehen lässt, als es die plan-textuelle Zweidimensionalität des alten "Prüfungsprotokoll ~ Anamnesetext"-Rituals zuließ.
Hier der Versuch, das beispielhaft vorzuführen:
Menschliche Existenz ist ein Ensemble von endogenen & exogenen Zufällen.
Die Welt der Mythen wiederum ist ein ideales hermeneutisches System (Therapie als individuelle Hermeneutik).
Die Mythen sind prinzipiell multikulturell, d.h. es ist völlig gleichgültig, aus welchem Kulturkreis wir unsere Bilder entlehnen (hier schlägt C.G. Jung durch ...). Freilich ist präzise zu ermitteln, wo genau die Schnittstelle zwischen einem kollektiven Mythos/Märchen und der individuellen Vita steckt.
Also:
° Kollektiver (Ober-)Mythos... individueller (Unter-) MythosBeispiele:
° Orpheus (kollektiv)
... zB: (individuell)"Machtlosigkeit des Gesangs"
oder "Zurückschauen"
oder "Homophilie"
oder .....
° Ödipus
... zB: (individuell)"Inzest"
oder "Verwandtenliebe bzw. -mord"
oder "Mißtrauen c Strafe c blindes Vertrauen"
oder .....
Auf Homöopathische Bilder angewandt, könnte das so aussehen:
Beispiel «Sneewittchen»
Wie erkennt man die Schnittstelle?
1. Analyse der Seinsebene / Entwicklungsstufe:
hier: 2.Seinsebene, 2.Entwicklungsstufe, also: emotional2. Analyse der individuellen Reaktionsform: hier: 2. & 3. Stufe, also:
traumatisiert durch Mutter c passiv kompensiert (Katatonie)3. Semantische Analyse: hier:
konkret (= diesseitig)
chaotisch (= ausgeliefert)
symbolisch
( Korsett ~ Enge
Kamm ~ SchönheitApfel = Adam/Eva ~ ersticken)
Die metalytische Chiffrenreihe "emotional - traumatisiert - passiv kompensiert - diesseitig - ausgeliefert - Enge - Schönheit - ersticken" führt uns - so Gareaudy - zwingend zum AMB von Lachesis muta, bzw. zu einer möglichen Schnittfläche dieses Mittels.
Eine andere Apperzeption desselben Stoffes könnte so aussehen:
1. Analyse der Seinsebene / Entwicklungsstufe:
hier: 1.Seinsebene, 1.Entwicklungsstufe, also: oral (~ mittels ihrer Leber soll Sneewittchen selbst der oralen Einverleibung dienen)
2. Analyse der individuellen Reaktionsform: hier: 1. Stufe, also:
blind (dem Jäger vertrauend)
c noch nicht kompensiert3. Semantische Analyse: hier:
metaphysisch (= auf die Ehe als überpersönliches Ziel hin)
gesteuert (= von-der-Mutter-weg-Strategie)
symbolisch
a. horizontal:
(schwarz ~ Ebenholz ~ vegetativweiß ~ Schnee ~ mineralischrot ~ Blut ~ animalischvgl. alte deutsche Farben!)
b. vertikal:
Die Erlösung geschieht im Märchen durch die überraschende Kollusion von Logos und Zufall: der Sarg "stolpert" und gerät in die Vertikale: "Sneewittchen hob den Deckel vom Sarg, richtete sich auf, war wieder lebendig, und rief: Ach Gott, wo bin ich?" 
Die metalytische Chiffrenreihe "oral blind - metaphysisch - gesteuert - Ebenholz - Schnee - Blut - Logos (Vertikale)" führt uns - so Gareaudy - zwingend zum AMB von Alumina, bzw. zu einer möglichen Schnittfläche dieses Mittels.
[Oder, als Andeutung einer 3.Variation: Spiegel (Stiefmutter) und Glassarg (Sneewittchen) = Transparenz und semantische Verschlüsselung der Wahrheit: das führt zu Silicea (vgl. auch Orakel zu Delphi) usw.usw.usw.]
Es geht also hier um eine Methode, die jeweilige Schnittfläche zwischen kollektivem und individuellem Mythos möglichst präzise zu definieren:
M.a.W: Sneewittchen ist nicht einfach "Lach" oder "Alum", sondern:
Sneewittchen kann sich um Lach gruppieren; aber ebenso um Alum, Sil oder Aur-Sil; andererseits aber können womöglich Rumpelstilzchen oder Philemon und Baucis eine ähnliche metalytische Chiffrenreihe generieren.
Dass einem ein solches Verständnis der Mythen und Märchen nicht beim ersten Lesen zufällt, versteht sich von selbst. Lange und komplexe Beschäftigung mit den Stoffen setzt sich voraus.
Der letzte Gedankenschritt gilt der Brücke zum eigentlichen Thema, der anamnestischen Metalyse des Patienten.
Gareaudy folgert messerscharf:
Was immer hier zum Thema Mythos entwickelt wurde, gilt auch für den Patienten / die Patientin und den "Mythos" seiner/ihrer Krankheitsgeschichte !!
An dieser Stelle "bricht" der Text ab, da - so Gareaudy - keine einzige Fallgeschichte, so plastisch sie auch sein möge, die Metastruktur seines Ansatzes besser veranschaulichen könnte als die intrasprachlichen Substrukturen seiner Mythenmetalyse.

Literatur:
Arberger, Dr. Josef, Gareaudy & Homöopathie - nicht nur ein Reim, Bad Salzuflen 1994
Barthes, Roland, Was singt mir, der ich höre in meinem Körper das Lied, Berlin1979
Fimelsberg, Jost Künzli von, Meine Punkte, Unveröffentlichtes Manuskript 1955
ders. Kent´s Repertorium Generale, New Delhi 1894
Gareaudy, Jean-Luc, Homéopathie metapratique, Paris 1991
Goethe, J.W.von, Dichtung und Wahrheit, München 1962
Grimm, Gebrüder, Kinder und Hausmärchen, Leipzig 71894
Joyce, James, Ulysses, Dublin 1922
Jung, Carl Gustav, Frage an Orpheus, Zürich 41936
Mannoni, Maude, «Scheißerziehung» - Von der Antipsychiatrie zur Antipädagogik, Frankfurt 1976
Masi-Elizalde, Alfonso, Das Prinzip «Schuld - Vergebung - Heilung», Unveröffentlichtes Manuskript / Seminarmitschrift Köln 1993
Schmidt, Pierre, Méthode globuleuse, Genf 21931
Zaren, Ananda, Eine Nacht mit Masi-Elizalde und ihre Folgen - Maskierte Betrachtungen über prä-, para- und postnatale Verstrickungen, Hintertupfingen/Los Angeles 1999

(Vortrag von Christian Gallasch, gehalten auf dem Form-Jahrestreffen im November 1997 auf Norderney; mitgeschrieben und nicht autorisiert in Form gebracht von Beate Inkomp - ohne Garantie für Vollständigkeit oder Richtigkeit; die anschließende Diskussion der Form-Versammlung verlief so kontrovers und chaotisch, dass sie nicht zu protokollieren war.)

Referent:
Christian Gallasch
Osterdeich 107 A, 28205 Bremen

Der Text als PDF-Datei im Original-Layout

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